Poesie und Texte
Poesie und Texte

Das Marienkind

 

Das Licht war nur zu erahnen. Dort, wo sie den Osten vermutete, schien die blinde Dunkelheit zwischen den Baumstämmen abzuflauen. Ihr war, als erwache sie nach einem langen, bösen Traum in einem vertrauten Land. Sie erkannte die Gerüche und Düfte wieder, die Geräusche des frühen Morgens.

Sie saß im Stamm der hohlen Eiche, in die sie am Abend zuvor hineingekrochen war, tot müde und kaum noch fähig, die Hand vor die Augen zu halten, um zu prüfen, ob sie sie noch erkennen konnte. Ihre Glieder hatten längst jedes Gefühl verloren. Die Kälte des Morgengrauens drang durch ihre Kleider.

Sie musste also doch eingeschlafen sein vor Erschöpfung, irgendwann, als die Bilder der letzen zwei Tage angefangen hatten, sich langsamer in ihrem Kopf zu drehen. Dem Gefühl der Erleichterung nach gelungener Flucht folgte eine sanfte, totenstille Ruhe, die mit der Gewissheit wuchs, dass sie entkommen war, entkommen einem nicht endenden Grauen und einer furchtbaren Bedrohung. Sie hatte wählen müssen zwischen dem Erstickungstod in einem Paradies und dem Fluch, leben zu dürfen, aber ausgestoßen zu werden. Sie hatte ohne zu zögern den Fluch gewählt, hungrig, als sei er das Leben selber.

Und da saß sie nun und lauschte in eine Welt hinein, die ihr vertraut war von frühester Kindheit an. Sie hatte keine Angst vor dem Wald. Trotz Kälte und Dunkelheit und völliger Ungewissheit, wo sie war, fühlte sie sich frei und lebendig. Niemand war mehr da, der sie zu ersticken drohte. Viel Luft war hier, klare Luft mit dem Duft nach feuchtem Holz und Pilzen und Gras. Und diese Klarheit reichte bis zu den Sternen, ohne Grenze.

Wie hatte sie den Wald vermisst in jener prachtvollen Welt der Parks und Gärten und Paläste! Dort war sie in goldenen Kutschen gefahren und hatte seidene Kleider getragen. Hatte sie nicht Beine um zu laufen? Was kümmerten sie die Dornenrisse? Was kümmerte sie ihr zerfetztes Gewand? Nein, gerne, nur zu gerne hatte sie alles zurückgelassen. Nichts sollte bleiben aus jener Welt, nichts, was sie zu Dank oder zu Kompromissen hätte verpflichten können! Was als Fluch gemeint war, wird ihre Befreiung sein! Sie war heimgekehrt. Endlich!

Denn das, was diese da für eine fürchterliche Strafe hielt, was diese als grausame Rache gemeint haben dürfte, sie, Marie, wird es nehmen als eine Heimkehr, eine Rückkehr zu der Welt, in der sie aufrecht gehen und endlich wieder frei atmen kann! Damit war die Rechnung der Fürstin also doch daneben gegangen! Damit hatte sie wohl nicht gerechnet! Weil sie es nie begriffen hatte, dass ihre vermeintliche Gnade von Anfang an grausam gewesen war, ein brutaler Einbruch in Maries kleine, geliebte, einzige Welt, die gerade und eben gezimmert war und voller Blumen und voller Freunde, eine Welt, in der es durchaus Tränen gegeben hatte aber auch Trost, in der es Armut gab aber auch Hoffnung.

Nie hatte sie in diesen langen Jahren ihrer Gefangenschaft im Paradies vergessen können, was sie verloren hatte! Und nie hatte sie es vergessen, dass diese da sie zwingen wollte, dankbar zu sein für ihre vermeintliche Großtat.

Aber war es denn nicht großartig, ein armes, kleines Mädchen, ein Kind ohne jede Chancen, ohne Hoffnung auf Bildung und Wohlstand, aus seiner Umgebung herauszuholen, es zu verpflanzen in eine andere, wunderbare Welt, ihm alle Türen zu öffnen - bis auf eine freilich? Keiner konnte es je anders sehen: Jeder sagte, es sei ihr Glück! Sie hatte zuzugreifen, sie hatte entzückt und dankbar zu sein und sich der Ehre würdig zu erweisen. Aber stattdessen hatte diese scheinbar so großzügige Tat das Leben eines kleinen Mädchens zerstört und sein Herz zerrissen. Und dieses Herz wurde hart und kalt mitten in all der neuen Pracht, die es nun umgab.

Die Tränen der Mutter beim Abschied hatten ihr weher getan, als wenn sie sie hinausgeworfen hätte: Ausgestoßen ins Glück! Taumelnd, geblendet. Verloren. Aber sie hatte nichts vergessen.

 

Sie durfte nicht mehr über ihr Zuhause sprechen, sie durfte nicht mehr nach den Eltern fragen. Auf einmal war sie dort in jenem Paradies und nichts sonst zählte und nichts sonst sollte wahr sein. Sie hatte zu vergessen. Maria hieß sie nun. Jeder nannte sie so. Aber sie vergaß nichts. Und wenn auch alle um sie herum so taten, als hätte es die Korbmachermarie nie gegeben, sie wusste es und dieses Wissen trennte sie auf ewig von dieser großen, mächtigen, grausamen Frau in ihrer wunderbaren Welt.

 

Viel später, gebeugt über Bücher, hatte sie sich tastend wieder gefunden, hatte angefangen, die Dinge zu begreifen und nun auch wirklich Besitz zu ergreifen von dieser ihr dargebotenen Welt, die sie nicht liebte aber schätzen gelernt hatte. Aber auch dieses neue Leben wurde ihr nicht gegönnt. Der Zugang zur Wahrheit wurde ihr verboten. Vielmehr sollte sie wieder das arme Kind sein, sollte sich bescheiden und verzichten, sich ducken und klein machen, sie, die die Wahrheit geahnt und nun gefunden hatte hinter jener Tür. Diese da verbot ihr den Zugang, stellte sich drohend davor und ließ ihr die Wahl zwischen Unterwerfung oder Fluch.

Nie würde sie sich unterwerfen!

 

Das erste Licht sickerte jetzt schon durch die Äste und gab Umrisse frei. Marie sah sich um. Wenn es noch etwas heller sein würde, könnte sie ihr Versteck verlassen und weitergehen, bis sie auf Wege oder Straßen treffen würde. Vielleicht könnte sie die Gegend erkennen, vielleicht sogar die Hütte ihrer Eltern wieder finden oder Menschen treffen, die wussten, was aus ihnen geworden war.

Der Gedanke an andere Menschen versetzte ihr unversehens einen Stich: der Fluch! Sie hatte es fast vergessen: Sie hatte zwar das ungeliebte Paradies hinter sich gelassen. Aber sie war verflucht: Sie war nun stumm. Sie kam zurück, aber sie würde niemandem mitteilen können, was ihr zugestoßen war. Und sie würde nie mehr singen können, nie mehr lauthals lachen. Sie war als Gespenst dorthin zurückgekehrt, wo sie herkam, unvernehmbar und unbegreifbar.

Aber das war der Preis. Sie hatte ihn in Kauf genommen. Und obwohl sie Schmerz fühlte bei dem Gedanken an eine sprachlose Zukunft, sie hätte auch ihre beiden Arme zurückgelassen, um das retten zu können, was diese da so unmenschlich bedrohte in ihrer Macht und Herrlichkeit: die Gewissheit, sie selbst zu sein, Marie, die Tochter der Korbmacherleute .

Sie hatte das Wissen um ihre Seele wieder gefunden nach langer schrecklicher Zeit. Es war verschüttet unter der Trauer und dem Schmerz des Verlustes, entstellt und verzerrt durch das Gold und den Reichtum, der ihr Leben dort umgab Sie hatte dieses Wissen gehoben wie einen Schatz, der im Verborgenen noch kostbarer und wertvoller geworden war. Sie gab dieses Wissen nicht mehr her. Keine Macht des Himmels und der Erde hätten es ihr entreißen wieder können. Aber Marie wusste es: diese da, diese konnte es doch. Und sie hätte es auch getan ohne zu zögern. Deshalb musste Marie fliehen, deshalb hatte sie es vorgezogen, sich verfluchen und verbannen zu lassen, hatte es auf sich genommen, ihre Stimme, ihre Sprache zu verlieren, stumm dazustehen und unfähig, dies alles zu erklären. Denn was bedeutete der Verlust der Stimme gegen den Verlust der Seele?

 

Marie konnte noch jetzt fühlen, wie sich die Augen der Frau in ihr Gesicht bohrten, als sie Marie damals zum ersten Mal fragte, ob sie die 13. Tür geöffnet hätte. Und wie bedrohlich leise ihre Stimme diese furchtbare Frage gegen ihr Antlitz stieß! Damals war Marie in eine aussichtslose Falle geraten: hinter ihr ein Abgrund und vor ihr eine Frau, die sie mit dem Schnipsen eines Fingers vernichten konnte. Hätte die Frau geschrieen, getobt, Marie wäre aus der Erstarrung erwacht. Dann hätte sie lügen können, wäre vielleicht frech geworden oder kühn, hätte vielleicht den Stoß gewagt oder die richtige Antwort. Aber diese leise, klingenscharfe Stimme, diese "Ich bin die Gnade – Stimme“ hatte ihr keine Chance gelassen:

Hätte sie es zugegeben, hätte sie sich verraten und ausgeliefert wie vor einem Richter. Es gab nichts zu richten, nicht zu verurteilen. Denn das, was sie getan hatte, das war ihr Recht. Es gab niemanden, der sie zu richten hatte! Auch jene nicht. Jene zu aller letzt! Hätte sie aber geleugnet, wäre sie verloren gewesen: ein Wurm vor der Gottheit, der sich im Staube wälzt vor Angst.

Nein, es blieb ihr nur die eine Wahl, zu schweigen. Und sie schwieg auch weiterhin, als sie die Drohung hörte.

Sie schwieg, weil sie es spürte, dass ihr Schweigen die einzig ihr mögliche Form von Widerstand war, ein verzweifelter, blinder, letzter und erster Widerstand gegen diese Frau und das erfüllte sie mit einem grenzenlosen, verzweifelten Stolz, den sie für nichts auf dieser Welt preisgegeben hätte. Dieses Schweigen, dieses absurde, trotzige Schweigen war ihre letzte lebendige Verbindung zum Leben, zu ihrem eigenen Leben, zu der Welt, in der sie die Königin war.

 

Der Wald um sie wurde nun lebendig. Die weiche Stille der Nacht war mit einem Mal einer Geschäftigkeit voller kleiner Geräusche gewichen. Stumm mochte Marie sein, aber sie konnte hören und sehen und riechen und fühlen! Und mit all ihren Sinnen erwachten nun die Erinnerungen in ihr an die Kindertage bei den Eltern, bevor jene kam und in ihr Leben einbrach mit ihrem kalten Glanz.

 

* * *

 

Ihre frühesten Erinnerungen verknüpften sich mit dem Wald, dem Wald hinter der Hütte ihrer Eltern, dem Wald, in dem sie ihre ersten stolpernden Schritte versucht hatte, ihre ersten Entdeckungen gemacht, ihre ersten Abenteuer erlebt hatte. Vor den Bäumen wuchs ein schmaler Grasstreifen, durchwuchert mit Kuckucksnelken und Fingerhut. Junge, hochgeschossene Baumtriebe zogen mit ihrem frischen Grün einen Vorhang vor das Dämmerlicht im Inneren des Waldes. Die Pflanzen und Tiere, die der Wald beherbergte, entzog er den Blicken vorübergehender Menschen, seine Bruchkante am Weg war zugewachsen mit einer schimmernden grünen Haut. Dahinter begann ihr Wald. Um Baumstümpfe lagerten weiche Moospolster, im Schatten tief belaubter Buchen schoss Farn in wenigen Wochen kopfhoch auf. Am Abend stellte der Wald eine weiche, schwarze Wand vor den hellen Nachthimmel, aber am Morgen, wenn die Dunkelheit vom Licht nach oben gesaugt worden war, gab er wieder seine schier endlose Flucht von lichtgrünen Gemächern und Sälen preis. Am Nachmittag wuchsen die Schatten und der Wald wurde jetzt zum umgrenzten Wohnraum, in dem alle Dinge und Lebewesen auszuruhen schienen.

Das Kind hatte hier täglich gespielt.

Sie brauchte nicht weit fort zu gehen von der Hütte, wenn sie ihre Lieblingsplätze aufsuchen wollte. Auch wenn sie im Farn versteckt nach den Eidechsen spähte, konnte sie immer die rufende Stimme der Mutter hören. Sie konnte das niedrige, alte Strohdach zwischen den Baumstämmen schimmern sehen, wenn sie mit den Eichhörnchen Fangen spielte. Der alte, verholzte Geranienstock vor der Tür leuchtete wie ein Signal durch das Unterholz und die blühenden Kräuter auf der Bank vor dem winzigen Küchenfenster dufteten weithin wahrnehmbar. Das Getschilpe der Spatzen, die sich im Hof um ein paar Krümel stritten,k onnte man noch zwischen den Bäumen im Wald vernehmen.

Manchmal hörte sie auch die Mutter mit ihrer feinen, etwas brüchigen Stimme singen, während sie hinter dem Haus Wäsche an die Leine hing. Oder sie vernahm das Lachen ihrer Schwester, die der Mutter half und ihr dabei etwas erzählte. Wenn der Vater Holz hackte, knallten die krachenden Schläge durchdringend und waren noch drüben im Wald hinter der Dorfstraße zu hören.

Dorthin kam das Kind nur selten. Nur einmal hatte sie der Bruder mitgenommen ins Städtchen zum Markt, um Körbe zu verkaufen.

 

Dann war vieles anders geworden.

Früher, als der große Bruder als Holzfäller im Nachbarwald gearbeitet und die Schwester als Näherin im Herrenhaus im Dorf gelernt hatte, hatte es noch öfter mal ein Stück Fleisch auf dem Tisch gegeben. Und wenn es etwas Schweres zu tragen gab, nahm der Sohn dem Vater diese Arbeit ab. Die Schwester hielt mit der Mutter Waschtag und der andere Bruder saß neben dem Vater und lernte sein Handwerk. Da wurde oft gelacht und erzählt und das Kind fühlte sich froh, wenn es die Stimmen der anderen hörte.

Manchmal durfte sie mit der großen Schwester ins Dorf und ab und zu brachte die auch Kuchen von dort mit oder altes Spielzeug, das die Kinder aus dem Herrenhaus weggegeben hatten. Der Vater reparierte es und bemalte es neu. Das Kind besaß einen Kreisel und sogar ein Steckenpferd. Ein hübscheres und lustigeres Steckenpferd dürfte kein Kind dieser ganzen Erde gehabt haben.

Dann aber waren sie alle fortgezogen. Die Hütte war zu klein, die Geschwister versuchten, sich irgendwo ein eigenes Leben einzurichten, so gut es ging. Mit den Geschwistern waren das Lachen und der fröhliche Lärm aus diesem Waldwinkel fortgezogen. Marie allein war zurückgeblieben bei den Eltern. Es gab jetzt Armut im Haus. Die Eltern waren alt, die Zeiten schlecht geworden. Das Leben bedeutete Mühe und die Frucht der täglichen Arbeit war karg.

"Es wird leichter sein, nur drei Mäuler zu stopfen", hatte der Vater gesagt. Aber es schien eigentlich immer schwerer zu werden. Die Arbeit ging ihm nicht mehr gut von der Hand in den letzten Jahren. "Es ist die Gicht", sagte die Mutter. Ihre Stimme hatte einen bitteren Klang bekommen und das liebe, dem Kind so vertraute pausbäckige Gesicht der Mutter war eingefallen. Unter ihren Augen hingen gequollene Säcke.

 

Doch all die Trübsal, die sich nun wie eine schleichende Krankheit in der Hütte breit machte, steckte sie nicht wirklich an. Sie wusste um die Sorgen der Eltern, aber sie wusste auch, dass sie zusammenbleiben würden und fühlte Stärke in sich und Hoffnung, die Stärke und Hoffnung der Kindheit, die sich auf nichts begründet als auf die Sicherheit, dass jeden Morgen die Sonne wieder aufgeht und dass die Mutter ihre Arme ausbreitet, wenn man auf sie zuläuft und dass der Vater lächelt, wenn man ihn bewundert, wie er mit schnellen und geschickten Bewegungen seine Körbe flicht. Sie war immer noch glücklich, wenn es auch nicht mehr so fröhlich war bei ihr zu Hause. Für nichts auf der Welt hätte sie ihr Elternhaus tauschen mögen, ihr Zuhause, die Hütte, ihren Wald und ihr Stückchen Wiese.

 

Aber die Not schien nicht aufzuhören. Sie kam immer öfter.

Sie kam sehr leise, aber das Kind konnte sie hören: sie verbarg sich in der Stille, die jetzt so oft über der Hütte lag. Da sang keine Mutter mehr und der Vater hatte kein Holz, das er hätte hacken können.

Manchmal, in der ersten Zeit dieser Not, glaubte sie noch, diese ihr vertrauten Geräusche zu hören. Und noch während sie wahrnahm, wie ihr ganzer Körper bei diesen Klängen von Freude durchflutet wurde, erschrak sie, weil ihr plötzlich einfiel, dass es ja nicht sein konnte, dass sie sich diese Geräusche nur eingebildet haben musste, nur herbeigesehnt hatte.

