Poesie und Texte
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Rabenmütter unter sich

Das dritte Gespräch

 

 

 

Rabenmütter unter sich

 

Ja, siehst du, ich komme immer noch, komme auch jetzt noch, wo ich mich halbwegs ausgesöhnt habe mit dir.

Wenn ich ehrlich bin, komme ich heute, weil ich ein bisschen mit dir plaudern möchte, von Mutter zu Mutter. Da sind die drei Kinder, die ich bekommen habe und die nun fast alle groß sind. Sie fangen an, mit mir abzurechnen, so wie ich in den letzten Jahren endlich mit dir abgerechnet habe.

Nun stehe ich da wie du und bekomme die Quittung. Das tut weh, nicht wahr? Wie viele Menschen sind Kinder von Müttern, die ihre Kinder nicht genug geliebt haben. Unsere Kinder sind es auch. Ich hoffe, es geht nicht immer so weiter, weißt du. Man müsste es stoppen können.

 

Was uns beide betrifft, wir haben unser Pulver schon verschossen, du und ich. Wir können nichts mehr tun. Wir haben schon alles falsch gemacht und können es nun nicht mehr ändern.

Darüber möchte ich mit dir reden, mit einer Leidensgenossin, mit einer Mittäterin, wenn du so willst, mit einer Schicksalsgenossin auf jeden Fall: Sozusagen von Rabenmutter zu Rabenmutter. Du verzeihst mir, dass ich dich so nenne. Natürlich warst du keine. Und ich war auch keine. Aber unsere Kinder haben uns so erlebt. Deine dich und meine mich.

 

„Ich hasse dich so, Mama!“, sagte meine Älteste neulich zu mir. Und sie hat sich sicher gewundert, dass ich nicht entsetzt war und in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe nur den Kopf eingezogen und habe an dich gedacht. An uns.

Und obwohl ich wusste, dass es nun auch meiner eigenen Tochter so geht wie es mir ging ein Leben lang, dass sie sich nichts so sehr wünscht wie eine Mutter, die sie tröstet, ermuntert und die ihr Anerkennung, rückhaltlose Anerkennung und uneingeschränkte Liebe anbietet, konnte ich doch nur sagen: „Ich kann dir nicht mehr geben, als ich dir schon gebe.“ Und sie hat mich dafür sicher noch mehr gehasst.

Ich dachte in diesem Moment daran, wie ich zu dir gerannt bin damals, als ich - drei Jahre alt – in einem Familienurlaub von der Freilichtbühne die Flucht ergriffen und weggerannt bin, wo ich das unglückliche Schicksal eines zum Äffchen verzauberten Kindes hatte spielen müssen. Ich fühlte mich bedrückt und gefangen und begriff nichts, von dem Geschehen um mich. Vor der Bühne unter den Zuschauern hatte ich dich, meine Mutter, entdeckt und rannte zu ihr, einfach mitten in der Szene. Ich spüre es noch heute, wie ich versuchte, mich in deine Arme zu flüchten, aber deine Verachtung schon voraussah und sie dann auf mich nahm wie eine unvermeidliche Strafe dafür, dass ich ich war. Du warst meine Rabenmutter. Daran gibt es keinen Zweifel.

 

Darf ich dir ein wenig von meinem Rabenmutterschicksal erzählen? Früher hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als es vor dir, ausgerechnet vor dir, zuzugeben. Nun kann ich es. Nun möchte ich es. Wir sind sozusagen unter uns.

 

Ich hatte mir so fest vorgenommen, es besser zu machen, es anders zu machen als du. Lange habe ich mir auch eingebildet, es besser gemacht zu haben. Doch ich fürchte schon seit einiger Zeit, dass es nicht so war.

Ich stieg jeden Abend müde und erschöpft die Treppe zu unserer Wohnung hinauf. Der Arbeitstag war lang und anstrengend gewesen. Ich hätte jetzt ein wenig Ruhe nötig gehabt, jemanden, der mir einen Tee bringt, jemanden, der mich fragt, wie es war. Gut war es, aber nun war es auch genug. Nun, am Feierabend hätte ich mich so gerne erholt.

Ich blieb vor der Wohnungstür stehen, lauschte mit zwiespältigen Gefühlen auf die Geräusche, die aus der Wohnung bis in den Hausflur drangen. Die Stimmen meiner Kinder. Jemand schrie. Ein anderer rief etwas, was ich nicht verstehen konnte. Etwas fiel zu Boden und schepperte verdächtig. Es blieb einen Moment still. Dann kreischten sie alle durcheinander. Eine Tür schlug zu. Jemand weinte heftig.

Wenn ich den Schlüssel ins Schloss stecken würde, kämen sie alle sofort angerannt. Eine Möglichkeit, ungesehen in einen versteckten Winkel der Wohnung zu entkommen, wo ich für ein paar Minuten im Dämmerlicht meine Beine hätte von mir strecken und die Augen schließen können, die gab es nicht.

Ich öffnete also irgendwann doch die Tür und ließ meine Identität, zumindest meine Identität als erwachsener, arbeitender Mensch an der Türklinke von außen hängen. Das, was ich den ganzen Tag über gemacht, gedacht, geschafft, erreicht hatte, das zählte nicht mehr. Jetzt gehörte ich ihnen mit Haut und Haar.

