Der Fremde vom Meer

Erzählung nach Ibsen

 

Dies war der Morgen, auf den er seit Monaten gewartet hatte. Aber seit das Schiff am Hafen angelegt hatte, war seine unerschütterliche Zuversicht verschwunden. Niels fühlte sich mit einem Mal beklommen, als er aufbrach, um sie zu holen. Und obwohl er jetzt alles genau so machte, wie er es geplant und monatelang, Tag für Tag, Schritt für Schritt durchgegangen war, kam er sich vor wie ein Schauspieler, der in einem lang geprobten Stück auftreten will, das aber im letzten Moment vom Spielplan genommen wurde.

Dennoch schien alles ganz so, wie Niels es sich ausgemalt hatte:

Die See lag ruhig da an diesem klaren Frühsommertag. An der kleinen Uferpromenade und in der Stadt herrschte eine heitere Stimmung. Niels traf auf dem Weg zu ihrem Haus viele gut gelaunte Menschen, die den warmen Sommermorgen genossen. Den Weg zu ihrem Haus hatte er sich erklären lassen. Scheinbar war ihr Mann und auch Ellida selber in diesem Städtchen bekannt und beliebt. Die Frau, die er höflich und etwas unsicher nach der Straße gefragt hatte, lächelte ihn mit aufmerksamen, interessierten Augen an. „Sie wollen zu Dr. Wangel? Nette Leute, wirklich! Eine reizende Frau hat er übrigens. Na, Sie kennen Sie sicherlich.“

Niels war zusammengezuckt, als er Ellidas Namen von dieser fremden Frau so ganz ohne Aura von Geheimnis und Zauber hatte nennen hören. Und er war auch deshalb zusammengezuckt, weil er sofort denken musste: „Sie ist eine beliebte Frau, die Frau eines bekannten Arztes in diesem Ort. Warum eigentlich sollte sie mit mir, einem einfachen Seemann, fortgehen und all das verlassen?“ Niels hatte die Antwort auf diese Frage wieder und wieder beschworen: Weil sie diesen fremden Seemann vor Jahren geliebt hatte. Weil sie sich in Verzweiflung und Glückseligkeit einander fürs Leben versprochen hatten, während draußen um die Leuchtturminsel ihres Vaters die Januarnebel waberten und die Scheinwerferboote der Polizei tagelang in der  schwarzen, nervös kabbligen See kreuzten und ihn suchten. Ellida hatte ihn all die Zeit über versteckt und unter der Angst und Anspannung war ihrer beider Liebe ins Unermessliche gewachsen und hatte sie fort getragen in die Weite und Freiheit einer Welt, die nur ihnen gehören würde.

Niels hatte all die Jahre an sein Versprechen gedacht. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, dass Ellida vielleicht anders darüber denken könnte. Und seit klar war, dass er in diesem Sommer auf der Fahrt nach Bergen an ihrem Hafen Halt machen würde, war er entschlossen, das Versprechen endlich einzulösen und sie zu holen.

Es war Niels möglich gewesen, die ganze Zeit über ihr Schicksal aus der Ferne zu verfolgen. Er wusste, dass sie einen älteren Mann geheiratet hatte, der eine Mutter für seine verwaisten Kinder suchte. Aber Niels war sich sicher, dass dieser Entschluss für Ellida nicht wirklich von Bedeutung war. Möglich, vielleicht würde sie Angst haben, die auf sich gen

ommene Verantwortung aufzukündigen. Vielleicht würde sie sich auch nicht trauen, die Kinder des Mannes unbeschützt zurück zu lassen. Aber Niels war sich sicher, dass sie dennoch mit ihm gehen würde, sobald sie ihn sähe und wieder ihr Lied, ihr gemeinsames Lied der Liebe und des Meeres’ in ihren Ohren erklänge. Er kannte ihre Sehnsucht nach Freiheit nur zu gut, die Sehnsucht nach der Welt, die sie nicht kannte, nach fremden Ländern, Abenteuern, nach all dem, wovon sie, die Tochter eines Leuchtturmwärters, ihr ganzes bisheriges Leben geträumt hatte. Und er, Niels, würde ihr das alles geben können, würde es ihr zu Füssen legen. Er war in der Lage, ihre Sehnsüchte erfüllen, er  w a r  die Erfüllung all ihrer Sehnsucht. Und diese Sehnsucht konnte unmöglich heute erloschen sein. Vielleicht loderte sie nicht mehr so hell – wie würde sie sonst dieses Leben ertragen können? Vielleicht glomm das Feuer unbemerkt unter der Asche. Aber ein einziger Windhauch würde genügen, es erneut zu entfachen. Und das würde an diesem Tag geschehen, heute also.