Denn so oft war da keine Mutter, die geschäftig ein und ausging. Und meistens war der Vater nicht da. Auch der Kamin rauchte nur noch selten, auch im Winter. Die Eltern gingen immer häufiger fort, um etwas Essbares zu finden, um Holz zu sammeln, um zu versuchen, doch noch einen Korb auf dem Markt zu verkaufen. Aber sie verkauften fast nichts, manchmal erbettelten sie etwas.

 

Das Kind mussten sie dann zurücklassen. Marie war es bald gewohnt, alleine zu sein. Sie lebte im Haus, in ihrem Wald und auf ihrem Wiesenstreifen, sie tackerte die dürre Ziege um, die auf der Wiese neben dem Haus graste. Sie hielt im Winter den Ofen in Gang, wenn es etwas zum Brennen gab. Sie schnitt sich selbst Brot ab und manchmal sogar etwas Käse. Oft aber hatte sie Hunger.

Wenn die Eltern unten an der Wegbiegung endliche wieder auftauchten, mischte sich in ihre Freude jedesmal die Angst davor, dass sie mit leeren Händen, mit einem leeren Sack zurückgekehrt sein könnten. Und sie schämte sich dafür.

 

Aber es kam immer häufiger vor, dass es genau so war, wie sie es befürchtet hatte.

Die Mutter setzte sich dann auf den Holzstuhl, das Kind kniete neben ihr und legte den Kopf in ihren Schoss, überwältigt von Freude und von Enttäuschung. Und die Mutter tat müde ihre Hand auf das Haar des Kindes und das Kind weinte, weinte leise. Auch die Mutter weinte. Ihr liefen die Tränen lautlos über das viel zu alte Gesicht. Und ihre Knie wiegten das Kind.

Der Vater saß dann schweigend daneben, stumm, verzweifelt stumm.

Nach einigen Minuten fing er an zu sprechen, erzählte mit rauer Stimme und mit dürren Worten von den vergeblichen Versuchen, etwas Essbares aufzutreiben, etwas zu verkaufen. Erst sprach er heftig, als meine er sich verteidigen zu müssen und dann immer stockender. Schließlich schwieg er wieder. Er weinte nicht. Er weinte nie.

Er stand auf und ging in den Wald. Und die Zurückgebliebenen hörten ihn lange fluchen.

Stunden später kam er zurück mit einer Kippe Brennholz, einem Tuch mit Pilzen und dem Hut voller Beeren. Die stellte er vor die Mutter hin, demütig und bitter. Und die Mutter seufzte und sagte: "immerhin", stand schwerfällig auf und legte das Kind auf die Ofenbank. Es hatte sich in den Schlaf geweint. Sie begann mit langsamen und bedächtigen Bewegungen, die Pilze zu putzen.

 

Es gab auch glücklichere Tage, auch jetzt noch. Es waren das jetzt stillere Freuden als früher, aber sie hatte sie lieben gelernt: Das Leuchten im Gesicht der Mutter, wenn sie sie mit einem Strauß Margeriten überraschte, ihren Lieblingsblumen, das Fest, wenn der Vater doch einmal einen seiner Korbstühle hatte verkaufen können und mit Brot und Käse und den nötigsten Dingen für den Haushalt zurückkam, auf die die Mutter so lange schon wartete. Und manchmal reichte das Geld noch für ein Bildchen oder ein hölzernes Männchen für Marie! Und die Freude, wenn der Vater die müden Hände reckte, zur Mutter hinsah und sagte, "ich glaube die Finger werden wieder besser, ich glaube die Salbe hilft, die die alte Klara mir gegeben hat."

Marie wusste sehr wohl, dass diese Worte nur gesprochen wurden, um der Mutter Mut zu machen. Sie wusste, dass Vaters Hände von Jahr zu Jahr schlimmer wurden, dass Mutters Rücken ständig weh tat vom Bücken und Waschen und es ihr schwer fiel, sich aufzurichten.

Aber bald, bald würde sie, Marie, groß sein und dann würde sie die ganze Arbeit machen! Sie war jung und sie würde so stark werden, wie es die Brüder waren! Sie würde dafür sorgen, dass die Eltern es gut hatten. Sie musste nur noch ein wenig wachsen.

Aber das Kind war noch immer klein.

"Du wächst so schlecht", klagte die Mutter. "Das kommt davon, dass wir nichts Vernünftiges zu essen haben für dich." Das war schlimm. Denn sie musste ja wachsen, um arbeiten und für Essen und Brennholz sorgen zu können.

Im Wald gab es einen Buchenstamm, an dem sie oft prüfte, ob sie gewachsen war. Die Kerben, die sie mit dem Messer hineinritzte, kamen schlecht vom Fleck.

Die jungen Buchen am Waldrand wuchsen Jahr für Jahr an ihr vorbei.

 

* * *

 

 

 

Wie es eigentlich dazu gekommen war, dass diese fremde, vornehme Frau mit ihrer Kutsche vor der Hütte ihrer Eltern gehalten hatte, sie wusste es nicht mehr. Vielleicht steckte die alte Herrschaft ihrer Schwester dahinter. Vielleicht hatte der Vater im Dorf oder gar in der Stadt von seiner kleinen Tochter erzählt, als er dort als Pferdeknecht arbeiten musste, um ein paar Kreutzer für Brot für den langen Heimweg zu verdienen.

Es kam ihr jedenfalls so vor, als hätten die Eltern diese Frau erwartet. Es war ein unbestimmbarer, fremder Klang in der Stimme der Mutter, als sie aus der Hütte trat und nach Marie rief.

Marie kam sofort. Sie hörte gleich, dass irgendetwas passiert sein musste und unterbrach ihr Spiel. Als sie aus dem Wald kam, sah sie die Kutsche vor der Hütte stehen, eine große, geschmückte Kutsche mit goldenen Beschlägen. Die schwarzen Pferde standen unruhig auf der Stelle, drehten die edlen Köpfe nach ihr und schüttelten die Mähnen. Ein Kutscher war nicht zu sehen.

"Komm rein, Marie", sagte die Mutter, "wir wollen dir jemanden vorstellen".

Das Mädchen sah der Mutter ins Gesicht. Das war rot erhitzt und von einem seltsamen Ausdruck.

"Wer ist da?" fragte sie. Ihre Geschwister konnten es nicht sein, da wäre die Mutter ganz anders gewesen.

"Komm endlich!" Ungeduld hörte Marie und noch etwas anderes. Dies andere ließ sie frösteln. Aber sie vergaß es sofort wieder, als sie die Hütte betreten hatte. Dort saß eine schöne Frau in kostbaren aber schlichten Kleidern. Sie saß auf dem guten Kissen, das die Mutter nur an Sonntagen aus der Truhe holte. Der Vater stand daneben und wirkte trotzdem kleiner als sonst. Er stand leicht gebückt, so als täte auch ihm der Rücken weh.

Die Frau sah Marie ins Gesicht. Sie blickte freundlich. Aber ihre Augen lächelten nicht, nur der Mund.

"Das ist unsere Marie", hörte sie ihre Mutter hinter sich sagen. Die war mit ihr zusammen eingetreten und schob Marie jetzt mit sanfter Gewalt näher zu der Frau hin.

Marie machte einen Knicks und staunte. Und während sie das große, weiße, königliche Antlitz dieser Frau betrachtete ohne Einlass zu finden in ihre Augen, ging es ihr für eine Sekunde durch den Kopf, dass die Stimme der Mutter geklungen hatte wie dann, wenn sie auf dem Markt Ware anpreist.

"Sie gefällt mir, Eure Marie", sagte die Frau nach einer kleinen Pause. Ihre Stimme klang kühl wie ein Brunnen im Schatten eines Parks.

"Erzähl mir etwas von dir Marie!" forderte sie das Mädchen auf. Ihr Mund lächelte aufmunternd.

Warum? schoss es dem Kind durch den Kopf. Aber sie durfte wohl keine Fragen stellen.

"Ich bin die Marie, ich bin 7 Jahre alt", sagte sie stockend.

"Und sonst?" Jetzt lächelten die Augen ein wenig mit.

Erzähl doch etwas", mahnte die Mutter.

"Einfach so?"

"Einfach so. Was spielst du gerne, zum Beispiel?"

Marie brauchte einige Zeit, um sich zurechtzufinden. Noch nie hatte sie einem Menschen über ihre Spiele erzählen sollen. Sie tat es nun zögernd, ungläubig, dass diese fremde Frau es wirklich hören wollte. Sie konnte doch nicht gekommen sein in ihrer prachtvollen Kutsche, um sich nach ihren, Maries Spielen zu erkundigen! Aber es gefiel ihr, dass sie danach gefragt wurde. Und sie begann zu erzählen und je mehr sie erzählte, um so mehr lächelten jetzt auch die Augen dieses Gesichtes und sie vertraute ihr all ihre Geheimnisse an: die großen Spinnennetze, die Eichhörnchennester, ihre Steinsammlung, die Kerben im Buchenstamm...

Es war merkwürdig, dieser Frau, die sie nicht kannte, von der sie nicht einmal wusste, wer sie war und was sie wollte, all ihre kleinen Freuden und Sorgen zu erzählen. Aber es tat ihr erstaunlicherweise gut. Und gleichzeitig machte es sie verwundbar und hilflos vor diesen Augen, die so spät begonnen hatten mitzulächeln.

"Jetzt ist es genug, Marie", sagte auf einmal die Mutter kühl und etwas ärgerlich. "Du musst der Frau Gräfin nicht alle deine Spielereien erzählen."

"Doch, doch, ich höre das gerne, ich finde es wunderbar. Ihr habt eine begabte und phantasievolle Tochter", widersprach die Frau der Mutter. Und zu Marie gewandt fragte sie:

"Was willst du denn einmal werden?" Ihre Augen hatten wieder aufgehört zu lächeln.

Marie hatte gerade anfangen wollen, von den Fuchskindern im Bau unter der Erle zu sprechen und hätte gerne weitererzählt. Sie schluckte. Die neue Frage brachte sie etwas aus der Fassung aber sie antwortete rasch und sah der Frau prüfend und fest ins Gesicht.

"Ich will Körbe flechten lernen - oder vielleicht werde ich auch Näherin wie meine Schwester."

"Wir können sie in keine Lehre schicken, Hoheit", murmelte der Vater und machte eine Verbeugung. "Wir sind arm".

"Auf jeden Fall will ich arbeiten und das Brot für uns drei verdienen und das Holz kaufen, wenn ich nur erst groß genug bin", sagte Marie eifrig. Die fremde Frau sollte nicht wissen, dass sie so arm waren! Warum erzählte Vater es ihr? Das ging sie doch gar nichts an. Irgendwie würden sie es schon schaffen!

"Das ist brav von dir, dass du deinen Eltern helfen willst", sagte die Frau.

Marie schämte sich plötzlich. Sie wusste selbst nicht warum. Und es wurde auch nicht besser, als die Frau aufstand und sagte:

"Also gut, sprecht mit ihr! Ich hole mir nächste Woche die Antwort.

Der Vater war zur Tür gesprungen, um sie zu öffnen. Die Mutter machte einen Knicks bis zum Boden. Die Frau ging mit schnellen Schritten durch die Hütte. Ihre Kleider raschelten. Sie strich im Vorbeigehen flüchtig über Maries Haar.

Die Berührung brannte. Marie stand starr und sprachlos und sah zu, wie die Frau auf die Kutsche stieg, auf den Bock stieg. Und mit dem scharfen Knall der golddurchwirkten Peitsche setzten sich die Pferde in Bewegung. Die Eltern winkten, bis die Kutsche nicht mehr zu sehen war. Die Frau blickte sich nicht mehr um.

 

 

Das war Maries erste Begegnung mit der Fürstin, mit der Frau, der sie nun gestern endlich entflohen war, so viele Jahre danach, so spät, im letzten noch möglichen Augenblick.

Ob die Eltern noch lebten?

So gerne hätte sie es gewusst. Aber dreizehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. Die Eltern waren schon alt und krank, als sie von ihnen fortmusste. Und nie hatte sie etwas von ihnen erfahren. Das war Teil der Abmachung gewesen, die ihre Eltern mit der Frau getroffen hatten, als sie eine Woche später wiederkam und als Marie mitfahren musste in ihrer Kutsche: still und sprachlos, leer geweint vor Trauer und Kummer, erschrocken und geblendet von einer Zukunft, die ihr wie ein goldenes Märchen entgegenkam, das auszuschlagen ihr nicht erlaubt war. Sie hatte kein Recht, das Glück zu verweigern. Sie hatte zu gehorchen, den Eltern. Und nun: Ihr.

Das letzte, was sie sah von zuhause, waren die Wipfel des Waldes und der Rauch aus der Hütte.

Die würde jetzt öfter rauchen. Für die Eltern war ab sofort gesorgt, die hatten nun Geld und ein Auskommen bis an ihr Ende. Das hatte Marie doch gewollt und jetzt war es erreicht. Was wollte sie mehr?

"Wir tun es doch für dich", hatten die Eltern gesagt. "Marie, weine doch nicht, wir tun es für dich, wir wollen dein Bestes! Du hast hier bei uns keine Zukunft. Du wirst arm bleiben und krank werden. Vielleicht sterben wir, ehe du dich alleine versorgen kannst. Und um uns musst du dich doch dann nicht mehr sorgen. Wir sehen zufrieden dem Ende entgegen. Geh du, geh! Soviel Glück darf man nicht ausschlagen! Geh nur, sie ist eine große Frau und eine gütige und mildtätige dazu und sie ist reich. Bei ihr kannst du alles haben: du kannst dich wunderbar kleiden, die herrlichsten Speisen essen, die wunderschönsten Spiele spielen. Du wirst in goldenen Kutschen fahren, in kunstvollen Gärten spazieren gehen, in weichen Betten liegen. Du kannst sogar Lesen und Schreiben lernen und Sticken und wirst vielleicht einen Grafen heiraten und Gräfin werden."

"Wir würden dich nicht jedem mitgeben", sagte der Vater und in seinen Augen sah Marie Unruhe und ein unsicheres Flackern. "Ich habe mich erkundigt: Sie ist eine reiche Frau, für ihre Wohltaten bekannt, gebildet und belesen. Sie hat vor Jahren ihr Töchterchen verloren, das wäre heute so alt wie du. Sie möchte dich als Tochter, nicht als Magd. Das ist mehr Glück, mein Kind, als du träumen kannst".

Aber Marie hatte nur geweint.

Sie war tagelang weinend im Wald herumgelaufen, hatte Abschied genommen von allen ihren Freunden, von jeder Blume, jedem Baum. Sie hatte dagesessen und auf das Strohdach der Hütte gestarrt und sich gewünscht, dass die Mutter herauskommen und sie in die Arme nehmen würde. Dann hätte sie gewusst, dass sie bleiben dürfte.

Aber die Mutter kam nicht.

 

Marie konnte noch jetzt den Druck spüren, mit dem die Mutter sie damals in die Kutsche schob zu jener Frau, sie fort schob, weg schob, preisgab.

Doch, die Mutter hatte auch geweint beim Abschied, so wie Mütter weinen, wenn ihre Töchter heiraten.

"Du wirst uns vergessen, glaub mir", hatte die Mutter geschluchzt.

"Nein", hatte Marie geantwortet, mit harter, toter Stimme.

Es war das letzte Wort, das sie zur Mutter sagte.

Der Vater schwieg. Auch er war den Tränen nah. Seine Lippen zuckten und als die Kutsche schon anrollte, bewegte er die Lippen. Marie konnte ihn nicht mehr verstehen. Die Pferdehufe schlugen auf die Steine vor der Hütte, die Kutsche knarrte. Aber es war Marie, als sagten die Lippen: "Verzeih!"

Und sie wusste nicht, was sie hätte antworten können.

Sie versuchte sich damit zu trösten, dass es den Eltern nun besser gehen würde. Sie versuchte, den Ausdruck in den Augen ihrer Mutter, den Tonfall in ihrer Stimme, den ungeduldigen Druck ihrer Hände, mit dem sie sie in die Kutsche geschoben hatte, zu vergessen. Die Mutter wollte ja nur Maries Bestes. Sie liebte Marie. Natürlich liebte sie ihre kleine Tochter. Aber ohne ihr Kind könnte sie, könnten die Eltern doch nicht glücklich sein? Sie selber jedenfalls, das wusste sie genau, würde nie mehr glücklich sein können.

Die Frau neben ihr legte ihre Hand auf Maries Knie und lächelte sie verständnisvoll an. Und Marie fühlte, was sie später noch so oft spüren würde, dass sie dieses Verstehen nicht wollte, dass sie es empfand wie die Fliegen den süßen Leim empfinden mögen, auf den zu kriechen sie vermeiden mussten, wenn ihnen ihr Leben und ihre Freiheit lieb waren.

Diese Frau hatte sie fortgenommen, weggerissen aus einer Welt, in der sie glücklich gewesen war und wo ihre Eltern lebten, die sie liebte und brauchte. Marie würde ihr das niemals vergessen.

 

* * *

 

 

Und dann waren jene langen Jahre gefolgt, Jahre, in denen sie groß geworden war, erwachsen schließlich.

Keiner würde mehr in ihr die Marie von damals erkennen können. Oder hatte sie noch etwas gemein mit jenem kleinen, sieben jährigen Kind, das zwischen den Bäumen im Wald gespielt hatte und das in der Stube stand und voller Arglosigkeit und mit Begeisterung von ihren Eichhörnchen und ihren Spielen erzählte, in das Gesicht dieser Frau hinein, dieses Gesicht mit den Augen, die in all den späteren Jahren nie wieder gelächelt hatten?

Damals war ihre Haut braun gewesen, ihre kleinen Hände fest und hart und ihr Haar hell von der Sonne.