Ich schlüpfte also jeden Tag von einer Sekunde zur nächsten in die Rolle des Muttertiers. Manchmal vergaß ich dabei, mir die Schuhe auszuziehen. Wenn ich erst noch mal zur Toilette musste, entschuldigte ich mich. Augenblicklich ging es nun nicht mehr um wichtige Gespräche und Konferenzen, nicht mehr um Konzepte und Strategien. Es ging jetzt um die richtige Temperatur des Fläschchens, um die eben erste gekaufte und schon wieder zerrissene Hose, um den Streit, wem eigentlich der neue Kinderschirm gehörte. Es ging um das aufgeschlagene Knie, die Bauchschmerzen, den Krach mit der Freundin, den Ärger mit der Klassenlehrerin. Da warteten Stapel von Bilderbüchern, die vorgelesen und Stapel von Wäsche, die gebügelt werden wollten. Und da warteten drei Kinder, die alle gleichzeitig reden und erzählen mussten. Ich versuchte, ihnen allen zuzuhören, sie alle glücklich zu machen. Ich versuchte nicht nur, mich zu vergessen, ich versuchte, mich zu verdreifachen. Wenn ich mich einem der Kinder zuwandte, spürte ich im Rücken die Traurigkeit und Enttäuschung und den Neid der beiden anderen. Je mehr ich mich eilte, sie alle zu befriedigen, desto heftiger stritten sie um mich.

Irgendwann dann, aus heiterem oder doch schon längst getrübtem Himmel heraus hörte ich mich losbrüllen, schrie, sie sollten mich doch alle einfach in Ruhe lassen. Es war leichter für mich, allen dreien gleichzeitig weh zu tun als nur zweien. Die Kinder sahen mich verunsichert und enttäuscht an. Ich sackte irgendwo in der Sofaecke zusammen und schluchzte vor mich hin. Wie oft habe ich geweint. Keiner hat mich getröstet. In ihren Augen sah ich nur Angst, sonst nichts. Am nächsten Tag ging der Kampf wieder los, sobald ich die Wohnung betrat.

Natürlich war da auch der Vater. Sie liebten ihn. Aber sie verlangten nach ihrer Mutter. Und die war ich.

 

Hast du dich von uns Kindern eigentlich auch so aufgefressen gefühlt? Ich habe mein Leben lang Angst vor meinen Kindern gehabt, habe diese Angst heute noch. Sie kamen mir mitunter vor, wie eine Brut gefräßiger Wolfskinder, die nicht zögern werden, die alte, müde Wölfin aus dem Bau zu werfen. Zuerst zerren sie an ihr, sie boxen und knuffen, damit sie ihnen die Nahrung hinwirft, die sie im Maul trägt. Und die Wölfin bringt und schleppt, was sie auftreiben kann. Der Hunger der Kleinen ist unersättlich. Sie nehmen sich, was sie für ihrs halten. Sie selbst geht nicht selten leer aus aber sie lässt es sich viel gefallen. Manchmal knurrt sie. Doch die Kleinen knurren schon bald zurück. Die Wölfin sieht, wie ihre Kinder wachsen, wie sie größer werden, wie sie anfangen zu glauben, dass ihnen die Welt gehört. Sie steckt die Püffe ein. Sie sieht zu, wie sie ihr erstes Huhn fangen und verschlingen, ohne ihr etwas abzugeben. Sie überlässt ihnen den Bau, als sie sich ausbreiten und sie frech hinausschubsen. Sie hat ihr Teil getan, sie ist nicht mehr nötig. Sie macht Platz für die Jungen, für die, die nach ihr kommen. Fast ist sie jetzt froh, hinausgeworfen zu sein, befreit von der Brut, endlich in der Lage, ihr stumpfes Fell in der Sonne zu lecken und ihr kärgliches Mahl aus Käfern und Mäusen alleine aufzuessen. War es so?

 

Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich es genoss, wenn ich ein-, zweimal im Jahr von der Familie fortkonnte, eine Tagung besuchen musste, einmal nur für mich und mit mir sein durfte! Es war wie ein Fest, es kam mir vor wie im Märchen, wenn die verwunschene Prinzessin zwischen Mitternacht und einUhr ihre normale, menschliche Gestalt annehmen und für diese eine Stunde wieder sie selber sein darf.

Ich drehte den Schlüssel, öffnete mein Hotelzimmer, stellte den kleinen Koffer ab, schloss die Tür hinter mir. Jetzt war ich erst einmal alleine. Zwei Tage lang.

Ich saß im Vortragssaal und spürte mein Herz. Es schlug schneller, als es durfte und unregelmäßig, aber immerhin: es schlug.

Ich betrachtete die Menschen im Saal, sah ihnen ins Gesicht, betrachtet ihre Züge, absichtslos und lange, ungehörig lange, ganz egal; Ich fing wieder an, zu sehen. Ich vergaß mich dabei, oder besser: ich war mir meiner endlich wieder so gewiss, dass ich es wagen konnte, um mich zu sehen, zu denken, nachzudenken, mich und meine Sorgen zu vergessen.

Ich schaute aus dem Fenster ins späte Tageslicht, auf den Flecken Gras, den man überblicken konnte, auf die im Nachmittagslicht flirrende Pappelreihe am Rande des Rasens. Über die Wiese lief jemand. Zurück blieb eine deutlich sichtbare Spur. Die hohen Grashalme waren zur Seite gebogen. Ihre schattengewohnten Unterseiten schimmerten feucht. Morgen würden sie sich wieder aufgerichtet haben. „Ich aber werde keine Spur zurücklassen“, ging es mir durch den Kopf. Nur die Kinder werden weiterleben. Ich bin jetzt schon vergessen. Ich vergesse mich längst selbst.

