Poesie und Texte
Poesie und Texte

Mutterlos

Gespräche mit meiner Mutter- posthum

 

 

Du hast mich geboren, aber du hast mich mir nicht vorgestellt.

Immer warst zuerst du wichtig. Ich kam eigentlich nie. Immer hieß das Stück, das aufgeführt wurde: „Margot“. Es ging nie um mich, immer um dich. Ich kannte das so gut.

 

 

 

Mutterlos

 

Das erste Gespräch

 

 

Es ist wieder November. Jeden November komme ich her. In diesem traurigen, unwirtlichen Monat hat dein Herz vor vielen Jahren auf gehört zu schlagen. Endlich, nach unsäglichen Schmerzen und Kämpfen und nach einer langen Zeit, in der du dich geweigert hattest, diese Welt zu verlassen, ehe sie dir volle Genugtuung gegeben und Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen. Irgendwann hat dein Körper aufgegeben.

Meine Schwester rief an und teilte es mit. Und ich musste mich zusammenreißen, damit sie nicht merkte, dass ich erleichtert und froh war. Sie sollte nicht denken: gefühllos. Ich hatte keine Liebe für dich. Schon lange nicht mehr.


Du hast mich schon vor Jahren von dir erlöst. Aber dennoch bist du mir geblieben: als Wunde, als Frust, als Enttäuschung, als diejenige, die mich geboren, die mir aber das Licht vor der Tür zu meinem Leben mit den Füssen zertreten hat, du hättest es beinahe gelöscht.

Ich wünschte, du wärest wirklich tot für mich. Dann könnte ich dich vielleicht beweinen. Aber das kann ich nicht, seit 15 Jahren kann ich das nicht.
 

Dennoch komme ich jedes Jahr. Warum?

Ich stehe immer etwas verloren hier herum. Aber das hier unter der großen Birke, das ist nun mal dein Grab und so stehen Töchter eben am Grab ihrer Mütter. Viele weinen. Ich kann nicht weinen. Ich konnte noch nie weinen über deinen Tod. Ich bin vielleicht wütend darüber, dass ich noch immer dein Gespenst nicht loswerden kann. Aber ich bin nicht traurig.

Wenn das die Frauen wüssten, die hier zwischen den Gräbern unauffällig herumhuschen, mit Blumen und Gießkannen und mit stillen, gefassten Gesichtern. Hierher kommt man, um seine Lieben zu beweinen. Hier ist man ihnen noch einmal nah, hier erweist man ihnen Ehre und holt sich selber Trost. So ist es doch gedacht, oder nicht?

 

Aber warum dann komme ich bloß jedes Jahr wieder her?

Vielleicht will ich endlich einmal aussprechen, was wirklich zwischen uns war:

Denn ich konnte es dir nie sagen, nicht zu deinen Lebzeiten und auch nicht seit deinem Tod. Doch heute bin ich soweit:

Ich bin gekommen, um es dir endlich zusagen.
Und ich möchte es dir am liebsten in dein Gesicht schreien, dir, der Ahnungslosen, die du vermutlich nichts wusstest von meinem Leid und meinem Hass. Warst du nicht die Zeit deines Lebens immer nur mit dir selbst beschäftigt?

Hallo, mich gibt es tatsächlich auch.
 

Aber ich kann das hier nicht herausschreien. Sie würden von allen Seiten herbeikommen und mich fortzerren. So spricht man nicht am Ort der Ruhe, am Ort, wo unsere geliebten Toten liegen, nicht wahr?

Ich sage es also nur leise, nur so, dass wir beide es hören können. Denn du, du sollst es hören. Endlich sollst du es zu hören bekommen, hier, wo du nicht weghören kannst, nicht weggehen, dich nicht abwenden kannst:

 

Du warst meine Mutter. Ich hätte dich doch gebraucht. Ich habe dich irgendwann aufgehört zu lieben. Sehr früh schon. Weißt du wenigstens das? Ich fürchte, dass ich dir so gleichgültig war, dass du nicht einmal das gemerkt, zumindest nicht begriffen hast.

Ich habe dich später lange gehasst. Erschrickst du nicht, wenn ich das sage?
Ich schon. Ich bekomme Angst, wenn ich das sage. Ich muss nach Luft schnappen. Mir ist, als könntest du mich packen und bestrafen für diesen Frevel.


Aber es bleibt alles still. Ganz leise rauschen die Zweige der Birke. Irgendwo bellte ein Hund. Sonst nichts. Ich bin froh, dass du da festgehalten wirst in deiner Urne und nicht mehr greifen kannst nach meiner Seele, dass du mich wirst gehen lassen müssen, wenn ich dir gleich den Rücken zu drehen werde.

 

Aber bevor ich gehe, hör mir zu!

Was du mir angetan hast, will nicht verlöschen, die Wunden bleiben offen. So lange schon. Ich habe mich ein Leben lang nach einer Mutter gesehnt, der ich sagen konnte: „Mama, sie tun deinem Kind weh“, und die zugehört und mich getröstet hätte. Es gab sie nicht. Nie.

Vielleicht komme ich immer wieder her, weil ich immer noch warte, dass ich dieser Mutter begegne. Ich weiß, dass ich keine Chance habe.