So hatte er gedacht und gefühlt seit vielen Monaten und bis heute früh.


Aber seit heute morgen, in dem Augenblick, wo sie hier, an ihrem Hafen angelegt hatten, verspürte er zum ersten Mal eine gewisse Unsicherheit. Die hielt sich auch, als er sich zu ihr auf den Weg machte. Er versuchte sie abzuschütteln. Man lebte nicht viele Monate auf ein Ziel hin und gab es dann auf, nur weil einen ein wenig der Mut zu verlassen drohte. So war Niels nicht. Aber in seinem Kopf hatte etwas seine Spannkraft verloren, er spürte seine Zuversicht zusammensacken wie eine Pflanze, die eben noch Saft strotzend dagestanden hat und nun langsam verdurstet, weil kein Wasser mehr ihre Wurzeln erreicht.

Als er in die Straße einbog, in der das Haus stand, verlangsamte er seinen Schritt. Er blieb sogar einen Augenblick stehen und sah die Straße hinunter. Vom Ufer er hörte man leise Blasmusik. Sein Schiff würde in einer Stunde ablegen. Mehr Zeit war nicht. Bis dahin musste alles geklärt sein. Bisher hatte er es für selbstverständlich gehalten, dass es auch so sein würde. Aber jetzt, beim Anblick der ruhigen, gepflegten Straße mit den geräumigen und dennoch gemütlichen Häusern, beschlichen ihn Zweifel, ob seine Pläne aufgehen würden. Den Häusern waren üppige Gärten vorgelagert, ordentlich und sauber mit frisch gestrichenen Zäunen umsäumt. Hier also lebte sie. Er schaute und ließ den Anblick und die Atmosphäre auf sich wirken. Er konnte sie benahe leibhaftig sehen, wie sie aus einem der Häuser trat, an der Hand die Kinder des anderen Mannes, wie sie mit der älteren Tochter freundlich sprach und sich zu dem kleinen Buben herunterbeugte und ihm über den Kopf strich. Plötzlich ergriff ihn mit überraschender Heftigkeit das Gefühl eines Verlustes, der ihm bevorstehen könnte. Es schmerzte messerscharf in der Brustgegend, so dass Niels aufstöhnte und sich ans Herz griff.

Niels fasste sich nach wenigen Sekunden wieder. Er konnte und er wollte an dieser Stelle nicht aufgeben. Er durfte nicht umkehren. Jetzt musste er das tun, was er so lange in seinem Herzen geplant und durchlebt hatte. Er musste es zu Ende bringen.

Es war ihm in diesen Sekunden bewusst geworden, dass er sich das Ganze wahrscheinlich viel zu einfach vorgestellt hatte. Es würde nicht leicht sein. Wangel würde Ellida nicht einfach gehen lassen. Niels griff in seine Jackentasche und fühlte die Waffe. Warum bloß hatte er sie überhaupt eingesteckt? Natürlich war es immer möglich, dass ihn jemand erkennen würde. Schließlich wurde er noch immer gesucht. Oder hatte er etwa vor, Ellida mit Gewalt zu befreien? Er hatte vielleicht einfach gedacht, dass er sich so sicherer, stärker fühlen würde. Aber hier beim Anblick ihrer Straße, ihres Hauses, erschrak ihn die Berührung mit dem kalten, harten Gegenstand in seiner Tasche und merkwürdigerweise stieg in ihm erneut eine Welle tiefer Traurigkeit auf.


Er schüttelte den Kopf. Er war hier, um Ellida zu holen, die Frau, die er liebte und die auch ihn liebte. Mehr war nicht zu sagen. Das war alles. So einfach war es. Er ging also weiter.

Niels erkannte sie sofort. Sie stand mit jemandem im Vorgarten und drehte ihm den Rücken zu. Sie sprachen offenbar erregt miteinander. Vermutlich war das ihr Mann, dieser Wangel. Er hörte ihre Stimmen, verstand aber noch kein Wort. Sie sah genau so aus, wie er sie in Erinnerung hatte, vielleicht war sie etwas fraulicher geworden, wahrscheinlich schöner. Niels ging mit verlangsamten Schritten weiter und blieb erst stehen, als er sich mit den beiden Personen auf einer Höhe befand. Wenn sie seine Nachricht erhalten hatte, würde sie mit ihm rechnen. Wenn nicht, gut, dann müsste er sie eben überraschen.