Später im Hotelzimmer saß ich auf dem Bettrand. Keiner störte mich hier. Ich konnte mich tatsächlich einfach hinsetzen und aus dem Fenster sehen. Ich konnte schreiben. Ich konnte nachdenken. Ich konnte bei mir sein. Ich war frei.

Das Zimmer war öde. Leer. Angenehm leer. Es überfiel mich bald eine bleierne Müdigkeit. Und ich begnügte mich mit der Freiheit, um 20 Uhr ins Bett zu gehen und bis 8 Uhr schlafen zu können Ich schlief sofort ein, ohne die Grenze zwischen Wachheit und Schlaf zu spüren.

In der Nacht wachte ich oft auf, aber ohne Grund, nur so. Keiner hatte gerufen, niemand brauchte Tee oder Nasentropfen, keiner hatte Angst oder Bauchweh.

Es war so schön, aufzuwachen und wieder einschlafen zu dürfen. Niemand stahl mir die Nebel milder und lustvoller Träume. Bilder zogen mich in den Traum zurück, waren schon wieder überzeugender, intensiver als die Wirklichkeit, verknüpften sich, liefen immer weiter, trugen mich weit fort.

Aber irgendwann war es wieder hell.

Ich verbrachte auch den Morgen damit, scheinbar gedankenlos aus dem Fenster zu sehen.

Und dann war da nur noch die eine Stunde Mittagspause. Und dann war es vorbei.

Zwei Tage waren hoffnungslos zu wenig. Wenn ich meine Wohnung betrat, waren sie sofort wieder ausgelöscht. Die Kinder zerrten an mir vor Freude. Sie zerrten an mir voller Gier.

Die Wölfin war zurück. Sie war müde. Aber das zählte nicht.

 

Was sollte ich tun?

Kennst du noch das Lied „Es freit ein wilder Wassermann auf der Burg wohl über dem See“? Du hast es uns so oft vorgesungen. Ich habe schon als Kind dabei geweint,  über Lilofees Schicksal geweint:
‚Es neigen sich Laub und grünes Gras vor dir, schöne Lilofee. Du bist wieder aufgetaucht aus dem kalten Wasser, bist zurück am grünen Ufer deines Sees. Doch du weißt es ja: die Kindlein drunten weinen nach dir. Und deshalb musst du zurückgehen auf den Grund des Sees, wo du keine Luft bekommst und wo es kalt und dunkel ist. Du wirst es natürlich tun. Denn die Kinder weinen. Es bleibt dir keine andere Wahl. Du bist eine Mutter. Müttern bleibt keine Wahl. Arme junge Lilofee!’

Auch meine Kinder weinten bitterlich, wenn ich ihnen dieses alte, schreckliche Lied vorsang. Ich sang es ihnen oft vor. Ich konnte es nicht lassen. Ich tat es aus Trauer und Selbstmitleid. Mir traten dabei die Tränen in die Augen wie früher schon. Meine Kinder liebten dieses Lied, auch sie waren gebannt davon. Aber sie sorgten sich nicht um Lilofee, sie weinten um Lilofees Kinder. Sie weinten mit den Kindern im Lied. Ich aber weinte mit Lilofee. Wir weinten an verschiedenen Ufern.

Dennoch habe ich sie immer wieder getröstet, wenn ihnen von dem Lied die Tränen die Wangen herunterliefen. Auch du hast damals versucht, mich zu trösten, weißt du das noch? Man kann sie ja nicht weinen lassen! „Natürlich kommt Lilofee zurück. Wo gäbe es denn so was, dass eine Mutter ihre kleinen Kinder verlässt?“ Nicht wahr? Es wäre undenkbar. Es war undenkbar. Ich stimmte in das Weinen meiner Kinder ein. Wahrscheinlich wussten sie immer, dass ich log.

 

Ich habe nie geglaubt, dass ich eine gute Mutter wäre.

Dennoch habe ich versucht, es zu sein. Ich habe mich für meine Kinder gevierteilt, habe ihnen zwar nicht die Sterne, aber alle Wolken vom Himmel geholt, habe mein ganzes Leben auf sie eingestellt, meine Freizeit für sie aufgegeben, meine Hobbys vernachlässigt, meine Wohnung in einen Kinderspielplatz verwandelt.

Ich habe mich aufgeopfert wie ein Pelikanweibchen.

 

Wie oft habe ich an ihren Bettchen gesessen und gewartet, bis sie eingeschlafen waren. Sie schliefen immer schlecht ein. Ich erzählte Geschichten und dann habe ich gesungen.

Wie oft habe ich beim Singen gehofft, dass sie nun endlich einschlafen, damit mir von diesem Abend vielleicht noch ein halbes Stündchen, wenigstens ein viertel Stündchen Zeit und Ruhe bleiben würde für mich alleine, um endlich wieder ich zu sein, in meinem eigenen Leben anzukommen. War das da also nicht mein Leben? Wenn mich das einer gefragt hätte damals, ich hätte erstaunt verneint. Natürlich nicht. Mein Leben hatte ich schließlich an der Wohnungstür zurückgelassen.