 

Ungerecht findest du mich?

Doch, doch, ich weiß ja, genauso war es auch schon bei dir und deiner Mutter: Du hast deine Mutter auch nicht geliebt. Du hattest genauso deine Gründe. Und deine Mutter hatte auch ihre Gründe für das, was sie tat und nicht tat. Ich hielt so etwas lange Zeit sogar für normal. Ich kannte es ja auch nicht anders. Als ich selbst Kinder bekam, rechnete ich damit, dass sie mich später ebenfalls hassen würden. Ich wundere mich, dass sie das nicht tun, dass sie es nur manchmal tun.

Aber hier stehe ich nicht als Mutter. Hier stehe ich noch immer als dein Kind. Und ich klage dich an, hörst du. Dein Kind klagt dich an! Du hast mir etwas vorenthalten, dass ich zum Leben dringend gebraucht hätte. Und du kannst dich nicht immer damit entschuldigen, dass du es selber nicht bekommen hast.
 

Also, sag schon, hast du uns Kinder je geliebt? Was meinst du selber?

Konntest du deine Kinder überhaupt lieben?

Ich fürchte, du hast es wahrscheinlich versucht, vielleicht hast du dir sogar eingebildet, es zu tun. Aber deine Liebe war wie ein leeres Versprechen. Sie hatte etwas von einer Folter, sie tat weh, weil sie nicht wirklich da war. Sie tat nur so. Und ich durfte nicht einmal an ihr zweifeln.

 

Da gibt es Fotos mit einem glücklichen Baby, das auf deinem Arm vor Vergnügen und Lebenslust tanzt.

Aber du hast mir erzählt, ich wäre dir zu schwer gewesen, und du hättest mich von deiner Brust absetzen müssen, weil ich dich immer gebissen habe. Und richtig stolz bist du gewesen auf dein Patent, mit dem du mein Sauberwerden beschleunigen wolltest: Du hast mich auf ein Stück Zeitungspapier auf den Tisch gelegt, und wenn dann das große Geschäft auf der Zeitung lag, wurde diese mit samt dem stinkigen Inhalt schnell, praktisch und hygienisch entsorgt, vermutlich mit der gleichen Handbewegung, mit der du dein Leben lang Abfall in Zeitungspapier gewickelt und weggeworfen hast ohne dir die Finger schmutzig zu machen.

 

Später hast du, die examinierte Kindergärtnerin, mich, die erst Zweijährige, zusammen mit meiner drei älteren Schwester in diesen schrecklichen Nonnenkindergarten gesteckt und dich allen Anfeindungen der Menschen, die daran Anstoß nahmen, heftig und empört widersetzt.

Hast du damals je gesehen, wie unglücklich ich in der dunklen Ecke saß, aus der ich mich den ganzen Tag nicht fortbewegen konnte. Haben dir die Nonnen sie damals nie gezeigt: die kleine Dicke, die nur essen und ihre Hand in ihren Schlüpfer stecken konnte, die nicht mit anderen Kindern spielte und immer nur nach ihrer Schwester jammerte? Hast du den widerlichen Geruch nach Moder und ausgebrochenem Essen nicht gerochen, wenn du mich abgeholt hast? So riecht für mich heute noch der Tod. Aber nicht, weil ich jeden Tag verstörter wurde und bitterlich geweint habe, wenn ich wieder zu Hause war, hast du mich schließlich erlöst, sondern weil du Streit bekamst mit den Nonnen, die dich beleidigten. Mir war das nur recht, denn jetzt konnte ich endlich bei dir bleiben.

Ich wurde in der folgenden Zeit oft krank, hatte häufig Fieber, habe Hexen und Teufel gesehen in den Mustern unserer Schlafzimmertapete. Manche der Hexen sahen aus wie du, aber ich habe es nicht verraten. Ich genoss es trotzdem, von dir gepflegt zu werden, denn ich war dein Kind und brauchte dich, auch wenn du eine Hexe warst.  Und so genoss ich es auch, bei dir in der Küche sitzen zu dürfen, während du putztest und kochtest. „Komm wir machen’s uns gemütlich!“, habe ich jedes Mal gesagt und du hast dann etwas bitter gelacht, weil du Putzen und Kochen eigentlich nicht so gemütlich gefunden hast. Ich weiß längst, dass du diese Arbeiten gehasst hast, so wie du damals diese Stadt gehasst hast, in die du verschlagen worden warst, die Menschen dort, die Häuser, sogar die Bäume. Und an den langen Tagen in unserer Küche hast du an früher gedacht und dein Schicksal beweint, deine verlorene Jugend, deine verlorene Heimat, deine verlorene Zukunft.

Und nun saß ich bei dir und du hast angefangen, mir von der kleinen Margot zu erzählen, von der Märchenstadt Dresden, vom Märchenprinzen Helmut. Und ich saß da und staunte über dein wunderbares früheres Leben und sehnte mich genau so heftig danach, wie du es tatst.

Aber darüber hast du es gänzlich versäumt, mir auch mein Leben zu zeigen und mich mir selbst vorzustellen, mir Lust zu machen auf mein Leben, mir klar zu machen, dass ich ein wunderbares Kind bin, das zu allen Hoffnungen Anlass bot.

