Poesie und Texte
Poesie und Texte

Liebe am Ende

Krankenhaus-Liebes-Geschichte

 

  1. September

Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mein Leben nach all den Jahren in diesen vier kalkweißen Wänden verrinnt.

Nein, kalkweiß sind diese Wände nicht. Irgendjemand hat für einen faden Gelbton gesorgt. Damit die Patienten keine Depressionen bekommen. Wie mir scheint, reicht diese Maßnahme dafür absolut nicht aus.

Auch der handlich nah platzierte Knopf zur Auslösung des Fernsehprogramms hilft da wenig. Besser ist schon die Kastanie im Innenhof der Klinik. Auch wenn ich liege, sehe ich noch ihre obersten Äste. Und wenn ich am Fenster stehe ­ was ich wieder kann und was ich mir ein, zwei Mal am Tag leiste – können meine Augen in ihrer Krone herumklettern wie kleine Affen. Diese Kastanie gibt mir eineindeutige Informationen über die gerade aktuelle Jahreszeit. Sie wandelt sich mehr als alles andere hier. Selbst die Monatsblätter des Kalenders, den eine Schwester freundlicherweise über dem kleinen Besuchertisch in unserem Zimmer aufgehängt hat, zeigt jeden Monat bunte, glänzende Autos, die durch Traumlandschaften fahren, in denen ewiger Sommer zu sein scheint.

Die Kastanie ist noch immer grün. Aber sie hat schon seit ein paar Wochen gelbgeränderten Blätter. Als ich herkam, war die Baumkrone kahl und durchsichtig. Ich habe lange dieses Gewirr aus verschlungenen Linien und Gittern angeschaut in den ersten Tagen. Dann, Wochen später leuchtete der Baum grün in mein Zimmer. Und irgendwann danach explodierte die Krone über Nacht in einen über und über mit weißen Kerzen geschmückten Frühlingstraum.

Aber die Blüten vergingen. Mit dem Mai ging auch meine Hoffnung, dieses Haus verlassen zu können, bevor der Baum wieder kahl dastehen wird.

Onkologie. Wer hier landet ist in d er Regel gerade seinem Schicksal begegnet. Ab da tickt die Uhr.

Ich gehöre inzwischen zum fast Inventar. Ich kenne den Dienstplan der Schwestern vermutlich besser als der Oberarzt und weiß auch von dem Kummer der Stationshilfe mit ihrer alten Mutter. Weniger bleibend sind die Eindrücke, die die anderen Patientinnen bei mir hinterlassen, die nacheinander das andere Bett in diesem Zimmer bewohnt, belegen, bekleckert, besabbert, beweint haben.

Die anderen waren fast alle älter als ich. Ja, ich weiß, es gibt manchmal auch Jüngere. Aber ich selber bin, weiß der Himmel, auch noch zu jung, für diese Scheiß Diagnose. Es ist ungerecht. Es ist zum Kotzen ungerecht.

Wenn ich mich im Spiegel betrachte – ich vermeide es meistens, aber manchmal passiert es eben doch – dann erkenne ich mich kaum wieder. Seit ich hier liegen muss, komme ich mir so vor, als hätte ich die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten überschritten. Vielleicht komme ich überhaupt nicht mehr hier raus. Es sei denn, um zu Hause sterben zu können.

Der Tod hat nämlich auch mich längst im Griff. Nur kommt er bei mir nicht schnell und unmissverständlich, sondern quälend langsam. Er ist da, aber er versteckt sich noch hinter dem Schrank, als wolle er mich zum Narren halten. Er nimmt mir mein Leben stückweise: erst die rechte Brust, meine Lieblingsbrust, die empfindlichere. Dann auch die linke. Niemand wird sie mehr berühren können, niemand wird meine Brüste küssen. Da bleibt einfach ein Loch. Sie werden es ausstopfen. Brustamputation. Ich frage mich, ob es hier auch so was wie Phantomschmerzen gibt.

Die Ärzte erzählen mir ständig Geschichten, was sie noch probieren wollen, was noch alles versucht werden kann. Und sie sagen, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben darf. Sie lügen. Ich weiß: ich werde nicht mehr richtig gesund. Aber selbst wenn. Wie soll ich weiterleben ohne meine Brüste? Wie soll ich mich zwischen all den nackten Reklamemiezen fühlen, die mich von jeder Zeitschrift aus anspringen. Ich bin ein Krüppel, ein weiblicher Krüppel. Meine Weiblichkeit ist verkrüppelt. Welcher Mann wird den Schreck überstehen, wenn er merkt, dass ich vorne bestens Falls noch Silikon habe?

Und dennoch: Auch ich werde dieses Krüppelleben dem Tode vorziehen wie alle anderen, denen dieses Schicksal widerfahren ist.

Man hängt am Leben. Auch ich hänge daran.

Doch vorläufig bin ich noch immer hier. Schon so lange bin ich hier. Seit ich hier liege, sind 7 Frauen in diesem Zimmer gestorben. Nein nicht hier. Zum Sterben wird man in ein anderes Zimmer geschoben. Was dann kommt, das kriege ich nicht mehr mit. Am nächsten Morgen kommen dann immer ein paar schwatzende Schwesternschülerinnen, um das frei gewordene Bett neu herzurichten. Und am Nachmittag wird schon eine neue Frau eingewiesen und in mein Zimmer gelegt.

Ich kann ihn nicht mehr ertragen diesen Raum. Ich kann sie nicht mehr ertragen, die schmerzverzerrten Gesichter, kann es nicht mehr hören, das Stöhnen. Ich kann es nicht mehr aushalten, eingesperrt zu sein zusammen mit der Hoffnungslosigkeit, mit dem abgeschnitten Sein vom Leben, das draußen unbeirrt und unbeeindruckt weiter seinen Lauf nimmt, raus geworfen zu sein aus einer Welt, die so gut auf unser dabei Sein, auf uns verzichten kann!

Selbst wenn sie nichts sagen, kann ich die Geräusche nicht mehr verkraften, die Geräusche, die entstehen, wenn eine sich unter Schmerzen oder in Verzweiflung im Bett umdreht. Ich höre die lautlosen Schreie und Seufzer im Knarren des Bettes, im Rascheln der Decke, ich höre sie auch in der Stille selbst.

Manchmal ist mir es sogar lieber, wenn sie jammern und lauthals weinen. Es tut mir irgendwie gut, wenn andere sich ihrer Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung hingeben. Ich selber bin ja längst verstummt und kann meine Schreie und Tränen nicht mehr zeigen, verstecke mein Grauen und meine Wut in Starre und scheinbarer Abgebrühtheit. Dabei wird es mit jedem Tag schlimmer in mir. Während ich hier still und demütig in den weißen Betten liege, auf das nächste Hereinkommen der Schwester warte, auf das Frühstück, die Putzfrau, den Zivi, der manchmal ein paar Worte mehr sagt als unbedingt nötig, auf das Mittagsessen, die Visite, die Tablettenausgabe, den Kaffee, das Abendessen, die Nachtschwester… während ich all diese täglich sich wiederholenden, belanglosen Momente einen nach dem anderen abhake wie die Perlen eines Rosenkranzes, tobt und pocht es in mir. Aber ich verstecke meinen Schmerz und meine Wut vor all den mir gut zuredenden Menschen, die mich auffordern, Geduld zu haben, die Hoffnung nicht zu verlieren, nicht aufzugeben.

Und selbst wenn es so kommen sollte, selbst wenn sie mich entlassen, selbst wenn ich es schaffe, mit der Verkrüppelung meiner Weiblichkeit fertig zu werden – wie soll ich die Angst ertragen, davor, dass es wieder losgeht, dass an anderer Stelle mein Körper aus der Kontrolle gerät, mein Fleisch entartet, meine Zellen den inneren Plan sprengen und mein Leben erdrosseln?

Dennoch: ich hoffe. Dennoch: ich warte. Und ich versuche, mich daran hochzuziehen, dass es andere noch viel schlimmer getroffen hat.

Aber bei der Visite sehe ich auch bei mir immer öfter dieses höfliche, resignierte Lächeln in den Augen derer, die vor mir stehen und in ihren Unterlagen lesen können: Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium, Entfernung der rechten Brust 4. April, Entfernung der linken Brust 12. August. Aber vielleicht wird doch alles wieder gut, sagen die Ärzte.

 

  1. September

Und immer wieder kommen neue Frauen, Frauen mit unerträglichen Schmerzen und erschreckenden Schicksalen, kranke, tot kranke Frauen.

Sie betreten dieses Zimmer zögernd, kläglich, noch gezeichnet vom Erschrecken über die Diagnose, beherrscht von Angst und besessen von der Hoffnung, dass alles doch gar nicht wirklich wahr ist.

Und jedes Mal, wenn eine Neue kommt, muss ich diese ganze grauenvolle Geschichte wieder von vorne miterleben. Ich liege da und muss mir das alles ansehen, muss es mit anhören. Wie die Ehemänner und Kinder, die Kolleginnen und Freundinnen sichtlich unwohl auf ihrem Besucherstuhl herum rücken und nicht wissen, was sie und wovon sie reden sollen. Und ich, ich weiß so viel. Die Frauen erzählen es mir, auch wenn ich es gar nicht hören will. Ich bin informiert über den Charakter und die Schwächen eines jeden Besuchers, ich weiß genau, was er ihnen angetan hat und wie er sie verletzt hat. Und kenne auch die Wünsche und Hoffnungen, die meine Bettnachbarin an diesen Besuch knüpft. Aber ich muss so tun, als sei ich überhaupt nicht da, als wüsste ich von nichts, als hörte ich nichts. In Wirklichkeit möchte ich nicht selten aus meinem Bett springen, und dem einen oder der anderen dieser Besucher eins reinhauen, damit sie endlich aufhören mit diesem Hoffnungsgelaber und mit diesem falschen Lächeln.

Und ich muss es auch immer wieder aufs Neue miterleben, wie die Ärzte irgendwann anfangen, nur noch herumzudrucksen. Das ist der Moment, wenn sie anfangen, den Glauben aufzugeben an das Leben des vor ihnen ängstlich in die weißen Laken gekrallten Patienten. Sie kämpfen natürlich immer weiter um das längst verlorene Leben. Dafür sind sie Ärzte, dem Leben verpflichtet. Aber man merkt es ihnen doch an. Man sieht es daran, dass sie jetzt auf eine neue, andere Art lächeln. So lächelt man über eine Geschichte, deren traurigen Ausgang man schon kennt. Man liest sie höflich bis zum Schluss. Aber man weiß schon das böse Ende und findet sich damit ab.

Kurze Zeit später erscheint dann das gleiche Lächeln auf den Gesichtern der Besucher, bei den Ehemännern, den erwachsenen Kindern, den Freundinnen. Auch sie sprechen verbissen weiter von Heilungschancen und Hoffnungen, von der Zukunft, vom Alltag jenseits der Krankenhausmauern, wohl wissend, dass es all das für die kranke Frau vor ihnen nicht mehr geben wird. Hinter den mild und aufmunternd lächelnden Stirnen zucken schon die Gedanken an die Zeit, wenn dieses alles hier vorüber sein wird, wenn es hinter ihnen liegt. Das Leben muss schließlich weitergehen! Sie können nicht anders.

Ich habe auch Trauer gesehen, Trauer um den geliebten Menschen, der sterben wird. Auch diese haben sich schon verabschiedet, haben den kranken Menschen schon aufgeben. Das ist fast das Allerschlimmste, das Leid der Überlebenden, welches sie nur mit Mühe verstecken können. Die tot kranken Frauen liegen da und fangen an, ihre Angehörigen zu trösten. Und wer tröstet sie? Wer steht ihnen bei?

Und nur die kranken Frauen selber kämpfen noch. Denn sie müssen diese schreckliche, unerfreuliche Geschichte zu Ende leben, ihr Schicksal durchstehen bis zum Ende. Viele kämpfen verzweifelt, kämpfen um ein paar Tage, ein paar Stunden. Sie klammern sich trotz besseren Wissens an die tauben Worthülsen, die ihnen hingeschüttet werden. Manche kämpfen bis zur letzten Sekunde. Andere werden zuletzt immer weinerlicher, verletzter, kümmerlicher.

Ich frage mich, zu welcher der beiden Sorten ich gehören werde.

 

  1. September

Aber auch das ist die Wahrheit: Immer wenn die Zimmernachbarinnen Besuch haben, wird mir schmerzhaft bewusst, dass mich so verdammt selten jemand besucht. Dann beneide ich die kranken Frauen um ihre Besucher, die immerhin den Weg hierher finden, mit ein paar Blumen und mit dem guten Willen, die Kranke nicht ganz im Stich zu lassen, mit dem lächerlichen aber gut gemeinten Vorsatz, der Kranken vorzumachen, alles sei noch gar nicht verloren. Das wäre besser als gar nichts.

Aber noch heftiger als meine Nachbarinnen beneide ich in solchen Situationen die Besucher selber: Sie sitzen hier ihre Pflichtminuten ab, verharren für kurze Zeit tapfer in dieser Welt der Halbtoten, die nicht ihre ist. Die Gott sei Dank nicht ihr ist!

Nach angemessener Zeit können sie wieder aufstehen, noch einen letzten, aufmunternden Spruch loslassen, der vorgibt, Mut machen zu wollen. Dann dürfen sie den Raum verlassen, die Tür hinter sich leise und rücksichtsvoll schließen, über den Stationsflur schreiten, ungehindert hinten durch die Glastür hinausgehen, die Treppe hinab, durch die Halle und dann hinaus ins Freie. Noch ehe sie ihr Auto bestiegen haben, sind sie schon in ihre eigene Welt zurückgekehrt, in eine Welt voller Stress und Alltagssorgen, sicher, sicher. Aber sie kehren vor allem in eine Welt zurück, in der nicht jede Bewegung Schmerzen verursacht, in der es das Morgen, die nächste Woche, das nächste Jahr unhinterfragbar und ganz selbstverständlich geben wird. Sie leben in einer Welt, in der der eigene Körper ein guter, zuverlässiger Begleiter durch den Tag ist, der sich dem Wunsch zu leben nicht in den Weg stellt.

Nein, ich kann es den Gesunden nicht verübeln, dass sie sich in dem Moment, wo das Ende für ihre Angehörige, ihre Freundin, für die Ehefrau, die Mutter, die Geliebte unvermeidbar ist und es kein Zurück mehr gibt in das richtige Leben, dass sie ab da beginnen, sich innerlich höflich lächelnd aber bestimmt zu verabschieden. Natürlich versuchen sie, das zu verbergen.

Aber es kostet sie schon so viel Kraft, nicht schreiend fortzulaufen. Es ist schon schwer genug, den Atem verschlagenden Geruch nach Medizin und Krankheit auszuhalten, der Hoffnungslosigkeit in die Augen zu sehen, die Nähe des Todes zu spüren und den Gedanken zu ertragen, dass sie selber der nächste sein könnten, der von seinen Fangarmen erdrosselt wird. Wie könnte man von diesen Lebenden da noch mehr verlangen? Etwa, dass sie unsere Verzweiflung und Traurigkeit wirklich an sich heranlassen? Etwa, dass sie mit uns gemeinsam dem Tod entgegensehen?