Aber ich sang. Ich kannte so viele, so wunderbare Schlaflieder. „Im Hause wird es nun still, kein Hund mehr bellen will. Die Sterne kommen heraus. Der Mond geht übers Haus. Ich mach die Tür jetzt zu, nun schlaf mein Kind in Ruh.“ Ich liebte dieses Lied. Es war so tröstlich. Es versprach Frieden vor und hinter der Kinderzimmertür.

„Wie hieß dieses furchtbare Lied, irgendwas mit einem Hund, der still sein soll?“, fragte meine Tochter vor einiger Zeit. „Du hast es abends so oft gesungen. Ich habe es so gehasst!“.

Ich erschrak. „Welches Lied meinst du? 'Die Sterne kommen heraus'?“

„Genau! Es war ein kaltes Lied, ich spüre noch heute, wie alles um mich gefror, wenn du es gesungen hast. Ich wusste: Danach wolltest du gehen. Wenn dieses Lied kam, war klar, dass du mich gleich alleine lassen würdest.“

Ich war sprachlos. War es wirklich so? Wozu habe ich dann überhaupt gesungen? Wozu habe ich mich so angestrengt, wozu habe ich mir solche Mühe gegeben?

Meine Kinder hatten selbst gebastelte Wandvorhänge, auf denen der Mond hinter Bäumen hervorschaute. In der Adventszeit bekamen alle drei jeden Tag ein Adventsbriefchen mit kleinen Geschenken und süßen Sachen. Ich dichtete Urlaubslieder, erzählte Gutenachtgeschichten, kaufte und strickte Kuscheltiere, dichtete Mythen und erfand Rituale.

Es machte mir Spaß. Es machte auch den Kindern Freude. Aber mit jeder dieser Aktion hoffte ich heimlich, mich endlich doch loskaufen zu können. Und sie wussten es immer. Was sie wirklich und viel dringender gebraucht hätten, das blieb ich ihnen schuldig.

Meiner Tochter schrieb und malte ich die Geschichte von dem kleinen Bärenmädchen: Seine Eltern sind tagsüber fort um Futter zu suchen. Der große Bruder muss zur Bärenschule und sie fühlt sich etwas alleine. Da macht sie sich auf, um eine Freundin zu finden. Sie lernt viele Tiere kennen, erlebt allerlei Geschichten, traurige aber auch schöne und entdeckt zum Schluss, dass sie längst eine gute Freundin hat.

Meine Mühe beim Malen und Schreiben wurde von den Kindern zwar anerkannt. Aber geliebt wurde dieses Buch nicht. Ich war enttäuscht, konnte es lange nicht verstehen. Eines Tages verriet mir dann mein kleiner Sohn so ganz nebenbei das Geheimnis. „Warum sind denn die Eltern von dem kleinen Bärenmädchen den ganzen Tag weg, Mama? Warum sind sie denn nicht einfach bei dem Bärenkind geblieben?“

 

„Du konntest machen, was du wolltest, Mama“, sagen sie heute. „Du konntest Geld für uns ausgeben oder dich sonst wie zerreißen. Wir wollten keine Opfer von dir. Wir wollten spüren, dass du das gerne tust. Wir wollten nichts haben von dir. Wir wollten spüren, dass du uns liebst.“.

Ich habe die Botschaft inzwischen verstanden:

Je mehr ich mich angestrengt habe, desto schlechter war ich als Mutter, desto weniger wurde mein mein Bemühen geschätzt und als Liebe erlebt. Ein Teufelskreis. Der Teufelskreis der Rabenmütter.

 

Ich wollte nie Kinder, weißt du noch? Ich ahnte schon mit 16, dass es mir nicht anders gehen würde als dir. Wie klug man doch mit 16 ist!

 

 

Mit 19 war ich es noch immer:

Das Leben hatte gerade angefangen. Ich hatte das Abitur in der Tasche. Das Studium und die Zukunft lagen vor uns. Ich machte mit meinen Freundinnen eine Radtour durch Norddeutschland. Erinnerst du dich noch? Als ich wiederkam, habe ich mir von dir die leckeren Pfannkuchen gewünscht, die du so gut machtest. Ich war wieder deine liebe Tochter. Du hattest keine Ahnung, was wir inzwischen alles erlebt hatten und wie sehr unsere Welt für diese 18 Tage von der Welt bei dir daheim entfernt gewesen war!

Diese Reise war voller aufregender, eigener Erfahrungen: erste Flirts, Orientierung in wildfremden Städten, aufregende Entdeckungen, Bruch mit alten Zwängen (warum bloß darf man ein Messer eigentlich nicht ablecken; wer sagt, dass man sich nicht auf die Bürgersteigkante setzen darf?), das erste Bier nach der Anstrengung der Tagesetappe, durchredete Nächte, neue Bekannte, die dir nie gefallen hätten. Es war wie eine Reise in meine Zukunft. Sie war eine Offenbarung, der Eintritt in die Freiheit und Unabhängigkeit.

Aber mitten in diesem Rausch hatte ich ein Erlebnis, das überhaupt nicht da hineinpasste, das mich zutiefst erschreckte und vor dem ich ganz schnell die Tür zuschlug, um es ganz und gar wieder vergessen zu können.