Das kam dir nicht in den Sinn. Du warst mit deiner eigenen Trauer zu sehr beschäftigt.

 

„Lass dich nicht so ziehen!“, so sagtest du ständig zu mir, wenn wir zusammen unterwegs waren. Du gingst zu schnell. Ich konnte so schnell noch nicht laufen. Ich musste immer wieder einige Schritte rennen, um mit dir Schritt zu halten. Aber es war wohl gut zu fühlen, dass du mich hinter dir herzerrtest. Also gehörte ich doch zu dir.

Nichts anderes habe ich gewollt, als zu dir zu gehören. Aber da war kein Platz für mich.

Es gibt auch davon ein paar Fotos: Man sieht mich, etwa vierjährig, auf dem Schoß meiner Mutter, mit Schleifen im Haar. Wir sitzen an einem Tisch. Es sieht aus, als säßen wir in einem Gartenlokal. Im Hintergrund kann man eine Freilichtbühne erkennen. An den Nachbartischen hocken lauter Leute mit fremden Gesichtern. Ich fühle noch heute deine Ablehnung, fühle deine Enttäuschung über deine jüngste Tochter, das unglückliche Äffchen aus der Hexenküche im Märchenstück von Zwerg Nase, das mitten in der Theateraufführung von der Bühne rannte, schreiend, weil sie endlich, endlich - unten unter den vielen fremden Leuten - ihre Eltern entdeckt hatte. Und ich weiß noch, wie ich auf deinen Schoß kroch, wissend, dass du auf mich böse warst, dich für mich schämtest und mich verachtetest, und wie ich die Kälte, die ich aus deinem Schoss spürte in Kauf nahm, um zumindest am Rücken deine Wärme zu fühlen und geborgen sein zu dürfen.

Damals, am Anfang, hätte ich mein Leben dafür gegeben, in deinen Armen zu Hause sein zu dürfen.

Ferien werden wir machen, hatte es geheißen. Im „Großen Haus“ würden die Eltern schlafen und die kleinen Kinder. War ich denn nicht mehr klein? Nein, ich sollte mit den großen Kindern in einem anderen Haus wohnen. Ich hatte ja eine große Schwester.

Unsere Unterkunft war unendlich weit weg vom Haus, in dem ihr verschwunden seid. Nie hätte ich den Weg zurück alleine gefunden. Ich musste die Welt verlassen, in der die waren, die mir Sicherheit hätten geben können. Tapfer versuchte ich an diesem fremden, unbegreiflichen Ort zu überleben, hing mich wie eine Klette an meine Schwester. War ein verlorenes Kind.

Doch manchmal tauchte ich unversehens aus diesem Alptraum auf. Plötzlich, von irgendwoher, warst du auf einmal wieder da. Und sofort vergaß ich alles, so wie man Alpträume nur zu gerne vergisst, wenn man erwacht ist. Die Welt war wieder in Ordnung. Ich erzählte dir nichts von meinen Qualen. Es war ja jetzt nicht mehr wichtig. Kannst du dich noch an das Bügelhäuschen erinnern? Es stand mitten auf einer Wiese. Man konnte zu den Fenstern herein sehn. Da drinnen standst du eines Morgens. Ich sah dich dort bügeln. Ich war unsagbar froh. Ich wusste, dass ich dich nicht stören durfte und war auch so zufrieden. Wenn du nur da warst! Ich spielte alleine und vergnügt draußen vor dem Häuschen auf der Wiese. Und alle paar Minuten lief ich hinüber, um dich zu sehen. Du hattest noch lange zu tun, hattest einen großen, randvollen Bügelkorb dabei. Aber als ich das nächste Mal wieder zum Fenster hineinsah, warst auf einmal fort, wie vom Erdboden verschluckt. Das Häuschen war leer. Meine Mutter war einfach weggegangen, hatte mich alleine zurückgelassen, hatte mich nicht begrüßt, mich nicht in den Arm genommen, mich nicht angelächelt. Der Alptraum hatte wieder angefangen. Und ich verstand es nicht.

Warum?

Hast du dir ein anderes Mädchen gewünscht? Habe ich dich damals enttäuscht, weil ich rundlich war und ängstlich, schüchtern, scheu und eher ungeschickt, weil ich störrisches, glattes Haar hatte, dass du nie zu einer adretten Frisur bändigen konntest. Hast du dich geärgert, weil niemand stehen blieb und sagte: „Was für ein entzückendes Kind!“ Auch du hast das nie gesagt. Und du wenigstens hättest es eigentlich sagen sollen. Hast du das nicht gewusst?

 

Als wir dich beerdigt haben, vor so vielen Jahren, da hat der Pfarrer in seiner Predigt gesagt, du hättest gegeben, was du geben konntest. Ich war damals erschrocken. Mehr also konntest du nicht geben? Es war definitiv zu wenig. Es war viel zu wenig, zu wenig zum Leben, vielleicht zu viel zum Sterben.

Aber er hatte wahrscheinlich Recht. Mehr konntest du nicht geben.