Wir würden ja selber am liebsten schreiend vor uns weglaufen und aus diesem Zimmer fliehen.

Alleine, ohne Befürchtung, dass mich irgendeiner sieht, beiße ich oft vor Wut und Verzweiflung in mein Bettzeug und gurgele alle Verwünschungen aus mir heraus, meine Wut auf meinen Leib, der mich mit 41 Jahren anfängt im Stich zu lassen, meine unsägliche Wut auf Leo, der sich verabschiedet hat, als klar war, dass eine weitere OP folgen würde, auf den Oberarzt, der glaubt, mich zu trösten und dabei neben mich schaut statt in mein Gesicht, auf die Stationsschwester, die meint, ich müsste auch noch dankbar dafür sein, das ich auf ihrer Station liegen darf!

 

  1. September

Zum Beispiel Frau Keller, die seit gestern hier auf Station aufgenommen wurde: chronische Leukämie seit 4 Jahren. Lange wird es nicht mehr gehen.

Als die Schwester und der sie begleitende Mann – ihr Mann, denke ich – gegangen waren, saß sie zerbrechlich auf der Bettkante und sagte zu mir mit einem hoffnungslosen Lächeln: „Vielleicht noch ein Jahr, oder auch nur einen Monat.“

Ihr Haar hat sie längst durch die Chemotherapie verloren. Sie zog ihre Perücke vor mir herunter und sagte dabei: „Ich war immer stolz auf meine Haare. Jetzt bin ich 58 und bis zur Behandlung vor 4 Jahren hatte ich noch nicht ein graues Haar.“

Sie legte sich angezogen auf das frisch bezogene Bett und schwieg für eine Zeit. Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen?

Schließlich richtete sie sich langsam und mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf und meinte: „Ich hatte mir das eigentlich anders vorgestellt.“

Dann stand sie auf, räumte ihre Sachen in ihren Schrank, legte ihre paar Kosmetikartikel in unser gemeinsames Bad und zog sich danach mit vorsichtigen, mühsamen und ganz langsamen Bewegungen aus.

Ich musste es mir verbieten, ihren abgemagerten, vom Schmerz krumm gezogenen Körper anzustarren. Dennoch konnte ich einen schnellen Blick auf ihre Brüste nicht unterdrücken. Eingefallene, schlaff herabhängende Brüste hat sie, aber immerhin, gesunde Brüste. ‚Was nützen die ihr noch?’, dachte ich zynisch. Meine Hand berührte unter meiner Bettdecke traurig den Verband, den ich noch immer um meinen Brustkorb trage.

„Warum liegen Sie hier?“, hörte ich sie fragen.

„Brustkrebs“, sagte ich mit belegter Stimme.

„Sie sind doch noch so jung!“, meinte sie und sah mich betrübt an.

Da musste ich weinen und fing an, ihr meine Geschichte zu erzählen. Das ist mir bisher noch nie passiert. Eigentlich hasse ich es, von mir sprechen. Dadurch wird auch nichts besser. Aber wie sie mich ansah, da konnte ich nicht anders, mein ganzes Selbstmitleid brach aus mir heraus. Dabei steht sie dem Tod viel näher als ich. Ich schämte mich.

Später kam der Mann noch einmal, der sie her begleitet hatte. Ich sehe inzwischen auf den ersten Blick, wie die Besucher zu den Patienten stehen. Diesen hier ordnete ich sofort ein unter die Kategorie „lästige Pflicht“: Er weiß, was sich für einen Ehemann gehört, dessen Frau schwer krank ist. Und er bemüht sich höflich und fair zu bleiben, lässt sich nichts zu Schulden kommen. Aber ich sah sie alle, die kleinen Anzeichen, die verrieten, was er wirklich dachte und fühlte: diese wiederholten, verstohlenen Blicke auf seine Armbanduhr, der Abstand, mit dem er den Stuhl an das Bett heranrückte, ein klein wenig größer als nötig, die Ruhe, zu der er sich zwang, die Sprüche: „Es wird wieder gut, es wird sicher bald besser“. Kein einziges Mal sah er seine Frau wirklich an. Schließlich schickte sie ihn fort. Er schaffte es tatsächlich noch, der Versuchung, sofort aufzubrechen, zu widerstehen. Er zwang sich noch ein paar gequälte Minuten rücksichtsvoller Anteilnahme ab. Dann stand er auf. Schon an der Tür, grüßte er zu mir herüber, obwohl er mich vorher keines Blickes gewürdigt hatte.

Als er gegangen war, wurde es ganz still. Ich hörte nichts von meiner Nachbarin, nicht einmal ihr Atmen, kein Rascheln der Bettdecke. Sie lag da wie tot. Ich wagte es nicht, mich zu bewegen oder irgendwelche Geräusche zu verursachen. Es war, als würden wir beide die Stille belauschen, die nach seinem Abgang eingetreten war. Ich weiß nicht, ob sie diese Stille erlitt oder ob sie sie genoss. Ich weiß nichts von ihr.

Irgendwann platzte die Schwester ins Zimmer und lud die Tabletts mit dem Abendbrot ab. Mir schickte sie nun einen kurzen Gruß herüber. Wir kennen diese Abendzeremonie zu Genüge. Aber an meine Nachbarin richtete sie aufmunternde Worte. Frau Keller löste sich aus ihrer Erstarrung und lächelte höflich.

„Verzeihung, ich habe Ihnen meinen Namen noch gar nicht gesagt“, meinte sie zu mir, als die Schwester gegangen war. „Ich heiße Erika. Erika Keller, aber das spielt wohl wirklich keine Rolle mehr.“

„Ilse“, sagte ich. Ilse Bringmüller.“

Ich frage mich, wer von uns beiden eher dieses Krankenzimmer verlassen wird, so oder so.

 

  1. Oktober

 

Heute früh kam die Tochter von Frau Keller zu Besuch, eine große, blonde Frau um die 35, gepflegt und noch recht jung aussehend. Dennoch strahlte sie eine merkwürdige Erschöpfung aus.
Auch sie bemühte sich um die üblichen aufmunternden Worte. Sie hatte der Mutter deren Lieblingskekse mitgebracht und schaute enttäuscht drein, als Erika sagte, sie hätte überhaupt keinen Appetit.

„Ich bin extra den Umweg zu Bäcker Bröderling gefahren, um sie für dich mitzubringen“, klagte sie.

Die Mutter bedankte sich müde.

„War der Chefarzt schon da?“, erkundigte sich die Tochter nach einer kurzen Pause.

„Ja, heute früh.“

„Und?“

„Ach, nichts Neues, weißt du. Sie fangen wieder die Chemotherapie an. Ich bekomme auch neue Tabletten.

„Und hat er was gesagt, ich meine, wie lange du bleiben musst?“

„Ich habe nicht gefragt.“

„Du weißt ja, dass Martin und ich ab dem 15. mit den Kindern in Urlaub wollen. Es sind Herbstferien und wir haben den Urlaub schon so lange gebucht. Aber ich möchte nicht fahren, wenn du hier liegst.“

„Ach Kind, das spielt doch keine Rolle. Fahrt ihr nur! Hier sorgt man ja für mich.“

„Aber wenn etwas passiert, wenn wir weg sind, Mama!“

„Ach, ich glaube nicht Katrin. Ich falle euch schon noch ein paar Monate auf die Nerven.“ Erika versuchte zu lächeln. Ich konnte es hören.

„Ach Mama, du fällst uns doch nicht auf die Nerven! Wie kannst du nur so was sagen!“

Erika antwortete nicht.

„Kommt Papa heute noch?“

„Vielleicht. Er fühlt sich verpflichtet, weil ich wieder hier drin bin. Aber die letzten Wochen vorher war er nicht einen Abend bei mir zu Hause. Was soll das also? Kannst du ihm nicht beibiegen, dass er nicht laufend kommen soll? Er sitzt hier nur unglücklich rum und tut mir Leid.“

„Ach Mama, so ist Papa eben.“

Erika widersprach nicht. Ein paar Sekunden lang war es ganz still im Zimmer.

„Wie geht es Martin?“, fragte sie dann.

„Er hat viel Stress im Betrieb. Er konnte nicht mitkommen, du kennst das ja.“

„Das ist doch in Ordnung, Kind. Ihr müsst euch wegen mir nicht noch mehr Stress machen.“

„Jenny wollte unbedingt mitkommen. Ich habe ihr gesagt, vielleicht das nächste Mal. Ich glaube, sie würde hier keine Ruhe geben und sich nur langweilen.“

„Sag ihr, wenn sie Karten mitbringt, könnte ich mit ihr Mau Mau spielen.“

„Das ist doch viel zu anstrengend für dich, Mama!“

„Nein, wirklich nicht. Es würde mich ablenken. Oder hast du vielleicht Angst, dass Jenny die Atmosphäre hier schaden könnte?“

Die Tochter setzte gerade dazu an, sich mit liebevoller Empörung zu verteidigen, als die Tür aufging und der neue junge Stationsarzt hereinkam. Er entschuldigte sich überraschend höflich bei der Tochter, er habe nicht gewusst, dass Frau Keller Besuch habe. Ob es ihr etwas ausmachen würde, kurz draußen zu warten.

Die Tochter sprang auf, als sei sie von etwas erlöst worden. Ich sah, wie sich ihr ganzer Körper straffte, wie die Erschöpfung aus ihr zu weichen schien. Sie antwortete dem Arzt mit einem Lächeln, das ihre Müdigkeit von eben wegwischte und sie mit einem Schlag fünf Jahre jünger machte. Als sie ging, wiegte sie sich in den Hüften. Ich hatte mich instinktiv ein wenig aufgerichtet, um diese Verwandlung besser sehen zu können. Es war nicht zu fassen, aber auch Dr. Paul schaute ihr hinterher und konnte es sich nicht verkneifen zu bemerken: „Eine attraktive Tochter haben Sie da, Frau Keller“.

‚Was für ein merkwürdiges Kompliment an eine kranke Frau,’ dachte ich traurig.

„Hätten Sie mir das nicht zugetraut Herr Doktor?“ Erikas Stimme klang trotzig, so dass ich sie überrascht ansehen musste.

„Ich finde, Sie halten sich ganz tapfer, Frau Keller. Nicht jeder geht so gefasst wie sie mit dieser Krankheit um.“

Ja das sind die Komplimente, die für uns übriggeblieben sind: Tapferkeitsmedaillen.

Als Jenny wieder hereinkam, grüßte sie den Arzt wie einen alten Bekannten.

„Ist der letzten Sommer auch schon hier gewesen, Mama?“, fragte sie ihre Mutter, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte. Ihr Gesicht war von einer leichten Röte überzogen.

„Gefällt er dir?“ spottete Erika. „Er ist übrigens verheiratet, Jenny. Nur zu deiner Information!“

„Ich bin auch verheiratet, Mama“, kam es beleidigt zurück. „Man wird doch noch mal einen Mann attraktiv dürfen!“

Recht hat sie. Als Jenny gegangen war, bin ich aufgestanden, um aus dem Fenster schauen zu können. Von hier aus kann man den Eingang sehen und alle Leute, die das Krankenhaus betreten und wieder verlassen. Als sie herauskam, hatte sie noch immer einen beschwingten Schritt. Ich sah ihr nach, bis sie um die Ecke zum Parkplatz einbog. Plötzlich spürte ich wieder diese stechende Sehnsucht: jetzt fortgehen können, mit so einem Lächeln und mit diesem stolzen, lebenshungrigen Gang, mit der Erfahrung im Bauch, eben für einen netten Mann begehrenswert gewesen zu sein! Das lange Haar keck nach hinten werfen zu können, die zärtliche, noch warme Herbstluft auf den bloßen Armen zu spüren, sich schön und attraktiv zu fühlen!

Mir wurde plötzlich übel und das ganze Zimmer geriet ins Schwanken. Ich musste mich am Kopfende meines Bettes festhalten, konnte mich dann gerade noch auf mein Bett retten. Ohne, dass ich etwas dagegen hätte tun können, liefen mir Tränen übers Gesicht.

„Meine Tochter hat es auch nicht leicht“, hörte ich Erika sagen.

Mir versagte die Stimme.

 

  1. Oktober

 Heute früh war ich wieder mal alleine im Raum. Erika ist heute schon gleich nach dem Frühstück zu einer Untersuchung abgeholt worden. Sie hat es fertiggebracht, mir ein Lächeln herüber zu schicken, als man sie aus dem Zimmer schob. Jetzt sind es schon fast drei Stunden, seit sie weg ist.

Wie oft habe ich mich nach solchen Momenten gesehnt. Heute tut es mir nicht gut, alleine zu sein und hemmungslos schimpfen und toben zu können. Ich merkte, dass ich fast ungeduldig auf sie warte. Vielleicht gibt es was Neues bei ihr? Es kann eigentlich nichts Gutes sein.

‚Ich möchte nicht, dass sie stirbt’, dachte ich eben, ‚wenigstens nicht, so lange ich das Zimmer mit ihr teile.’

Eigentlich möchte ich überhaupt nicht, dass sie stirbt.

Sie hat es so wenig verdient wie ich. Sie ist ein Stück älter als sich, das schon. Aber sie hätte vielleicht noch was von ihrem Leben gehabt, jetzt, wo ihre Ehe auseinandergeht und sie frei gibt. Ihr Mann lebt seit zwei Jahren bei seiner Freundin, hat sie mir erzählt. Wäre sie nicht krank, er hätte sich längst scheiden lassen. So fühlt er sich verpflichtet, sie nicht alleine zu lassen. Immerhin, solche Männer gibt es auch. Aber Erika lächelt säuerlich, wenn sie von ihm spricht. Sie will sein Mitleid nicht. Wenn sie ihr mageres, krankes Gesicht im Spiegel sieht, muss sie an die Freundin ihres Mannes denken. Die ist viel jünger und sehr sportlich. „Soll er doch bei ihr bleiben“, sagt sie. Auf seine Pflichterfüllung könne sie gut verzichten.

Wenn ich ehrlich bin, ich wäre froh, wenn Leo wenigstens aus schlechtem Gewissen heraus mal vorbeischauen würde. Oder die anderen, die mich früher attraktiv und interessant fanden, denen ich immerhin für eine mehr oder weniger lange Zeit eine richtige Frau war.

Sollen sie mir doch auch noch die Gebärmutter rausholen! So oder so, das ist alles vorbei. Ich kann froh sein, wenn ich weiter unter Menschen leben darf und keiner sich vor mir ekelt. Ich ekele mich ja schon selber vor mir.

Und ich trauere, trauere um meine Brüste, so wie ich um meine Hände trauern würde, um meine Augen, meinen Mund…

 

  1. Oktober

 Erika kam erst kurz nach dem Mittagessen zurück. Sie bekam ein starkes Schmerzmittel und schlief gleich ein. Die Untersuchung sei wohl sehr anstrengend gewesen, deutete Schwester Miriam an. Sie ließ uns alleine. Merkwürdigerweise fühlte ich mich irgendwie beruhigt und entspannter, als Erika wieder neben mir im Zimmer lag. Ich schlief selber ein.

Als ich erwachte, war gerade Irmchen, die kleine Schwesternschülerin im Zimmer. Sie stand an Erikas Bett und kicherte. Von diesem Geräusch bin ich wohl aufgewacht. Es passte so wenig hier her, dass es mich im Schlaf beunruhigt haben muss.