Wer würde heute noch erkennen, dass dies die Marie wäre, diese große, junge Frau, mit dem hellen Teint, den blassen Wangen und den rosigen, weichen Fingern, die da vor ihm stand? Vielleicht verrieten ihre Augen noch etwas von den Träumen und dem Glück ihrer Kindheit. Aber über ihrem Blick lag seit langem ein Schleier, ein Flor der Traurigkeit, die ihre Seele in all den Jahren nie verlassen hatte, nicht einmal in den Augenblicken, als sie glaubte, doch noch glücklich werden und über einem neuen Glück, einer neuen Liebe, die Eltern und die Heimat vergessen zu können.

Marie wusste um diesen Schleier über ihrem Blick und auch um den Zug Bitterkeit, der um ihren Mund lag, wenn sie unbeobachtet war. Die Frau hatte ihr das oft genug vorgehalten. Vielleicht wäre alles nicht so schlimm geworden, wenn sie Marie wenigstens gestattet hätte, traurig und unglücklich zu sein. Aber nein, Marie hatte glücklich zu sein. Sonst galt sie als undankbar und kindisch. Und im Übrigen hieß sie seit dem Tag ihrer Entführung „Maria“. Die Gräfin ordnete das an. Marie sei kein vornehmer Name, sagte sie. Die alte Marie gab es nicht mehr, niemand nannte sie so. Nur sich selber rief sie im Stillen manchmal bei ihrem richtigen Namen. Aber bald war ihr auch das nicht mehr möglich, und noch später vergaß sie ihn. So wie sie vergaß, dass sie weinen wollte vor Traurigkeit.

Jetzt endlich, hier in ihrem hohlen Baum, konnte sie, nun durfte sie weinen. Jetzt störte es keinen mehr. Die Tränen liefen aus ihren Augen wie aus überfluteten Seen. Die Trauer von dreizehn Jahren konnte jetzt abfließen. Es tat gut. Die salzige Flüssigkeit schmeckte lebendig und erregend.

 

Schließlich kletterte Marie aus der Baumhöhle. Ihre Glieder schmerzten und die Kälte saß beißend in der Haut. Sie reckte vorsichtig ihre Glieder und rieb Arme und Beine. Zwischen den Baumstämmen glänzte das Wasser eines Tümpels. Sie ging langsam und noch unsicher hinüber um sich zu erfrischen. Vor ihren Füßen floh eine aufgescheuchte Haselmaus durch das raschelnde Laub. Stöcke knackten unter ihrem Schritt. Ein Eichelhäher kreischte auf. Der Wald hatte von ihr Kenntnis genommen. Aber niemand ließ sich stören durch ihre Anwesenheit. Sie gehörte zu ihnen.

Auf der spiegelnden Fläche der Pfütze erschien ihr Bild. Sie war also wirklich hier. Marie wusch sich den Dreck und die Tränenspuren aus dem Gesicht. Ihr Antlitz blickte sie fremd und scheu an, mit großen dunklen Augen und wirrem Haar. Das Wasser schmeckte abgestanden und brackig.

Marie spürte mit einem mal Hunger. Sie hatte in den letzen vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen. Bis eben noch hatte sie nichts davon gemerkt und nun, einen Augenblick später, überwältigte sie dieses Gefühl. Hunger hatte sie dreizehn Jahre lang nicht mehr gefühlt. Aber sie kannte ihn noch, kannte ihn sofort wieder, den bohrend schmerzenden Gefährten der Kindheit und ständigen Besucher in der Hütte ihrer Eltern.

Für einige Augenblicke fühlte sie Angst in sich aufsteigen, Angst vor dem, was jetzt auf sie zukommen würde. Stumm und frierend und hungrig würde sie sein. Ein Bettelweib! Für einen Moment dachte sie voller Verlangen an die gedeckten Tische, an denen sie hatte sitzen können all die Jahre. Und sie hörte die gehasste Stimme, die ihr nachgerufen hatte: "Du undankbares Ding! Du bist einfach dumm! Du wirst dich zurücksehen nach deinem Leben hier. Du wirst an mich denken, wenn du hungrig bist und mit zerrissenen Kleidern und stumm die Menschen um ein Nachtlager anbetteln musst. Dann wirst du einsehen, dass ich es immer nur gut mit dir gemeint habe. Du wirst gekrochen kommen. Ich kann es schon sehen! O, ja, du darfst wieder kommen. Natürlich darfst du kommen! Ich bin bereit, dir zu verzeihen, wenn du es nur zugibst, was du getan hast, wenn du deine Schuld und deine Lüge eingestehst. Aber nur dann werde ich dir verzeihen, hörst du, nur dann...."

 

Marie hatte sich nicht mehr umgedreht, war plötzlich einfach losgelaufen, blind, ohne Erklärung. Sie wusste, wenn sie stehen bleiben würde, wäre sie verloren. Wenn sie stillstände, würde sie der Bann einholen.

In ihren Träumen hatte sie das in all den Jahren schon erlebt und durchlitten, immer wieder. Jetzt war es Wirklichkeit: Jeder Schritt war mühsam, Bleigewichte schienen sie festzuhalten, sie sank immer wieder bis zu den Hüften in einer weichen, klebrigen Masse ein, die Beine herauszureißen erforderte übermenschliche Kraft. Die Kulissen rechts und links des Weges schienen still zu stehen. Die Stimme der Frau hinter ihr hallte laut und greifend nah hinter ihr her und wurde nicht leiser.

Vor ihr, ganz hinten am Horizont leuchtete ein schmaler heller Streifen zwischen den dunkel-grauen, massigen Wolkenbänken. Dort musste sie hin, ob sie noch konnte oder nicht. Dort war sie sicher, dort würde sie gerettet sein.

Und irgendwann, nach stundenlangem Mühen, nach unendlich gedehnten Minuten der Todesangst, schienen die Bänder zu reißen, die sie festhalten wollten, verhallte die Stimme in ihrem Rücken, verschoben sich die Linien der Landschaft mit ihren Schritten, tauchten Geräusche auf aus der tödlichen Stille, weitete sich der helle Horizontstreifen.

Und nun mit einem Mal schien sie zu fliegen, zu stürzen, landete irgendwann im freien Fall auf dem Boden, blieb liegen, lauschte ihrem Herzen, horchte auf das Leben um sie herum, spürte die Kälte der Morgendämmerung, viel später spürte sie die Sonne.

Sie war endlich aufgestanden als es schon lange hell war und war ohne Besinnung weitergelaufen, ohne Hast aber auch ohne Ruhe, ständig und blicklos, durch Wälder, durch Wiesen, an Bachläufen entlang. Einmal hatte sie einen Weg gekreuzt, auf dem Räderspuren sichtbar waren. Sie folgte ihm nicht, sondern bahnte sich weiter ihren Weg durch das Dickicht und lief immer weiter, so, als hätte sie ein Ziel. Sie hatte keinen Hunger und keinen Durst gespürt. Wenn Dornen ihre Kleider festhielten, riss sie sich los. Mehrfach brach sie in Wasserlöcher ein. Ein Eber, dem sie begegnete, sah ihr verwirrt nach. Sie hatte ihn nicht einmal bemerkt.

 

Bei Sonnenuntergang verlangsamte sich ihr Schritt. Als es allmählich dunkel wurde, blieb sie wie erwachend stehen. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Flucht sah sie sich um: sah nichts als Bäume, Laub, oben den Himmel. Da waren kein Schloss, keine Mauer, keine goldene Kutsche und da gab es niemanden, der sie rief. Sie lauschte. Es war still. Sie blickte sich um mit sehenden Augen.

Ein alter Baum, der noch im vollen Laub dastand, war innen hohl. Sie kletterte hinein. Der Ärmel ihres Gewandes zerriss dabei.

Sie hockte sich in die Baumhöhle. Ehe sie merkte, dass sie fror, schlief sie ein.

 

* * *

 

 

Mit dem neuen Tag war das Leben zurückgekommen. Der Schlaf hatte sie erfrischt und den Alpdruck etwas von ihr genommen. Und das Leben hieß mit einem mal wieder: Kälte und Hunger und Schmerz und Durst. Auch Angst. Aber es war das Leben, ihr Leben. Sie war bereit, es auf sich zu nehmen.

Gegen den Hunger gab es im Wald genug, im Sommer jedenfalls. Sie konnte sich auch ein bequemeres und wärmeres Nachtlager bauen. Ihre Wunden würden heilen. Sie kannte sich noch aus mit Heilkräutern. Und vor den Tieren hatte sie keine Angst. Sie waren ihre Freunde. Nein, sie würde sich nicht zurücksehnen! Sie würde es nicht zulassen, niemals! Niemals würde die es erleben, dass sie, Marie, um Verzeihung bäte, dass sie zurückkäme, dass sie ihre Flucht bereuen würde. Niemals!

Aber da war dieser Fluch! Marie sah ihr Spiegelbild im Tümpel an, der Mund bewegte sich, sie riss Zähne und Lippen auseinander, versuchte zu schreien. Es blieb still. Nur ein leises Röcheln kam aus ihrer Kehle. Oh, wie sie diese Frau hasste für ihre Gemeinheit!

Marie erhob sich und versuchte ihr Kleid zu Recht zu ziehen, das in Fetzen an ihr herunter hing. Sie wischte sich mit der Hand über den Mund. Sie musste jetzt etwas zu essen finden! Sie durfte sich nicht unterkriegen lassen!

 

Und Marie begann, ihr Leben hier im Wald, in ihre Hände zu nehmen. Das Waldleben erschien ihr schon wenige Tage nach der gelungenen Flucht so vertraut und alltäglich, als lebe sie schon immer auf diese Weise.

An die Flucht und die vergangenen Jahre dachte sie nun immer seltener. Sie meinte, diese Vergangenheit weit zurückgelassen zu haben. Sie erschien ihrem Bewusstsein allmählich nur mehr wie ein böser, halbvergessener Traum. Viel wirklicher wurden immer mehr die Erinnerungen an ihre Kindheit für sie, und während sie tagsüber herumlief und sich Nacht für Nacht ein geschütztes Lager aufbaute, geriet sie trotz all ihres Elends und trotz der Unsicherheit ihrer Zukunft in eine frohe, gleichmütige Stimmung, als könne ihre Seele zwischen den Bäumen der Kindheit gesunden und ausruhen.

 

Aber dann kamen Tage, an denen sie sich alleine und verlassen fühlte. Den Hunger hatte sie mit Beeren gestillt und mit Pilzen, aber der Hunger nach dem Anblick anderer Menschen wurde immer größer. Sie beschloss, Menschen zu suchen. Sie wollte sie nur von ferne sehen, aber sie konnte nicht mehr länger so ganz und gar alleine bleiben.

So gerne hätte sie außerdem herausgefunden, wo sie war! Sie wollte nun doch versuchen, nach Hause zu finden. Vielleicht träfe sie ihre Schwester oder die Brüder, vielleicht gelänge es ihr, ihnen zu erklären, wer sie sei und was ihr passiert war, vielleicht würden sie sie erkennen und bei sich aufnehmen.

Ab und zu wagte sie sich jetzt in die Nähe menschlicher Behausungen. Sie kannte die Gegend nicht und war sicher, hier keine ihr vertrauten Menschen anzutreffen. Dennoch stand sie viele Stunden lang versteckt hinter Baumstämmen oder Steinwällen am Waldrand und beobachtete das Treiben um irgendeine Hütte am Rande eines Dorfes. Sehnsucht befiel sie immer mehr. Tränen um die verlorene Kindheit flossen über ihr unbewegtes Gesicht. Die Kehle schnürte sich ihr immer wieder zusammen, vor allem dann, wenn Kinderstimmen zu ihr drangen, wenn eine Frau heraustrat und Wäsche auf hing oder wenn das Geräusch vom Holzhacken zu ihr herüberschallte.

Irgendwann ging sie dann weiter, mit Traurigkeit beladen und doch froh. Und mit jedem Schritt, der sie weiterbrachte auch glücklicher, glücklich, wenigstens so wieder teilhaben zu können am Leben der Menschen, das sie verloren hatte.

 

Die ersten Herbststürme beunruhigten Marie und trieben sie noch näher an Dörfer und Wege heran. Was würde sie im Winter machen? Wenn sie jetzt nachts dalag auf ihrem Lager aus Laub und die Kälte nicht mehr vertreiben konnte, drängte sich die längst vergessen geglaubte Stimme wieder in ihr Bewusstsein:

"Bereust du es jetzt? Ich wusste, du würdest es bereuen!"

Sie wachte jetzt manchmal nass geschwitzt auf. Im Moment des Erwachens wusste sie noch, dass sie eben durch warme, trockene Säle geschritten war, mit ihrer persischen Katze gespielt oder in den alten Büchern in der Bibliothek geblättert hatte, nah am Kaminfeuer. Und sie erinnerte sich noch daran, dass sich dann plötzlich ein großer, schwarzer Schatten über all diese Wohligkeit gelegt und sie angefangen hatte zu frieren trotz des Feuers.

Der Traum verging sehr bald wie Nebel. Aber für Stunden noch fühlte Marie jedes Mal die flatternde Panik in sich und die verzweifelten Versuche, sich wieder los zu reißen. Erst nach Stunden war ihre Seele wieder frei von diesem Traum, war ihr Blick wieder klar und fing ungetrübt und froh die Vogelschwärme ein, die über den Wipfeln für ihre Herbstreise übten und in großen Schwärmen durch die klare Oktoberluft kreisten, einem lebendigen Feuerwerk gleich.

Doch jeden Abend in dieser ersten Herbstzeit, wenn sie sich hinlegte, spürte sie erneut den tödlichen Hauch jener Welt, aus der sie geflohen war, die sie hinter sich hatte lassen wollen, spürte den verführerischen Sog des Wohllebens und gleichzeitig den bösen Zauber der Frau. Sie durchlebte ihre Flucht jetzt jede Nacht, musste sich jede Nacht neu entscheiden gegen diese da und das herrliche, betäubende, aber alles bedrohende Leben. Und immer wieder gelang ihr die Flucht. Und je öfter sie das alles durchlebte, desto mehr war sie davon überzeugt, dass diese Frau wirklich ihre Macht über sie verloren hatte für immer. Der Fluch der Frau schien nicht aufzugehen. Dennoch blieb Marie stumm.

 

Und noch bevor sie für den Winter einen Plan hatte machen können, wurde sie gerettet. Und sie ließ es zu.

Er kam und nahm sie auf, stellte sie an seine Seite und erneut wurde ihr ein Königreich zu Füßen gelegt, das sie nicht begehrt und das sie nicht erwartet hatte.

Aber diesmal nahm sie es an.

Sie hätte auch „Nein“ sagen können. Sie blieb aus freien Stücken.

 

Nur ihre Stummheit blieb auch jetzt zurück als stete Erinnerung an den Fluch.

Und obwohl sie für Wochen, für Monate geglaubt hatte, den Alpdruck losgeworden zu sein, erlöst zu sein, ein Glück zu genießen, das wirklich dieses Mal ihr Glück war - der Fluch holte sie ein und suchte sie auf, als sie besonders verwundbar war. Und sie musste erkennen, dass ihr die lange, entbehrungsreiche Flucht durch die Herbstwälder ebenso wenig geholfen hatte, davon loszukommen, wie ihre Rettung durch den König und seine Liebe.

Sie musste sich selber retten. Manchmal, während der Schlaf sich über sie senkte, wusste sie es. Aber sie vergaß es sofort. Und wieder blieb ihr nichts als ihr verzweifeltes, trotziges Schweigen.

 

* * *

 

 

Sie hatte das Bellen schon gehört, als weit und breit noch kein Jäger und kein Hund zu sehen waren.

Sie war davon erwacht. Zumindest glaubte sie das, denn als sie die Augen öffnete, war es noch dunkel und still und sie wunderte sich. Sie erwachte sonst selten, bevor die Sonne aufging, es sei denn, sie hatte von früher geträumt oder von ihrer Flucht. Dann allerdings konnte sie lange nicht wieder einschlafen.

Aber an diesem Morgen musste etwas sie aus einem ruhigen, freundlichen Traum gerissen haben, an den sie sich zu ihrem Bedauern nicht mehr erinnern konnte. Sie versuchte es, da sie noch die Wärme und stille Freude in sich fühlte und sie sich danach sehnte, dieses Gefühl festzuhalten und seine Ursache zu kennen. Der Grund für ihre Freude aber war schon aus ihrem Bewusstsein gewichen. Irgendetwas war störend und fremd in ihren Traum eingefallen.

Dann hörte sie das Bellen der Hunde, fern noch aber hart und gellend. Und sie wusste sofort, was das bedeutete.

Sie hatte schon mehrfach in diesem Herbst von Ferne und aus sicherem Versteck Treibjagden miterlebt. Aber da war es hell gewesen und sie hatte gewusst, in welche Richtung sie laufen konnte, um sich in Sicherheit zu bringen.

Jetzt war es dunkel und obwohl ihre nun bereits an die Nacht gewöhnten Augen im Osten den ersten blassen Streifen wahrnahmen, konnte sie sich schlecht orientieren. Sie raffte ihre Sachen von der Lagerstätte auf und lief los. Das Gebell kam näher und jetzt schon aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig. Sie stolperte gegen einen Baumstamm und brach mit dem Fuß in einen Graben ein. Der Schmerz stach ins Gelenk. Sie strauchelte, als sie versuchte, wieder aufzustehen. Ihre Augen hasteten zwischen den helleren und dunkleren Schatten dieser Finsternis hin und her. Das Gebell war schon ganz nah.

 

Als sie von dem Tier umgestoßen wurde, fiel sie auf den Waldboden, mit dem Gesicht nach unten und blieb liegen. Sie spürte den Atem des Hundes im Nacken. Der war warm und roch übel nach verdorbenem Fleisch. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen.