In einer der Jugendherbergen, in denen wir übernachteten, fiel mir eine junge Frau mit drei kleinen Kindern auf. Die Kinder waren nett. Aber Mutter machte einen abgespannten und gestressten Eindruck und erschien mir um Jahrzehnte älter als wir. Ich traf die Frau eines Morgens im Duschraum und kam mit ihr ins Gespräch. Sie erzählte mir, ihr Mann sei vor einem halben Jahr plötzlich gestorben. Jetzt mache sie mit ihren Kindern erst mal eine Reise. „Wir wollen vergessen und weiterleben“, sagte sie. „Ich bin erst 28“, fügte sie hinzu und sah dabei traurig aus.

Und ich erschrak, denn sie hatte zu mir nicht wie eine Erwachsene zu einer Jugendlichen gesprochen, sondern wie zu einer Gleichaltrigen, zu einer Schwester, ganz so, als könnte es ebenso gut auch mein Schicksal sein, was sie da jetzt zu meistern hatte.

„Nein, mein Leben ist das nicht, nicht jetzt, nicht in den nächsten zehn Jahren, am besten nie!“, schrie es in mir.

Ich sprach ihr meine Bewunderung aus aber verdrückte mich voller Panik. Vor den anderen behielt das Erlebnis für mich. Wie aus Angst, die Falle könnte zuschnappen.

 

Aber irgendwann, fast fünfzehn Jahre später, glaubte ich dann doch, in meinem Leben eine Familie zu brauchen, Kindern die Welt erklären und zeigen zu müssen. Und als ich einen Man traf, der bereit war, für die Kinder die Mutterrolle zu übernehmen, schien es mir möglich auch zu sein.

Ich hatte damals einen Traum.

Irgendetwas hielt ihre Hände gefangen. Jede Bewegung fiel ihr schwer. Sie fror. Der Raum, in dem sie eingesperrt war, war klamm und schlecht beleuchtet, sie konnte kaum etwas erkennen im Raum. Das einzige kleine Fenster war mit einer dicken Schmutzschicht bezogen. Der Blick nach draußen zeigte eine fade, regennasse Gegend mit grau-grünen Büschen und einem Stück aufgerissener Straße. Sie saß da und betrachtete ihre Fingernägel. Die waren abgebrochen.

Dann hörte sie draußen Schritte. Sie richtete sich auf. Sie fürchtete sich nicht. Es kam jemand zur Tür herein, die hinten im Dämmerlicht des Raumes liegen musste. Stiefel kamen näher, mit Lehm bedeckt. Sie sah auf. Sie spürte auch jetzt keine Angst, nur Erwartung. Große, klobige Hände trugen etwas. Die Hände waren schmutzig. Das, was sie trugen, war klein und es bewegte sich.

„Hier“, sagte eine Stimme, die zu diesen Händen gehören musste.

Und als wenn damit alles klar wäre, öffnete sie wie selbstverständlich die Hände und nahm das Etwas in Empfang. In ihren Händen lag ein kleines, lebendiges, dickbepelztes Etwas, ein winziger Bär. Er lag nicht etwa still. Er drehte sich und sah sich neugierig um, aber er wollte nicht fort von ihr. Er streckte sich, räkelte sich wollüstig in ihren Händen und kuschelte sich in die Mulden ihrer Handflächen.

Verzückt formte sie diesem frechen kleinen Leben eine warme Höhle. Es durchströmte sie eine Wärme, die ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen war. Der kleine Bär räkelte sich noch einmal und schlief dann ein, als gehöre er hier hin und an keinen anderen Ort der Welt.

Aber dieser Traum ist für mich nicht ganz in Erfüllung gegangen. Ich konnte es doch nicht.

 

Weißt du noch, wie du reagiert hast, als ich dir am Telefon erzählte, ich sei schwanger? Du hast ein paar Sekunden geschwiegen und ich wusste nicht und weiß es auch heute nicht, ob du angenehm überrascht oder erschrocken warst. Und dann sagtest du: „Und ich dachte, du könntest nur Teddybären kriegen.“

Ich hätte es vielleicht wirklich bei den Teddybären belassen sollen.

 

Selbst bei meiner Katze hatte es ja nicht geklappt. Du hast sie einmal gesehen. Ihr kamt unangemeldet zu Besuch, Vati und du, als ich wegen ihr gerade völlig verzweifelt war. Ich habe versucht, es vor euch zu verbergen. Ich habe mich geschämt, dass ich mich von dieser kleinen Katze so fertig machen ließ.

Sie war grau getigert, noch klein, voller Lebenslust und Energie. Sie war weich und verschmust, als ich sie zum ersten Mal in den Arm nahm.

Ich war damals alleine, hatte gerade meine eigene, winzige Wohnung bezogen, hatte mit meinem Mann Schluss gemacht und auch mit dem, der der Trennungsanlass gewesen war. Ich war zufrieden. Nur abends, wenn ich von der Arbeit heimkam, war ich etwas einsam. Deshalb nahm ich das Kätzchen zu mir. Ich nannte sie Jenny.

Sie spazierte in meiner Wohnung herum, besah sich alles völlig respektlos und kümmerte sich erst einmal überhaupt nicht um mich. Sie nahm den von mir zugewiesenen Fressplatz nicht an und machte überhaupt nur und ausschließlich, was sie wollte.