„Ganz im Ernst, Frau Keller“, hörte ich sie sagen, „er wollte wissen, auf welcher Station Sie liegen.“

„Der Mann sagen Sie, der auf der Flurbank saß, während ich mit meiner Liege warten musste, bis der Arzt Zeit für mich hatte?“

„Oh, la la!“, stichelte Irmchen. „Wenn sich da nichts anbahnt, Frau Keller!“ Sie drohte meiner totkranken Bettnachbarin im Scherz mit dem Finger wie einem kleinen Kind. Erika lachte. Das tat ihr offenbar weh und sie verzog das Gesicht. Irmchen aber trällerte, als sie aus dem Zimmer ging.

An Erikas Stelle hätte ich mir so was verbeten. Wenn man sie ansieht und all das Leid erblickt, das sie tapfer erträgt, ohne es verbergen zu können, dann kann man solche plumpen Bemerkungen nur als abgeschmackt bezeichnen.

„Wir haben uns ein wenig unterhalten unten vor dem Untersuchungszimmer. Er hatte einen Infarkt und ist gerade mal so mit dem Leben davongekommen. Dabei hat er auch so schon einiges hinter sich. Ein netter Mann“, erzählte Erika beiläufig, als sei sie mir eine Erklärung schuldig.

‚Meine Güte’, dachte ich. ‚Die hat echt Nerven!’

 

  1. Oktober

„Was werden Sie tun, wenn Sie hier raus sind?“, fragte Erika mich heute während unseres Frühstücks, das wir beide mit wenig Appetit in uns hineinwürgten.

Sie saß in ihrem Bett. Schwester Miriam hatte ihr ein Kissen in den Rücken geschoben, weil sie nicht mehr flachliegen wollte. So können wir uns sehen, wenn wir miteinander sprechen. Wenn man sie nur reden hört, denkt man sich ein ganz anderes Gesicht dazu, ein jüngeres, angenehmeres. Ich erschrecke immer wieder aufs Neue, wenn ich sie sehe mit den verquollenen Wangen und den hässlichen Falten am Hals und um den Mund. Ihr Anblick trifft mich und verletzt mich wie eine Mahnung, die ich nicht hören will.

„Wenn“, sagte ich nur.

„Glauben Sie wirklich, dass Sie es nicht schaffen?“

„Nein, ich glaube es eigentlich nicht.“

„Ich denke, Sie schaffen das.“ Sie sah mich aufmerksam an. „Sie sind noch so jung. Sie könnten noch einmal richtig anfangen zu leben.“

„Ich weiß nicht, ob ich mich über so ein Leben freuen würde. Was bin ich denn dann? Eine Frau ohne Brust!“

„Denken Sie wirklich, das ist so schlimm?“, fragte sie mich mehr interessiert als überrascht. Ihr Gesicht belebte sich. „Wenn ich noch ne Chance bekäme, ich glaube, ich würde mich freuen, auch mit Glatze.“

Welch ein Vergleich! Ich wollte aufbrausen, aber ich zögerte. Ich suchte nach Worten für eine Erwiderung. Ich dachte, dass ich einer Todgeweihten gegenüber meine Verzweifelung nicht so zeigen darf.

Sie sah mich weiter aufmerksam an.

„Das ist schlimm für Sie, dass sie ihren Busen verloren haben“, stellte sie jetzt traurig fest. Sie fragte es nicht. Sie erwartete keine Antwort.

Dann klingelte sie nach der Schwester.

„Ich kann doch nicht so sitzen. Die Schmerzen sind einfach zu groß“, erklärte sie Schwester Miriam, die sich sichtlich bemühte, nicht ungeduldig zu reagieren.

Jetzt konnten wir uns wieder nicht mehr sehen, weil ihr Nachttisch den Blick versperrte.

 

Am Nachmittag rief ihre Tochter an. Erika sagte „Steffchen“ zu ihr. Erst wusste ich nicht, mit wem sie sprach.

„Nein, nein, es ist schon gut, Steffchen. Du musst nicht vorbeikommen, wenn du es nicht schaffst. Ich komme schon zurecht. …Ja, heute früh war die Untersuchung. ….Die Ergebnisse kommen wohl erst am Montag. …. Nein, ich habe keine Angst. Ich bin auf alles gefasst. … Ach, Steffchen, hör auf damit, ich weiß doch selber, was los ist. … Ja grüß Martin und Jenny von mir. Machs gut, meine Kleine!“

Sie legte auf und seufzte.

„Haben Sie noch mehr Kinder?“ fragte ich. „Ich meine, weil Sie Ihre Tochter ‚meine Kleine’ genannt haben.“

„Da ist noch Jürgen. Der lebt in Süddeutschland und hat drei Kinder. Er ist sechs Jahre älter als Stefanie. Er hat selber so viel am Hals. Er kann nicht kommen, wissen Sie.“ Ihre Stimme klang auf einmal traurig. „Letztes Mal habe ich ihn vor einem Jahr gesehen. Da kamen Sie auf einer Urlaubsrückfahrt kurz vorbei. Er ist ein lieber Junge gewesen.“

Ich hatte eigentlich gar nicht so viel wissen wollen. Aber jetzt wäre es unhöflich gewesen, nichts dazu zu sagen.

„Schade,“ bot ich an.

„Wir beide haben uns seit er erwachsen ist oft gestritten. Aber seit ich krank bin, herrscht zwischen uns auf einmal wieder Frieden. Mit kranken Menschen streitet man nicht, wissen Sie? Manchmal kommt es mir so vor, als hätten sie schon mit mir abgeschlossen, als würde es sich nicht mehr lohnen mit mir, weder das Streiten, noch das gerne Haben.“

Sie hielt inne.

„Ich habe keine Kinder“, sagte ich. „So können sie mich jetzt wenigstens nicht enttäuschen.“

„Ja, man weiß nicht, was besser ist. Aber irgendwie haben die Kinder ja auch Recht. Wem nutze ich noch? Es ist wohl recht egoistisch, zu verlangen, dass sie ihr Leben auf ihre tot kranke Mutter einstellen sollen.“

„Finde ich nicht!“, sagte ich trotzig. Ihre Bescheidenheit ging mir mal wieder auf die Nerven. „Wir haben doch schließlich auch noch Anspruch auf ein bisschen Glück, oder etwa nicht?“

„Vielleicht haben Sie ja Recht.“ Sie schwieg einen Moment. „Ich kann ja auch noch glücklich sein. Es ist z.B. schön, mit Ihnen zu reden. Oder die Kastanie vor unserem Fenster. Manchmal Musik, wenn ich wenig Schmerzen habe, freue ich mich noch über Musik.“

Ich möchte sie bewundern und beneiden, aber wenn ich ehrlich bin, macht sie mich mit solchen Sprüchen nur wütend.

Ich schaute die Kastanie draußen böse an. Ich habe sie ja auch jeden Tag gesehen, all die Monate lang. Manchmal war sie meine einzige Vertraute. Aber das ist doch kein Glück.

 

  1. Oktober, abends

Heute war mein Chef hier. Ich solle mir Zeit lassen und richtig gesund werden.
Die ganze Zeit war mir so, als schiele er nach meiner Brustgegend, wollte wohl sehen, ob man es merkt. Ich konnte sehen, was er eigentlich dachte: ’Hoffentlich belastet die uns nicht mit ihrer Krankheit. Die wird doch bestimmt nicht leistungsfähig sein, wenn sie überhaupt wieder arbeiten kann.’ Ich denke, er würde es am liebsten sehen, wenn ich nicht wiederkomme. So oder so.

Wie sie alle tun, als sei weiter nichts dabei! ‚Die Welt dreht sich weiter, Kopf hoch!’ Na ja ‚Brust raus’ kann man jetzt ja wohl wirklich nicht zu mir sagen… Wie mich das ankotzt. Dabei lächele ich höflich und tapfer zurück. So geht das Spiel. Ein Spiel, bei dem der Verlierer längst feststeht.

„Wir vermissen Sie alle sehr“, hat er wahrhaftig gesagt. Der Heuchler!

Du kannst dir die Grüße der Kollegen an den Arsch stecken, Süßer! Keiner von denen möchte mich wieder, jetzt erst recht nicht. Ich sehe sie tuscheln mit diesem bekannten genüsslichen Gesichtsausdruck dabei.

„Weißt du schon, ihr Freund hat sie auch verlassen, zwischen der ersten und der zweiten OP.“

„Mein Gott, wie tragisch! Aber irgendwo kann man das auch verstehen, oder? Eine Frau ohne Brust, das ist doch irgendwie schwer für einen Mann, meinst du nicht auch?“

Vielleicht wird Maria mich vermissen, fiel mir plötzlich ein. Mit Maria würde ich gerne wieder arbeiten. Da würde ich mich nicht schämen. Die hat selber genug Probleme gehabt.

„Grüßen Sie Maria von mir!“, habe ich dem Chef gesagt.

Der hat ganz schön verdutzt geguckt, hat sich aber weiter nichts anmerken lassen, hat nicht gefragt: ‚nur Maria?’, hat sich lächelnd bedankt. Die Freude, dass er diese leidige Pflicht bald hinter sich haben würde, war ihm schon ins Gesicht geschrieben.

„Ich soll euch alle ganz herzlich von Ilse grüßen“, wird er morgen verkünden. „Es geht ihr gut. Ich glaube, sie schafft das und wir werden sie bald wieder unter uns begrüßen können. Ein besonderer Gruß geht an Sie, Maria.“

Ich denke, Maria wird sich ihren Reim auf das Gesülze machen können.

Aber Maria war auch nicht mehr hier seit dem Frühjahr. Wenn sie käme, würde ich mich ehrlich freuen. Vielleicht hat sie Angst, mich hier zu besuchen? Die Erinnerung an ihre Totaloperation im letzten Jahr steckt ihr sicher noch in den Knochen.

 Als mein Chef draußen war, ließ sich Erika vernehmen.

„Das ist aber eine noble Geste von Ihrem Chef, hier persönlich aufzukreuzen.“

Ich sagte nichts dazu. Ob sie das wirklich ernst meint? Hat sie wirklich nicht gesehen, wie er lügt? Schade, dass Maria nicht gekommen ist.

 

  1. Oktober

 Der Ex von Erika war wieder mal da, der pflichtbewusste, untreue Gatte, um den ich sie neulich sogar beneidet hatte.

Nein, heute konnte ich sie wirklich nicht beneiden! Am liebsten hätte ich ihn rausgeschmissen. Er wagte es, zu seiner tot kranken Frau zu kommen und ihr sein ach so bitteres Leid zu klagen: Sein Urlaub wird nicht genehmigt, so dass er jetzt erst im Frühjahr fahren kann. Seine Freundin ist sauer deswegen. Außerdem hat er jetzt auch wieder diese Knieschmerzen und befürchtet den Hochgebirgswanderurlaub, den sie so toll findet, nicht durchstehen zu können.

An Erikas Stelle hätte ich ihm eine runtergehauen. Was denkt der sich, was glaubt er, mit wem er spricht und wo er ist?

Bevor er ging, fragte er Erika im Aufstehen: „Und wie geht es bei dir? Du hast es ja gut, den ganzen Tag im Bett liegen zu können und bedient zu werden.“ Er lachte herzlich über seinen tollen Witz, ja er schaute sogar zu mir herüber, um auch meinen Beifall zu finden. Es verschlug mir wahrhaftig die Sprache! Erika wohl auch.

Als er fort war, weinte sie.
„Sie sollten dieses Arschloch rausschmeißen!“, sagte ich.

Sie schwieg. Aber sie hörte auf zu weinen.

„Ach, er sagt so was alles ja nur, weil er nicht weiß, wie er sich hier benehmen soll, hier vor uns, meine ich.“ Ihre Stimme klang jetzt nur noch müde.

„Nehmen Sie ihn auch noch in Schutz!“, ereiferte ich mich.

„Die da draußen leben doch in einer ganz anderen Welt. Die haben einfach Angst, in unsere Welt hier hineingezogen zu werden“, meinte sie nüchtern.

„Ja“, sagte ich böse. „Wir sind zwei lebende Zombies. Wir machen ihnen Angst. Das ist doch wenigstens etwas.“

Sie schwieg.

Nicht genug, dass sie uns alle alleine lassen. Wir müssen sie also auch noch vor uns beschützen! Ich hasse sie alle, diese gesunden Ärsche, diese selbstzufriedenen Miststücke! Ich wünsche ihnen allen die Pest an den Hals, nein, besser noch Krebs, irgendeinen Krebs, einer ist schließlich besser als der andere. Dann werden sie selber erleben, wie das ist, als lebende Tote behandelt zu werden!

 

  1. Oktober

 Heute Abend kam der neue Zivi ins Zimmer.

„Welche von Ihnen ist Frau Bringmüller? Der Chefarzt möchte Sie morgen um 11.00 Uhr unten in der Diagnose sehen.“

„Warum?“

Er wusste es nicht.

Wie die Angst mich anspringt! Und die Hoffnung auch. Wie sie sich überschlagen, um die Oberhand zu kriegen in meinem plötzlichen Gefühlszirkus! Angst und Hoffnung, beides Gefühle, die mir unmissverständlich vor Augen führen, dass ich doch noch lebe und dass mir nichts anderes übrigbleiben wird, als das alles bis zum Ende zu leben. Und keiner ist bei mir.

Manchmal wünschte ich, dass auch bei mir die Situation so klar und eindeutig wäre wie bei Erika. Dann hätte ich keine Hoffnung aber vielleicht auch weniger Angst. So wird so weitergehen wie seit Monaten: Metastasen, keine Besserung, das Ende vor Augen.

„Na, ihr zwei Hübschen!“, kam die Stationsschwester mit dem Abendbrot herein. Ich konnte es nicht zurückhalten. Ich musste mich übergeben und versaute die frisch bezogene Bettwäsche.

„Was ist denn mit Ihnen los?“, fragte sie halb besorgt, halb empört.

Ich bliebe ihr die Antwort schuldig.

 

  1. Oktober

 Ich frage mich, was mit Erika los ist.

Man muss sich ja ohnehin wundern, wie gut sie ihre Situation erträgt, Sie hat immerhin den sicheren Tod vor Augen. Ihre Werte haben sich in den letzten Tagen allmählich aber stetig verschlechtert. Sie weint auch manchmal, aber immer nur dann, wenn Besuch da war. Wenn ihre Schmerzen unerträglich sind, stöhnt sie oder schimpft leise vor sich hin. Mehr nicht. Sie wirkt, seit ich sie kenne, irgendwie gelassen, so als wäre das alles ganz normal. Scheinbar hat sie auch keine Angst. Oder sie zeigt es nicht. Oder sie findet sich ab. Es bleibt ihr ja eigentlich auch nichts anderes übrig. Aber resigniert ist Erika nicht. Im Gegenteil. Sie scheint mir manchmal lebendiger und interessierter an dem, was hier so passiert, als ich.

Und doch muss noch irgendetwas vorgefallen sein. Sie war heute eine Zeit unterwegs im Haus. Irgendetwas an ihrer Körperhaltung schien mir verändert, als sie wieder in ihr Bett stieg. Ihre Bewegungen waren klarer, gezielter. Ihr Kopf hing nicht herab wie sonst, wenn sie versucht, ihre Schmerzen auszuhalten. Sie hielt ihn erhoben, beinahe stolz sah das aus.