Das Hecheln um sie herum verstärkte sich. Nun standen sicher schon mehrere Hunde um sie herum, die sie bestimmt alle am liebsten zerrissen hätten. Sie rührte sich nicht. Atemlos und ohnmächtig blickte sie dorthin, wo sie die zottige Pfote neben ihrem Gesicht fühlte, die Pfote ihres Bezwingers, der seine Beute nun verteidigte und beschützte gegen die anderen Hunde der Meute.

Und alle warteten.

Die Morgendämmerung sickerte allmählich bis auf den Waldboden. Sie konnte jetzt das braune Fell des Hundes erkennen. Ihr Bezwinger und Beschützer stand über ihr und rings herum hechelten die anderen Hunde aufgeregt und gierig. Sie alle warteten auf den erlösenden Befehl oder auch auf ein Lob vielleicht.

Sie aber wusste, sie wartete auf ihre erste Begegnung mit Menschen seit so vielen Wochen. Und in ihre Erwartungsaufregung mischten sich Freude und Angst. Denn nun würde es geschehen - falls sie überhaupt noch eine Chance bekommen würde, sich mitzuteilen: Sie würde stumm sein und nichts sagen können zur Erklärung ihrer Situation. Da lag sie, unter dem erregten Tier, das seine Pfote auf ihre Schulter gestellt hatte, als sie versuchte, ihre schmerzhafte Lage zu verändern. Der Waldboden roch nass, nach aufgeweichter Erde und Fäulnis. In ihrem Kopf rauschte es. Das Geräusch kam nicht von außen, sie wusste es. Es war in ihr. Angst und Ohnmacht schlugen über ihren Sinnen zusammen wie eine Flutwelle.

So lange hatte sie jetzt versucht, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, so lange war sie ganz auf sich gestellt und ohne jede menschliche Hilfe herumgeirrt. Niemand war da gewesen, der ihr hätte vorschreiben können, wohin sie gehen und was sie tun sollte. Und nun lag sie hier, hilflos und ausgeliefert an ein Tier und konnte gar nichts mehr tun als abwarten, was mit ihr geschehen würde.

Als dann endlich die ersten Laute menschlicher Stimmen an ihr Ohr drangen, fühlte sie plötzlich zu ihrer eigenen Überraschung eine heiße, verzweifelte Liebe zu ihrem zottigen Beschützer, fühlte sich ihm verwandt und vertraut. Und eine furchtbare Angst griff nach ihrer Kehle, Angst vor denen, die in diesem Moment von allen Seiten auf die Lichtung traten und denen sie nun ausgeliefert sein würde: mit ihrem Leben, ihrem Leib, ihrer Würde. Auf zwei Beinen stehend vielleicht, aber vor einem ungewissen Schicksal, das alle Himmel aber auch alle Höllen dieser Erde bedeuten konnte und über das diese da nun bestimmen würden mit einem Tritt ihrer Füße oder mit dem Zucken einer gnädigen Hand.

 

Der Befehl für die Hunde klang kurz und trocken, wie ein lässiger Peitschenhieb. Sie fühlte die Wärme des Tiers weichen und lag nun schutzlos unter offenem Himmel, unter vielen neugierigen Augenpaaren.

"Steh auf"!

Marie erhob sich mühsam, sie hatte große Schmerzen, die Glieder waren steif und kalt vom langen Liegen in der ungewohnten Haltung. Ihr verstauchter Fuß schmerzte sehr. Sie brauchte lange für das Aufstehen und spürte Scham in sich aufsteigen. Sie fühlte Röte ihren Nacken herauf kriechen und wandte nun das blasse Antlitz erschrocken und voller Angst gegen die Menschen, deren Gesichter wie bleiche Scheiben im Dämmer um sie schwammen.

"Wer bist du?"

Der diese Frage an sie gerichtet hatte, trat näher. Sie konnte seine Züge erkennen und sein Gewand: ein Jäger des Königs. Sein Gesicht war voller Falten, der Bart schon weiß, die Augen sahen sie ausdruckslos an.

'Ich bin die Marie, tut mir nichts, ich lebe im Wald, ich bin hier zuhause, ich habe nichts Unrechtes getan, lasst mich gehen!' wollte sie rufen.

Marie öffnete den Mund, bewegte die Lippen. Es blieb still.

Sie konnte selber ihr klangloses Röcheln hören. Ihre Hände, die ihre Rede begleiten wollten, hielten mitten in der Bewegung inne. Sie verstummten auch. Das Entsetzen über ihre Stummheit, die sie in diesem Augenblick zum ersten Mal in ihrer ganzen Tragweite und Grausamkeit erkannte, zeichnete ihr Gesicht. Sie konnte es gespiegelt sehen in den Augen der Männer. Da gerieten neugierige und gleichgültig dreinblickende Minen in Unruhe und sie sah Mitleid aber auch Abwehr und Grauen. Und sie sah ein Funkeln, dessen Bedeutung sie nicht gleich verstand.

"Sie ist taubstumm", sagte einer.

"Lauf nicht weg!", fuhr sie die Stimme des Mannes an, der sie zuerst angesprochen hatte. Er packte sie am Arm und zerrte sie ein paar Schritte näher zu den anderen hin.

"Bist du stumm?"

Marie nickte, dankbar für diese Frage, die es ihr ermöglichte, zu antworten.

"Bist du allein"?"

Sie nickte heftiger.

"Wie kommst du in den Wald? Hast du dich verlaufen? Bist du schon lange hier?"

Die Fragen prasselten auf sie herab und ließen gleich darauf wieder nach, weil sie erneut die Hände und Lippen zum Sprechen bewegte und nichts sagen konnte.

"Lasst sie in Ruhe! Wir nehmen sie mit", ordnete der Mann mit dem Bart an.

"Wohin willst du sie bringen?" fragte ein anderer.

"Wir nehmen sie mit und bringen sie später dem König. Er soll entscheiden, was mit ihr geschehen soll."

"Was sollen wir denn den König damit belästigen? So schön ist sie auch wieder nicht", murrte eine Stimme.

"Zeig mal her!", ein anderer packte sie am Arm und zerrte an dem Fell, mit dem sie ihren Körper bedeckt hatte.

"Aber jung! Hier seht mal!" Seine Hand betatschte ihre Brust.

Marie spürte entsetzt, dass die Stimmung umschlug. Die Gefahr für ihr Leben schien vorerst vorbei. Sie fürchtete das, was ihr jetzt drohte, nicht weniger. Sie raffte das verrutsche Fell wieder vor ihrer Brust zusammen und senkte den Kopf. Und auf einmal merkte sie, dass sie versuchte, wegzulaufen. Es war einfach so gekommen, sie hatte es gar nicht beschlossen.

Aber mit ihrem verstauchten und geschwollenen Fuß kam sie nicht weit. Diesmal brachte sie einer der Männer zu Fall, der hinter ihr hergelaufen war. Und diesmal stand ein Sieger über ihr, der andere Absichten hatte. Er bückte sich und riss ihr das Fell herunter. Ihre Schulter schlug hart auf einem Stein auf. Sie konnte nicht schreien..

"Ganz ordentlich, kleine Waldhexe! grunzte der Mann zufrieden, "hat man ja gar nicht gesehen!"

"Lass sie doch, bring sie her!", rief jemand von der Waldlichtung her, auf der die anderen Männer noch standen.

"Wir haben keine Zeit, Mann!" brüllte der Oberjäger.

Aber der Mann war schon über ihr.

Marie versuchte noch, sich zu wehren. Es war zwecklos. Er war viel stärker. Er presste ihre Arme auf den Boden hinter ihren Kopf und kniete sich auf ihre Schenkel.

Marie versuchte die Augen zu schließen aber das Entsetzen riss ihr die Augen wieder auf. Sie, die gewohnt war, alleine zu sein, die seit vielen Wochen keinem Menschen nahe gekommen war, sie lag da, hilflos, auf den Boden gepresst und vor Schmerz gekrümmt.

Der Mann drang in sie ein. Der Schmerz und das Gefühl unvergleichlicher Scham und unerträglichen Ekels verzerrten vor ihren Augen die Linien der Baumstämme über ihrem Kopf in Blitze und Schlangen. Das verschwitzte, blöde grinsende Gesicht berührte sie. Er stank.

Seine Hand schob ihren hilflosen Körper unter seinen pumpenden Bewegungen zu recht wie ein Stück Holz.

Er beeilte sich. Die Stimmen von der Lichtung drängten. Ehe sie begriff, dass es vorüber war, zerrte er sie hoch.

"Ich bring sie ja schon", keuchte er und zog sie hinter sich her zur Lichtung zurück.

Sie fühlte ihre Tränen und klebrige, schleimige Pfützen zwischen ihren Beinen herunter fließen.

Die geilen Blicke, die sie auf der Lichtung erwarteten, brachten sie einer Ohnmacht nahe.

"Jetzt ich!", sagte einer und riss sie zu sich.

"Männer, wir haben keine Zeit", sagte der Oberjäger erneut. Aber es klang nicht so, als wollte er sich durchsetzen, obwohl Marie ihn in ihrer Verzweifelung Hilfe suchend ansah.

Er wurde nervös unter ihrem Blick. Er sah weg.

Inzwischen war es heller. Die Sonne war noch nicht zu spüren und auch noch nicht zu sehen, aber Marie konnte jetzt jede Kleinigkeit erkennen. Die Hunde lagen hechelnd und in voller Aufmerksamkeit in einer Ecke der Lichtung. Fünf Männer in Jägeruniform und mit Gewehren standen um sie herum.

Die Männer zögerten noch, warteten darauf, ob der Oberjäger den Befehl zum Aufbruch geben oder sie weiter gewähren lassen würde.

"Komm, das kleine Vergnügen kannst du uns doch gönnen oder willst du zuerst?" fragte ein Mann den Oberjäger.

Der sah Marie merkwürdig an. Aber er sah nicht ihren Hilfe suchenden Blick, er schaute an ihrem Körper herunter. Das Fell hielt Marie mit den Händen um ihren Leib fest. Die Schnur war ihr von der Taille gerissen worden, sie konnte ihre Blöße nicht verdecken.

Die Haut unter ihrem Fell war weiß, besonders da, wo ihr Hemd, das sie noch trug, zerrissen vom Arm herabhing.

"Seht mal!" sagte jetzt der Oberjäger irritiert.

Die anderen starrten sie an.

"Die ist nicht so eine, lasst die Finger von ihr. Die gehört dem König", fügte er leise aber deutlich hinzu.

"Wieso, ist sie vielleicht ein Reh?" scherzte der Mann, der sie vergewaltigt hatte.

"Ist doch egal, alles was in seinem Wald gejagt wird, gehört dem König, weißt du das nicht?" grölte ein anderer Jäger.

Die anderen Männer schwiegen. Sie waren näher herangetreten und starrten betroffen auf die Frau. Alle Geilheit war aus den Blicken gewichen. Sie sahen jetzt eher beklommen aus.

"Wer bist du?" wiederholte der Jäger nachdenklich seine erste Frage. "Bist du aus vornehmem Haus?" Jetzt klang seine Stimme fast einschmeichelnd.

Marie begriff nicht gleich. Sie sah erstaunt an sich herab. Es dauerte einen Moment, bis sie verstanden hatte, was die Männer an ihr so irritierte und was sie zähmte wie dressierte Jagdhunde:

Sie sah die Blicke auf die hellen Stellen ihrer Haut gerichtet und auf das Hemd oder besser die Reste ihres Hemdes, an dem eine golddurchwirkte Kante zu sehen war und ein fein gesticktes Monogramm, ein M für Maria und ein Wappen, ein fürstliches Wappen. Marie hatte es nie beachtet. Der Anblick war für sie so gewohnt. Das Wappen hatte sich auf allen Kutschen befunden und über den Portalen des Schlosses. Hätte sie es früher bemerkt, so hätte sie vielleicht versucht, es herauszureißen oder mit Schlamm zu schwärzen. Es löste Erinnerungen in ihr aus, von denen sie auch in diesen schlimmen Minuten noch wusste, dass sie sie über alles hasste.

Aber es war der Anblick dieses Hemdes, der die Männer von ihren Plänen abgebracht hatte.

Irgendwo wollte sie es nicht wahrhaben, dass ihr früheres, verhasstes Leben sie jetzt, vor diesen Männern, die sie für ihre Beute hielten, retten könnte. Vielleicht begriff sie die veränderte Reaktion der Männer deshalb nur verlangsamt, erkannte sie ihre Chance nur zögernd.

"Bist du aus vornehmem Haus?" wiederholte der Oberjäger seine Frage.

Schließlich aber nickte Marie, kaum wahrnehmbar, fast widerwillig. Alle konnten es sehen.

Auf der Lichtung wurde es still. Das Hecheln der Hunde war wieder deutlich zu hören.

"Du Schwein, und du besteigst sie! Wer weiß, wer das ist!" brüllte plötzlich der Mann, der sie schon zu sich herüber gezogen hatte.

"Woher soll ich das denn wissen?" schimpfte der andere. "Weiber sind Weiber, oder?" wandte er sich hilflos grinsend an die anderen Männer.

"Ruhe jetzt!", die Stimme des Oberjägers klang zum ersten Mal klar und scharf. "Keine Sachen mehr! Sonst muss ich es melden. Ist das klar?"

Die Männer schwiegen und sahen vor sich hin.

"Wir nehmen sie mit. Bindet ihr die Hände zusammen, aber so, dass es nicht weh tut. Ihr seht, sie ist schon am Fuß verletzt.

Du gehst neben mir, Mädchen!", sprach er jetzt Marie direkt an und reichte ihr ein Seil. "Binde dir das um. Ihr nehmt die Hunde und gebt das Zeichen, dass wir etwas gefunden haben."

Einer der Männer setzte sein Jagdhorn an und gab das Signal.

Es hallte wider und übertönte für Sekunden alles.

 

Die Gruppe geriet nun in Bewegung. Der kleine Zug schritt langsam Richtung Osten. Die Sonne blendete zwischen den Zweigen. Alle gingen nur so schnell, wie Marie vorankommen konnte. Sie hinkte neben dem Oberjäger her, der sie vorsichtig am Arm gefasst hatte und führte.

Ihre Schmerzen im Fußgelenk und am ganzen Körper waren groß, aber sie versuchte, es nicht zu zeigen. Sie bemühte sich, mitzukommen. Alles andere hätte keinen Sinn gehabt. Vielleicht würden ja auch der König und sein Gefolge sie menschlich behandeln, wenn die sehen würden, dass sie früher einmal ganz anders gelebt haben musste als jetzt im Wald.

 

Einmal blickte Marie sich nach den Hunden um. Dort lief der große Braune, der sie zuerst umgeworfen hatte. Sie sah ihn fast liebevoll an. Es war wie ein Abschied.

 

* * *

 

 

Im Lager des Königs erregte der kleine Zug sofort Aufsehen.

Es war immer dasselbe: die Männer staunten erst, dann wurden sie frivol und frech und schließlich blieb betretene Neugierde. Marie ließ diese Szenen über sich ergehen ohne den Männern ins Gesicht zu blicken. Sie fühlte sich nicht mehr bedroht, für den Moment jedenfalls nicht. Die Männer, die sie gefunden hatten, ließen niemanden an sie heran. Der Mann, dessen Opfer sie vorhin geworden war, bemühte sich besonders um sie. Er hatte scheinbar Angst, dass sie ihn verraten würde. Was hätte ihr das genützt? Es hätten auch die anderen gewesen sein können. Marie nahm ihn kaum wahr.

Sie saß in der Ecke vor dem Zelt des Königs, die der Oberjäger ihr angewiesen hatte, froh sitzen zu können, leer in ihrem Inneren, leer durch die erlittene Qual und Angst und leer von der Zeitlosigkeit des Wartens, dessen Ende sie nicht ersehnte. Sie hätte einfach so sitzen bleiben mögen, für immer. Sie war nicht mehr fähig, neue Schrecken zu fürchten, sie war nicht mehr fähig, die alten, erlittenen Schrecken in sich zu fühlen.

 

Irgendwann wurde es unruhig im Lager. Wie lange sie schon so gesessen hatte, wusste sie nicht.

"Der König!" rief eine Stimme, jemand zerrte sie hoch.

Vor ihr stand ein geschmücktes Pferd. Es fiel ihr schwer, den Kopf so weit in den Nacken zu legen, dass sie den sehen konnte, der oben auf dem Pferd saß. Ihr Nacken schmerzte. Die Sonne blendete sie.

"Das ist sie", berichtete der Oberjäger, der neben dem König stand und die Zügel des Pferdes übernommen hatte. "Sie muss stumm sein. Verstehen kann sie uns. Sie scheint aus besserem Haus zu sein. Sehen Sie ihre Haut und dieses Hemd", berichtete er beflissen.

Und er zog ihr mit einer eifrigen Bewegung das Fell von der Schulter.

Der König war inzwischen vom Pferd gestiegen und stand vor Marie. Er blickte einige Sekunden auf die entblößte Stelle und sah ihr dann kurz direkt ins Gesicht.

Marie blinzelte. Die Sonne trieb ihr Tränen in die Augen. Der Blick dieses Mannes machte sie befangen.

"Du bist stumm?" fragte er.

Marie nickte.

"Was ist das für ein Wappen, Männer?" Er blickte herausfordernd in die Runde. Keiner antwortete.

"Ich kenne es nicht", sagte schließlich der Oberjäger zögernd. "Keiner kennt es."

"Bist du aus fürstlichem Haus?" fragte der König.