„Er ist gekommen, Wangel! Er ist da! Ja, ja, ich fühle es!“ Jetzt konnte er ihre Worte verstehen. Die Stimme klang in ihm auf wie eine Glocke, die er lange nicht mehr gehört und täglich vermisst hatte.

Wangel redete beschwichtigend auf sie ein: „Du solltest lieber reingehen, Ellida. Lass mich allein mit ihm reden.“ „Das hättest du gerne“, dachte Niels grimmig. „Mit dir hab ich nichts zu schaffen.“ Ihm kam die Stimme des Mannes barsch und unfreundlich vor.

 

„Ach, das ist unmöglich! Unmöglich, habe ich gesagt.“ Ellida drehte sich heftig um bei diesen Worten, erblickt Niels vor dem Gartenzaun und starrte ihn fassungslos an. „Oh, da ist er, Wangel!“, stieß sie hervor.

Ihr Ausruf klang wie der Schrei eines Menschen, der plötzlich und unausweichlich mit seinem Schicksal konfrontiert wird. Ein Freudenschrei war es nicht.

Die Szene, die Niels sich so oft vorgestellt hatte, lief nun vor seinen Augen ab. Aber sie war nicht ganz so, wie er sie sich ausgemalt hatte.

„Guten Abend. Hier bin ich wieder, Ellida“, sagte er sanft.

Ellida stand da, neben dem Mann, dessen Frau sie geworden war, und sah Niels, an, als hätte sie ihn seit langem und stündlich erwartet. Und doch schien sie zu zögern. „ Ja, ja, die Stunde ist gekommen“, hauchte sie.

„Und, bist du reisefertig? Oder nicht?“ Niels lauschte irritiert seinen eigenen Worten. Wieso stellte er selber alles auf einmal infrage? Wie dumm! Wenn er sich so verhielt, musste er sich nicht wundern, wenn der andere triumphierte.

„Sie sehen doch selbst, dass sie das nicht ist“.

Niels versuchte, die Arroganz in Wangels Stimme zu überhören. „Ich frage nicht nach Reisekleidern oder ähnlichem. Auch nicht nach gepackten Koffern. Alles, was sie für die Reise braucht, habe ich an Bord. Und für eine Kajüte für sie habe ich auch gesorgt.“ Und dann wandte er sich direkt Ellida zu, beugte sich ihr entgegen. „Ich frage dich also, ob du bereit bist, mit mir zu kommen, aus freiem Willen mit mir zu gehen?“

Ellida stand noch immer wie festgewurzelt auf dem Rasenstück vor ihrem Haus. Sie sah ihm ins Gesicht und er hoffte, dass jetzt all das Glück, all die Sehnsucht in ihr wach werden würden, die sie damals zusammen gefühlt hatten und die sie zusammengeschweißt hatte auf immer.

Aber in Ellidas Stimme klang eher Verzweifelung an. „Oh, frage mich nicht! Führe mich nicht derart in Versuchung!“

„Warum fleht sie mich an? Was will sie?“, überlegte Niels mit einem Anflug von Panik. Hatte sie denn wirklich Zweifel? Könnte sie denn tatsächlich zögern?

In die Stille, die plötzlich zwischen ihnen herrschte, erklang vom Hafen das Läuten der Schiffsglocke.

„Nun läuten sie zum ersten Mal an Bord. Jetzt musst du ja oder nein sagen.“

Ellida sah ihn mit erschreckten Augen an, dann blickte sie kurz zu Wangel herüber, der sich nicht von der Stelle bewegt hatte, seit der Fremde aufgetaucht war und diesen mit einem Ausdruck von Staunen und Verwirrung anschaute.

Ellida rang die Hände. „Die Entscheidung!“, stieß sie hervor. „Die Entscheidung fürs Leben! Die nie wieder rückgängig zu machen ist!“

„So ist es“, dachte Niels, „sie weiß es also genau und es ist tatsächlich so. „Nie“, sagte er mit ruhiger fester Stimme. „In einer Stunde ist es zu spät.“

Ellida blickt plötzlich auf. Irgendetwas veränderte sich an ihr. Sie sah ihn kritisch an, fast ein wenig verwundert, als sähe sie auf einmal einen fremden Mann, der da plötzlich unberechtigter Weise vor ihrem Vorgarten stand und in ihr Leben eindringen wollte. „Warum halten Sie eigentlich so unerschütterlich an mir fest?“


„Spürst du nicht das gleiche wie ich, dass wir beide zusammengehören?“ Er legte in seine Stimme alle Wärme, alle Liebe hinein. „Wie kann sie das nur fragen? Warum bin ich ihr so fremd?“, dachte er beunruhigt. Ihre Antwort kam ihm kühl vor und auf eine unangemessene Weise vernünftig.