Ich weiß es ja nur zu gut: Du warst eine Trauernde, eine vom Leben verratene, eine unglückliche Mutter. Zeit deines Lebens fühltest du dich als Opfer, eingesperrt, vergewaltigt, am Leben gehindert, gezwungen, fern der Heimat und wie Allerleirau in Sack und Asche zu leben, unerkannt, ungeliebt, unverstanden. Und nicht geehrt.
Wie denn hättest du da ein kleines Mädchen lieben können? Wo du selbst noch so viel vom Leben fordertest, soviel Wiedergutmachung, so vieles, was doch dein Recht war, dein Glück, um dass es dich betrogen hatte!

All das weiß ich, wusste ich, habe ich genau verstanden

Aber ich bin nicht du. Ich bin deine Tochter. Ich bin ein eigener Mensch. Ich habe nur zum Schein so getan, als wäre ich wirklich nur auf deiner Seite, weil du es immer von mir erwartet hast. Ich habe die Welt viel zu lange nur aus deinen Augen gesehen, habe gedacht, dass sich diese Welt nur um dich dreht und das nur dein Unglück zählt und dass nur dein Glück das sein könnte, was diese Welt wieder ins Gleichgewicht bringen kann für dich und für mich.

 

Heute stehe ich endlich, endlich nach so vielen Jahren des Selbstverrates auf der anderen Seite, nicht auf deiner, auf meiner. Jeder Mensch muss das doch tun, sonst wird er wahnsinnig.

Du hast damals mich und mein kleines erwachendes Leben missbraucht für dich, für einen kleinen Trost, dafür, dass du dich an mir spiegeln und bewundern konntest als die Schönere, Lebendigere. Du warst die wunderbare kleine, hübsche, zierliche Margot und ich die unscheinbare, sture, plumpe, schüchtere Dicke, nicht wahr? Du hast meine kleine Lebensflamme dazu benutzt, dass sie dir in deiner Trübnis ein wenig Licht spende, statt mich ans Sonnenlicht zu stellen und allen zu sagen: „Das ist meine Tochter, die Schönste, die Klügste, die Lebendigste von allen Kindern dieser Welt, weil ich sie liebe“. Das hast du nie getan. Du bist nicht einmal auf die Idee gekommen. Du hast dein Kind dadurch beinah getrennt vom Leben. Du warst mein Feind.

 

Weißt du noch die schrecklichen Szenen beim Bäcker? Gegenüber auf der anderen Seite der Hauptstraße, vielleicht 30 Meter von unserem Haus entfernt gab es jene Bäckerei. Ich konnte den Bäcker dort nicht leiden. Er schenkte mir immer ein altes Stück Kuchen und dafür sollte ich mich ordentlich bedanken. Aber das gelang mir nicht. Ich wusste nicht, wie ich es hätte tun sollen und schämte mich schrecklich. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte nichts bekommen. Erinnerst du dich? Es war immer das gleiche: Ich schwieg trotzig und sah auf den Fußboden. Alle sahen mich erst erwartungsvoll an und lächelten. Aber nach einiger Zeit reagierten sie enttäuscht und empört. Warum ist das Kind so undankbar? Warum ist das Kind so stur? Ich weiß, wie sehr du in diesen Momenten gelitten haben musst. Ich machte so etwas einfach immer falsch. Ich schämte mich. Ich wäre gerne dir zu Liebe anders gewesen. Aber ich konnte es nicht. Deshalb war ich sehr traurig. Ich hätte Trost gebracht.

Stattdessen gab es auf dem Nachhauseweg dann immer die Geschichte von der kleinen süßen Margot, die überall in den Läden etwas geschenkt bekommen hatte und die alle liebten und entzückend fanden. Und die sich natürlich so nett bedankte, dass sie gleich noch was dazu bekam. Margot war so wunderbar flink, sie fiel schon in der ersten Schulstunde den Lehrern angenehm auf. Sie hatte süße, dunkle, braune Locken und die Leute blieben auf der Straße vor Entzücken stehen. Sie war mutig und selbstbewusst und wusste immer was sie wollte.

So wäre ich auch gerne gewesen. Warum nur war ich nicht so?
In der ersten Zeit, wenn du über deine Kindheit erzähltest, fand ich die Geschichten wunderschön und glaubte, es wären auch Geschichten über mich. Aber ich war durchaus nicht gemeint. Bei jenem Bäcker wurde mir das immer wieder klar: Diese Geschichten handelten nur von dir. Ich war eben ganz anders. Ich war stur, war schüchtern, humorlos und dick, hatte glatte, störrische, unkämmbare Haare, war bockig und eigensinnig, zornig und ungeschickt, lahm und still. Ich war ein Kind, für das du dich schämen musstest.

 

So schob sich immer deutlicher vor mein Spiegelbild die kleine Margot, dieser freche, liebliche, verlogene Fratz. Ich gefiel mir nicht. Ich versuchte, mich nicht zu sehen.
Doch ganz heimlich, tief in mir drinnen, mochte ich mich doch. Aber das gelang mir nur dann, wenn ich die kleine Margot hasste, hasste, was meine kleine dicke Seele hergab. Denn die große Margot zu hassen, war mir damals ganz und gar unmöglich.