Wieder nickte Marie, diesmal zögernd. Wie wünschte sie sich im diesem Moment, sprechen zu können, erklären zu können, wer sie sei, wer sie nie sein wollte. Und sie hätte ihm auch zu gerne gesagt, dass sie genau wusste, dass seine Männer ganz anders mit ihr umgehen würden, wenn sie wüssten, dass sie die eigentlich Tochter eines armen Korbflechters ist.

"Vielleicht hat sie das Hemd gestohlen", rätselte der Oberjäger in das fragende Gesicht des Königs.

"Und die Haut?" schaltete sich jetzt ein anderer ein.

"Wir werden es schon herausfinden. Wir nehmen sie mit. Behandelt sie anständig. Gebt ihr etwas zum Anziehen und zu essen!"

Der König ging ins Zelt ohne sie noch einmal anzusehen.

 

Jemand brachte sie fort. Sie bekam saubere Männerkleidung, eine Schüssel Wasser und blieb allein.

Einige Zeit später brachte der Oberjäger etwas zum Essen. Sie dankte. Als sie wieder alleine war, aß sie blind und hastig. Dann legte sie sich auf den Strohsack in der Ecke des Zeltes.

Sie hatte geglaubt, auf der Stelle einschlafen zu können. Aber als sie morgens im Halbschlaf lag, war es ihr, als habe sie die ganze Nacht wach gelegen. Die Bilder des vergangen Tages zogen immer neu an ihr vorbei und durch sie hindurch: Sie fühlte erneut und immer wieder den Schrecken, dann die Angst, vor dem was kommen würde und schließlich den alles überschwemmenden Ekel. Und immer danach kehrte auch die Leere zurück in ihren Kopf und ihren Körper, die sie nach all den Schrecken schließlich im Lager des Königs ergriffen hatte.

 

Irgendwann im Traum sah sie vor sich das Pferd mit seinem königlichen Schmuck, seinen schlanken, tänzelnden Fesseln und bemerkte überrascht, dass sie dem Tier mit der Hand über das seidige Fell strich. Ach, richtig, das war ja ihr Pferd, ihr Schimmel, mit dem sie heute ausgeritten war! Vor ihr lag die sanfte, hügelige Landschaft, die gleich hinter dem Schlosspark begann. Die Baumreihen am Horizont verwandelten langsam ihre Linienführung, während sie ritt. Der Horizont hatte die Weite der ganzen Welt. Wenn sie darauf zureiten würde, käme sie irgendwann einmal an die Grenze.

Aber sie ritt nicht zum Horizont. Sie kam zurück, band das Pferd an, tätschelte liebevoll seinen Rücken. Ein Stallknecht eilte herbei um es abzureiben. Im Schloss kam ihr Christian entgegen. Sie fühlte ganz deutlich, dass sie lächelte und dachte, dass sie einzig um seinetwillen wiedergekommen war. Nur um seinetwillen.

"Guten Tag, Maria", seine Stimme erinnerte sie an etwas. Sie reichte ihm die Hand und sah in seine hellen, durchsichtigen Augen. Wie der Himmel über dem Horizont, dachte sie verwundert.

"Gut, dass du kommst, die Fürstin hat schon nach dir gefragt."

Marie stutzte, schluckte, wollte etwas sagen. Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Sie schüttelte gequält und entsetzt den Kopf. Christian sah sie erschrocken an. "Was ist los? Ist dir nicht gut?"

Sie öffnete den Mund. Sie hörte sich gurgeln. Sonst kam kein Laut heraus. Das Gesicht Christians verzerrte sich vor ihren Augen.

"Bist du stumm?" fragte er verwirrt.

Sie rührte sich nicht mehr.

"Was ist los? Du bist so blass geworden! Soll ich die Fürstin holen?"

"Nein!" schrie sie und sie glaubte, ihre Stimme hören zu können, "nein, nicht sie, bitte nicht sie!"

Aber Christian konnte sie nicht hören. Er starrte sie nur weiter entgeistert an.

"Es soll jemand die Fürstin holen, schnell!" rief er einem Diener zu, der gerade vorbeikam.

Marie schloss die Augen und fiel.

Dann war da wieder die Leere, das Warten.

 

Die Morgengeräusche des Lagers drangen allmählich in ihr Bewusstsein. Sie begriff, wo sie war und in welcher Lage sie sich befand. Sie richtete sich auf. Sie musste also doch geschlafen haben und geträumt.

Ein warmes Gefühl war noch von ihrem letzten Traum übergeblieben. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern. Sie ahnte, dass sie von damals geträumt haben musste, aber diesmal nicht von der Flucht und auch nicht von ihr. Da war noch etwas gewesen. Etwas sehr Schönes. Etwas, das sie bewogen hatte, immer wieder zurückzukehren mit ihrem Pferd, damals, als sie noch hätte fortgehen können.

Es überfiel Marie plötzlich Scham, dass sie nach allem, was ihr gestern geschehen war, angenehme Träume hatte haben können und dies auch noch verbunden mit einer Zeit, an die sie sich nie mehr erinnern wollte! Hatte jene doch Recht? Würde sie eines Tages so weit sein, dass sie sich zurücksehnte? War das Elend und war der Schmerz, waren die Demütigungen, die diese Welt für sie noch bereit hielt, waren sie doch größer als die Verletzungen, die jene Frau ihr zugefügt hatte, mit gütig lächelndem Mund aber mit eisernen Fingern? Es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein!

Marie versuchte, sich ihrer Lage bewusst zu werden. Sie musste überleben. Was würden sie mit ihr machen? Vielleicht würden sie sie als Betrügerin anklagen und sie Hexe nennen. Wenn sie Glück hatte, würden sie sie einfach fortjagen. Sie würde gehen. Sie ist eine, die immer fortgehen wird.

 

Marie verscheuchte all diese Gedanken, als der Oberjäger in ihr Zelt kam. Seine Gegenwart erforderte alle Konzentration und Aufmerksamkeit. Die Leere, die Marie so viele Stunden in sich gefühlt hatte, war mit einem Mal fort. Der Oberjäger brachte wieder Essen und Wasser. Ein anderer Jäger kam, und verband ihren Fuß.

Als der Oberjäger sie erneut fragte, ob sie vornehmer Abstammung sei, nickte sie dieses Mal fest und stolz und versuchte sogar zu lächeln.

Als sie aus dem Zelt geführt wurde und den König auf seinem Pferd sah, fiel ihr zusammenhanglos der Name "Christian" ein. Warum, wusste sie nicht. Aber sie musste unwillkürlich vor sich hin lächeln. Und es war ihr recht, dass der König dieses Lächeln auffing, als gelte es ihm.

"Du gefällst mir in deinen Männerkleidern", schmunzelte er.

Marie sah ihn an.

"Wir haben eine Frage an dich", fuhr er fort. "Frag sie!", wandte er sich an den Oberjäger. In seinen Augen lag Spannung und Wärme

"Wenn du wirklich aus vornehmem Haus bist, müsstest du schreiben können", sagte langsam und wichtig der Oberjäger zu ihr und hielt ihr einen Griffel und eine Tafel hin.

Marie sah die vertrauten und so lange nicht mehr benutzen Gegenstände an. Sie musste erneut lächeln. Warum nur hatte sie daran nicht gedacht? Es gab also doch eine Möglichkeit, sich zu verständigen! Vielleicht hatte sie nie erwartet, nach ihrer Flucht auf Menschen zu treffen, die gebildeten Kreisen angehörten. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass sie sich auf diese Weise mit Menschen in ihrer Heimat hätte verständigen können.

Sie griff nach der Tafel und dem Stift. Gestern hätte sie diese Kunst vielleicht noch verheimlicht, so wie sie das Wappen geschwärzt hätte. Aber nun sah sie einen Weg: jetzt würde sie sich retten können durch das, was sie gelernt hatte in jener Fremde. Und sie würde es richten gegen die, die sie verflucht hatte.

 

"Schreib deinen Namen", forderte der König sie auf. Es klang feierlich. Sie sah ihn an und wusste auf einmal, von wem sie geträumt haben musste. 'Christian', dachte sie, 'ich hatte ihn vergessen'.

Sie schrieb "Marie", langsam und in großen Buchstaben. Ihre geschulte Schrift konnte sie nur schlecht verstellen.

Sie reichte dem König die Tafel, nicht dem Oberjäger, der die Hand danach ausgestreckt hatte. Und der König beugte sich hinunter und nahm die Tafel an.

"Gut, Marie", sagte er nur und lächelte zufrieden.

Er richtete sich auf und wandte sich an die Männer, die sich vor seinem Zelt versammelt hatten und die Szene mit Spannung verfolgten:

"Wir beenden die Jagd und kehren ins Schloss zurück."

Dann beugte er sich zu Marie und fragte leise, aber jeder konnte es hören:

"Ich möchte dich gerne mitnehmen. Willst du?"

Es war totenstill. Keiner der Männer wagte sein Erstaunen zu äußern. Und Marie stand da, zitternd, weil sie die plötzlich und unerwartet in Aussicht gestellte Freiheit überraschte und erschütterte.

Sie zögerte.

Jetzt wurden murrende Laute der Jäger hörbar. Wie konnte sie zögern! Wer ist sie, dass sie da zögern kann! Der König wartete, hob die Hand und stellte die Ruhe wieder her. Und er wiederholte: "Willst du?"

Und Marie sagte ja. Keiner konnte etwas hören aber alle hatten ihre Geste verstanden.

 

Und Marie fragte sich in den kommenden Wochen immer wieder, ob sie diese Entscheidung gefällt hatte, um sich eine sichere und warme Bleibe für den Winter zu sichern oder ob sie es wegen der Erinnerung an Christian getan hatte oder einfach nur in einer vagen Hoffnung, etwas von dem wieder zu finden, was sie dort zurückgelassen hatte, etwas von dem, was sie trotz allem inzwischen liebte und begehrte im Reich ihrer Feindin.

Oder war es einfach nur der Zauber gewesen, der Zauber dieses nicht gekannten, nie erfahrenen und immer ersehnten Gefühls, wirklich frei wählen zu dürfen, wirklich gefragt zu werden?

 

* * *

 

 

Sie hatte nicht darum gekämpft, hier im Schutze des Schlosses leben zu dürfen. Aber sie war froh, eine warme Bleibe während der Frostmonate zu haben, war froh, einigermaßen ungeschoren davongekommen zu sein. Sie lebte unauffällig in der Hütte am Rande des Dorfes, die man ihr überlassen hatte. Sie holte sich Holz auf dem Schloss, wärmte sich die Reste aus der Küche auf, die man ihr gab.

Sie wollte diese Wohltaten nicht umsonst. Sie bot ihre Dienste an und wurde als Putzmädchen in der Küche beschäftigt. Sie säuberte das Geschirr, wischte die Tische ab, putzte die übergelaufenen Reste vom Ofen. Marie war zufrieden mit dieser Arbeit.

Ihre Stummheit versagte es ihr, sich mit den Dienern und Mägden zu unterhalten. Sie bemühte sich, fleißig zu sein und freundlich, um das Misstrauen zu zerstreuen, das in den Augen der anderen noch lebendig war. Sie merkte, wie sie hinter ihrem Rücken tuschelten. Und wenn sie einmal etwas nicht verstand, scherzten die anderen: „Schreib’s ihr doch auf!" Und alle lachten lauthals, denn keiner von ihnen konnte lesen oder schreiben.

Maries Bereitschaft, zuzupacken und niedrige Arbeiten zu verrichten und andererseits das hartnäckige Gerücht, sie sei aus vornehmem Hause und eigentlich Besseres gewöhnt, passten für die Leute schlecht zusammen.

 

Der Frost kam schnell und biss sich in wenigen Tagen in den Boden und in die Balken der Hütte.

Marie saß abends wie jeden Tag nah an ihrem Ofen. Sie war müde von der Arbeit aber nicht müde genug, um zu schlafen. Ihr Bauch schmerzte leicht, sie verspürte ein ihr gut bekanntes Ziehen und Stechen, das sie am Morgen dieses Tages erleichtert wahrgenommen hatte: Der brutale Überfall auf jener Waldlichtung war also ohne Folgen geblieben.

Nun galt es nur noch, die ersten warmen Tage abzuwarten. Dann konnte sie wieder fortgehen. Vielleicht würde sie von hier aus das Dorf finden, in dessen Nähe die Hütte ihrer Eltern gestanden hatte. Es war noch immer ihr größter Wunsch, nach Hause zu finden. Irgendwie würde sie es auch dort schaffen, sich nützlich zu machen und ihr Auskommen zu haben.

Die vergangenen einsamen Monate im Wald erschienen Marie jetzt wie eine Zeit, in der sie sich hatte freiatmen müssen von dreizehn Jahren Gefangenschaft im Paradies der Feindin. Sie hatte nicht zur Ruhe kommen können, war auf der Flucht geblieben, bis sie schließlich gefunden wurde.

Jetzt, an ruhigen, kalten Winterabenden, hatte sie reichlich Zeit zum Nachdenken. Immer näher ließ sie nun die Erinnerungen an diese Zeit an sich heran. Die Flucht vor der Feindin hatte alle Fäden abgerissen, die sie mit deren Welt verband. Das war der Preis gewesen. Sie hatte bezahlt: Nie mehr würde sie ihren Schimmel wieder sehen, nie mehr mit ihm über die weiten Hügel hinter dem Park reiten können, nie wieder ihre persische Katze streicheln.

Der Hof des Königs hier erinnerte Marie an vieles von dort: der Park, die Vornehmheit der breiten Treppen und die Weite der Säle. Einmal hatte Marie den unwiderstehlichen Drang empfunden, den Raum zu betreten, in dem sie die Bibliothek vermutete. Aber in einem der tiefen Sessel des mit Holz vertäfelten Raumes, dessen Bücherregale bis unter die Decke reichten, sah sie einen der Hofleute sitzen. Sie konnte ihn nur flüchtig von hinten sehen. Sie war schon verschwunden, als er sich nach ihr umdrehte.

Den König selbst hatte Marie seit jener Begegnung auf der Jagd nur noch einmal gesehen. Er hatte sie rufen lassen, drei Tage nachdem sie im Schloss angekommen waren. Er fragte, wie es ihrem Fuß ginge und ob sie einstweilen mit der Hütte zufrieden sei. Marie hatte genickt ohne ihm ins Gesicht zu blicken.

Als er nach ihren Wünschen fragte, schüttelte sie den Kopf und schob die Tafel fort, die ein Diener ihr reichen wollte. Der König schwieg. Marie wartete. Die Begegnung erfüllte sie mit Unbehagen. Sie wollte nicht noch mehr Gnade.

Das Schweigen dehnte sich. Schließlich blickte sie auf, um zu ergründen, warum er schwieg. Ihre Augen trafen sich und Marie erschrak, weil nicht Gnade, sondern wieder jener Blick auf ihr ruhte, den sie von Christian kannte.

"Soll ich den Mann bestrafen lassen, der dir Gewalt angetan hat?" fragte er unerwartet mit vorsichtiger Stimme.

Marie schoss das Blut ins Gesicht. Er wusste es also! Alle würden es wissen! Wut stieg in ihr auf. Sie schüttelte den Kopf, böse auf den, der sie daran erinnerte.

Und zu aller Verwunderung sagte der junge König "Entschuldige", ohne dass er selbst hätte sagen können, wofür er sich vor dieser Frau zu entschuldigen gehabt hätte.

Dann war Marie wieder hinausgeführt worden.

Für die Leute im Schloss erschien sie nach diesem Vorfall noch rätselhafter.

 

An Christian aber dachte Marie jetzt immer öfter.

Auch ihn hatte sie dort zurücklassen müssen. Aber seine Liebe hatte sie schon früher verloren, damals, nachdem die Frau dahinter gekommen war und Christian verboten hatte, sie zu lieben.

Bis heute konnte sich Marie nicht erklären, was die Feindin ihm gesagt haben musste, sodass er tatsächlich aufhören konnte, sie zu lieben. Er, der sie geliebt hatte wie sein Leben, der sie verwechselt hatte mit seinem Leben! Sie hatten sich sogar zärtlich zugeflüstert, dass all das Elend und die Traurigkeit von Maries Schicksal in ihrer Liebe einen Sinn bekommen habe. Denn ohne dass die Fürstin Marie zu sich geholt hätte, wären sie sich nicht begegnet. "Und ich wäre vor Sehnsucht umgekommen!" hatte er geseufzt.

"Ach was!" Marie lachte in jenen Tagen wieder, wie sie als kleines Mädchen hatte lachen können. "Du hättest eine andere gefunden, eines von den schönen, reichen, gebildeten Mädchen hier. Du hättest dich hervorragend getröstet!"

"Nein, ich weiß es genau", beteuerte er und hatte ihr mit der Rückseite seines Zeigefingers zärtlich über die Wange gestrichen. "Ich hätte dich überall gesucht und wenn ich dich hier oben nicht gefunden hätte, wäre ich aufgebrochen, wäre in deine Wälder gegangen, hätte dich gefunden vor der Hütte deiner Eltern und hätte dich weggeholt von deinen Eichhörnchen und deinen Kuckucksnelken."

"So also denkst du dir das!? Glaubst du denn, ich hätte dich so einfach genommen? Du hättest erst einmal ein anständiger Korbflechter werden müssen und mir helfen können, das Dach der Hütte wieder dicht zu kriegen", neckte Marie.

"Na gut! Und danach ziehen wir aus in die Welt und fangen irgendwo ein neues Leben an, weit weg von hier, so wie es uns beiden passt", lächelte Christian.

"Kämst du wirklich mit?" fragte Marie auf einmal mit ernstem Gesicht.

Der veränderte Ton ihrer Stimme riss Christian aus seinen verliebten Träumen.

"Wo sollten wir hingehen? Ich kenne nichts anderes als das Leben hier. Aber ich..."