„Meinen Sie wegen unseres Versprechens?“

„Ein Versprechen bindet niemanden. Keinen Mann und keine Frau. Wenn ich so unerschütterlich an dir festhalte, dann nur aus einem einzigen Grunde: Ich kann nicht anders.“

Plötzlich konnte er nicht mehr. Er merkte es selber, wie seine Stimme begonnen hatte zu schwanken. Beinahe schossen ihm Tränen in die Augen.

Ellida hatte es bemerkt. Ihre kühle Fassade schien zusammen zu brechen. „Warum sind Sie nicht früher gekommen?“, fragte sie leise. Niels spürte, wie ihre Stimme bis in sein verwundbares Herz drang. Er kämpfte noch immer mit seinen Tränen. In dieser Frage schwangen all die Jahre des Wartens, all die ungestillte Sehnsucht nach Liebe und Freiheit mit. Niels Hoffnung flatterte auf wie ein kranker Vogel, dessen Flügel gebrochen ist, der aber glaubt, er könne vielleicht dennoch den nächsten Ast erreichen.

Plötzlich schien Wangel aus seiner Erstarrung zu erwachen. „Ellida!“, rief er sie an, erschrocken, als wolle er sie wachrütteln, sie vor einer Gefahr zurückreißen.

Aber Ellida blickte weiter verzückt über Niels hinweg, die Straße hinunter, dorthin, wo der Hafen lag und dahinter das Meer.

„Ach diese Kraft, wie sie mich anzieht und anlockt – in das Unbekannte! Die Macht des ganzen Meeres ist in ihr versammelt.“

„Sie ist es, meine Ellida!“, dachte Niels verzückt. „Und sie will, sie will!“ Er stieg über den Gartenzaun, um zu ihr zu treten.

Ellida aber stürzte ihm nicht entgegen. Sie blickte ihn vielmehr schockiert an, als er plötzlich auf sie zu kam und wich hinter ihren Mann zurück, als suche sie dort Schutz.

Niels blieb entsetzt stehen, er ging nicht näher auf sie zu. Der Schmerz in seiner Brust setzte wieder ein, heftiger als zuvor.

Niels legte seine letzte Kraft in seine Stimme: „Ich sehe es genau, und ich höre es, Ellida, am Ende wirst du dich doch für mich entscheiden“, sagte er. Es fiel ihm schwer, seine Worte mit Nachdruck über die Lippen zu bringen. Seine Brust schmerzte zu sehr.

Jetzt trat ihm Wangel in den Weg. „Meine Frau hat hier gar keine Entscheidung zu treffen. Es ist meine Sache, für sie zu entscheiden und sie zu beschützen. Wenn Sie nicht von hier verschwinden, wenn Sie nicht außer Landes gehen und nie wiederkommen, wissen Sie, was Ihnen dann blüht?“, fragte er drohend.

„Nein, nein, Wangel! Das nicht!“, schrie Ellida entsetzt. Aber sie blieb hinter Wangel stehen. „Was wollen Sie dann mit mir tun?“ Niels wusste schon, worauf Wangel hinaus wollte. Er hatte es ja geahnt.

„Ich werde Sie verhaften lassen – als Verbrecher! Und zwar sofort. Denn ich weiß alles über den Mord damals in Skjoldvik.“

Ellida schlug ihre Hände vors Gesicht. “Oh, Wangel, wie kannst du nur …!“

Aber sie blieb auch jetzt bei Wangel stehen. Niels fühlte, wie der Schmerz in seiner Brust heftiger wurde. „Warum kommt sie nicht zu mir? Wieso lässt sie es zu, dass er mich bedroht?“ Da war es wieder, das Gefühl, dass seine Zuversicht, seine Hoffnung einfach versickerte, wie ein bisschen Meerwasser in einer Sandmulde am Strand, allmählich aber unerbittlich fortsickerte. Er hat dieses Tröpfchen Hoffnung gehütet wie einen heiligen Trunk in einer goldenen Schale und nie war etwas davon verloren gegangen über all die Jahre. Aber jet

zt musste er zusehen, wie es immer mehr verschwand, sich einfach davonstahl.