Abends ließ sie mich nicht schlafen. Schon am zweiten Abend lernte sie, wie man meine Nachtlampe anknipsen kann. Sie kletterte über mich, egal wie oft ich sie wieder aus meinem Bett heraus beförderte. Allmählich stieg Verzweiflung in mir auf. Ich musste schlafen. Irgendwann warf ich sie im hohen Bogen ins Zimmer. Ich lauschte mit schlechtem Gewissen in die Dunkelheit. Es blieb ein paar Sekunden still. Dann hörte ich, wie sie in eine Ecke ging. Ich hatte endlich meine Ruhe.

Am nächsten Morgen war sie wie immer. Sie hatte mir nichts übel genommen. Das machte mir Furcht. Sie war mir überlegen. Fast glaubte ich, in ihrem süßen, unschuldigen Gesichtchen ein hämisches Grinsen zu entdecken.

Unser Verhältnis wurde immer komplizierter. Wenn ich jetzt abends heimkam, begann meine Katze auf der Stelle wie eine Verrückte zu toben. Sie hatte wohl den ganzen Tag geschlafen. Ich freilich nicht. Sie machte die wildesten Sprünge, gefährdete mein Mobiliar, zerbrach mein Geschirr, zerkratze meinen Schrank. War sie verrückt, eine kleine verrückte Katze? Anschließend setzte sie sich auf meinen Schoß, schnurrte und war durch nichts zu vertreiben. Ich war kaputt und wollte meine Ruhe. Sie ließ sie mir nicht. Enttäuschung nagte an mir, über die Katze, über mich.

H. kam zu Besuch. Er war noch nicht ganz im Zimmer, da strich Jenny um ihn herum, ließ sich kraulen, schnurrte, vergaß ihre überspannten Sprünge und ihr hämisches Grinsen. Sie war einfach nur ein kleines liebebedürftiges, lebenslustiges Kätzchen.

Es lag also an mir. Ich schämte mich sehr.

Ein Bekannter kam, sah sie, verliebte sich in sie und nahm sie gleich mit.

Ich atmete auf, als hätte ich mein Leben zurückerhalten.

Warum bloß habe ich 15 Jahre später meine erste Tochter Jenny genannt?

 

Vielleicht hätte mir diese Erfahrung mehr zu denken geben müssen.
 

 

Als damals feststand, dass ich wirklich schwanger war, suchten mich während des Einschlafens und im Traum auf einmal bis dahin ungeahnte Ängste und grauenhafte Bilder heim. Eine Gruppe von Frauen hockten im Dunklen und drängten sich mit einem Mal ins Licht. Ich sah alte, ausgemergelte Frauen in schwarzen Gewändern, gekrümmte, blutende, geprügelte Wesen, bis zum Zusammenbruch beladen mit unförmigen Paketen, an den Füßen zusammengebunden. Sie kamen auf mich zu, begleitet von einem monotonen Wehklagen. Sie versuchten mich zu berühren. Andere waren nackt an Fensterrahmen genagelt, streckten die Hände nach mir aus und wimmerten.

Da stand auf einmal eine Welt des Grauens vor mir, die ich seit Beginn meines Denkens zurück ins tiefste Dunkel meines Bewusstseins verwiesen hatte und die bisher keinerlei Macht über mein Leben hatte ausüben können. Aber jetzt war ich eine von denen da.

Mich befiel die Furcht, abzusterben wie eine Blüte, die ihren Zweck erfüllt hat. Ich war erfüllt von der Angst vor dem Tod, vom Entsetzen vor dem Unentrinnbaren, vom Grauen vor der Einsamkeit, in der frau nur noch furchtsam nach innen lauscht, ob sie etwa durch ihren eigenen Lebenswillen die neue Existenz gefährdet hat.

Ich gehörte mir nicht mehr.

 

Aber ich hatte mich ja zu dieser Schwangerschaft freiwillig entschlossen, hatte sie geradezu mutwillig herbeigeführt. Also nahm ich sie und alle meine Ängste auf mich wie ein Opfer, das ich uns, meinem Mann, den Kinder; der zukünftigen Familie brachte. Keiner dankte es mir. Alle erwarteten, dass ich jetzt glücklich zu sein hätte. Aber mich verließ das Gefühl nicht mehr, in die Falle gegangen zu sein.

Die Schwangerschaft war entsprechend. Ich fühlte mich behindert, mir selber fremd, fremd unter den Menschen. Ich hatte hundert kleine Beschwerden und Qualen und erlebte meine zunehmende Schwäche als Demütigung, die mich hilflos und wütend machte.

Ich werde nie vergessen, wie ich am letzten Arbeitstag vor dem Beginn des Mutterschutzes in unserer Kantine C. traf. Sie war eine Frau in meinem Alter, eine, die ebenfalls zum mittleren Management gehörte und mit der ich mich ein wenig angefreundet hatte. Wir waren gleichzeitig schwanger gewesen, sie mir immer knapp drei Monate voraus. Nun war sie jedoch den ersten Tag nach ihrer Niederkunft zurück im Job. Sie saß vor mir, zierlich wie früher, schlank, lebendig, voller Arbeitslust und Energie. Das Baby war zu Hause beim Papa. Die Mühen der Schwangerschaft und die Schmerzen der Geburt lagen hinter ihr und man sah ihr an, dass sie darüber sehr froh war. Und als ich leise sagte, sie wisse gar nicht, wie sehr ich sie beneide, verstand sie es gut - aber niemand sonst am ganzen Tisch wusste, was ich meinte.