 

Kannst du dich daran erinnern, wie ich dich ins Wohnzimmer bestellt habe, um dir mitzuteilen, ich wisse es jetzt: Du seiest gar nicht meine Mutter?

Hast du überhaupt je verstanden, worum es ging?

Du versuchtest schon seit langem, mich davon zu überzeugen, dass ich meinen dreckigen, alten, abgeschabten Teddy dem Osterhasen vorstellen sollte. Der Osterhase war bei uns zuständig für die Erneuerung und für die Entsorgung alter Puppen und Teddys. Das hattest du dir so nett ausgedacht. Und tatsächlich hatte sich der Osterhase bei mancher alten Puppe als geschickter Puppendoktor erwiesen. Aber diesmal war mir die Sache zu riskant. Mir war es völlig egal wie dreckig und zerrissen mein Teddy aussah, aber in solchen Sachen war sicher auch dem Osterhasen nicht zu trauen. Außerdem ging es sowieso nicht, dass ich meinen heiß geliebten Teddy auch nur für eine Nacht aus meinem Bett herausließ. Ich lehnte deine Idee also strikt ab. Wie lange es so hin und her ging, weiß ich nicht mehr. Eines Tages aber war mein Teddy trotzdem fort. Und er kam auch am nächsten Tag nicht zurück. Er kam überhaupt nicht mehr zurück! Ich war bestürzt. Und dann hast du mir erzählt, mein Teddy hätte selbst zum Osterhasen gewollt, er sei so alt und krank gewesen. Aber das konnte ich nicht glauben. Nein, das stimmte einfach nicht! Er hätte es mir gesagt. Er hatte vor mir keine Geheimnisse. Du hattest mich angelogen.

 

Es folgte eine harte, eine teddylose Zeit. Es ging mir besser, nachdem ich dich dann eines Tages ins Wohnzimmer bestellte, weil ich mit ihr sprechen wollte. Ich eröffnete dir, dass du nicht meine Mutter sein könntest. Es lag auf der Hand: Sonst hättest du mich nicht so betrügen und mir meinen geliebten Teddy wegnehmen können gegen meinen und seinen Willen.

 

So bist du mir immer weiter entrückt.

Es war Morgen. Meine Schwester war in der Schule. Wir beide, du und ich, saßen uns gegenüber am Esstisch an den Längsseiten. Wir frühstückten und plauderten wie an allen Morgen. Irgendwann nahmst du die Zeitung und hast angefangen zu lesen. Auf meine Fragen reagiertest du abwesend und ohne hochzusehen. Ich erzählte, fragte trotzdem weiter, wartete auf deine Reaktion. Ich wusste nicht so recht was los war. Ich fröstelte.

Dann auf einmal war mir, als öffnete sich die Küchentür. Ich sah niemanden hereinkommen, aber ich fühlte, dass irgendjemand oder irgendetwas näherkam, sich bückte und zwischen uns unter den Tisch kroch. Dann meinte ich zu meinem Entsetzen zu sehen, wie sich der Tisch bewegte, erst nur ein wenig, kaum wahrnehmbar. Dann wurde der Tisch lautlos weggetragen, fort von uns, aus der Küche.

Ich saß entsetzt da und merkte bestürzt, dass du gar nichts davon mitbekommen hattest. Du saßt da wie vorher, last deine Zeitung und merktest den Graben nicht, der da plötzlich zwischen uns lag.

„Ich gehe spielen“, sagte ich schließlich.

Du hast genickt ohne hochzusehen. Ich war alleine.

 

Irgendwann im fünften Lebensjahr habe ich dann aufgegeben und beschlossen, ohne deine Zuneigung und Liebe weiter zu leben, einfach schnell groß zu werden. Fortan habe ich mein eigentliches Wesen vor dir versteckt und dieses Versteck gehütet wie einen Schatz. Du wusstest nichts von mir, nicht meine Sorgen und meine Trauer, nicht meinen Hass auf dich und nichts über die Dinge, die mich glücklich machten. Fortan habe ich dir misstraut.

 

Das Marienkind. Wie habe ich dieses Märchen verabscheut! Du hast es uns so oft erzählt. Vielleicht wusstest du gar nicht, dass ich es so schrecklich fand. Oder doch? Und hast es trotzdem immer wieder erzählt? Wozu? Das Märchen erschien mir ausweglos und ich empfand die Gottesmutter immer als grausam und gemein. Und ich hasste die Botschaft: „Siehst du, so geht es Kindern, die nicht gehorchen!“ Noch mehr hasst ich die Botschaft: „Und du kannst dich dagegen aufbäumen wie du willst. Du bleibst Zeit deines Lebens in meiner Hand!“.

Ein kleines Mädchen, Kind armer Leute, wird von einer großen, herrlichen Mutter Gottes in den Himmel geholt. Es muss natürlich dafür dankbar sein. Es geht ihm dort gut und es darf alles. Nur in die 13. Tür darf es nicht sehen, das ist ihr strengstens verboten. Sie schaut doch hinein, als die Gottesmutter einmal fort ist. Sie hielt es für ihr Recht. Sie sah nicht ein, dass ihr dieses willkürliche und uneinsehbare Verbot vor die Nase gehalten wurde. Aber zur Rechenschaft gezogen, leugnet sie.