Kurz darauf musste sie zu ihrer Chemotherapie. Und selbst danach schien sie mir immer noch verändert. Sonst hat ihr diese Behandlung sehr zugesetzt. Sie ist ja auch furchtbar. Ich kann selber ein Lied davon singen. Heute wirkte sie, ja tatsächlich, sie wirkte fröhlich. Sie warf mir einen belustigten Blick zu, amüsierte sich über Schwester Ingrid und ihr fürsorgliches Getue, als sie zurück in ihr Bett gebracht wurde.

Erika erzählte diesmal nichts von der Behandlung. Auch das war merkwürdig. Denn es ist uns beiden nun fast schon zur Gewohnheit geworden, dass diejenige, die einen dieser meist unangenehmen Ausflüge in die Therapieabteilung hinter sich gebracht hat, sich ihren Frust und die Schmerzen erst mal von der Seele spricht.

Aber heute sagte sie gar nichts. Lag nur still da und schwieg.

Eine ganze Zeit später, vielleicht zehn Minuten danach, fragte sie mich plötzlich, für wie alt ich sie eigentlich gehalten hätte, als ich sie zum ersten Mal sah.

Ich weiß ja, sie ist 58. „Na, so Mitte 50“, sagte ich, weil ich ihr nicht antun wollte, die Wahrheit zu sagen. Denn sie sieht tatsächlich viel älter aus, als sie ist, zu mindestens auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick sieht man, dass sie zwischen 55 und 60 sein muss, aber von einer schweren Krankheit gealtert und entstellt ist. Man kann sie ja nicht ansehen, ohne Grauen zu empfinden, weil man es sieht, das Leid. Weil sich der mörderische Kampf, den ihr Körper seit Jahren gegen seine Zerstörung führt und den er eigentlich schon verloren hat, deutlich widerspiegelt, in ihren eingefallenen, verspannten Gesichtszügen, ihren müden Augen, ihren schmächtigen Schultern, dem abgemagerten, zerfurchten Hals.

„Sind Sie sicher?“, fragte Erika. Ihre Stimme klang besorgt, ohne die Fröhlichkeit zu verlieren, die mich irritierte. Sie richtete sich mühsam auf. „Gucken Sie doch mal richtig!“, forderte sie mich auf. Und ich sah sie an und merkte, dass über ihren Zügen ein neues, noch nie an ihr gesehenes Lächeln lag, ein verschmitztes Lächeln.

„Wenn Sie so gucken, könnte man Sie leicht für 45 halten!“, scherzte ich.

„Ach kommen Sie, ich weiß doch, was die Krankheit aus meinem Gesicht gemacht hat“, seufzte sie jetzt und legte sich wieder in die Kissen zurück.

Sie schwieg. Und ich versuchte, mir klar zu werden, was dieses Lächeln bedeuten könnte. Irgendwann holte ich heimlich meinen Kosmetikspiegel aus der Nachttischschublade und sah mich an. So mitgenommen wie Erika sah ich noch nicht aus. Aber um meinen Mund herum kann ich sie alle schon sehen: den Frust, die bittere Enttäuschung, die Schmerzen, die Angst, die Wut. Sie haben damit angefangen, sich dort einzugraben, festzusetzen, meine Mundwinkel herunter zu ziehen. Ich glaube, wenn man mich ansieht, möchte man nichts mit mir zu tun haben. Sie werden sich abwenden, einer nach dem anderen. So wie Leo.

„Ich habe übrigens den Mann wieder getroffen, mit dem ich mich neulich schon unterhalten habe“, riss mich Erikas plaudernde Stimme plötzlich aus meinen hässlichen Gedanken.

„Welcher Mann?“, fragte ich irritiert.

„Der mit dem Herzinfarkt, ich habe es Ihnen doch erzählt, oder nicht?“

Ich erinnerte mich plötzlich an die Bemerkung der Schwesternschülerin neulich. Meine Güte, sollte Erika etwa anfangen, jetzt Männerbekanntschaften zu schließen?

„Was hat er erzählt?“, fragte ich alarmiert.

„Er hat von seinem Sohn erzählt. Ein netter Mann, wirklich.“

Und wieder schwieg sie.

Ich lag da und fragte mich fassungslos, wie diese Frau in ihrer Situation noch solche Sachen sagen konnte.

 

  1. Oktober

„Ich hab Ihnen was mitgebracht!“ Die Schwesternschülerin grinste Erika an und konnte ihr Kichern kaum unterdrücken.

„So?“ Erika reagierte gelassen Auch heute früh war sie wieder auffallend munter.

Die Schwesterschülerin holte hinter ihrem Rücken eine langstielige rote Rose hervor. „Die hat mir ein Patient für Sie gegeben.“

Ich richtete mich unwillkürlich im Bett auf und starrte die Szene ungläubig an. Erika ergriff die Rose, als sei nichts weiter dabei, als bekäme sie jeden Tag rote Rosen geschenkt in diesem sterilen Krankenhaus. Aber ich sah, dass ihr vom Hals her ein rosiger Schimmer hochstieg und ihr Gesicht erleuchtete. Ihre eingefallenen, blassen Wangen strahlten wie die Backen eines gesunden kleinen Mädchens.

„Wollen Sie denn gar nicht wissen, wer der Patient war?“ Die Stimme von Irmchen klang ein wenig enttäuscht.

„Ich kann es mir denken“, murmelte Erika und wurde noch röter.

„Sie sind mir ja eine Schlimme!“, scherzte das junge Mädchen.

Erika sah sie verständnislos an.

„Ich hole Ihnen eine Vase. Ist ja sonst schade um die schöne Rose“, beeilte sich die Schwesternschülerin jetzt.

Sie blieb lange weg. Ich konnte es beinah hören, wie sie mit Skandalstimme im Schwesternzimmer von dem unglaublichen Ereignis berichtete. Die anderen werden schallend gelacht haben oder nur gestaunt.

Erika lag lächelnd im Bett und hatte sich die Rose auf die bedeckte Brust gelegt.

„Ist die von dem, den Sie gestern wieder getroffen haben?“ Ich konnte es einfach nicht lassen, diese Frage zu stellen.

„Sicher,“, sagte sie fröhlich. Die Röte war jetzt fast verflogen aber Erika wirkte jünger und gesünder als je, seit ich sie gesehen habe.

‚Wenn mir so was mal passieren würde!’, sprang mich der Neid an und hinterließ in mir ein Loch, dessen Ränder sich zerfressen anfühlten, als würde sich Gift in mir breit machen.

Irmchen kam endlich mit einer hohen, schlanken Vase zurück.

„Stellen Sie sie dorthin“, sagte Erika bestimmt, „damit ich sie sehen kann“.

„Soll ich dem Spender was ausrichten, wenn ich ihn sehe?“

„Danke, Schwester Irmchen, das mache ich schon selber.“
Das Mädchen ging. Sicher hatte sie sich mehr versprochen.

Nun liegt Erika da mit geschlossenen Augen und einem so seligen Lächeln um den Mund herum. Es ist unglaublich. Es irritiert mich besonders, dass sie nichts erzählt. Der Neid in mir hat sich inzwischen gelegt und eine müde Traurigkeit breitet sich in mir aus.

Dort neben mir liegt eine tot kranke, vorzeitig gealterte Frau und lächelt wie ein verliebtes junges Mädchen. Ich aber, die ich noch einigermaßen jung bin, liege hier und bin voller Bitterkeit, weil keiner sich etwas daraus macht, dass ich hier liege und vergehe, langsam meinen Körper einbüße, Stück für Stück und zwischen Hoffnung und Verzweiflung eingesperrt bin wie eine Fliege, die nur mit einem Bein am Spinnennetz kleben geblieben ist. Vielleicht gelingt es ihr, sich loszureißen und dann mit weniger Beinen weiter zu leben. Vielleicht ist ihre Hoffnung, sie könnte gerettet werden, aber nur lächerlich. Die Spinne weiß längst, dass dieser dummen Fliege der baldige Tod sicher ist.

 

  1. Oktober

Der Chefarzt konnte mir wie immer nichts wirklich Neues sagen. Sie wollen nächste Woche den Verband abnehmen und gegen Ende der Woche erneut Gewebeproben nehmen. Es heißt wieder einfach nur warten. Immer weiter.

Draußen ist es jetzt Herbst. Das Wetter hat umgeschlagen. Der Himmel ist nicht mehr von jener sanften, tiefen Bläue wie in den letzten 14 Tagen. Es ist windig geworden. Von meinem Bett aus kann ich die Wolken über den Himmel ziehen und sich stetig verändern sehen.

Die Kastanie hat schon viele bräunliche Blätter und wenn mich mein Auge nicht täuscht, sieht man schon dicke grüne Igel in den Ästen hängen, die der Wind hin und her schiebt.

Meine Schwester hat mir eine Karte zum Geburtstag geschickt. Mit den besten Wünschen für meine Gesundheit. Ich halte es nicht aus! Gut nur, dass hier niemandem aufgefallen ist, dass ich gestern Geburtstag hatte. Ihre blöden Sprüche hätte ich kaum ertragen können.

Ich bin in den letzten Tagen öfter allein. Erika steht immer wieder auf und geht ein wenig spazieren. Ich weiß, dass es ihr körperlich nicht leichtfällt. Aber offenbar trifft sie sich jetzt regelmäßig mit dem Mann. In ihrer Vase stehen nun schon drei langstielige rote Rosen. Sie wirkt immer noch etwas entrückt und glücklich zugleich. Aber sie erzählt mir nicht, was eigentlich los ist.

Manchmal spricht sie über ihn und seine Erfahrungen, seine Kinder, seine Krankheiten. Er hatte offenbar schon vor ein paar Jahren eine Darmoperation und jetzt einen künstlichen Darmausgang. Dass er so offen darüber reden kann, verwundert mich. Aber auch Erika spricht darüber, als sei es nichts besonderes. Manchmal erwähnt sie auch irgendeine Geschichte, die er ihr erzählt hat. Aber sie redet über ihn immer mit gelassener, neutraler Stimme, wie man über irgendwelche Bekannten spricht. Dennoch sehe ich es ja! Jeder kann es sehen, dass sie verliebt ist. Eine verrückte Vorstellung bei einer tot kranken, wie das leibhafte Leiden aussehende ältere Frau! Aber es sei ihr gegönnt! Zumindest manchmal kann ich so denken, wenn mich der Neid nicht gerade auffrisst.

Ihre Tochter scheint mir dagegen gewaltig verunsichert. Die Schwestern hatten ihr wohl die große Stationsneuigkeit erzählt.

„Mama, du machst aber auch Sachen!“, meinte sie und lächelte süß-säuerlich. „Pass auf, dass du dich nicht überanstrengst, wenn du so soft aufstehst und im Haus herumläufst.“

„Ich weiß schon, was ich mir zumuten kann“, kam es kühl von Erika.

Eine merkwürdige Spannung stand plötzlich im Raum.

„Schöne Rosen hat er dir geschenkt, Mama“, sagte die Tochter. „Wenn Papa morgen kommt, kannst du sie dann solange ins Bad stellen?“

„Warum denn das?“, fragte Erika entgeistert.

„Aber er ist doch immerhin noch dein Mann, Mama. Du kannst dir doch nicht einfach so von anderen Männern Blumen schenken lasse, auch noch rote Rosen!“

“Ich glaube, ich höre nicht richtig.“ Erikas Stimme klang spitz. „Ich kann mir Blumen schenken lassen, von wem ich will. Hast du etwa vergessen, dass dein Vater seit zwei Jahren mit seiner Freundin zusammenlebt?“

„Natürlich nicht, Mama und ich finde, er hätte dir wirklich auch mal Blumen schenken können. Aber so direkt, weißt du, das ist doch wie eine richtige Provokation.“

„Nein Steffi, das ist mein gutes Recht! Übrigens kannst du deinem Vater sagen, er kann ruhig zu Hause bleiben. Ich hab es dir doch schon einmal gesagt.“

„Er will dich doch nicht im Stich lassen, Mama.“

„Das hat er ja wohl schon längst getan, oder?“

Steffi schwieg eingeschnappt. Eine Weile sagte keine mehr ein Wort.

„Lass uns mal von was anderem reden, Steffi“, sagte Erika schließlich, „sonst werde ich noch richtig böse.“

„Übrigens fahre ich nicht mit in Urlaub, Mama. Ich bleibe lieber hier.“

„Aber Kind, das hättest du nicht tun sollen! Du brauchst den Urlaub doch auch!“

„Ach Mama; ich kann dich doch nicht alleine hierlassen!“

„Du siehst doch, ich bin nicht alleine, Schatz.“

Jenny schwieg betroffen. Sie warf mir einen Blick zu, als wollte sie mich zu einer Stellungnahme aufrufen. Natürlich sagte ich nichts.

Die Tochter ging schließlich. Sie war sichtlich beunruhigt.

 

  1. Oktober

Heute kam er zu uns ins Zimmer. Er suchte Erika. Die war aber gerade ins Untersuchungszimmer gefahren worden und so konnte sie wohl die heutige Verabredung nicht einhalten.

Ich wusste sofort, dass er es war. Ein älterer Herr, etwas kurzatmig, noch ganz passabel aussehend. Ich registrierte mit einigem Entsetzen, dass ich nach Hinweisen auf seine Darmoperation suchte. Er wirkte ganz ungezwungen und bewegte sich normal.

„Ist Erika nicht da, ich meine Frau Keller?“. Er sah traurig aus, als er ihr leeres Bett sah.

Wie er so dastand, musste ich mich fragen, was der an so einer wie Erika finden kann, einer Frau, der man die schwere Krankheit schon von Weitem ansah. Aber er erkundigte sich nach ihr auf eine Weise, dass mir ganz warm davon wurde. Ich habe ihn richtig verblüfft angestarrt. Wenn die roten Rosen - es sind jetzt schon sechs und die erste lässt bereits den Kopf hängen - nicht schon eine unmissverständlichen Sprache sprechen würden, jetzt wäre die Sache für mich klar gewesen. Ganz offensichtlich liegt ihm sehr viel an Erika.

„Sagen Sie Ihr, dass ich hier war?“, fragte er mich. „Sie ist eine bemerkenswerte Frau, finden Sie nicht auch?“, fügte er hinzu. Er blickte mich dabei so an, als wäre er bereit, jeden Protest von meiner Seite auf der Stelle im Keime zu ersticken. Ich konnte nicht anders, ich lächelte zustimmend.

Klar, wenn sie jung und hübsch wäre, würde man dem ganzen weiter keine besondere Beachtung schenken. Natürlich vertreibt sich ein Mann seine Krankenhauszeit mit einem Flirt, wenn er noch kann. Warum auch nicht? Aber wenn jemand von dieser Erika so spricht wie der, wenn er ihr rote Rosen schenkt und so viel Aufmerksamkeit entgegenbringt, dann muss wohl etwas Seltsames passiert sein: er hat sich in diese Frau wirklich verliebt.

Alle Hochachtung für meine Erika!