Er brach ab und schwieg. Sie gingen an diesem Tag still und verwirrt auseinander.

Aber am anderen Tag, als sie sich in ihrem Versteck trafen, sagte er: "Ich habe nachgedacht, Marie. Ich kenne das Leben draußen nicht und es macht mir Angst. Aber du bist von dort gekommen. Es kann also nicht schlecht sein. Wenn du gehst, gehe ich mit."

Und Marie hatte ihn schweigend geküsst.

Also war ihre Liebe ein Ausweg, eine Chance, eine Rettung geworden!

Sie bewahrten ihr Geheimnis vor aller Welt. Und ihre Liebe wurde durch dieses Versprechen ernster und größer.

 

Doch dann kam er eines Tages und sagte:

"Maria, wir müssen auseinander gehen. Frag mich nicht! Es geht einfach nicht mehr."

Sie stierte ihn fassungslos an und fragte tonlos mit trockener Stimme:

"Liebst du mich denn nicht mehr?"

"Ich liebe dich mehr als mein Leben, Maria. Du weißt es. Es hat sich nicht geändert."

"Aber wie kannst du dann sagen, wir müssten uns trennen? Wieso?"

"Es geht nicht, glaube mir! Quäl mich nicht. Quäl uns nicht. Bitte sei vernünftig!"

Marie fiel in Panik. 'Warum, warum?' drehte es sich in ihrem Kopf.

Er ging ihr seit diesem Tag aus dem Weg. Es war schwer, ihn alleine anzutreffen. Sie fing ihn heimlich ab.

"Warum?" fragte sie flehend. "Warum? Ich liebe dich so. Du wolltest mit mir gehen!"

"Du zerbrichst mein Herz", sagte er traurig und leise. "Ich liebe dich. Aber ich darf dich nicht lieben."

"Darf? Wer hat es dir verboten? Wer kann es verbieten?"

Er schwieg. "Maria", sagte er schließlich flehend.

"Sie? Etwa sie?"

In Marie stieg ohnmächtige Wut auf. Sie war es, sie hatte eingegriffen, wollte ihr nun auch dieses zerstören. Aber das konnte sie nicht!

"Warum lässt du dir das verbieten? Wieso kann sie dir das verbieten? Sag es mir! Wieso?"

Marie trommelte mit ihren Fäusten verzweifelt auf seine Brust. Er hielt sie an den Handgelenken fest und machte sich los.

"Sie hat es mir nicht verboten. Ich selbst will nicht mehr. Es würde mein Leben zerstören!

"Dein Leben?! Ich dachte, ich sei dein Leben." sagte sie hastig. Lauernd.

"Ach Maria", Christians Stimme klang müde und gequält. In seiner Stimme lebte sie schon nicht mehr, die Liebe. Sie konnte es hören, sie lag erdrosselt und kalt am Boden.

Marie wandte sich ab.

 

Wochenlang mied sie die Gesellschaft anderer. Sie weinte und tobte abwechselnd. Sie schürte in sich den Hass all ihrer Jahre hier an diesem Ort: Erst hatte sie ihr die Eltern und ihr zu Hause genommen, ihren Namen, ihre Identität, und nun nahm sie ihr den ersten und einzigen Menschen, der ihr Herz erreicht hatte nach all den Jahren der Einsamkeit und Trauer.

Als sie nicht mehr weinen konnte stand sie auf und ging zu ihr. Seit Jahren vermied sie es, ihre Gemächer zu betreten. Jetzt suchte sie sie auf.

"Maria, mein Kind! Es ist schön, dass du kommst. Man sagt mir, es gehe dir nicht gut?"

"Gib mir Christian wieder!", stieß sie hervor. Um sie herum war alles weiß und zerfloss im grellen Licht. Sie sah nur die Fürstin, wie sie dort saß, gelassen, schön, hoheitsvoll, und wie ihr Mund lächelte und ihre Augen schwiegen wie tote Wasser.

"Ich kann dir Christian nicht wiedergeben. Es ist seine Entscheidung."

"Was hast du mit ihm gemacht? Was hast du ihm gesagt?" schrie sie die Frau an.

Die schwieg. Und Marie fühlte, wie jemand ihr unter die Arme griff und sie hinausführte. Diese Frau hatte Macht über alle Seelen. Was nur hatte sie ihm angetan?

Marie irrte durchs Schloss, fragte jeden nach Christian. Sie bekam zögernde Auskunft. Er sei ausgeritten. Marie rannte zum Stall. Eine wahnwitzige Idee war in ihr aufgeblitzt: Vielleicht wartete er auf sie, dort, wo der Weg frei war über den Hügeln bis zum Horizont. Vielleicht wartete er schon und sie würden fortgehen für immer. Er hatte es gesagt. Er wird es nicht vergessen haben!

Im Stall aber fehlte ihr Schimmel.

"Wo ist mein Pferd?" fragte sie voll böser Ahnungen den Stallburschen.

"Die gnädige Frau hat angeordnet, dass Sie nicht mehr ausreiten dürfen".

Panik ergriff Marie. Sie müsste also laufen zu ihm. Sie drehte sich wie im Traum um. Der Stallbursche schien ihre Absicht zu erraten.

"Das Tor ist abgeschlossen. Sie werden nicht mehr hinausgelassen", sagte er vorsichtig.

Marie wurden die Knie weich. Sie setzte sich fassungslos auf die Erde. Es war aus. Jetzt war sie gefangen. Gestohlen und gefangen für immer.

"Herr Christian kommt gerade zurück", sagte der Stallbursche jetzt. Er sprach mit einer Stimme zu ihr, mit der man zu Kranken spricht. Marie blickte auf. Tatsächlich kam Christian auf dem Weg zum Stall geritten. Er grüßte Marie so, wie er jeden Bekannten gegrüßt hätte und stieg vom Pferd.

"Warum sitzt du da unten?", ein leiser Ärger klang in seiner Stimme.

"Wenn du mich liebst, kannst du nicht so gemein zu mir sein".

"Ich liebe dich", es klang wie das Eingeständnis einer schlimmen Krankheit. "Quäle mich nicht so. Wenn du mich liebst, so lass mich".

"Wie kannst du das verlangen? Wie kann ich dich lassen, wenn ich dich liebe?

Und als er einfach weiterging, schrie sie ihm hinterher:

"Hat sie dich wirklich verzaubert oder hast du die ganze Zeit gelogen? Sag es mir! Ich muss es wissen! Ich begreife dich nicht. Sag es mir endlich, damit ich wenigstens weiß, wen ich hassen kann!"

Er drehte sich um. Er war sehr bleich.

"Ich habe nicht gelogen und ich lüge auch jetzt nicht: Ich liebe dich und ich will nicht mehr. Lass mich bitte. Es hat keinen Sinn, Maria!"

Marie blickte ihm nicht nach.

 

Lange hatte sie gebraucht, sich damit abzufinden. Sie konnte es einfach nicht verstehen und nicht glauben: dass seine Liebe einfach fort war, dass es irgendetwas auf dieser Welt gab, dass stärker gewesen war als ihre Liebe! Nur ihr Hass auf die Feindin gab ihr die Hoffnung, dass nicht er aufgehört hatte sie zu lieben, sondern dass sie sich seiner Seele bemächtigt hatte um ihr, Marie, wehzutun, um ihr die Liebe vorzuenthalten wie die Freiheit, wie ihren Namen und ihr Leben - weil sie es nicht dulden konnte, dass dieses Kind, für das sie soviel getan hatte, das sie behandelte, wie sie ihre eigene Tochter behandelt hätte, dass dieses Mädchen es wagte, ihre Liebe auszuschlagen.

 

Christian kam nie mehr zu ihr zurück. Sie sahen sich täglich am Hofe. Aber nie mehr gab es ein vertrautes Gespräch zwischen ihnen. Er war verloren. Irgendwann konnte auch sie ihn betrachten wie einen Menschen, den sie nie persönlich gekannt hatte. Dieser Fremde hier hatte mit dem Christian ihrer Liebe nichts mehr gemein.

Als sie später floh, dachte sie nicht mehr an ihn. Sie floh alleine und das war besser so.

Und erst der Blick dieses jungen Königs hatte ihr die Erinnerung an Christian und ihre frühere Liebe zurückgebracht.

Sie verbarg ihre Gefühle. Es stand ihr nicht zu, dem König schöne Augen zu machen. Es stand ihr nicht zu, seine Liebe zu erhoffen.

 

An einem Abend im Februar, als es noch immer sehr kalt war aber die Tage schon länger wurden und das Licht des Abends noch nicht aus dem Schlosshof gewichen war und zartrosa Töne über den Hügeln im Westen den Himmel einfärbten, klopfte es an ihrer Tür.

Marie erschrak: Noch nie war jemand zu ihr gekommen.

Es war der Kammerdiener. Er trug einen Sessel und eine bestickte Decke.

"Heiz stärker ein!" sagte er zu Marie. "Der König will mit dir sprechen. Er kommt in wenigen Minuten."

Er stellte den Sessel hin, legte die Decke darauf und verschwand. Sein Gesicht drückte Missfallen und Verwunderung aus.

Marie blieb einige Augenblick überrascht sitzen. Dann legte sie hastig Holz nach, griff nach ein paar Sachen, die am Boden lagen und räumte sie in die Nebenkammer.

Was wollte der König? Und wieso ließ er sie nicht rufen? Die Leute werden sich die Münder zerreißen!

 

Er trat ein ohne anzuklopfen, blieb vor ihr stehen und als sie verwirrt aufstand von ihrem Holzschemel, sagte er lächelnd:

"Setz dich, ich muss mit dir reden."

Marie senkte den Kopf.

"Entschuldige den Ausdruck, man sagt es so dahin. Hier, ich habe die Tafel dabei."

Und ehe Marie reagieren konnte, fügte er hinzu: "Bitte, lehne es nicht wieder ab. Ich bitte dich, sie zu benutzen!"

Marie ergriff die Tafel und wartete. Der Griffel in ihrer Rechten zitterte leicht.

"Hör zu", begann der König, „ich bin nicht gekommen, dich auszufragen. Aber es gibt etwas, was ich nicht verstehe. Vielleicht willst du es mir erklären. Ich habe Erkundigungen eingezogen: Das Wappen an deinem Hemd ist über 200 Jahre alt. Der Adelszweig ist ausgestorben. Ich kann das nicht begreifen“. Er wartete. "Du musst es mir nicht erklären, wenn du nicht willst".

Marie schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf.

"Gut", der König zögerte ein wenig.

Plötzlich griff er unter seinen Mantel. Er holte ein Buch heraus.

"Ich habe dir etwas mitgebracht." Er hatte das kurze Entsetzen in ihrem Blick gesehen. "Ich werde dir nichts tun. Hab keine Angst", sagte er verlegen. "Ich mache mir nur Gedanken deinetwegen, du gehst mir nicht aus dem Kopf mit deinem Rätsel. Ich habe gedacht, das hier wird dir vielleicht Freude bereiten".

Marie griff ohne zu überlegen nach dem Buch. Es war eine in Leder gebundene Ausgabe des Simplizissimus, eines ihrer Lieblingsbücher. Sie lachte auf.

"Du kennst dieses Buch?" fragte der König erfreut.

Marie nickte verwirrt. Wie lange hatte sie kein Buch mehr in den Händen gehabt! Sie öffnete das Buch und strich liebevoll über die Seiten.

"Du kannst es behalten. Ich schenke es dir." sagte er. "Nein, du musst dich nicht bedanken! Und wenn du willst, kannst du ruhig in meine Bibliothek. Ja, ich habe dich gesehen neulich, obwohl du so schnell fortgelaufen bist".

Marie war rot geworden.

"Eine Magd in einer Bibliothek!" schrieb sie und hielt es ihm hin. Spöttisch und herausfordernd blickte sie ihn an.

"Niemand hat dir gesagt, dass du als Magd arbeiten sollst".

Sie starrte vor sich hin. Es wurde still in der Hütte.

"Bist du immer schon stumm gewesen?" fragte er plötzlich.

Sie sah hoch und schüttelte langsam den Kopf.

"Es ist ein Fluch", schrieb sie auf und sah ihm in die Augen. Er erschrak nicht.

"Wer konnte dich so hassen?" fragte er stattdessen.

Marie sah ihn an. Über Christians Seele hatte die Fürstin Gewalt gehabt. Aber hier unten war ihre Macht zu Ende. Sie war entflohen, sie war entkommen.

"Sie", schrieb sie, "die Fürstin".

Und als er gespannt und fragend auf ihre Hand blickte, wie zur Aufforderung, sie möge weiter schreiben, schrieb sie:

"Ich bin die Tochter eines einfachen Korbmachers. Die Fürstin hat mich meinen Eltern abgekauft als ich sieben Jahre alt war."

Sie stockte. Sie hatte es nicht erzählen wollen. Er fragte nicht weiter.

"Danke für dein Vertrauen, Marie. Ich würde mich freuen, wenn du als mein Gast im Schloss wohnen würdest."

Marie schüttelte den Kopf.

 

In den nächsten Tagen las sie wie eine Versinkende das Buch. Dann ließ sie sich dem König melden und wurde vorgelassen.

Als es Frühling war, zog sie nicht fort, sondern vertauschte ihre Hütte mit einem Zimmer im Schloss.

Als es Herbst war, wusste sie, dass sie bleiben würde.

 

* * *

 

 

Marie hatte keine Angst.

Jeder Mensch war schließlich so auf die Welt gekommen, jeder Mensch hatte der Frau, die seine Mutter war, Schmerzen bereitet. Und doch stand diese Frau ein paar Tage später auf und war gesund und froh, ein Kind geboren zu haben. Es gab Ausnahmen, sicher.

Marie schmunzelte, wenn sie sein besorgtes Gesicht sah. "Tut es weh?"

'Natürlich', lächelte sie zurück. 'Aber es wird vergehen. Ich werde tapfer sein.'

Sie hatten gelernt, sich zu verstehen, ohne dass er ihre Stimme hörte und ohne dass sie etwas für ihn aufschreiben musste. Ihre Stummheit störte nicht mehr. Er verstand es, aus ihren Augen zu lesen, aus ihrem Gesicht zu erraten, was sie bewegte und von ihren Lippen zu lesen, was sie sagen wollte.

Sie waren jetzt schon lange eine Paar, ein glückliches Paar. Jeder konnte es sehen. Er kannte ihre ganze Geschichte: All ihren Kummer, den Verlust ihrer Kindheit, die Qualen ihrer Jugend hatte sie ihm erzählen können. Und was sie nicht schreiben konnte, hatte er aus ihren Tränen erraten.

Er war mit ihr auf Reisen gegangen. Sie hatten das Dorf und die Hütte ihrer Kindheit wieder gefunden. Die Hütte war verfallen. Keiner der Menschen, die in der Gegend lebten, erkannte Marie, aber dem König gab jeder voller Eifer und Furcht Auskunft:

Die Eltern waren vor vielen Jahren beide kurz nacheinander gestorben. Die Schwester war daraufhin mit ihrem Mann in eine andere Gegend gezogen. Der älteste Bruder war als Korbmachergeselle auf Wanderschaft gegangen vor vielen Jahren und nicht wieder zurückgekehrt. Der zweite Bruder starb durch einen Unfall beim Holzfällen. Der König schenkte dessen Witwe und ihren Kindern reichlich Geld.

Der dritte Bruder lebte in der nahen Stadt und war Bäcker geworden. Er erkannte seine Schwester nicht, wünschte ihr höflich Glück und sagte, Marie wäre ja schon früh in bessere Kreise gekommen. Die Mutter hätte viel geweint wegen ihr. Sie hätte sie so gerne noch einmal gesehen! Aber nie hätte jemand wieder etwas von Marie gehört. Das hätte die Mutter umgebracht.

Als Marie bei diesen Worten angefangen hatte verzweifelt zu weinen, legte ihr Gemahl schützend seinen Arm um sie und befahl dem Bruder, zu schweigen. Er schenkte diesem Bruder und seiner Familie nichts. Die waren sehr enttäuscht, denn sie hatten längst von dem großzügigen Geschenk für die Frau des ersten Bruders gehört. Man sah dem König und Marie verwundert und ärgerlich nach.

 

Das Schloss der Fürstin suchten sie nicht. Marie wollte es nicht finden. Sie wollte vergessen.

Der König, dessen Gelehrte nach wie vor behaupteten, dass niemand mehr lebe, der das besagte Wappen zu Recht tragen könne, fand sich mit dem Geheimnis ab.

 

Marie war also Königin geworden. Sie hatte keine Schwierigkeiten gehabt, in diese Rolle hineinzuschlüpfen. Dreizehn Jahre lang war sie wie eine Königstochter erzogen worden. Und sie wurde eine würdige Königin. Man sah es ihr an, dass sie eine fürstliche Erziehung genossen hatte. Die Leute am Hof wunderten sich, wie schnell und übergangslos aus dem Waldmädchen, aus der Magd, eine vornehme, gebildete Frau geworden war, eine Königin schließlich. Manche am Hof neideten es ihr auch. Aber viele ehrten sie wegen ihrer Bescheidenheit und Freundlichkeit, die sie nicht ablegte mit den armen Kleidern.

 

Warum bist du damals eigentlich mitgekommen?" fragte der König eines Abends seine Frau.

Sie sah ihn nachdenklich an. Der nahende Winter tauchte wieder vor ihr auf, die ersten Frostnächte am nackten Waldboden, der eisige Wind, sie dachte an die erlittene Gewalt und Schmach, an die Schmerzen, die sie hilflos und wehrlos machten und an ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht nach menschlicher Nähe. Und sie erinnerte sich seines Blickes, der in ihr die Hoffnung auf Leben und Liebe und neues Glück hatte wecken können.