 

 

Die Geburt war ein Akt der Befreiung. Den Tag, an dem mir mein Körper wieder alleine gehören würde, hatte ich so sehr herbeigesehnt. Mit einem Schlag war die Übelkeit verschwunden, die mich fast neun Monate lang Tag und Nacht gequält hatte. Ich lag nach der Geburt im Bett und lauschte auf die Nachwehen, genoss diese Schmerzen, die nur ganz allmählich abebbten, weil ich richtig fühlen konnte, wie mein Körper sich wieder in das zurück verwandelte, was er gewesen war: in mich, mich alleine. Das Gefühl der sich zusammenziehenden Gebärmutter kam mir vor wie das Einholen einer Hängebrücke, die nun nicht mehr nötig war. Nun war man wieder unter sich. Der Gast war abgereist.

Ich lag in meinem frisch bezogenen Krankenhausbett, hatte alles hinter mir, fühlte mich wohl und mit mir zufrieden, las den Krimi weiter, den ich vor der Geburt angefangen hatte. Es ging um ein junges Mädchen, dass ein Kind geboren hatte und vom Vater des Kindes verfolgt und bedroht wurde. Ich dachte, wie geht es mir doch gut im Vergleich zu der. Draußen sangen Amseln in den hellgrau verschleierten Maihimmel. Die Dächer waren noch nass vom Regen. Durch das geöffnete Fenster kam milde, weiche Luft.

Als die Krankenschwester hereinkam, und fragte, ob ich meine Tochter noch einmal haben wollte, erschrak ich. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass die Geschichte doch noch nicht vorüber war. Das Kind, das ich da vorhin geboren hatte, es lebte zwar nicht mehr in mir, aber es lebte, und es war mein Kind und ich war die Mutter, immer noch, jetzt erst recht. Dieses Kind gehörte nun zu mir.

Als sie mir meine Tochter an mein Bett brachte, bat ich die Schwester, bei mir zu bleiben. Ich hatte Angst vor dem Baby. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich hatte das Gefühl, mich einer Gefahr auszusetzen, die ich nicht abwehren konnte, aber der ich mich hilflos ausgesetzt sah. Die Schwester sah mich merkwürdig an, legte das Kind neben mich, schaute sich in der Tür noch einmal um und verließ dann den Raum. Ich lag verloren da und versuchte, dem Kind das Gefühl zu geben, dass es nicht verloren sei.

Ich war froh, als nach einer halben Stunde die Schwester zurückkam und meine Tochter wieder abholte.

Da begriff ich schockiert, dass es jetzt erst richtig losgehen sollte. Es würde noch 18 Jahre dauern, dachte ich damals.

 

Natürlich fühlte ich mich auch in das Kind verliebt, wie alle Frauen, die geboren haben, aber ich fühlte mich wie eine verliebte Sklavin.

Alle meine Kinder hatten die Dreimonatskolik. Ich habe nur mit zusammengebissenen Zähnen durchgehalten.

Als ich - noch im Mutterschutz - an einem Tag alleine mit meinem Baby war, weil sein Vater irgendwo einen Termin wahrnehmen musste, machte ich sie nach einer Flaschenmahlzeit fertig zum Ausgehen. Ich wollte eine Freundin besuchen, die in der Stadt wohnte. Ich freute mich darauf, mein Kind vorzuführen, mich als stolze Mutter zu präsentieren und lächelnd die Bewunderung der anderen Frauen entgegen zu nehmen. So machen es doch junge Mütter, nicht wahr?

Schon nach 100 Metern war ich in Schweiß gebadet. Das Baby schlief im Kinderwagen, aber ich hatte ständig Angst, dass sie aufwachen und schreien könnte. Ich durchquerte den Park, schob den Wagen über die große, befahrene Straße und kam schließlich nach 20 Minuten bei der Freundin an. Ich holte das Kind aus dem Wagen, nahm die Wickeltasche und die Tasche mit dem Fläschchen, dem heißen Wasser und der Trockenmilch mit in die Wohnung. Wir tranken Kaffee und meine Freundin bewunderte aufrichtig das Baby. Das ging ein paar Minuten gut. Dann musste ich sie wickeln, was ich aber schon ganz gut konnte. Doch kurz danach wurde das Kind unruhig, sie gluckste verdächtig, dann kam der erste Schrei, dann brüllte sie los. Ich bereitete das fällige Fläschchen mit fliegenden Händen. Mein Kind trank und wurde für wenige Sekunden ruhiger. Dann aber brüllte sie erst recht los und ließ sich nicht mehr beruhigen. Irgendwann packte ich sie wieder in den Wagen und rannte tränenüberströmt nach Hause. Ich hatte vergessen mich zu verabschieden, ich ließ alles stehen und liegen, ich konnte erst zu Hause hinter der geschlossenen Tür das schreiende Kind beruhigen. Mir war, als hätte ich zehn Stunden Schwerstarbeit hinter mir. Mir zitterten die Knie.

 

Ich träumte in dieser Zeit einmal, dass ich unserem Hund einen Stock in einen Teich warf. Er stürzte sich ins Wasser, um ihn heraus zu holen. Aber plötzlich sah ich, dass es nicht der Hund war, der sich in den See gestürzt hatte, sondern meine kleine Tochter. Und ich sah fassungslos zu, wie sie verzweifelt die Arme aus dem Wasser streckte und dann versank. Ich erwachte und verstand nicht, was passiert war.