Er ging und ich blieb vereinsamt zurück.
Als sie zurück war, sagte ich ihr gleich, wer da gewesen sei und dass ich ihn sympathisch gefunden hatte. Sie errötete dankbar und ein wenig verlegen.

„Die Leute hier reden schon,“, meinte sie dann. „Aber wir tun doch nichts Böses oder Anstößiges, wir unterhalten uns doch nur.“

Ach Erika, tu doch nicht so!. Du weißt genau, dass wir alle sehen, was für ein Glück dir widerfahren ist, doppeltes Glück, wenn man bedenkt, in welcher Lage du dich befindest. Da kann man nicht wegsehen. Man kann es kaum glauben.

Erika lag in ihrem Bett. Sie sah an die Decke und auf einmal fing sie an zu erzählen:

„Als er neulich so erschöpft dastand und trotzdem zu mir so freundlich war, da habe ich gespürt, dass es mit diesem Mann etwas Besonderes auf sich haben musste. Er sprach mit mir so selbstverständlich und nett, als säßen wir zufällig zusammen in einem Cafe. Dabei sah man es ihm an, dass ihn das Warten furchtbar anstrengte und er immer wieder nach Luft schnappen musste. Und ich lag so hilflos lächerlich auf dieser Liege, abgestellt im Flur wie ein ausrangiertes Möbelstück. Mir war gleich viel wohler, als er irgend etwas sagte wie: „Die denken hier auch, wir hätten zuviel Zeit“, oder so was Ähnliches. Sofort konnte ich vergessen, wie peinlich meine Lage eigentlich war und wie unwürdig. Wir unterhielten uns wie alte Freunde. Da schon. Ich war sogar etwas traurig, als ich dann ins Untersuchungszimmer geholt wurde.“

Sie seufzte. Ich wartete gespannt, ob sie weitererzählen würde.

„Und dann traf ich ihn neulich wieder, irgendwo im Treppenhaus. Zufällig. Nein wirklich, rein zufällig!“

Ich sagte nichts dazu. Ich war froh, dass Erika endlich bereit war, ihr Geheimnis etwas zu lüften. Und ich staunte.

„Wir haben uns sofort wiedererkannt und ich sah, dass er sich richtig freute. Ich freute mich auch.

„Schön, Sie wiederzusehen!“, sagte er und berührte mich ganz leicht an der Schulter. Wir gingen zusammen in den Aufenthaltsraum im 2. Stock. Keiner von uns hatte es vorgeschlagen. Es kam wie von selbst. Beim Treppensteigen merkte ich wieder, wie sehr es ihn anstrengte und ich legte sachte meine Hand auf sein Herz. So standen wir eine Weile. „Danke“, flüsterte er schließlich. „Du machst mein Herz gesund.“ Ich fand es ganz normal, dass er mich plötzlich duzte.

Im Aufenthaltsraum war niemand. Wir setzten uns einander gegenüber und fingen an, uns unser Leben zu erzählen.

Als wir nach einer Stunde von einer Schwester aufgeschreckt wurden, die ihn im ganzen Hause wegen eines Kontrolltermins gesucht hatte, kam es mir so vor, als hätte ich ihn schon seit Jahren gekannt, als wäre er immer dabei gewesen.

Seinen Termin hatte er über unserem Zusammensein einfach vergessen. Die Schwester war ziemlich sauer und hat mit ihm geschimpft. Aber er hat nur gelacht. „Ihnen scheint es ja schon wieder ziemlich gut zu gehen, Herr Justus“, hat sie etwas eingeschnappt gesagt. Und Tom hat ausgerufen: „Bestens, Schwester! Es ist mir lange nicht mehr so gut gegangen“ und er hat mir dabei zugezwinkert.

Und ich stand da und wusste, dass ich diesen Mann nicht mehr weglassen würde aus meinem Leben oder dem, was davon noch übriggeblieben ist. Es ist, als hätte ich auf ihn gewartet.“

„Sie sind ein Glückspilz!“, lächelte ich wehmütig.

„Ich muss Ihnen verrückt vorkommen! Aber wissen Sie, es geht ihm ganz genau so. Vielleicht sind wir ja verrückt. Oder wir waren es bisher und sind hiermit zur Besinnung gekommen.“ Sie hielt inne.

Mir fiel nichts ein, was ich darauf hätte sagen können.

„Dann kam die erste Rose“, fing sie wieder an. „Ich habe mich überhaupt nicht gewundert.“ Sie seufzte. „Es ist alles erst wenige Tage her und scheint mir schon ein ganzes Leben.“ Sie richtete sich im Bett auf und sah mir ins Gesicht. „Glauben Sie mir?“

„Ich glaube es Ihnen, man sieht es ja. Ich freu mich für Sie!“, stotterte ich.

„Sag Erika zu mir, bitte! Du hast das alles miterlebt und ausgehalten.“

„Ich heiße Ilse“

Sie seufzte wieder. Es war nicht nur Glück in diesem Seufzer.

„Ich soll die nächsten 48 Stunden nicht aufstehen wegen dem neuen Medikament, das sie mir jetzt geben. Er wird denken, ich will ihn nicht mehr sehen“, sagte sie nachdenklich.

Natürlich wird er sie suchen, wenn sie nicht kommt. Ihre Aufregung ist völlig unnötig und sie weiß das auch. Sie genießt es, ein wenig beunruhigt auszusehen. Wie ich sie beneide!

  

  1. Oktober

Und ich hatte Recht. Er kam noch am Nachmittag gestern. Sie setzte sich im Bett auf und schaute ihm strahlend entgegen. Es ist unglaublich, aber wenn sie so ausschaut, kann man ihre Krankheit und ihr Alter beinahe vergessen.

Er setzte sich zu ihr. Im Unterschied zum Ehemann rückte er den Stuhl vielleicht eher eine Idee zu nah an ihr Bett. Sie gaben sich die Hand, mehr nicht. Aber zwischen ihren Gesten und sparsamen Worten floss ein Strom von Wärme und Freude.

Er hatte kurz zu mir herübergeschaut. Jetzt bemühte ich mich, mich unsichtbar zu machen. Ich erwog sogar aufzustehen und rauszugehen. Aber damit hätte ich die Gerüchteküche nur noch angeheizt. Außerdem hatte ich gerade zu der Zeit ziemliche Schmerzen. Es wäre sehr schwer gewesen, herumzulaufen.

Die beiden unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, als wollten sie mich nicht stören. Sie saß in ihrem Bett, aber ich bemühte mich, nicht in ihre Richtung zu schauen. Ich verstand jedes Wort, es ging gar nicht anders. Ich hatte das Gefühl, dass sie ganz anders mit einander gesprochen hätten, wäre ich nicht im Raum gewesen. Sie sprachen über belanglose Dinge, das Klinikmittagessen, über den Herbst, über einen neuen Arzt. Aber es war deutlich zu spüren, dass sie sich mit diesen Sätzen ganz andere Botschaften zusendeten.

Alles, was sie sagten, klang so vertraut, als seien sie zusammen aufgewachsen.

Irgendwann schwiegen sie. Instinktiv blickte ich zu Erika herüber und sah, wie er seinen Handrücken an ihre Wange legte. Und sie nahm diese Hand und küsste sie. Sie schwiegen weiter.

„Ich komme morgen wieder.“

„Ja“, sagte sie nur. „Bitte komm!“

Noch immer blieb er sitzen und hielt schweigend ihre Hand.

Ich lag da und traute mich kaum, mich im Bett herumzudrehen. Mir war, als würde ich etwas ganz und gar Kostbares damit zerstören können. Irgendwann wurden mir die Beine steif. Als er schließlich ging, fühlte ich mich wie erlöst. Das Wechselbad meiner Gefühle zwischen Bewunderung und Neid, Freude, Rührung und Verwirrtheit über das unerhörte Geschehen hatte mich angestrengt.

„Wie findest du ihn?“, fragte Erika, als er draußen war mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme.

„Ich finde ihn sehr sympathisch“, wiederholte ich mich.

„Haben wir dich sehr gestört?“, fragte sie dann besorgt.

„Nein, i wo, wieso solltet ihr mich stören?“

Sie hatte mich so was noch nie vorher gefragt, nicht als ihr Mann da war, nicht, wenn Steffi sie besucht hatte. Obwohl die doch manchmal richtig belastend waren und unangenehm und schließlich auch viel lauter.

„Danke“, sagte sie. „Er wird sicher morgen wiederkommen. Ich kann ja nicht raus hier zurzeit. Sonst würde ich dir das sicher nicht zumuten“.

Ich habe den ganzen Abend dagelegen und darüber nachgegrübelt, wie sie auf den Begriff „Zumutung“ kommt, den ich natürlich sofort im Brustton der Überzeugung abgelehnt hatte.

Aber sie hat es letztlich genau richtig gespürt: Es war eine Zumutung. Und es war schwer für mich. Ich gönne ihr ja ihr Glück und finde schon gar nicht etwas Anstößiges in dieser Geschichte. Aber ich kann es kaum ertragen, daneben zu liegen. Mir ist, als müsste ich unter Apfelbäumen verhungern, als müsste ich im Anblick einer lieblich bewaldeten Insel im offenen Meer im Kreis schwimmen und würde dabei in die Tiefe gezogen.

Das ist etwas anderes als mein alter ewiger Neid. Das ist einfach nur Bitterkeit, die mir ihm Herzen hochsteigt und an der ich zu ersticken drohe.

 

  1. Oktober

Ich habe heute eine Karte bekommen von ihm. Ich dachte, mir fliegt der Kopf weg, als ich seine Schrift sah.

Es war eine verspätete Geburtstagskarte. Glückwunsch und ein gutes neues Lebensjahr. Die Unterschrift. Sonst nichts außer dem Satz. „Ich hoffe, es geht dir wieder besser!“

Ich habe die Karte zerrissen. Was denkt der sich? Schreibt Geburtstagskarten an tot kranke Exfreundinnen. Der kann mich mal.

Und es tut trotzdem so weh!

 

  1. Oktober

 Als ich heute vom Friseur zurückkam - ich konnte mich einfach nicht mehr ansehen. Selbst wenn mein Haar ruiniert ist, man hat nach so einem Besuch doch das Gefühl, etwas für sich getan zu haben. Es war äußerst anstrengend und die Schwester wollte mich erst auch gar nicht gehen lassen. Aber schließlich haben sie mir gesagt, dass ich so oft aufstehen soll, wie ich kann.

Jedenfalls hat mich danach im Flur die Tochter von Erika abgepasst. Sie fragte, ob sie kurz mit mir sprechen könne. Aus ihren Gesten entnahm ich, dass dieses Gespräch nicht im Zimmer, also nicht im Beisein von Erika stattfinden sollte. Wir gingen in den Besucherraum, obwohl ich selber liebend gerne in meinem Bett verschwunden wäre.

„Ich möchte Sie was wegen meiner Mutter fragen“, begann sie, kaum hatten wir uns gesetzt und die Tür hinter uns geschlossen. Ich ahnte, was jetzt kommen würde,

„Sie haben das doch sicher mitbekommen, das mit diesem Mann.“

Das Gespräch, das sie sich vorgenommen hatte, war ihr sichtlich peinlich.

„Sie meinen die Eroberung Ihrer Mutter?“

Sie lachte nervös aber auch erleichtert, dass ich die Sache mit Humor zu nehmen schien.

„Ja, so was Ähnliches wohl. Also, wie soll ich das sagen? Ich kann das ja irgendwo auch verstehen. Sie steht unmittelbar vor ihrem Ende, sie möchte leben. Ich gönne es ihr ja auch. Aber ich weiß nicht, irgendwie geht es zu weit, oder?“

Sie sah mich fragend an. Alles an ihr schien um Unterstützung zu heischen. Was sollte ich sagen? Dass ich Erikas Mut aus tiefster Seele bewunderte? Oder vielleicht sogar, wie sehr ich Erika beneidete?

„Ihre Mutter ist eine liebenswerte Frau“, wand ich ein.

„Ach finden Sie? Na ja, Töchter können so was wohl gar nicht sehen, denke ich. Aber trotzdem, Schwester Rita hat mich vorhin darauf angesprochen. Ich hatte den Eindruck, sie findet das Ganze geschmacklos. Er soll sie auf dem Flur unten geküsst haben, obwohl andere Personen im Raum waren!“ Ihre Stimme klang flehendlich.

„Meinen Sie nicht, dass die beiden alt genug sind?“, fragte ich müde.

Stefanie sah mich überrascht an.

„Ja, aber sie ist doch schwerkrank. Sie ist doch totkrank! Und sie weiß das. Und dieser Mann, der doch sicher auch. Aber, ich kann gar nicht glauben, dass er etwas an ihr findet. Ich frage mich, was er wirklich will“, flüsterte sie erregt.

„Der Mann ist übrigens sehr nett und das Ganze tut Ihrer Mutter, glaube ich, ausgesprochen gut“, bemerkte ich. Ich konnte mich kaum noch auf dem Stuhl halten. Steffi merkte nichts davon.

„Ja, das gönne ich ihr doch auch. Ein kleiner Flirt, eine einzige Rose meinetwegen. Aber meine Mutter benimmt sich wie eine 16Jährige, die glaubt, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Sie müsste doch wirklich vernünftiger sein. Und wir sind doch hier schließlich im Krankenhaus!“, regte sie sich weiter auf.

„Vielleicht sind die beiden ja wirklich der Liebe ihres Lebens begegnet“, wagte ich einzuwenden. Sie fing an, mich ernsthaft zu nerven.

„Ach Unsinn. Jetzt? Seit Jahren habe ich gesagt, Mama, du musst Papa vergessen, du musst dein Leben noch mal neu starten. Versuchs doch mal mit ner Zeitungsannonce. Du hast doch noch manches zu bieten, hab ich zu ihr gesagt. Und das stimmte auch, damals. Aber sie hat immer nur abgewunken. Und dann wurde sie krank und bald war klar, wie es enden würde bei chronischer Leukämie. Meine Mutter wurde immer weniger. Sie magerte ab, ihr Gesicht bekam diese Furchen und verzerrte sich, das Haar ging ihr aus. Die Schmerzen haben sie oft beinahe aufgefressen. Ich konnte das alles kaum noch mit ansehen. Und nun sagt sie mir, hier in der onkologischen Abteilung, wo sie vielleicht sterben muss, hier sagt sie mir, „Stefanie, mir geht es gut. Wir lieben uns. Ich bin sehr glücklich.“ Was soll das bitte schön?

Und wissen Sie was? Gerade, als sie mir das gesagt hatte, kam die Schwester rein und fragte Erika, wie es ihr denn mit den neuen Tabletten ergehe. Und meine Mutter meinte: „Mir ist jetzt oft so furchtbar übel.“ Aber die Schwester wieder draußen war, lächelt sie mich an und sagte: “Ach, Kind, ich wünsche dir, dass du auch so glücklich wärest mit deinem Mann.“

Ich schwieg.

„Ich habe schon den Oberarzt gefragt, ob das vielleicht eine euphorische psychische Phase ist, vielleicht bedingt durch Medikamente oder ob es damit zusammenhängen kann, dass sie anfängt, sich ans Leben zu klammern.“

Hatte ich mich so was nicht auch schon gefragt?