Oh, ich wusste es ganz genau, warum sie leugnete: Sie wollte es nicht zugeben, weil die Gottesmutter sie dann gezwungen hätte, das zu bereuen, was sie noch immer für ihr Recht hielt, nämlich auch in diese blöde 13. Tür hineinzusehen. Würde sie es zugeben, würde ihr das Recht verwehrt, sie selbst zu sein, das zu tun, was sie für richtig und vernünftig hielt. Sie lehnte die Macht der Gottesmutter ab, die diese über ihr Leben beanspruchte. Lieber wollte sie sterben. Aber ihr Recht verteidigen, zum Angriff übergehen, das konnte sie nicht. Sie schwieg.Zur Strafe wurde sie stumm und musste wieder auf die Erde zurück.

Dort verkroch sie sich in einen hohlen Baum. Es kam bald der übliche Prinz und nahm sie mit. Er verliebte sich in sie, weil sie so schön war und so erbärmlich. Sie musste sicher froh sein. Ob sie ihn auch liebte, hat das Märchen nicht erzählt. Der Prinz heiratete sie. Sie gebar ein Kind. In der Nacht kam die Muttergottes in ihre Kammer und nahm ihr das Kind weg, weil sie den Kopf schüttelte auf die Frage, ob sie damals die 13. Tür geöffnet habe. Am nächsten Tag konnte sie niemand erzählen, was passiert war. Alle sagten, sie hätte ihr Kind getötet. Nur der Prinz glaubte das nicht. Er liebte sie immer noch. Sie durfte bleiben.

So ging es noch zweimal. Sie bekam Kinder und die Muttergottes erschien jedes Mal in der Nacht nach der Niederkunft und stellte ihre alte Frage. Das Marienkind schüttelte den Kopf und so wurden ihr nacheinander alle Kinder fortgenommen. Schließlich glaubten alle Leute, sie sei eine Hexe, auch der Prinz. Sie stand schon auf dem Scheiterhaufen, da kam die Muttergottes mit den drei Kindern auf dem Arm und stellte noch einmal ihre Frage. Jetzt gab sie nach. Sie bekannte ihre angebliche Schuld. Dafür durfte sie leben und konnte jetzt auch wieder sprechen. Und sie erhielt ihre Kinder wieder. Nun war alles wieder gut.

Nichts war gut! Das Marienkind hatte sich selbst verraten. Und das sollte ich gutheißen?

Wie habe ich dieses Märchen gehasst! Ich hoffte nur, dass die Mutter Gottes sich nach diesem Auftritt wenigstens auf nimmer Wiedersehen in ihren Himmel verzogen haben würde, damit das Mädchen nun endlich anfangen konnte, ihr Leben alleine zu leben.

 

 

Er war rostbraun und warm, hatte einen gezackten Schweif und war gerade so groß, dass ich ihn in der Hand verbergen konnte. Ein geschnitzter Fuchs. Ein anderes Kind hatte ihn achtlos am Sandkastenrand liegen lassen. Keiner sah ihn so wie ich: leuchtend, wild, ungezähmt. Wir gehörten zusammen. Ich nahm ihn in meine Hand, spielte verstohlen mit ihm. Keiner achtete darauf. Keiner vermisste ihn. Er lag in meiner Hand so selbstverständlich. Ich schloss meine Faust fest um ihn und erklärte dem Rest der Welt den Krieg. Irgendwo hatte ich eine Tasche, in die ich ihn heimlich versenken konnte. Gerettet. Mein Herz schlug schwer und wild. Niemand wusste von meinem Raub. Niemand sollte je davon erfahren. Auch du nicht. Du schon gar nicht.

Monate vergingen. Dann hast du meinen Fuchs an einem Sonntag zwischen meinen Spielsachen entdeckt. Angeklagt stand ich zwei Stunden in der Wohnzimmerecke und schwieg standhaft. Das zumindest war ich meinem Fuchs schuldig. Keiner brachte ein Wort aus mir heraus.

Allmählich schwante dir wohl, dass es hier um mehr ging als um einen Spielzeugfuchs. Du versuchtest, mich zu verstehen. Ich versuchte, genau das zu verhindern.

 

Zwar fühlte ich mich weiterhin dir und deinen Leiden verpflichtet, aber ich versuchte nun, weit ab von dir, meine Haut zu retten. Du hast mich verloren, so wie ich dich verloren habe.

Und solange du lebtest, habe ich fortan deine Berührungen gemieden.

Wenn du dich später auf dem Sofa an mich drängtest und gebieterisch und fordernd den Arm um mich legtest, dachte ich oft, ich müsste mich übergeben.

So sah es aus zwischen uns.

 

Wie gerne würde ich sagen können: „Das war meine Mutter aber ich hatte sie trotzdem lieb.“  Aber so war es nicht.

Ich kann nicht anders, ich muss dich anklagen, endlich muss ich dich zur Rechenschaft ziehen. Es ist zu spät, ich weiß. Es nutzt ja nichts mehr.