 

Aber ja doch, natürlich, es waren auch schöne Zeiten damals. Natürlich war es auch wunderbar, kleine Kinder zu haben, sie älter werden zu sehen. Auch für mich. Und je länger diese Zeiten zurückliegen, desto schöner erscheinen sie mir.

Aber es ist nicht vorbei:

Ich wollte vor ein paar Jahren eigentlich den ganzen Sommer mit meinem neuen Liebsten verbringen. Aber diesen einen, kleinen Urlaub war ich meinen Kindern schuldig. Sie forderten ihn ein und ich war bereit, ihnen dieses Opfer zu bringen. So wie ich immer dazu bereit gewesen war.

Wir hatten uns alle auf den Urlaub gefreut, auch ich. Und meinen Kindern gefiel es gut. Sie genossen das lange, üppige Frühstück und die wieder  Mutter, die für sie sorgte. Sie hatten untereinander Spaß, waren albern und fröhlich. Ich aber fühlte mich ausgeschlossen von ihren Gesprächen und Interessen. Ich hatte gehofft, in ihnen Urlaubsfreunde zu haben. Aber sie waren immer noch meine Kinder und sie verhielten sich wie Kinder. Ich ärgerte mich immer wieder über sie. Auf einer Autofahrt saß mein Sohn am Steuer und drehte laut das Radio auf. Ich konnte die rockige Musik in dieser Lautstärke kaum ertragen. Sie gefiel mir nicht. Sie war für mich chaotisch und dröhnend. Aber meine Kinder kamen gar nicht auf die Idee, dass ihre Musik irgendjemandem, geschweige denn mir, nicht gefallen könnte. Und ich brachte es nicht über mich, etwas zu sagen. Es verletzte mich, dass sie so rücksichtslos waren, dass sie nicht auf die Idee kamen, dass mich dieser Lärm vielleicht stören könnte. Ich schwieg, ich saß hilflos und völlig betäubt neben dem Fahrersitz meines eigenen Autos und hatte wieder einmal das Gefühl, nicht mehr wichtig zu sein, neben diesen jungen Wölfen nicht von Bedeutung zu sein, alt, altmodisch, überempfindlich, theatralisch. Ich wusste mit einem Mal nicht mehr, wieso ich das Recht haben sollte, meine Bedürfnisse ihnen gegenüber anzumelden. Plötzlich liefen mir die Tränen die Wangen hinunter. Ich konnte nichts dagegen tun. Sie sahen es aus ihren Augenwinkeln und guckten mich befremdet und bedrückt an. Aber im nächsten Moment lachten sie wieder. Für sie war es ein schöner Urlaub. Ich hätte darüber glücklich sein müssen. Aber ich war es nicht. Denn wo blieb ich dabei?

Nein, es ist eben nicht vorbei.

 

Es soll Mütter geben, die erleben ihre Mutterschaft nicht als Sklaverei, nicht als Opfer, sondern als Glück und Freude. Und diese Mütter bleiben sogar sie selber und vermitteln ihren Kindern Respekt für diese Persönlichkeit, die sie selber sind. Ich beneide sie unendlich.

Ich weiß es inzwischen: Muttersein ist ganz einfach, gar nicht entnervend, kein Opfer, keine Tyrannei. So ist es, wenn man es kann, wenn man es kann, dieses Geben ohne zu rechnen, dieses für die Kinder da sein ohne Angst zu haben, von ihnen aufgefressen zu werden. Dann ist es sogar für einen selber eine Bereicherung. Wenn man es kann.

Aber ich denke, das können nur die, die ihrerseits erlebt haben, dass Mütter so lieben können und die so von ihren Müttern wirklich geliebt worden sind.

Hast du so etwas je erlebt? Konntest du jemals so etwas geben? Ich wohl nicht. Ich hatte da keine Chance. Rabenmütter erzeugen wieder Rabenmütter. So ist das.

Sei nicht traurig darüber. Ich bin es auch nicht mehr. Oder nur noch ein ganz klein wenig.

Heute mühe ich mich, meinen Kindern die offene Liebe und Anerkennung zu geben, die ich ihnen wohl in ihrer Kindheit schuldig geblieben bin. Manchmal klappt es sogar. Ich merke das daran, dass es mich gar nicht anstrengt und mir sogar guttut.

 

Meine Große erzählte mir vor ein paar Tagen einen Traum: Sie träumte, ich sei mit ihnen dreien mit einem großen Leiterwagen, vor den ein Pferd gespannt war, aus unserem Haus ausgezogen. Ich saß auf dem Kutschbock. Hinten war all unsere Habe gestapelt und dazwischen saßen die Kinder. Und plötzlich fiel meiner Tochter ein, sie hätte alle ihre Halsketten vergessen bis auf die eine, die sie gerade trug. Als ich sagte, ich hätte dafür gesorgt, dass uns alles nachgeschickt würde, was wir vergessen hätten, beruhigte sie sich und war zufrieden. Und wir fuhren zusammen los. Und der Abschied tat nicht weh.

Dieser Traum hat mich sehr glücklich gemacht hat. Ich denke, du wirst das verstehen.

Vielleicht gelingt es doch noch, den Fluch der Rabenmütter und nicht wirklich geliebten Kinder zu brechen?

 

Aber jetzt muss ich gehen. Man wartet auf mich. Mein Leben wartet auf mich.

 

 

 

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© Mechthild Seithe