„Das habe ich erwartet. Und deshalb …“ Niels wusste nicht, warum er das tat. Er zog seinen Revolver aus der Tasche. „Deshalb habe ich für das hier gesorgt.“

Vielleicht wollte er Wangel erschrecken. Vielleicht wollte er ihre Liebe erzwingen? Vielleicht wollte er ihr auch klar machen, dass sein Leben nichts mehr wert sein würde, wenn sie nicht mit ihm käme?

Aber Ellida stürzte auch jetzt nicht auf ihn zu, umschlang ihn nicht mit ihren Armen, drückt ihn nicht an sich. Sie warf sich vor Wangel, den sie in Gefahr wähnte, auf den Boden und flehte Niels verzweifelt an: „Nein, nein, nicht ihn! Dann erschießen Sie lieber mich!“

Niels stand wie vom Blitz getroffen. Er wusste es jetzt, er wusste, dass es vorbei wa

r.


Er war schon ganz alleine in seinem Inneren. Die beiden Menschen dort schienen sich von ihm zu entfernen: sie, die er geliebt hatte, die er noch liebte. Und er, dessen Leben sie schützte statt zu ihm zu kommen, weil  e r  sie brauchte und weil sie  i h n  brauchte, weil sie sich liebten.

„Weder dich noch ihn. Keine Sorge. Der ist nur für mich. Denn ich will leben und sterben als freier Mann“, hörte er sich sagen. Seine Stimme kam ihm selber fremd vor.

Er blickte die beiden an, wie man die Szene in einem Film ansieht. Er gehörte schon nicht mehr dazu.

Ellida hatte sich erhoben. Sie stand jetzt zwischen beiden Männern. Sie berührte keinen von ihnen. Sie berührte nur den Boden, auf dem sie stand und den Himmel über ihrem Haupt. Sie war sehr erregt. Sie sprach von ihrer Sehnsucht. Aber es war nicht die Sehnsucht nach ihm. Das begriff er jetzt.

„Wangel“, sprach Ellida mit Nachdruck. „Lass mich dir eins sagen, so dass auch er es hört: Natürlich kannst du mich hier zurück halten! Du hast dazu die Macht und die Mittel. Und das willst du ja auch tun. Aber mein Gemüt, meine Gedanken, meine Sehnsüchte und Begierden, die kannst du nicht fesseln! Die wollen ins Unbekannte streben und eilen, in jenes Unbekannte, für das ich geschaffen bin – und das du mir versperrt hast!“

Während sie sprach, sank Wangel in sich zusammen. Er schien seine Maske abgelegt zu haben. Er sah für Niels auf einmal nicht mehr bedrohlich aus. Schmerz stand in seinen Augen.

„Ich sehe es ja ein, Ellida! Schritt für Schritt entgleitest du mir. Dieses Verlangen nach dem Grenzenlosen und Endlosen, der Wunsch nach dem Unerreichbaren, das wird deine Sinne am Ende in die Finsternis der Nacht treiben.“

„Ellida hat keinen Blick für seinen Schmerz. So wenig wie für meinen“, stellte Niels irritiert fest.

Ellida war nur bei sich. Endlich bei sich!

„Oh ja, ja, ich spüre es … wie schwarze, lautlose Schwingen über mir!“

„So weit soll es nicht kommen“, hörte Niels den anderen Mann leise sprechen. „Es gibt keine andere Rettung für dich. Ich sehe jedenfalls keine. Und deshalb … deshalb löse ich jetzt unsere Bindung. Du kannst jetzt deinen Weg wählen … in voller … in voller Freiheit.“

Niels sah Wangel an. Fast bekam er mit seinem Rivalen Mitleid. Sein Schmerz und seine Liebe zu Ellida machten ihn fast zu einem Bruder. Und er fühlte Hochachtung vor diesem Mann. Er gab sie also frei! Das hatte er nicht erwartet.

„Also wäre jetzt ja alles in Ordnung, oder?“, ging es Niels durch den Kopf. Aber warum löste sich der Knoten in seinem Hals nicht? Warum blieb der stechende, betäubende Schmerz in seiner Brust? Er wusste es: Nicht von ihm konnte er Ellida bekommen. Ellida war es, die sich entscheiden musste. Und Ellida hatte Sehnsucht nach der Freiheit und dem Meer. Aber ihn, Niels, den Mann, dem sie einst ihre Liebe geschworen hatte, den sah sie nicht.