Aber es muss sein. Allein, dass es mir noch heute so schwerfällt, zeigt, wie unbedingt es sein muss! Noch immer wage ich nicht, mein Antlitz gegen dich zu erheben und zu sagen: „Du hast mich nicht geliebt, du hast mich verletzt, du hast mir beinah mein Leben kaputt gemacht. Es ist deine Schuld. Ich klage dich an!“

 

Solange du lebtest, habe ich versucht zu vertuschen und zu verstecken, was ich dir gegenüber fühlte und dachte.
Als ich 14 war, habe ich den Sinn meines Lebens darin gesehen, dass ich versuchen wollte, dir zu helfen, dich irgendwie glücklich zu machen. Als ich 16 war, habe ich täglich meine Pflicht erfüllt und versucht, dir lustige Geschichten aus der Schule zu erzählen, dir im Haushalt zu helfen, mich mit dir über irgendwelche Banalitäten oder über deine unglückliche Ehe zu unterhalten. Und dann bin ich in mein Zimmer gegangen und habe mein Leben gelebt, meine Bücher gelesen, meine Gedanken gedacht und von all dem hast du nichts gewusst. Du hattest keine Ahnung wer ich war. Ich habe die Tage gezählt, wann ich endlich wegkommen würde von dir.

Als ich studierte, habe ich dir dann sechs Seiten lange Briefe geschrieben über das Muster der Vorhänge, die ich mir gekauft hatte und über meinen Tagesablauf, aber ich habe mit jedem Wort versucht, mich und das, was ich wirklich war und was mich wirklich bewegte vor dir zu verstecken und vor dir zu schützen.

In dieser Zeit fing ich auch an, von dir zu träumen, Nacht für Nacht. In meinen Träumen begegnete ich endlich meinem Hass. Einmal träumte ich, ich hätte herausgefunden, du seiest tatsächlich eine Hexe. Du warst gefährlich und böse und trachtetest meinem Vater und meiner Schwester nach dem Leben. Aber nur ich konnte es sehen. Die beiden begriffen es nicht und auch meinen Warnungen gegenüber blieben sie taub. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als dich anzuspringen und zu erwürgen, als du gerade dabei warst, mit dem Beil aus einem Hinterhalt heraus meine Schwester anzugreifen. Ich tat es nicht etwa für mich. Das durfte ich wohl selbst im Traum noch nicht. Aber es tat gut, es dir endlich zurückgeben zu können, die Welt endlich retten zu können vor deinen schrecklichen Gemeinheiten, sie erlösen zu können von deiner bösen Macht.

In der Zeit danach träumte ich immer wieder, dass unser Haus in Flammen stehe und ich versuchte, euch alle zu retten, ihr mir aber – angesichts der lodernden Flammen – ins Gesicht sagtet, es brenne nicht. Und dann bin ich alleine fortgegangen und habe von ferne zugesehen, wie das Haus und ihr mit ihm in den Flammen versankt.

 

Als ich wusste, wie sehr ich dich hasste, habe ich mich noch tiefer vor dir in meinen Katakomben versteckt. Ich vergrub meinen Hass in mir und tat weiterhin alles, damit du glauben konntest, dass ich deine liebe, kleine, brave und unkomplizierte Tochter wäre.

Es blieb bis zuletzt bei meiner Sprachlosigkeit. Ich hörte jetzt auch auf, dir etwas vor zu machen und mied den Kontakt von Jahr zu Jahr mehr. Ich habe dich nicht mehr besucht, als du im Sterben lagst. Wahrscheinlich hat dich das getroffen. Was aber hätte ich dir sagen sollen? Ich konnte nicht mehr lügen. Aber ich konnte dir auch die Wahrheit nicht sagen, in dieser Situation schon gar nicht. Ich tat das nicht, um dich zu verletzen. Ich tat es nur, um nicht noch einmal verletzt zu werden. Ich war nicht in der Lage, dir die Stirn zu bieten. Ich hatte Angst, mich dir, der Ärmsten der Armen, dem Opfer, zu offenbaren als eine, die selber dein Opfer geworden ist. Immer wollte ich dich schonen. Aber du hast mich nicht geschont.

 

Aber heute, hier, wo du hier eingebuddelt, verbrannt in der Erde liegst, nicht mehr fähig zum Angriff und nicht mehr in der Lage, dich wie ein Vampir in meine Seele zu verbeißen, hier kann ich es dir endlich ins Gesicht sagen, dass du mich betrogen hast um mich selber, dass du mich missbraucht hast, um dein eigenes Unglück ertragen zu können. Und dass ich dich hasse dafür bis auf den heutigen Tag.

 

Ich hätte dir das vielleicht schon vor 50 Jahren sagen sollen. Aber damals war es unmöglich und noch heute habe ich Hemmungen, es zu tun. Denn wie kann ich einer Frau, die so gelitten hat, die so verletzt wurde ihr Leben lang, die so unglücklich wurde und so verzweifelte an ihrem Leben, so etwas antun?

Und ich weiß doch, du hast viel gemacht für uns und mit uns, hast geputzt, gewaschen, geflickt, gekocht, hast uns versorgt und für uns Kasperletheater gespielt, uns Vokabeln abgefragt und bist zu den Elternabenden gegangen, hast schließlich dein halbes Leben für deine Kinder geopfert. Du hast dich doch so bemüht, nicht wahr?