Sie sah ihn spitzbübisch an und schrieb:" Ich hatte Angst vor dem kalten Winter."

Er lachte. "Wie gut, mein Herz, dass meine Jäger dich gefunden haben. Vielleicht hätte ich dich nie getroffen!"

Dann fiel ihm ein, was ihr durch seine Jäger geschehen war. "Verzeih!" er strich über ihr Haar.

Aber sie war nicht erschrocken. Die Fröhlichkeit ihres Herzens ließ die alten Schmerzen nicht mehr zu.

"Gefunden hat mich doch Arco", schrieb sie auf.

Sie hatte ihn eines Tages wieder gefunden, ihren brauen, zottigen Bezwinger und Beschützer. In der Meute der Jagdhunde war er der größte. Und Marie pflegte ihn zu rufen und ihn zu kraulen. Arco mochte sie. Ob er sie wieder erkannt hatte, konnte niemand sagen.

Den Mann aber hatte Marie nie mehr gesehen. Und sie vermied es, nach ihm zu fragen und an ihn zu denken.

 

Nun war schon mehr als ein Jahr vergangen, seit sie ins Schloss gezogen war. Über der Vergangenheit lag die Decke des Vergessens. Es war Marie oft, als sei sie es gar nicht selbst gewesen, die da geflohen war, monatelang im Wald gehaust hatte, und schon gar nicht die, die lange unglückliche Jahre gefangen war in einem Paradies, die verkauft worden war von den geliebten Eltern. Nur in schlechten Träumen trat diese Zeit noch manchmal in ihr Gedächtnis. Ihre Liebe und ihr Glück hatten sie mit der Vergangenheit ausgesöhnt und allen Groll und alle Bitterkeit ausgelöscht.

Nun also würden sie bald zu dritt sein! Der König konnte es kaum erwarten, sein Kind zu sehen und hatte doch Angst, etwas Schlimmes könne passieren. Das ganze Schloss war in Aufregung.

Marie dachte daran, wie es in ihrer Kindheit war, wenn eine Frau ein Kind bekam. Sie sehnte sich ein wenig nach der Einsamkeit ihrer elterlichen Hütte. Dort würde sie alleine sein mit ihrem Mann, ohne Gaffer und ohne neugierigen Hofstaat.

 

Die Schmerzen wurden allmählich stärker, die Pausen zwischen den Wehen dauerten nur noch kurz und reichten kaum aus, um neue Kraft zu schöpfen.

Neben ihrem Bett stand die Amme und betupfte ihre Stirn. Mägde besprengten sie mit geweihtem Wasser. Der König ging vor der Tür unruhig auf und ab. Sie erkannte seinen Schritt aus all den anderen Geräuschen heraus. Wie schön es wäre, wenn er neben ihr stehen könnte, ihre Hand drücken, ihr Mut zusprechen...

 

In einer Wehenpause schlief Marie vor Erschöpfung ein. Sie sah sich im Wald hinter der Hütte ihrer Eltern. Eine vornehme Kutsche fuhr vor. Sie fühlte, wie sich ihr Herz zusammenkrampfte vor Schreck. Aber aus stieg nicht die gehasste Fürstin, sondern der König, ihr Mann. Sie rannte ihm entgegen und warf sich in seine Arme. Und seine Kutsche war auf ein Mal ein einfaches Fuhrwerk und davor standen zwei hellbraune Bauernpferde eingespannt und warteten ruhig.

"Stell dir vor, ich habe alles verkauft!" rief er lachend. Und sie küsste ihn. Aus der Hütte hörten sie das Schreien eines Babys. "Sie ist aufgewacht", flüsterte sie und löste sich aus seiner Umarmung. „Komm!“ Und den Finger vor den Lippen, auf Zehenspitzen ging sie ihm voraus in die Hütte.

 

"Jetzt wird es bald kommen", hörte sie die Amme sagen. Ein neuer Schmerz  hatte sie heftig aus dem Traum gerissen. Sie stöhnte.

"Es ist bald soweit", sagte die Stimme der Amme zu ihr. "Es sieht alles gut aus, keine Angst kleine Königin!"

Marie musste lächeln. So hatte sie noch keiner hier genannt.

Die Zeit quoll wie ein breiter Lavastrom durchs Zimmer, unterteilt in Schmerz und Schmerzpausen, nicht in Minuten und Sekunden.

"Nur ruhig, kleine Königin!" hörte sie die Stimme der Amme wie von weit her. "Es ist das erste Kind. Das dauert immer etwas länger."

Und Marie spürte, wie ihr Tränen über die Backen herunter liefen.

 

Irgendwann waren da keine Pausen mehr zwischen den Schmerzgebirgen. Geröll drohte sie zu zersprengen. Jeder Gedanke war ausgelöscht, da war nur noch dieser Schmerz und irgendwo in ihr eine kleine, schwache Verwunderung, dass es möglich war, dies zu ertragen.

Und dann war es auf einmal vorbei.

Sie hörte fröhliche Ausrufe und dann einen kleinen, heftigen Schrei. Es war auf einmal eine Person mehr im Raum. Das Kind war da.

Sie legten ihr das Kind auf die Brust. Sie griff mit der Hand nach den Beinchen, tastete nach dem kleinen Körper und schmeckte verwundert die Tränen, die ihr über das Gesicht liefen, ohne dass sie weinte. Es ist ein Junge.

Sie lächelt in die Augen des Vaters, der hereingekommen ist, um sie und das Kind zu sehen vor allen anderen.

Sie spürt jetzt eine grenzenlose Müdigkeit und Erschöpfung und auch ein grenzenloses Glück, still und ruhig wie das Meer, das in der Abendsonne glitzert bis dorthin, wo seine blaue Unendlichkeit in den Himmel übergeht.

Und während sie einschläft, sieht sie sich vor der Hütte ihrer Eltern stehen an dem Tag, als der jüngste ihrer Brüder als Letzter der Geschwister das Elternhaus verlassen hat. Alle sind den ganzen Tag über deswegen ein wenig traurig gewesen. Marie hat alleine am Wald gespielt. Und nun kommt die Mutter aus dem Haus heraus und Marie rennt ihr entgegen und läuft in ihre Arme. Und die Mutter streicht ihr sanft über den Kopf und sagt: „Jetzt bist du mein einziges Kind, Marie“. Und sie weinen beide vor Glück.

 

Und dann ist es Nacht.

Sie liegt im Bett, das Kind schläft gewickelt neben sich. Sie ist erwacht. Was bloß hat sie geweckt? Sie starrt in die Dunkelheit. Das Licht des Mondes scheint in die Kammer. Unter der Tür hindurch dringt ein heller Lichtschein ins Zimmer. Die Amme wacht dort über den Schlaf der Königin und Ihres Kindes.

Sie fühlt sich frischer und erholter als am Abend. Sie kann das Kind kaum erkennen, aber sie hört seine kleinen regelmäßigen Atemzüge und fühlt die Wärme seines Körpers. Marie lächelt. Nun ist sie über eine neue Grenze geschritten: Geliebt hat sie in ihrem früheren Leben auch, sogar glücklich ist sie schon gewesen, in ihrer Kindheit bei den Eltern und später für kurze Zeit mit Christian. Aber dass hier ist neu, es ist der Anfang eines neuen Lebens.

 

Marie fühlt einen kühlen Luftzug an der Stirn. Sie dreht den Kopf zur Tür. Ist die Amme herein gekommen? Die Tür ist geschlossen. Der Lichtschein dringt unverändert durch die Ritze.

Und dann hört sie ihre Stimme und erstarrt zu Eis bis ins Herz.

"Hast du die dreizehnte Tür aufgemacht, Maria?"

Sie hat sie also gefunden! Jetzt, nach all den Monaten steht sie vor ihr, einfach so, als wäre Marie nie geflohen, als hätte sie nicht die Hölle durchschritten um dieser Frau zu entkommen.

Und Marie schweigt.

Diesmal kann sie nicht fliehen. Wohin sollte sie auch fliehen. Sie ist ja zuhause, dieses ist ihr Zuhause. Diese da ist eingedrungen in ihr Reich. Es ist unglaublich, also ist Marie auch hier nicht sicher vor ihr. Also muss sie wieder schweigen, sie kann nichts als schweigen. Marie ist wie gelähmt. Sie liegt da und starrt in die Dunkelheit. Sie kann sich nicht rühren.

Und jetzt, allmählich, sieht sie in der Dunkelheit die hohe Gestalt der Fürstin. Das Gesicht ist nicht zu erkennen. Aber es brennt in Maries Kopf und alles, alles, was sie längst vergessen glaubte, steht in ihr auf.

"Du schweigst weiter? Auch jetzt noch? Du willst doch dein Glück nicht zerstören!" Die Stimme klingt hämisch.

Marie tritt der Angstschweiß auf die Stirn. Aber sie schweigt weiter in völliger Erstarrung.

"Dann muss ich dein Kind mitnehmen, Maria. Du hättest es verhindern können".

Und sie greift nach dem Kind. Marie kann sich nicht rühren. Sie fühlt, wie sich der kleine Körper von ihr entfernt. Sie will schreien. Sie hört ihr eigenes Röcheln.

Als sie endlich klingeln kann, ist die Frau längst fort.

Die Amme stiert verstört in das leere Bett. Das Schloss hallt wieder von rennenden Schritten und Rufen des Schreckens.

Der König steht fassungslos vor ihr.

Marie weint, das Schluchzen schüttelt sie. Es ist unfassbar: der Verlust des gerade geborenen Kindes, die Angst vor seiner Verzweiflung und davor, dass er sie hassen wird und vor allem anderen das Grauen vor dieser Frau, der Todesschreck, dass sie noch immer da ist, noch immer Macht hat über ihr Leben, es zerstören will und es zerstören kann!

 

Schließlich hält er ihr die Tafel hin. Sie greift danach wie eine Ertrinkende.

'Die Fürstin hat es weggeholt', schreibt sie mit fliegenden Fingern. Die Tränen benetzen den Schiefer. Er kann kaum lesen, was sie schreibt. Er kann nicht glauben, was er versteht.

"Die Fürstin?" fragt er entsetzt und verständnislos.

Sie nickt, sieht ihn verzweifelt an, hilflos. Und jetzt begreift er zum ersten Mal, dass sie wirklich verflucht ist und sieht sein Leben mit betroffen von diesem Fluch. Er bekommt Angst. Marie kann es durch ihre Tränen hindurch sehen. Ihr wird eiskalt.

Die Wachen melden, dass man niemanden gefunden hat, im Schloss nicht, nicht im Park. Jetzt durchsuche man das Dorf.

Da schickt er sie alle hinaus und setzt sich an ihr Bett. Seine Hände streicheln abwesend über ihr Haar.

"Warum?" fragt er klagend.

'Sie hasst mich', formen ihre Lippen. Und er fühlt, wie eine kalte Hand nach seinem Herzen greift.

Als der Morgen dämmert, steht er auf. Sie ist endlich eingeschlafen.

Die Wachen haben niemanden gefunden. Alle Tore waren bewacht oder verschlossen. Auf dem Hof rotten sich die Leute zusammen. Ein bedrohliches Murmeln erhebt sich aus der Menge. Er hört es durch die Fensterscheiben hindurch.

Er küsst sie auf die Stirn. Ihr Gesicht ist eingefallen. Sie stöhnt im Schlaf.

Er geht durch die Flure. Die Dienerschaft tuschelt. Er hört das Wort 'Hexe'. Er geht weiter, geht vor das Schloss, bleibt auf der Treppe stehen. Die Leute verstummen.

"Sie ist die Königin", sagt er mit leiser, scharfer Stimme. "Sie hat viel Leid erlebt, sie hat Feinde. Diese Feinde haben unser Kind gestohlen. Sie kann nichts dafür. Ich liebe sie. Keiner krümmt ihr ein Haar". Er wendet sich ab und geht zurück.

Die Leute gehen schweigend auseinander. Keiner wagt es, aufzumucken.

 

Die Zeit verging. Die Soldaten des Königs fanden das Kind nicht. Es blieb verschollen.

Marie erholte sich nur sehr langsam. Viele Monate lag sie krank und geschwächt in ihrer Kammer. Keiner zeigte ihr gegenüber Ablehnung oder Misstrauen, aber sie spürte die Scheu der Menschen, die abrückten von ihr.

Nur ihr Mann kam täglich, brachte ihr Blumen und Früchte, versuchte, sie mit lustigen Geschichten zu erheitern, zeigte ihr seine Liebe auf alle erdenkliche Weise. Aber auch seine Liebe hatte sich verändert, hatte ihre heitere Arglosigkeit eingebüßt und war einer fast verbissenen Zärtlichkeit und Sorge gewichen.

Und oft, wenn er alleine war oder wenn er glaubte, Marie schliefe, murmelte er vor sich hin: "Warum?"

Aber das hatte sie ihm nicht sagen können. Sie wusste es selber nicht, wusste nur, dass der drohende Schatten ihres Hasses und ihrer Macht also doch nicht aus ihrem, Maries, Leben gewichen war und jetzt nicht nur sie selbst, sondern auch alles das bedrohte, was sie liebte.

 

Als der Sommer kam, nahm er sie mit auf eine Reise, gut eingepackt und in Begleitung eines halben Dutzend Ärzte. Er fuhr mit ihr in den Wald ihrer Kindheit und er hatte sich nicht geirrt: Hier kam sie zu Kräften, verlor ihre Todesblässe, hier glitt das erste Lächeln wieder über ihr Gesicht, hier gewann sie ein Stück ihres Lebensmutes wieder. Zwischen den hohen Stämmen im Unterholz spielten sie wie die Kinder. Und allmählich versöhnte Marie sich wieder mit der Welt und mit ihrem Schicksal.

 

* * *

 

Als es erneut Gewissheit war, befiel sie eine namenlose Furcht.

Auch der König erschrak vor Freude und vor Angst. Er verstärkte die Soldatenreihen, ordnete doppelte Wachen an, vergitterte die Fenster auf der Seite des Schlosses, auf der die Schlafgemächer lagen.

Marie ging es schlecht. So sehr sie sich vornahm, fröhlich zu sein und ihm ihren Mut zu zeigen, so wenig gelang es ihr. Sie kam fast um vor Sorgen und den ganzen Tag sann sie auf irgendwelche Auswege, sich und ihr neues Kind zu retten.

Und wenn die Sorge sie nicht im Griff hatte, fühlte sie ihren erschöpften Körper, der schwer und kurzatmig wurde. Die Übelkeit verließ sie keine Stunde, ihre Beine schmerzten, der Magen brannte. Sie ersehnte das Ende dieser Qual und fürchtete doch nichts mehr als den Tag, an dem das Kind geboren sein würde.

Und als sie nach schwerer, langwieriger Geburt alleine im Bett lang, in der hell erleuchteten Kammer, das Kind neben sich, vor Angst zitternd, trat sie doch wieder ein, als gäbe es keine Riegel und keine Wachen, stand auf einmal da und blickte mit hoheitsvoller, selbstgerechter Strenge auf Marie. Die Amme, die mit ihr im Zimmer schlief, lag in ihrem Bett wie tot und rührte sich nicht.

Und wieder schwieg Marie verbissen, als die Fürstin ihre bohrende, anklagende Frage stellte. Und wieder musste sie ohnmächtig zusehen, wie jene weiter ihr Leben zerstörte, ihr das zweite Kind nahm und mit der Überzeugung, eine gerechte Strafe ausgeteilt zu haben, mit ihm davon ging. Und wieder brach über ihr und dem König die Welt zusammen.

Diesmal war es viel schwieriger, die Leute zu beruhigen. Noch Wochen lang hörte man am Hof und im Land Gerüchte über verhextes Vieh, über Missgeburten, die die Königin herbeigezaubert hätte, über einen Fluch, der sie bestrafe und mit ihr das ganze Land. Der König ließ jeden ins Gefängnis werfen, der einen Argwohn gegen die Königin aussprach.

Es dauerte diesmal lange, bis Marie sich erholt hatte. Und als sie endlich aufstehen konnte, ängstigte sie sich, über die Flure zu gehen und den Leuten ins Gesicht zu sehen. Ihr Glück schien vergiftet. Sie hatte das zweite Kind verloren, das Kind, das sie so viele Monate unter großen Anstrengungen und Beschwerden ausgetragen hatte, das sie liebte, wie eine Frau nur ein Kind lieben kann, dass ihr alle Kräfte abverlangt hat und dann auf einmal da ist und so hilflos und vertrauensvoll in ihren Armen liegt, als gehöre es nur hier hin, an diese Brust, ein Leben lang.

Marie dachte an ihre Mutter. Die würde sie sicher verstanden haben. Sie hatte selber ein Kind verloren. Sie würde wissen, was das bedeutet, würde wissen, dass es fast ein kleiner Tod ist, ein Kind zu verlieren, das einen noch gebraucht hätte, so sehr gebraucht. Sie hatte geweint, so erzählte der Bruder, lange hatte sie geweint und war vor Trauer gestorben.

Wie hatte sie damals bei ihrem Bruder geweint, als er es erzählt hatte! Warum nur war der König böse gewesen damals? Es fiel ihr nicht mehr ein.

Marie trauerte wegen ihres verlorenen Kindes.

Aber das Schlimmste für Marie, das, was ihr am meisten Angst machte und Hoffnungslosigkeit in ihr Herz trieb, das waren seine Zweifel. Er hatte angefangen, ihr nicht mehr vollständig zu glauben, nicht mehr an sie zu glauben. Sie sah es in seinen Augen. Er kämpfte dagegen an, er wollte an seine Frau glauben, er wurde böse und wild, wenn er auf einen traf, der an ihrer Unschuld nur den geringsten Zweifel hatte. Aber es fraß beständig in ihm weiter und sie fühlte es und sah es.