Ellida blickte Wangel offen ins Gesicht: „Ist das wahr, wirklich wahr, was du sagst? Meinst du das aus vollem Herzen?“

„Ja, aus vollem, blutendem Herzen.“

„Und kannst du das auch? Kannst du das zulassen?“

„Ja, das kann ich. Ich kann es, weil ich dich so sehr liebe.“

Niels fühlte einen neuen Schmerz, einen Stich in der Magengegend. Wieso, um alles in der Welt, war hier von Liebe die Rede? Die Liebe war doch bei ihm, Niels, bei ihm und ihr! Sie beide waren in Liebe verbunden! Was wollte denn er da? Wieso konnte er es wagen, von seiner Liebe zu Ellida zu sprechen?

Niels starrte die beiden unverwandt an.

„So nah bin ich dir also doch gekommen“, flüsterte Ellida  und wandte sich jetzt voll Wangel zu.

“Das haben die Jahre und unser Zusammenleben bewirkt“, hörte Niels Wangel zu Ellida sagen.

Ellida schlug die Hände zusammen. Sie wirkte erstaunt, fast fröhlich. „Und ich, ich habe es kaum bemerkt!“

„Deine Gedanken sind andere Wege gegangen. Aber jetzt, jetzt gebe ich dich frei, du bist nicht mehr an mich und mein Leben gebunden. Und nicht mehr an die meinen. Jetzt kann dein eigenes, wahres Leben wieder auf die … richtigen Gleise kommen. Denn jetzt kannst du vollkommen frei entscheiden. Und in eigener Verantwortung, Ellida.“

Niels wandte sich ab. Er wusste, was jetzt kommen würde. Sein Magen krampfte sich erneut zusammen. Er würde sein Spiel bis zum bitteren Ende spielen. Aber eigentlich war alles längst entschieden.

Da stand nun Ellida vor ihm, seine Ellida. Aber sie schien ihm eine andere Frau. Natürlich war sie ein paar Jahre älter geworden. Aber das konnte es nicht sein. Sie war nicht mehr die verwunschene Prinzessin, die er befreien musste, der er die ganze große, weite, wunderbare Welt zu Füßen legen wollte. Sie war eine Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden stand, eine erwachte Frau; sie träumte nicht mehr. Der Traum war vorbei.

Er, Niels, war dieser Traum gewesen und er verblasste vor ihren Augen, so wie Träume eben verblassen, wenn man aufgewacht ist. In der Wirkl

ichkeit dieser Frau, die da vor ihm stand, hatte er keinen Platz mehr.

Niels musste sich am Zaun festhalten, um sicher zu gehen, dass er existierte, dass er sich nicht tatsächlich in Luft auflöste.

Ellida fasste sich jetzt an den Kopf und starrte vor sich hin, in Wangels Richtung. „In Freiheit und in eigener Verantwortung! Auch in eigener Verantwortung? Das auch?“

Vom Hafen her tönte erneut die Schiffsglocke.

Das wenigstens war wirklich. Dort wartete sein Schiff.



Niels raffte sich noch einmal auf, sah sie noch einmal so an, wie er sie die ganzen Jahre gesehen hatte, als seine Frau.

„Ellida, hörst du! Jetzt läuten sie zum letzen Mal. Komm also!“

Ellida wandte sich Niels zu und schaute ihn fest an. Und sie sagte zu dem fremden Seemann, der da vor ihr stand, mit klarer, kraftvoller Stimme: „Nach dem, was jetzt geschehen ist, werde ich niemals mit Ihnen gehen.“

„Du kommst nicht mit?“ Niels Stimme klang tonlos. Eigentlich hätte er diese Frage nicht mehr zu stellen brauchen.

„Nein, niemals, nach allem, was geschehen ist!“

Niels drehte sich langsam um. Er stieg über den Zaun. Es bereitete ihm große Mühe, als klettere er über eine scheinbar uneinnehmbare Mauer zurück, die er vergeblich hatte erzwingen wollen. Dann ging er zum Hafen, erst langsam und mit schleppenden Schritten, allmählich immer schneller, fast hastig. Der Schmerz in seiner Brust pochte. Er lief im Rhythmus dieses Pochens, als gehöre es schon dazu.


Später stand er an der Reling. Das Schiff fuhr schon einige Zeit. Der Wind hatte aufgedreht und bespritzte sein Gesicht mit Gischt. Er schaute zurück zum Land, das allmählich seinem Blick verschwand. Er rührte sich lange nicht. Als nichts mehr vom Land zu sehen war, kamen die Tränen. Seine Lippen schmeckten nach Salz.



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