Und dennoch, die Note lautet: „nicht ausreichend“. Es hat nicht gereicht, es war nicht das, was ich wirklich gebraucht hätte. Du hast mich geboren und dann beinah umgebracht.

 

Oder war es doch nicht immer so? Konnte es auch anders zwischen uns sein? Waren wir uns denn nie nah? Oft kann es nicht gewesen sein. Aber es gibt da eine Erinnerung, ein kleines Erlebnis, da hatte ich fast eine Mutter:
Wir waren zu dritt: du, mein neuer Teddy und ich. Wir saßen auf einer Bank auf dem Friedhof. Schräg gegenüber der Bank wuchsen auf einem Grab viele Sträußchen blau leuchtender Männertreu. Ich sehe alles noch vor mir. Es war wunderschön in diesem Teil des Friedhofs. Hier waren die gepflanzten Bäume schon hochgewachsen, die Efeuranken verholzten schon, so alt waren sie geworden. Zwischen den Grabreihen liefen breite, asphaltierte Wege, an den Wegkreuzungen überall standen Bänke. Man konnte glauben, man befände sich in einem großen, schönen Garten. Hier war alles an seinem Fleck und alles taufrisch und jedes Erdkrümchen geharkt und geglättet, so wie in einem edlen Park, in dem Kinder nicht einfach losrennen dürfen und wo Mütter versuchen, mit ihren Kindern leise zu sprechen und nur verhalten zu lachen, um den Anstand zu wahren und nicht unangenehm aufzufallen. Hier einfach zu sitzen, wenn man gar keine tote Oma in der Nähe hatte, das war bestimmt verboten. Ich fand es toll, mit meiner Mutter etwas Verbotenes zu machen.

Unsere Bank stand unter einer Weide, von der hunderte rot ausstäubende Kätzchen heruntergefallen waren. Der Boden lag voll davon, die Bank hatten wir erst abwischen müssen, ehe wir uns hatten setzen können. Die länglichen Kätzchen fielen auf uns herab wie reife Früchte. Wir lachten. Eine fiel direkt auf Teddys Kopf. Teddy, von dir angestiftet, machte „huch!“ und schüttelte sich. Wir lachten noch mehr. Teddy lachte auch. Da nahmst du ein neues Kätzchen und kitzeltest ihn an der Nase, an den Ohren, am Bauch. Wir schüttelten uns vor Spaß! Ich konnte gar nicht genug kriegen. Teddy ging es so gut, ich sah es ihm an. Sein rechtes Auge lachte, lachte dich an.

Irgendwann sagtest du: “Komm. wir müssen weiter!“ Ich nahm meinen Teddy unter den Arm und sah mich noch einmal um. Eh wir um die Ecke gebogen waren, lagen schon wieder Kätzchen auf der Bank. Mir war unendlich wohl. An diesem Tag hatte ich eine Mutter. Immerhin.

 

Aber mein ganzes Leben lang sehnte ich mich nach einer zärtlichen Mutterhand. Lange Jahre konnte ich es fast wie eine Vision fühlen, wie die Mutter sein müsste, die solche Hände für mich hätte. Sie müsste an mein Bett kommen, unaufdringlich, ohne Tadel auf der Stirn, ohne Vorhaltungen und ohne Klagen über ihr eigenes, verratenes Schicksal. Ihre Worte müssten Trost, Ermunterung und Anerkennung vermitteln und Achtung, rückhaltlose Achtung vor diesem selbständigen Menschen, ihrem Kind.

Sie müsste Interesse haben an mir. Wenn ich Sorgen zeigte, dürften sie mir nicht als Vorwurf von ihrem Gesicht zurückprallen. Und wenn ich Freude mitteile, müsste dies geschehen können ohne Angst vor ihrem Neid und ohne schlechtes Gewissen. Solch eine Mutter könnte, sollte mich berühren, solch eine Mutter könnte ich streicheln.

Immer wieder habe ich, Jahre lang, Jahrzehnte schon, nach solch einer Mutter gerufen. Immer wieder wurde ich tief enttäuscht und erbittert, weil da eine hereinkam, die meinem Unglück nur noch eins draufsetzte.

Die Sehnsucht ist ungestillt geblieben.

 

Ich weiß es ja, auch du warst ein Kind, das keine Mutter hatte, keine, die so war, wie sie eigentlich hätte sein sollen, eine Mutter, die einem wirklich guttut.

Das ist traurig, weißt du. Dass es sich immer wiederholt, immer wieder. Und dass wir alle träumen von Müttern, die wir nie hatten und die wir auch nie geworden sind. Das ist furchtbar traurig.

Jetzt muss ich also doch noch weinen. Jetzt können die Friedhofsfrauen zufrieden sein. Jetzt habe ich mir also mein Recht darauf erwirkt, hier zu stehen bei dir. Aber ich weine nicht, weil ich dich vermisse. Ich weine um all das, was wir Zeit unseres Lebens vermisst haben, jede für sich. Immerhin, ich weine.

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© Mechthild Seithe