„Und?“

„Der Doktor meint, typischer für diese Phase seien Depressionen. Er glaubt nicht, dass es an so etwas liegt.“

Sie sah mich plötzlich irritiert an, als sei ihr erst jetzt bewusst, dass sie all das mir, einer Fremden erzählt hatte.

„Ich hoffe, es ist für Sie nicht unangenehm, mit ihr in einem Zimmer zu liegen“, murmelte sie, als wolle sie sich für ihre Mutter bei mir entschuldigen.

„Wir verstehen uns ganz gut“, beruhigte ich sie.

Sie bedankte sich und verabschiedete sich. So richtig hatte ich ihre Sorgen wohl nicht zerstreuen können.

Erika lag im Bett und sah mir entgegen.
„Hat sie mit dir gesprochen?“, fragte sie sofort.

„Ja“, sagte ich ausweichend. Ich wollte nicht erzählen, was Stefanie mir erzählt und was sie über ihre Mutter gesagt hatte.

„Das Kind benimmt sich, als sei sie die Mutter“, seufzte Erika. „Ich wünschte, sie wäre mit ihrer Familie in Urlaub gefahren!“ Sie schloss ihre Augen. Über ihrem Gesicht lag wieder das feine Lächeln, das ich in den letzten Tagen so oft bei ihr gesehen hatte.

 

  1. Oktober

Es ist meinem blöden schlechten Stuhlgang zu verdanken, dass ich heute unfreiwillig Zeugin einer Liebesszene wurde. Ich wäre froh, ich hätte all dies nicht gehört. Es lässt mich nicht mehr los. Als ich danach endlich wieder in meinem Bett lag, habe ich die Augen geschlossen und so getan, als würde ich schlafen. Die Tränen rannen mir übers Gesicht, eigentlich weiß ich gar nicht warum. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Es war, als liefe ich einfach aus, als liefe ich leer.

Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen. Mir träumte, Leo hätte mich besucht. Er habe mich vermisst, sagte er. Er könne nicht ohne mich leben, das wisse er jetzt. Ich war erst sehr skeptisch, hätte ihn am liebsten rausgeworfen. Aber irgendwann fing ich doch an, ihm zu glauben. Dann küssten wir uns und in mir regte sich die Hoffnung, es könnte doch alles wieder so werden wie früher.

Er fasste unter meinen Pulli.

„Was ist denn das“, fragte er plötzlich voller Entsetzen. Ich hörte wie ich böse lachte und sagte: „Silikon.“

Und da fing Leo auf einmal an immer kleiner zu werden, er wurde immer weniger, schrumpfte zusammen, bis er so klein war wie ein Korn. Dann flog er einfach davon. Und ich war wieder alleine.

Ich muss im Traum gestöhnt haben. Erika fragte, was los sei und ob ich schlecht geträumt hätte. Da habe ich ihr meinen Traum erzählt. Vielleicht einfach nur deshalb, weil ich es nicht gut ertragen konnte, die einzige zu sein, die von der anderen ein Geheimnis weiß.
Denn sofort fiel mir wieder ein, was ich kurz vorher mit angehört hatte.

Gott sei Dank hat Erika es nicht mitbekommen, dass ich das ganze Gespräch, ihr ganzes Liebesgeflüster unfreiwillig belauscht habe. Ich habe es ja, nachdem er gegangen war, auch noch fast eine halbe Stunde weiter auf dem Klo ausgehalten, bis ich endlich durch die angelehnte Toilettentür das übliche leise Schnarchgeräusch von Erika vernahm. Dann habe ich mich lautlos raus auf den Flur geschlichen, bin aber sofort zur Zimmertür wieder reingekommen und habe die Tür mit vernehmbarem Geräusch wieder hinter mir ins Schloss gezogen. Erika ist sofort aufgewacht, lächelte mir zu und murmelte „Du warst ja lange weg. Ich hatte Besuch inzwischen. Wir haben uns gewundert, wie lange du weggeblieben bist.“

Ich fiel ins Bett und stotterte irgendeine Begründung für mein angeblich langes Wegbleiben. Ich legte mich auf den Rücken und starrte die Decke an. Alles tat mir weh vom langen unbequemen Sitzen: meine Brustwunden, aber auch mein Rücken, mein Hintern.

Erschöpft schloss ich schließlich die Augen, aber sofort war die ganze Situation wieder da.
Erika hatte zur Schwester gesagt, dass ihr nun nicht mehr übel würde, damit sie aufstehen durfte. Ich weiß, dass ihre Übelkeit kein bisschen besser geworden ist. Aber das kann sie nicht abhalten.

Weil ich seit Tagen schweren Stuhlgang hatte, zog ich mich für eine lange, ruhige Sitzung ins Klo zurück. Erika würde sicherlich eine Zeit lang wegbleiben, so konnte ich in aller Ruhe mein Glück versuchen. Es war mir angenehmer so, als wenn sie im Zimmer gewesen wäre. Ich hatte noch keine fünf Minuten dagesessen, ohne Erfolg leider, als ich die beiden ins Zimmer zurückkommen hörte. Ihr war wohl doch wieder schlecht geworden und er brachte sie ins Zimmer zurück.

Ich hörte, wie sie sich hinlegte. Er zog sich einen der Besucherstühle heran, um sich neben ihr Bett zusetzen.
Zu diesem Zeitpunkt hätte ich noch ohne Probleme herauskommen können. Es wäre noch gar nichts dabei gewesen. Vielleicht wäre das ja auch noch gegangen, als Erika halblaut zu ihm sagte. “Frau Bringmüller ist scheinbar auch unterwegs.“ Aber ich habe auch diesen Augenblick verpasst, denn ich hörte ihn antworten: „Wie schön, dann sind wir hier mal alleine.“ Danach brachte ich es nicht mehr über mich.

Ich war nun also dazu verdammt, hier auf dem Klo auszuharren und ihnen zuzuhören. Es wurde mir klar, dass es für mich jetzt nur noch eines geben konnte: absolut still zu sein und zu hoffen, dass sie entweder noch einmal weggehen würden oder dass Erika einschliefe, wenn sie wieder alleine wäre. Alles andere wäre mir so unglaublich peinlich erschienen für die beiden aber auch für mich, dass es überhaupt einfach gar nicht infrage kam.

„Geht es dir schon wieder besser?“, hörte ich ihn besorgt fragen.

Ich zuckte zusammen, weil ich jedes Wort deutlich Wort verstand. Es war mir nicht klar gewesen, dass man durch die Wand und die Tür wirklich alles verstehen konnte, was im Zimmer gesprochen wurde.

„Ja, doch, wenn ich liege, geht es immer besser.“

„Ich wünschte, ich könnte den ganzen Tag bei dir bleiben.“

„Ja, das wäre schön. Du wärest hier bei mir und ich wüsste, dass ich vor nichts mehr Angst haben müsste.“

Eine ganze Weile hörte ich nur das leise Quietschen des Bettes, sein Stuhl schabte kurz über den Boden.

„Ach, meine liebste Erika, ich könnte ewig so sitzen und deine Hand halten. Du hast wunderbare Hände“.

„Die Hände einer alten Frau“. Ich konnte hören, dass sie bei diesen Worten lächelte.

„Einer noch gar nicht so alten, wunderbaren Frau.“

„Ich danke dir!“

Nach einer kurzen Pause hörte ich sie wieder: „Weißt du, dass meine Tochter es unziemlich findet, wenn eine wie ich sich öffentlich küssen lässt?“

„Wieso? Eine wie was?“

„Eine so kranke, alte, erschöpfte, hässlich gewordene, eine zum Tode verurteilte....“ Sie brach ab.

Er antwortete nicht gleich.

„Bestell deiner Tochter schöne Grüße und sage ihr, sie hätte keine Ahnung!“

„Keine Ahnung, wovon?“

„Von der Liebe und von dir.“

Ich hörte eine Zeit lang nichts mehr als ein leises Flüstern, das ich aber nicht verstehen konnte. Ich fing schon an, wieder über meine eigene dämliche Lage hier auf der Toilette nachzudenken, als ich sie mit verträumter Stimme sagen hörte:

„Wo wohl Erika bleibt? Ich verstehe gar nicht, dass sie so lange weg ist.

Ich hielt wieder die Luft an. Eine Weile war es still. Ich konnte mir ausmalen, dass sie sich küssten.

„Weißt du was, jetzt würde ich gerne mit dir im Wald spazieren gehen! Ich liebe den Herbst so! Kennst du das: Alles duftet nach Pilzen und Laub und um uns herum fangen die Bäume an zu leuchten.“

„Meine Liebste, es ist fast genau so schön, es sich nur vorzustellen. Spürst du es auch? Die Luft ist schon frisch. Du hast kalte Finger und steckst deine rechte Hand einfach in meine Hosentasche. Wir gehen dicht aneinandergedrängt, unsere Oberarme berühren sich.“

„Weißt du, was ich denke? Es ist schade, dass wir uns erst jetzt begegnet sind. Ich hätte dir so gerne eine bestimmte kleine Waldlichtung gezeigt.“

„Was glaubst du, was ich dir alles zeigen möchte!“

„Du sollst dich doch schonen, sagen die Ärzte, du weißt es doch, nach einem Herzinfarkt...“, lachte sie. Aber er sprach tot ernst weiter.

„Wofür sollte ich mich schonen, wo für, wenn nicht für das Leben? Für dich würde ich mich schonen, wenn das bedeuteten würde, dass wir länger zusammenbleiben könnten.“

„Soll ich dir sagen, was ich gedacht habe, als wir uns unten in der Röntgenabteilung zum ersten Mal begegnet sind?“

„Du erzählst es mir immer wieder. Aber sag es bitte noch einmal!“

„Ich dachte, wenn es solche netten Männer gibt, dann bedauere ich es doch, dass ich nicht früher nach so jemanden gesucht habe. Aber jetzt habe ich dich ja trotzdem bekommen. Und was hast du von mir gedacht?“

Es blieb still. Der Mann schien zu überlegen.

„Ich habe gedacht: Das Leben ist gemein. Diese da war sicher mal sehr schön. Man sieht es noch an ihren Augen.“

Sie lachte.

„Man sieht es auch immer noch an deinen Händen, an deinem Lächeln...“

„Aber sonst ist es nicht mehr viel,“ sagte sie traurig. Er schwieg.

„Ich kann dich sehen wie du einmal warst. Ich kann dich sehen, wie du wirklich bist, unter dieser Krankheitsmaske. Ich spüre dich. Du bist wunderschön Erika!“

Sie schluchzte auf.

Plötzlich hörte ich ihn sagen:

„Ich möchte dich im Arm halten können, Erika, so wie ein liebender Mann seine Frau in den Arm nimmt. Ich möchte deine müde Haut streicheln können bis sie vor Freude erglüht.“

„Wie schön das wäre!“, höre ich sie entzückt flüstern. Sie lachte. Es klang ein bisschen traurig.

„Erika wird jeden Moment hier hereinkommen und dann kommt bald auch die Schwester mit dem Abendbrot. Wenn du jetzt zu mir ins Bett kämst, würden sie uns beide auf die Straße setzen. Tot krankes Liebespaar mit Krankenhausverbot belegt. Das wäre doch ne tolle Schlagzeile.“

„Mach keine Witze, Erika!“

„Mach ich nicht. Mir geht es ja genauso. Ich hatte fast vergessen, wie das ist. Ich möchte dich fühlen! Ich möchte meine Hände auf deinen Körper legen, deine Brust atmen fühlen, dein Herz klopfen hören wie eine kleine, feste Pumpe, die für uns beide schlägt, möchte deine Wärme auf meiner Haut spüren. Noch kann mein Körper empfinden. Wenn er Schmerzen haben kann, wird er wohl auch noch Glück und Lust fühlen können.“ Ihre Stimme klang jetzt ein wenig ärgerlich. Er schwieg.

„Und wie sollen wir das nun anstellen?“, fragte sie schließlich nüchtern. „Ich fürchte, wir kriegen da ein Problem. Ich muss mir nur Stefanie anhören.“

„Es war ja ganz lustig, von allen hier wie ein pubertierendes Pärchen behandelt zu werden. Aber vielleicht sollten wir da einfach nicht mehr mitspielen. Wenn du nicht noch verheiratet wärst, würde ich dich einfach jetzt heiraten. Dann wären sie machtlos. Sie müssten uns für unsere Flitterwochen ein gemeinsames Zimmer geben.“

„Das wäre was“, seufzte sie. Aber ihre Stimme brach plötzlich ab und ich hörte erneut ihr Schluchzen.

„Was ist Liebste? Das war doch nur Galgenhumor. Habe ich dich verletzt?“

„Ich war gestern früh beim Chefarzt. Er hat gesagt, dass mir vielleicht nur noch zwei Wochen bleiben, höchstens zwei Monate.“

Es blieb lange still.

„Ich will, dass das die schönsten Wochen deines Lebens werden“, hörte ich ihn mit Bestimmtheit sagen.

„Das sind sie doch schon.“ Ihre Stimme zitterte.

„Ich werde mir was einfallen lassen. Ich spreche einfach mit deinem Arzt und mit meinem. Ich werde irgendwas tun. Du bist meine Frau, verstehst du? Das kann doch so nicht bleiben mit uns!“

Eine Weile hörte ich nichts mehr. Nur das Bett knarrte zaghaft.

„Nun weine nicht auch du, Liebster. Sei froh, das wir uns gefunden haben. Alles andere ist unwichtig.“

Plötzlich hörte man vom Flur her den Wagen mit dem Abendessen. Die Tür ging auf. Ich zuckte zusammen bei dem lauten, respektlosen Geräusch. Die Stimme von Schwester Rita knallte an mein Ohr:

„Abendbrot! Was ist das denn? Ich glaube, ich seh nicht richtig. Also Frau Keller, das hätte ich nun nicht von Ihnen erwartet. Bitte, Herr Julius, verlassen Sie sofort dieses Zimmer!“

Offenbar war Tom aufgesprungen. Aber er schien nicht gehen zu wollen. „Ich hoffe, Sie wissen, dass Frau Keller keine Aufregungen gebrauchen kann? Sie übrigens erst recht nicht! Ich habe mich erkundigt. Also genug geturtelt jetzt! Auf Wiedersehen, Herr Julius!“

Ich hörte, wie sie das Tablett auf Erikas Nachttisch abstellte. Die Tür schlug zu. Er war gegangen.

„Wo ist denn Frau Bringmüller?“

„Ich weiß es auch nicht. Die ist schon eine ganze Weile weg.“

„Ein ziemlich mobiles Zimmer hier, dass muss ich ja mal sagen“, tönte Schwester Rita. Jetzt stellte sie auch auf meinen Nachttisch das Tablett mit dem Teller und der Tasse mit Kräutertee.

„Es tut mir leid Frau Keller, aber ich muss diesen Vorfall melden.“

Ich konnte nicht verstehen, was Erika sagte. Ich stellte mir vor, wie traurig sie aussehen würde. Oder war sie wütend?

Als Schwester Rita gegangen war, blieb es totenstill im Zimmer. Erika rührte scheinbar ihr Abendbrot nicht an.