 

Als sie erneut ein Kind erwartete, überlegte sie wochenlang, ob sie nicht besser wieder in die Wälder fliehen sollte, bevor es zu spät wäre, dorthin, wohin ihr die Feindin nicht gefolgt war. Wenn die Eltern noch leben würden! Dorthin würde sie fliehen, dort wäre sie in Sicherheit! Und flüchtig erschien vor ihrem inneren Auge wieder das Bild, das Bild einer weinenden Frau, die ihrem Kind nachsah, dass von einer anderen Frau mit einer Kutsche weggebracht wurde. ‚Auch meine Mutter hatte ein Kind verloren. Sie könnte mir sicher nachfühlen, was mir angetan wurde’, dachte Marie immer wieder. Aber irgendetwas an diesem Gedanken verwirrte sie. Natürlich, die Eltern waren tot. Aber das war es nicht. Aber hatte ihre Mutter denn ihr Kind so verloren wie Marie? War es ihr tatsächlich auch entrissen worden? Hatte sie es nicht selber fortgeschickt? Marie streifte ein kalter Hauch. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie wischte den Gedanken fort. Er tat weh.

‚Die Fürstin hat mein Leben zerstört von Anfang an und sie hört nicht auf damit, bis ich zu Kreuze krieche oder vollständig vernichtet sein werde’, dachte sie verstört. Was sollte, was konnte sie tun? Auf jeden Fall könnte sie in den Wald ihrer Kindheit fliehen. Dort fühlte sie sich immer sicher, dort war sie beim letzten Mal gesund geworden, dorthin würde die Fürstin ihr nicht folgen.

Aber der König erriet ihre Gedanken und flehte sie an, zu bleiben. Und für einige Zeit blühte ihre Liebe wieder auf und in ihrem Herzen machte sich vorsichtig Hoffnung breit.

 

Und mit der Hoffnung kam eine neue Kraft, ein fester, wütender Wille, dem Fluch zu begegnen und sich endlich zu befreien. Irgendwie müsste es ihr gelingen, endlich diesen Fluch zu lösen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu bekommen. Und wenn sie selber es nicht wert sein sollte, so war sie es ihm schuldig, seiner Liebe, ihrer Liebe.

Als die Geburt näher rückte, lag sie oft nachts wach und grübelte. Ihr war es so, als müsse sie nur eine Antwort finden auf seine Frage, die er so oft gestellt hatte, seit die Fürstin zum ersten Mal in ihr Leben, ihre Liebe eingegriffen hatte: "Warum?", und sie würde sich von dem Fluch befreien können.

Sie lag da und dachte nach, ließ die gehasste Erinnerung in sich aufsteigen an jenen Tag, als die Fürstin ihr zum ersten Mal die entscheidende Frage gestellt hatte. Sie sah sie vor sich stehen: groß und mächtig und schön und untadelig, so wie sie immer gewesen war, sah ihre nie lächelnden Augen, sah die blanke Härte darin, die sie anrührte wie kalte Klingen.

"Warst du im dreizehnten Zimmer, Maria?"

Welche Frage?

Natürlich war Marie dort gewesen. Oft. Hatte die es wirklich jetzt erst bemerkt? Seit eh hatte die Fürstin ihr strengstens verboten, diesen Raum zu betreten. Alle anderen Zimmer des Schlosses standen ihr zur Verfügung. Aber in dieses wollte sie. Marie überschritt die Schranke des Verbotes ohne zu zögern. In diesem Zimmer, in das sie irgendwann einfach nur die Neugierde getrieben hatte, fand sie, was sie seit Jahren suchte: ein Schriftstück, in dem ihr Name genannt.

Ganz allmählich hatte Marie begriffen, was sie hier in Händen hielt: den Beweis nämlich, dass es sie gab, sie, nicht Maria, die Tochter dieser Frau sondern Marie, das Mädchen aus dem Wald, Marie, die Tochter des Korbflechters! Marie hatte zitternd das Papier in die Vitrine zurückgelegt, zitternd vor Aufregung und vor Angst, entdeckt zu werden aber in der Gewissheit, sich jetzt, nachdem sie das gefunden hatte, eines Tages doch befreien zu können.

Plötzlich aber war ihr klar geworden, was dieses Schriftstück außerdem bedeutete: es war ein Kaufvertrag. Ihre Eltern hatten ihr Zeichen darunter gesetzt.

Marie war vor diesem Fund damals lange betroffen stehen geblieben. Alle Empörung und alle Traurigkeit waren wieder aufgestanden. Und neben ihrem Hass auf die Fürstin, die sie gestohlen, entführt und belogen hatte und betrogen um ihre Kindheit, ihr Glück, ihr zu Hause, neben diesem Hass regte sich noch ein anderes, ein verwirrendes Gefühl. Für kurze Zeit begriff sie voller Entsetzen, dass, wenn sie gekauft worden war, ihre eigenen Eltern sie verkauft hatten, weggegeben für Geld. Sie hatten sie weggegeben, obwohl sie gefleht und gebettelt hatte, bei ihnen bleiben zu dürfen. Sie wusste es noch genau. Wie hatte sie sie angefleht! Es hatte ihr nichts geholfen. Sie hatten sie fortgeschickt, verkauft wie eine Sklavin.

Eine eisige Kälte hatte Marie ans Herz gegriffen. Nebel zogen auf. Sie schloss entsetzt die Augen. Schließlich waren ihre Eltern damals in Not und diese da hatte diese Not brutal und raffiniert ausgenutzt. Ganz langsam löste sich ihre Erstarrung, die wieder aufflammende Wut auf die Fürstin tat gut.

Oft war sie danach heimlich hier eingedrungen und hatte feierlich und froh gestimmt vor dem Beweis ihrer wirklichen Existenz gestanden. Wenn sie den Vertrag in Händen hielt, schien es, als genüge es ihr, den Beweis zu kennen und alles sei damit wieder gut. Sie behielt ihr Geheimnis sehr lange für sich und glaubte sich unentdeckt. Als aber die Fürstin sie dann schließlich doch stellte, drohend und kühl, da war es Marie nur möglich gewesen, trotzig zu schweigen. Und schließlich zu fliehen.

Warum? Warum schwieg sie? Gab es nichts zu sagen? Hatte sie nicht ein Recht darauf, den Beweis laut herauszuschreien. Warum schwieg sie vor dieser Frau? Und konnte noch immer nur schweigen? Sie hätte doch einfach wenigstens lügen können?! Wie oft hatte sie ohne schlechtes Gewissen mit heimlichem Ingrimm diese Frau belogen! Aber jetzt zu lügen, das wäre ihr vorgekommen wie ein Verrat an sich selbst.

Und es einfach zugeben? Das wäre noch schlimmer, das hieße, sich auszuliefern, eine Schuld einzugestehen, die keine Schuld war. Das hieße hinzunehmen, dass diese hier ihr Leben, sie, alles vernichtete. Die Fürstin hätte zweifellos das Schriftstück zerrissen und die Fetzen hohnlachend in die Winde gestreut. Und dann wäre es aus gewesen für Marie.

Was aber sonst hätte sie tun können? Und was könnte sie jetzt tun, heute, in wenigen Stunden, wenn die Fürstin erneut käme mit ihrer Frage, wenn diese Frau erneut käme, um Maries Kind fortzunehmen, weil sie, Marie bestraft werden müsse für ihren Trotz und für ihr verstocktes Schweigen?!

Könnte es einen anderen Weg geben? Könnte sie etwa den Kampf aufnehmen, mutig den Kopf heben und vortreten und sagen: "O ja ich habe dieses Zimmer betreten, oft und immer wieder. Und ich kenne dein Geheimnis und ich habe den Beweis gefunden für deine Gemeinheit. Jetzt ist es aus mit deiner Macht! Ich werde gehen, wohin es mir beliebt, in meine Welt, aus der du mich als hilfloses Kind geraubt hast. Und ich verlange von dir alles, was du mir gestohlen hast, zurück: das Glück, die Eltern, den Wald, meinen Namen."

Aber ehe Marie dies zu Ende denken konnte, waren schon schwarze Wolken über ihr Herz gezogen und sie verharrte in Angst und Verzweifelung. Und das trotzige Schweigen erschien ihr erneut als einzig mögliche Antwort auf die furchtbare Frage der Feindin.

 

In der Nacht, bevor das Kind kommen sollte, träumte Marie:

Wieder kam die Fürstin, wieder fragte sie, wieder schwieg Marie und konnte sich nicht rühren.

Am Tage darauf wurde im Schlosshof ein Scheiterhaufen errichtet. Der Mob tobte und johlte. Der König stand am Fenster und weinte. Er rettete sie nicht mehr.

Die Flammen züngelten. Sie musste an Arco denken, dachte, dass es besser gewesen wäre, er hätte ihr damals wie einem Reh das Genick durchgebissen.

Da erklang auf einmal Pferdegetrappel auf dem Pflaster des Schlosshofes. Eine Kutsche war durchs Tor gefahren. Sie kannte das Wappen. Die Feindin stieg aus. An der Hand hielt sie zwei Kinder, ein drittes trug sie auf dem Arm. Irgendjemand schrie laut auf.

"Gibst du es jetzt endlich zu, Maria, dass du in das verbotene Zimmer gegangen bist?!"

Die Flammen erhitzten die Luft. Gleich würden sie anfangen, ihre Beine anzusengen. Marie starrte verzweifelt und gebannt in die fremden Gesichter ihrer Kinder.

Die Menge war verstummt. Man hörte nur noch das Knistern der Flammen.

"Ja" hörte sie sich gellend schreien. "Ja, ja ich war es, ich bekenne mich schuldig!"

Die Angst war stärker gewesen als ihr Stolz und ihre Würde. Sie brach zusammen im Angesichte ihrer Vernichtung wie ein gequältes Tier in Todesangst. Sie gab sich auf. Sie würde leben aber fortan würde sie ihr Leben verachten müssen.

Die Frau kam auf Marie zu. Die Flammen fielen in sich zusammen und erloschen.

Die Feindin legte ihr das Baby in die Arme und wies mit der Hand auf sie. Die beiden Kinder kamen zögernd auf Marie zu und fassten sie am Rock an.

"Siehst du, du hättest es gleich zugeben sollen. Ich wusste es doch", sagte die Frau leise und ohne Eifer. Und sie drehte sich um und ging zur Kutsche zurück.

Die Kutsche verließ den Schlosshof.

Jubel brach aus. Jubel, der ihr im Ohr gellte wie Hohngelächter.

 

Marie erwachte schweißgebadet.

'Nein', dachte sie. 'So nicht! So nicht!'

Aber anders. Es musste heraus. Jetzt endlich würde sie sich befreien. Sie war am Ende. Wenn sie es nicht schaffte, würde sie vernichtet sein für den Rest ihres bedauernswerten Lebens. Nein, sie war nicht ausgeliefert. Sie konnte dem Fluch entgehen. Sie war frei. Wenn sie nur endlich ihr Schweigen brechen und die Wahrheit herausschreien würde, ihre Wahrheit, die wirkliche Wahrheit. Und sie kannte die Wahrheit doch längst, schon immer. Noch konnte sie sie nicht aussprechen. Aber sie konnte sie schon mit den Händen greifen.

 

In der Nacht nach der Geburt hielt sie ihr Kind im Arm. Sie wartete. Wartete ruhig.

Es kam niemand. Es blieb still.

Aber sie wusste genau, dass sie schon längst da war und auf ihre Gelegenheit lauerte.

Marie richtete sich auf und lauschte angestrengt. Sie hielt ihr Kind fest im Arm. Als die Schlossuhr dreimal schlug, ehe diese Nacht sich dem Ende zuneigte, sprach Marie auf einmal laut und wunderte sich nicht einmal darüber:

"Ja, ich war in dem verbotenen Raum. Oft war ich dort. Und ich schäme mich nicht. Es war mein Raum, hörst du? Du hast ihn mir all die Jahre vorenthalten. Aber ich habe ihn gefunden“.

Marie hielt inne. Ihre Stimme hatte leicht gezittert, aber sie fühlte in sich eine große Kraft wachsen, während sie sprach. Sie lauschte. Es gab keinen Zweifel, dass die Feindin da war. Sie meinte ihren Atem zu spüren, fühlte die Kälte ihres Körpers, sie glaubte die Arme zu erkennen, die sich durch die Dunkelheit nach ihrem Kind ausstreckten.

Marie presste das Kind an ihren Leib und richtete sich kampfbereit noch weiter auf. Ihre rechte Hand griff nach dem silbernen Kerzenleuchter, der neben ihrem Bett gestanden hatte. Es blieb weiter still. Aber in dieser Stille meinte sie ein verstecktes Keuchen zu vernehmen. War sie es selbst oder war es die andere?

"Rühr mein Kind nicht an!" schrie sie plötzlich. "Rühr mich nicht an! Denkst du etwa, jetzt hast du gesiegt? Denkst du, jetzt käme ich reumütig zu dir gekrochen? Da irrst du dich. Es ist ganz anders. Hör gut zu, vergiss es nie: Ich klage dich an, hörst du, ich hätte es schon lange tun sollen, schon damals, als ich das erste Mal in jenem Raum war und alles fand, was du vor mir geheim halten wolltest: Ich klage dich an des Kindesraubes, der Lügen, der Quälerei, der Heuchelei. Du bist eine herzlose, armselige Gestalt, ja du, die hohe, stolze über Alles erhabene, mildtätige Fürstin! Du glaubtest, mich kaufen zu können, glaubtest meine Dankbarkeit und Liebe erzwingen zu können. Aber du hast mich nur zur Sklavin gemacht. Ich habe gelitten und mich gebeugt. Aber ich habe dich nicht geliebt. Und dann bin ich geflohen und du hast mich verfolgt und bestraft, wie man es mit einer Sklavin kann. Aber ich, hörst du, ich bin nicht deine Tochter und nicht deine Sklavin, ich bin Marie, die Tochter des Korbmachers und die Herrin in meinem eigenen Reich“.

Marie holte Luft. Es blieb still. Aber es drängte sie, weiter zu sprechen:

„Behalte deinen Kaufvertrag, zerreiße ihn, verstecke ihn: ich brauche ihn nicht mehr. Ich weiß es auch so: ich bin frei, freier als du es dir auch nur vorstellen kannst! Du siehst, deine Macht ist also doch nicht unbegrenzt: Du konntest nicht verhindern, dass ich das verbotene Zimmer betrat und du konntest meine Flucht nicht verhindern. Und jetzt kannst du es nicht mehr verhindern, dass ich dir endlich ins Gesicht lache. Ja, o ja, ich habe es getan. Und es war mein Recht“.

Marie schwieg. Sie spürte eine Veränderung im Raum, die Kälte schien zu weichen. Aber die Trauer blieb, schwarz und erstickend. Sie war noch nicht fertig. Da war noch etwas. Da war noch eine, mit der sie abrechnen musste.

Marie stellte den Kerzenleuchter zurück und sagte jetzt mit ruhiger, bestimmter Stimme in die Dunkelheit hinein:

"Ich weiß, dass auch du hier bist. Nein ich habe auch dir nicht verziehen Mutter, auch dir nicht. Ich war deine Tochter. Ich habe dich geliebt. Aber du hast mich verkauft. Die andere hat nur genommen, was du ihr für Geld überlassen hast. Sie hat auf ihrem Recht bestanden, mich zu besitzen. Schließlich hatte sie mich gekauft. Aber du, Mutter, du hast dein eigenes Kind verkauft. Ich wollte es nie glauben. Jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich, dass ich die ganze Zeit auch dich gehasst habe. Und verzweifelt geliebt. Ich konnte es einfach nicht zugeben, dass meine eigene Mutter, die ich so liebte, und an deren Liebe ich glauben wollte und an die ich mich mit aller Macht geklammert habe, dass diese Mutter mich verkauft hat, weggegeben gegen Geld, verschachert. Und jetzt kann ich sprechen und ich sage dir. Ich verzeihe dir nicht.

Aber ab heute brauche ich meinen Hass nicht mehr. Ich brauche ich euch nicht mehr, beide nicht. Geht!"

 

Es war totenstill. Irgendwo klirrte Glas.

Marie fasste ihr Kind mit beiden Armen und stand auf. Sie öffnete das Fenster und starrte hinaus. Der Schlosshof lag im Dunkel der mondlosen Nacht. Am Horizont schimmerte schon ein heller Streifen.

Marie atmete die frische Luft gierig ein und beugte sich ein wenig hinaus. Ihre Stimme schnitt durch die Schwärze der sinkenden Nacht: "Verschwindet endlich aus meinem Leben!"

Die Amme war erwacht und ins Zimmer gestürzt. Jetzt starrte sie Marie sprachlos an: Die Königin sprach und sie sprach mit jemand, der nicht zu sehen war.

"Das Kind, Königin?", fragte sie ängstlich.

"Das Kind ist hier und bleibt hier", sagte Marie. "Geh und sag es allen. Der Fluch ist gelöst. Ich habe ihn zerrissen. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben."

 

Eine Woche später brachten Soldaten die Leiche einer Frau ins Schloss. Sie hatten sie im Wald gefunden, erschlagen.

Neben ihr hatten weinend zwei kleine Kinder gehockt.

"Sie könnten es sein", sagte Marie. "Ich nehme sie zu mir. Wenn sie eines Tages gehen wollen, dürfen sie gehen."

 

 

Ende

 

 

2005

überarbeitet 2016

 

 

 

 

 

 

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© Mechthild Seithe