Ich habe dann noch ziemlich lange gewartet, mit schmerzendem Kreuz und schlimmem Wundschmerz, mein Zittern unterdrückend, unfähig, über das nachzudenken, was ich eben erlebt hatte. Ich war nur noch von dem Gedanken beherrscht, mich möglichst leise aus meinem unfreiwilligen Versteck zu befreien, aber unbedingt so, dass sie nicht mitbekommen würde, dass ich die ganze Zeit über dort auf der Toilette gesessen und alles mit angehört hatte. Ich hatte vorher, als es so laut im Zimmer geworden war, ganz vorsichtig die Klinke der Toilettentür aufgedrückt, nicht um hinaus zu gehen, sondern um noch besser zu hören.

Sicher war Erika sehr aufgewühlt jetzt. Aber sie dürfte auch erschöpft gewesen sein, so hoffte ich zumindest.

Irgendwann fing sie dann tatsächlich leise zu schnarchen an. Ich wartete noch fünf Minuten, dann musste ich es wagen. Sonst hätte es sein können, dass sie wieder aufgewacht wäre. Sie fiel oft tagsüber in Schlaf, aber meist nur für fünf, zehn Minuten.

Ich schaffte es dann auch, mich lautlos bis zur Zimmertür zu bewegen und sie fast geräuschlos zu öffnen. Im Flur war niemand. Ich drückte die Klinke herunter und kam herein, als wäre ich die ganze Zeit fortgewesen. Sie erwachte sofort.

Endlich konnte ich mich legen. Erika sagte noch „Dein Abendbrot steht schon lange da.“ Aber auch ich rührte an diesem Abend nichts mehr an.

 

  1. Oktober

Erika erzählte mir heute beim Frühstück, dass Schwester Rita gestern ins Zimmer gekommen sei, als Tom sie gerade in den Arm genommen und geküsst habe. „Die alte Ziege will einen Skandal daraus machen,“ beschwerte sie sich. „Weißt du, Tom und ich würden so gerne mal irgendwo ganz alleine sein, wo wir uns nicht vor solchen Leuten verstecken müssen.“

Später läutete das Telefon bei Erika.

„Tom, was ist denn los? Seit wann musst du anrufen“, sagte sie halb erschrocken, halb erfreut.

Dann schwieg sie und hörte zu. Ihr Gesicht veränderte sich. Sie sah sorgenvoll aus aber gefasst.

„Gut, mein Schatz, reg dich nicht auf. Ich werde versuchen, heute Mittag zu dir zu kommen. Ja, bestimmt kann ich das.“ Sie lauschte wieder. „Das erzählst du mir dann genau nachher. Bitte bleib ruhig. Ich bin doch ganz nah bei dir, bitte, reg dich nicht auf.“

Ich wagte es nicht, zu fragen, was passiert sei.

„Der Arzt hat ihm verboten aufzustehen. Seine Werte sind gestiegen.“

„Das tut mir leid.“ Mehr fiel mir nicht ein.

„Er sagt, der Arzt möchte nicht, dass wir uns weiterhin treffen. Sozusagen aus medizinischern Gründen.“

„Es tut dir doch so gut! Und ihm sicher auch!“, platzte ich heraus und hatte sofort Angst, dass ihr auffallen könnte, dass ich mehr weiß, als ich eigentlich wissen kann.

Aber sie merkte es nicht. Sie war voller Sorgen.

„Was meinst du, ob die mich wirklich zwischendurch mal nach Hause lassen? Ich käme ja wieder.“

„Ich habe keine Ahnung. Das werden sicher die Ärzte bestimmen“, hörte ich mich sagen und hätte mir für diese blöde Antwort am liebsten die Zunge abgebissen.

„Es ist doch schließlich mein Leben, um das es geht, mein Körper, mein Glück. Da können mir doch die Ärzte nicht hineinreden!“, sagte sie mit leiser, wütender Stimme mehr zu sich selber.

„Nein“, bestätigte ich. „Das ist doch alles alleine nur deine Entscheidung.“

Sie antwortete nicht, aber sie sah mich durch das Zimmer hindurch genau an, als wolle sie in meinem Gesicht lesen.

 Kurz darauf kam die Visite. Mir machten die Herren und Damen zur Abwechslung mal wieder Mut. An Erikas Bett zeigten sie durchweg besorgte Gesichter.

„Sie sollten sich wirklich mehr schonen, Frau Keller“, war das Einzige, das darauf hindeutete, dass inzwischen nicht nur die Schwestern, sondern auch die Ärzte Bescheid wussten bzw. glaubten, Bescheid zu wissen.

„Ich würde am nächsten Wochenende gerne mal nach Hause gehen. Ich hab noch so viel zu regeln“, sagte sie tapfer in die weiße Runde.

Der Oberarzt sah sie noch besorgter an. „Da muss ich erst mal mit dem Chef reden, mal sehen, was der meint. Aber ich muss ihnen gleich sagen, da sollten Sie sich nicht zu große Hoffnungen machen. Sie brauchen doch ständig Pflege und Überwachung.“

‚Er würde sie bestimmt am besten pflegen’, dachte ich. Aber keine von uns beiden sprach es aus.

Am Nachmittag quälte Erika sich aus dem Bett. Man sah ihr heute die Übelkeit und die Schmerzen deutlich an. Aber sie riss sich zusammen und ging hinunter. Sie kam schon nach 20 Minuten zurück. Ihr Freund war auf die Intensivstation verlegt worden. Dort hatte man ihr den Zutritt verwehrt. Keiner war bereit, ihr zu sagen, was los ist.

„Vielleicht ist er verlegt worden, weil sich ein neuer Infarkt andeutet?“, sorgte sie sich.

Erika lag den ganzen Nachmittag voller Unruhe in ihrem Bett. Natürlich sagte keiner ihr auch nur eine Silbe über Herrn Julius. Sie war so verzweifelt, wusste einfach nicht, was sie tun konnte. Ich konnte ihr Leid nicht mit ansehen.

Schließlich ging ich hinaus und vor ins Schwesternzimmer und bat um Informationen für Erika. Warum hatte man Herrn Julius auf die Intensivstation gebracht?

„Was mischen Sie sich denn da ein? Das darf ich Ihnen gar nicht sagen. Wenn ich es wüsste. Aber auch dann dürfte ich es Ihnen nicht sagen. Und Frau Keller auch nicht. Sind sie etwa verwandt mit Herrn Julius?“

Das klang richtig böse.

„Frau Keller und Herr Julius sind verlobt“, log ich.

Es war mir ein Genuss, den Gefühlssturm im Gesicht der Schwestern zu sehen. Der Hieb saß.

„Das wussten wir nicht.“

„Können Sie mir denn jetzt sagen, was mit Herrn Julius los ist?“

“Wir müssten erst mit seinem Arzt reden. Möglicherweise hat der nichts dagegen.“

„Wie heißt sein Arzt?“

„Dr. Golsong, der Oberarzt auf der Kardiologischen Abteilung“, sagte die Schwesternschülerin schnell.

Schwester Rita warf ihr einen vernichtenden Blick zu und sah mich danach scharf an.

„Was haben sie vor, Frau Bringmüller? Halten Sie sich doch bitte da raus! Denken Sie doch an ihre eigene Gesundheit!“

„Ich denke im Moment mehr an eine tot kranke Frau, die vielleicht, bevor sie an Leukämie sterben wird, an Kummer stirbt, weil sie sich solche Sorgen um ihren Verlobten macht.“

Betretenes Schweigen. Schließlich ließ sich Schwester Rita vernehmen:

„Wir sprechen mit seinem Arzt. Sicher kann der etwas für sie tun.“

Sich schickten mich raus.

Ich ging zurück zur weinenden Erika und versuchte, sie aufzuheitern. Es gelang erst, als sie angefangen hatte über ihn zu sprechen. Es war ja nicht nur der Infarkt. Der künstliche Darmausgang belastete ihn zusätzlich. Sie sprach darüber ohne jede Scham. Es gehörte zum Leben und es gehörte zu dem Mann, den sie liebte.

Am Abend kam ein uns fremder Arzt in unser Zimmer. Es war lange nach dem Abendbrot. Er kam ohne Begleitung, obwohl ich glaubte, gehört zu haben, dass auf dem Flur vor unserer Tür getuschelt wurde.

Er setzte sich an Erikas Bett, nickte zu mir herüber und gab Erika die Hand.

Ich bin Dr. Golsong, der Arzt von Herrn Julius. Folgendes Frau Keller:

Herr Julius war heute früh bei mir und bat mich darum, das nächste Wochenende zu Hause verbringen zu dürfen. Ich habe ihm da schon gleich gesagt, dass ich das aus medizinischer Sicht nicht für gut halte und es auch nicht verantworten könnte. Kurz um, ich habe Herrn Julius erst mal um Geduld gebeten und mein Einverständnis von seinen EKG Werten der nächsten Tage abhängig gemacht.

Inzwischen hat man mir erzählt, dass sie beide verlobt sind und gerne einmal alleine zusammen sein möchten, nicht hier im Krankenhaus.“

Ich hielt die Luft an. Erika schaut überrascht auf. Aber sie erhob keinen Einspruch.

„Ich möchte nun Ihrem Glück nicht im Wege stehen, Frau Keller. Zumal ich mich über Ihr Krankheitsbild erkundigt habe. Aber es wäre für meinen Patienten wahrscheinlich eine sehr große Herausforderung, sagen wir eine sehr starke emotionale Belastung. Er war sehr erregt heute früh, als ich sein Zimmer verließ. Leider wurde ich wenige Stunden später zu ihm gerufen, weil es ihm deutlich schlechter ging. Es tut mir aufrichtig leid, Frau Keller, aber wir mussten ihn auf die Intensivstation verlegen, weil alles dafür sprach, dass sich ein zweiter Infarkt anbahnte. Wahrscheinlich war die Aufregung zu viel für ihn. Wir tun alles für ihn, was wir können, da können Sie sicher sein, Frau Keller. Aber dass er jetzt am Wochenende heimgehen könnte, das ist ausgeschlossen. Er kann auch zurzeit weder sein Bett verlassen noch Besuch empfangen. Es tut mir wirklich aufrichtig Leid, Frau Keller.“

Der Redefluss des jungen Arztes stockte. Jetzt hörte ich Erikas unterdrücktes Schluchzen. Der Arzt räusperte sich betroffen.

„Wenn es ihm besser geht, Frau Keller, werden wir jemanden hochschicken, der sie holt. Ich verspreche es ihnen. Bitte habe Sie etwas Geduld.“

Er hatte sich erhoben.

Ich schloss die Augen, erleichtert, weil zumindest einer hier der Not dieser beiden Menschen und ihrer Liebe gegenüber offen war und seine Unterstützung anbot.

Als Dr. Golsong gegangen war, fragte mich Erika und sah mich dabei mit großen Augen an:

„Woher weiß er das über uns? Woher weiß er das alles?“

„Ich habe im Schwesternzimmer vorhin mal meine Meinung gesagt. Es musste sein. Diese verlogenen Moralapostel sollen dein Glück nicht zerstören können, finde ich!“

„Danke“, sagte Erika und fragte nicht weiter.

  

  1. Oktober

Wir warteten gemeinsam. Am gestrigen Tag kam keinerlei Nachricht mehr und das war für Erika ganz und gar unerträglich.

Irgendwann schliefen wir trotzdem beide ein.

Erst heute Nachmittag kam ein fremder Pfleger mit einem Rollstuhl und holte Erika ab. Sie war so aufgeregt, dass sie vergaß, sich von mir zu verabschieden.

Sie wurde nach etwa einer Stunde zurückgebracht. Der Pfleger half ihr ins Bett. Dann waren wir wieder alleine.

 Ich wartete ungeduldig darauf, dass sie mir was erzählen würde, wenn sie wieder dazu in der Lage war. Ich wartete ziemlich lange, bestimmt eine viertel Stunde. Sie lag auf dem Rücken und schwieg.

„Was ist passiert?“, fragte ich schließlich. Ich hielt es nicht mehr aus.

„Er schläft jetzt,“, sagte sie, mehr nicht. Ich beugte mich zu ihr herüber, um ihr Gesicht sehen zu können. Sie lächelte ein wenig aber sie sah mitgenommen aus.

  

  1. Oktober

Ich war gerade eingeschlafen, als Besuch im Raum stand. Es war Steffi, begleitet von einem Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Erika schien zu schlafen.

„Pst“, gab ich Steffi ein Zeichen. Ihre Mutter schläft.“

Die beiden standen jetzt zögernd vor ihrem Bett. ‚Das kann doch gar nicht ihr Mann sein, der ist doch mit der Kleinen in Urlaub gefahren’, dachte ich.

„Mama, schau mal, wer hier ist!“, lockte Steffi mit merkwürdig zärtlicher Stimme.

„Meine Güte, Junge, wo kommst du denn her?“ Erika war aus dem Schlaf aufgefahren.

„Hallo Mama,“ sagte der Mann und griff nach Erikas Hand, drückte sie etwas unbeholfen.

„Nehmt euch doch Stühle, Kinder!“, sagte Erika jetzt gefasst.

Der verlorene Sohn also, und das ohne Ankündigung!

“Wie geht es dir Mama?“, fragte Steffi.

„Ganz gut“, die Antwort kam etwas zögerlich. „Es geht jetzt wieder.“

„Was war denn los?“, wollte der Sohn wissen. „Hast du große Schmerzen?“

„Ja, Schmerzen, das auch. ... Aber Tom hat einen Rückfall gehabt und musste auf die Intensivstation. Aber ich glaube, er kommt durch“, sagte sie jetzt, als sei es das Normalste von der Welt, ihren Kindern die neuesten Nachrichten über den Gesundheitszustand ihres Liebsten zu geben.

„Was?“, fragte der Sohn. Es klang verständnislos. Aber ich war sicher, dass Steffi ihn bestens informiert hatte.

„Du solltest dir nicht immer so viele Sorgen machen, Mama. Zuviel Aufregung kann dir schaden“, ereiferte sich Steffi und ignorierte den Anlass der Aufregung.

„Du verstehst das nicht, Steffi.“ Erikas Stimme zitterte leicht. „Aber es wäre furchtbar für mich, wenn er eher sterben würde als ich und das alles, bevor wir richtig zusammen sein konnten.“ Sie brach ab.

„Mama!“ In der Stimme der Tochter schwang unterdrückte Entrüstung mit. Erika schwieg.

„Wie geht es dir, mein Sohn“, fragte sie nach einer kleinen Pause.

„Ach Mama, es geht so. Aber darauf kommt es doch jetzt nicht an. Du musst wieder gesundwerden!“, rief der Sohn aus.

„Ich weiß doch, dass ich bald sterben werde, mein Junge. Erzähl mir lieber von Euch! Was machen deine Kinder?“ Erikas Stimme kam mir sehr weich vor, so als spräche sie mit einem kleinen Kind.

Ehe er pflichtschuldigst antworten konnte, ging die Tür auf. Der Pfleger kam herein, der Erika vorhin geholt und dann wiedergebracht hatte.

Er zögerte, als er die Besucher sah und überlegte offenbar, wie er sich verhalten sollte, entschied sich dann aber doch, zu bleiben.

„Frau Keller, ich wollte Ihnen nur kurz Bescheid geben. Ihr Verlobter ist scheinbar über den Berg. Es geht ihm besser. Dr. Golsong hat gesagt, dass er noch ein paar Tage festliegen muss. Wenn sich sein Zustand stabilisiert, darf er in 14 Tagen am Wochenende für zwei Tage nach Hause. Das wollte ich Ihnen nur sagen. Bis morgen Frau Keller.“

Er verschwand, ehe ihn das „Danke“ von Erika erreichen konnte.

Es war im Zimmer ganz still geworden. Die Kinder saßen wie erstarrt am Bett ihrer Mutter. Keiner sagte etwas. Dann hörte man Erika schluchzen, erst leise und verhalten, dann hemmungslos. Das Schluchzen schien sie ganz und gar ergriffen zu haben.

„Mama, wir lassen dich besser jetzt alleine“, sagte Steffi tapfer. „Wir kommen morgen wieder. Henrik bleibt noch bis übermorgen“

Ich hatte meine Augen geschlossen. Erikas Tränen setzten mir zu, ihre Erleichterung wie ihre Erschütterung.

Ich hörte die beiden gehen. Die Tür schloss sich. Erika schluchzte noch lange und ich lag da und weinte mit, ob ich wollte oder nicht.

Mir kam es so vor, als weinte sie alle die Tränen, die sie in den Jahren ihres langen Lebens hätte weinen sollen: Tränen der Trauer, der Erleichterung, der Freude – alles zugleich.

 

 

  1. Oktober

Bei mir haben die Ärzte nun doch wieder Probleme festgestellt. Die Gewebeprobe von neulich hat ihnen nicht gefallen. Alles geht jetzt möglicher Weise noch einmal von vorne los: ewige Untersuchungen, Chemotherapie, Verzweiflung, Schmerzen – und dennoch immer wieder Hoffnung, verzweifelte, trotzige Hoffnung.

Maria war da.

Es ging mir gerade dreckig, als sie kam. Ich war wohl nicht so besonders unterhaltsam. Sie hat mir meine Lieblingscomics mitgebracht, die ich mir immer in der Mittagspause angesehen habe. Lieb von ihr. Dass mir das Zeug jetzt auf die Nerven geht, wo ich wieder in der Hölle stecke, kann sie ja nicht ahnen.

Im Büro ist alles wie immer. Nein, nicht ganz. Sie fangen an, die Pausen zu kontrollieren, meinen, die Angestellten würden auf Kosten des Betriebes im Internet surfen. Das Klima ist wohl schlecht geworden, noch schlechter. Und Maria hat Angst, dass man ihr kündigt, weil sie so oft krank ist. Meine Güte, da möchte ich wirklich nicht wieder hin!

Trotzdem schön, dass sie da war. Obwohl wir uns wenig zu sagen hatten. Mit meiner Wut auf die ganze gesunde Welt hat sie nicht viel anfangen können, fürchte ich. Schließlich hat sie selber Angst, dass ihr Krebs wiederkommt.

 

  1. November

Erika geht es seit Tagen richtig gut. Seit Tom wieder aufstehen darf, treffen sie sich zwei, dreimal am Tag irgendwo im Haus. Vorher bekam sie regelmäßig Nachrichten über Herrn Julius. Der nette Pfleger kam jeden Tag vorbei.

Überhaupt ist die Stimmung, was Erikas Eskapaden betrifft, hier auf der Station umgekippt. Seit Dr. Golsong mitspielt, sind alle freundlich zu Erika, selbst Schwester Rita.

Am übernächsten Wochenende darf Erika nach Hause. Er auch. Das heißt sie können ihre Liebe feiern, alleine, ohne Krankenhausgeruch und neugierige Schwestern – und auch ohne mich.

Erika freut sich wie eine junge Braut: „Weißt du, wir haben ein wunderbares Spiel entwickelt“, hat sie mir gestern verraten. „Einer von uns stellt sich etwas Schönes vor, einen Spaziergang, einen Urlaubsort, den Strand, ein Cafe in Wien oder was auch immer und lädt den anderen ein, dorthin mitzukommen. Und dann erzählen wir uns alles, was wir sehen und hören und was wir denken und fühlen dabei. Weil wir ja nichts wirklich mehr erleben können. Aber es ist fast genau so schön.“

 

  1. November

Heute musste Erika die Nachtschwester rufen. Ihre Schmerzen waren plötzlich wieder unerträglich. Sie haben ihr Opium gegeben. Irgendwann muss sie doch eingeschlafen sein.

Ich lag lange wach. Wie soll man das eigentlich ertragen: den Tod vor der eigenen Nase und neben dir liegt jemand und geht vor Schmerzen fast zu Grunde. Ich wünschte wirklich, ich wäre alleine im Zimmer, dann könnte ich den ganzen Tag ins Bett beißen und fluchen und heulen.

Seit Erika ihren Tom hat, fühle ich mich sowieso wieder richtig alleine. Aber ich bin trotzdem sehr froh, dass sie sich durchgesetzt haben und ihre Liebe noch erleben können. Wenn Erika nur noch durchhält.

Und dann vielleicht ich?

 

  1. November

 Die Dinge überschlagen sich.
Gleich nach dem Frühstück wurde sie nach unten gebracht zu einer Untersuchung. Tom kam kurz danach ins Zimmer. Ich duze ihn inzwischen auch. Ich bin irgendwie in die Rolle der Vermittlerin hineingeraten. Ausgerechnet ich. Es war eben kein Besserer greifbar.

Er war sehr beunruhigt. Ich sollte ihn sofort anrufen, wenn Erika zurück sein würde. Jetzt werden die beiden ihr gemeinsames Wochenende zu Hause wohl noch mal verschieben müssen. Wenn es überhaupt noch etwas wird. Wie sehr sie sich wünschen, Weihnachten gemeinsam verbringen zu können!

Dann wurde ich verlegt.
Inzwischen habe ich bei Tom angerufen, aber er war schon im Bilde.
Ich musste ja schon aus meinem neuen Zimmer anrufen und habe die Nummer nicht gleich gefunden. So hastig ist meine „Umzug“ vonstatten gegangen. Alles liegt hier durcheinander auf meinem Nachttisch. Ich habe keine Lust, die Sachen aufzuräumen. Ich bin noch immer zu erschrocken und zu schockiert.

Ich habe nach Toms Besuch erst noch lange auf Erika gewartet.
Schließlich ging die Tür auf, aber nicht Erika kam, sondern unser Zivi.

„Sie ziehen um, Frau Keller.“ Er sagte das so, als hätte ich im Lotto gewonnen. Ich traute meinen Ohren nicht.

„Das Bett wird gebraucht“, klärte er mich auf. Sie werden nicht glauben, für wen.“

Ich sah ihn verständnislos an.
Eigentlich ist es ja traurig aber vielleicht ist es auch gut so“, meinte er sybilisch, während er angefangen hatte, meinen Anziehsachen aus dem Schrank in eine große Plastiktüte umzuräumen.

„Was ist denn los?“, fragte ich endlich.

„Wenn Sie wissen wollen, was ich denke: Es wird wohl nichts mehr mit dem Wochenende. Jedenfalls hat man beschlossen, dass Herr Julius nun zu ihr gelegt wird, damit die beiden wenigstens so noch zusammen sein können.“

Ich konnte es nicht fassen. „Das hätte ich der Krankenhausverwaltung gar nicht zugetraut“, sagte ich und im gleichen Moment wurde mir klar, was das Ganze eigentlich zu bedeuten hatte.

Es fiel mir schwer, aufzustehen und meinen Bademantel überzuziehen. Irgendwo spürte ich einen ganz neuen Schmerz, fühlte mich rausgeworfen, weggeschickt. Gleichzeitig schalt ich mich für meine blöden Gedanken. Erika würde sterben, bald schon. Und ich sollte froh sein, dass die Leute hier so viel Feingefühl und Toleranz aufbrachten, dass sie bereit waren, Erikas letzte Tage dadurch zu erleichtern, dass sie Tom zu ihr einquartierten.

Mein neues Zimmer liegt am anderen Ende des Stationsflures. Hier kann ich aus dem Fenster auf eine Gruppe schon kahler Birken sehen, deren zarte Zweige vom Wind hin und her geschüttelt werden.

Im anderen Bett liegt eine Frau meines Alters, die gestern beide Brüste abgenommen bekommen hat.

Wie toll! Jetzt können wir fachsimpeln und rätseln, was das Leben für eine Frau ohne Brüste noch wert ist.

 

  1. November

Heute habe ich die Oberschwester gefragt, ob ich Erika mal besuchen kann. Sie hat mich bei den beiden für 16.00 Uhr angemeldet.
Heute früh war die Tochter bei ihr. Sie war zusammen mit ihrem Vater erschienen. So schlimm also steht es nun.

Steffi kam bei mir vorbei, nachdem sie bei Erika gewesen war. Sie wollte mir danken und sich für neulich entschuldigen. Sie hätte sich ja wohl wie eine dumme Gans aufgeführt, meinte sie. „Aber jetzt, wo Mama stirbt, ist es doch egal, ich meine, Hauptsache, sie ist noch ein bisschen glücklich.“

„Ihre Mutter wird froh sein, dass sie das jetzt anders sehen“, meinte ich.

„Ich habe meinen Bruder angerufen und ihm gesagt, dass die Ärzte meinen, es ginge mit Mama jetzt zu Ende. Sie dürfen es ihr nicht verraten: Aber mein Bruder hat sich geweigert, noch einmal her zu fahren. Er sagt, er kann es nicht ertragen, sie so zu sehen. Er sitzt zu Hause und heult. Da ist dann wenigstens Papa mitgekommen. Aber als er hörte, dass dieser neue Mann in ihr Zimmer gelegt worden ist, hat er sich sofort auf dem Absatz umgedreht und ist wieder gegangen. Arme Mama!“

„Ich glaube, das Wichtigste für Erika ist jetzt, dass Tom bei ihr ist. Was hat Erika zu Ihnen gesagt?“, erkundigte ich mich.

„Nicht viel. Sie ist ziemlich weggetreten wegen der Scherzmittel und schwach, weil sie nichts mehr drin behält. Sie spricht nur noch sehr leise. Ich bin nicht mal sicher, ob sie mich erkannt hat.“

Steffi weinte.

Ich dachte, du hast keinen Tom, der deine Hände hält, wenn es ernst wird, und auch keine Tochter, die um dich weint. Nicht mal einen Sohn, der zu feige ist, mich so zu sehen.

„Wie geht es Ihnen eigentlich?“, fragte Steffi unversehens.

„Schlecht!“, sagte ich.

„Das tut mir leid“, kam es erschrocken.

Wir schwiegen beide einige Zeit.
Dann verabschiedete sie sich.

 

  1. November

Als ich gestern Nachmittag an ihre, unsere alte Tür klopfte, hörte ich undeutlich eine Männerstimme „Herein“ rufen.

Erika lag auf dem Rücken in ihrem Bett, die Augen geschlossen. Sie sah elend aus, ihr Gesicht hatte eine kranke Röte. Sie war an einen Tropf angeschlossen, der irritierend schnell tropfte. Tom saß an ihrem Bett und streichelte sanft ihren dünnen Unterarm. Er sah besorgt aus aber ruhig.

„Wie geht es ihr?“

„Sie hat hohes Fieber bekommen und phantasiert ein wenig. Aber sie bekommt doch alles mit.“

„Erika, Frau Bringmüller, Ilse ist da, hörst du?“

Jetzt drehte Erika langsam den Kopf in meine Richtung und sie öffnete langsam die Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über das schmerzverzerrte, fiebrige Gesicht.

„Ilse“, sagte sie mit tonloser Stimme. „Schön, dass du gekommen bist. Was hätte ich ohne dich anfangen sollen in all den Wochen?“

Ich war gerührt.

„Sie haben dich einfach fortgeschickt, nicht?“, flüsterte sie dann und sah mir in die Augen.

Ich fing an zu weinen, warum wusste ich selber nicht.

„Ist die Frau erträglich, die in deinem Zimmer liegt?“, flüsterte sie weiter.

„Ach, es geht“, sagte ich ausweichend.

„Bestimmt werdet ihr euch nicht so gut verstehen wie wir zwei,“ flüsterte sie weiter und versuchte zu lachen.

Das tat ihr offenbar sehr weh. Sein Streicheln wurde sofort intensiver, fast beschwörend. Tom warf mir einen heimlichen, hilflosen Blick zu.

„Ja, es war schön mit dir“, sagte ich langsam und merkte, wie mir schon wieder die Tränen kamen. „Wir waren ein ganz gutes Paar aber das bessere Paar seid ihr beide.“

Erika griff nach meiner Hand und versuchte, sie zu drücken. Wir hatten uns noch nie vorher berührt.

„Gib mir was zu trinken, Tom“, flüsterte sie plötzlich. Er hob ihren Oberkörper leicht an, stütze ihren Kopf und flößte ihr etwas aus der Teetasse ein, die am Bett stand. Sie berührte liebevoll seine Wange und sank erschöpft zurück auf ihr Bett.
Mich schien sie jetzt völlig vergessen zu haben.

„Kommst du mit“, flüsterte sie und sah Tom an.

„Wohin?“, fragte er sofort.

„Ich fahre mit einem Schiff.“

„Oh ja, wir fahren mit einer Fähre, ich glaube nach Norderney“, nahm er das Spiel sofort auf. „Siehst du, jetzt kann man das Festland schon erkennen, ganz schwach. Es kommt immer näher.“

„Nimm mich in deine Arme, es ist kühl hier an Deck!“, hörte ich sie sagen.

Ich hatte das Gefühl, dass es besser wäre, die beiden jetzt alleine zu lassen.

Ich stand leise auf. Tom nickte mir zu und ich verlies das Zimmer. Der Flur schien mir sehr lang.

Ich ging in mein neues Zimmer und legte mich aufs Bett. Draußen war es längst dunkel, obwohl es noch nicht einmal Abendbrot gegeben hatte.

 

  1. November

Meine Bettnachbarin telefonierte vorhin mit ihrem Mann. Irgendwann fing sie an zu weinen und legte auf.

 

  1. November

Ich habe Erika seitdem nicht mehr gesehen.

Tom kam noch einige Male zu mir ins Zimmer oder ich traf ihn im Flur. Gestern erzählte er, dass Erika jetzt unglaublich große Schmerzen habe, aber dass sie glücklich sei, weil sie beide zusammen sein dürften.

„Es ist verdammt schwer für dich“, sagte ich.

„Ich wollte, dass es die schönsten Tage ihres Lebens werden“, lächelte er traurig. „Ich weiß nicht, aber das sind sie bestimmt nicht geworden, nicht, weil sie so leidet. Und oft ist sie ganz weg und verwirrt. Aber für mich sind es die schönsten, weißt du? Ich hatte nicht erwartet, noch einmal so glücklich sein zu können.“

„Und Erika, ...“, ich wagte nicht fragen.

„Die Ärzte sagen, sie schaffe es noch ein, zwei Tage.“

„Ich bewundere Sie“, sagte ich plötzlich.

„Danke“, winkte er ab. „Es ist schade, das Schicksal hätte uns wirklich noch ein paar Monate gönnen können. Aber es ist auch so in Ordnung. Traurig sein kann ich später. Jetzt ist sie noch da.“

 

  1. November

In der letzten Nacht war Unruhe auf unserem Flur. Viele Leute gingen eilig hin und her. Es war noch stockfinster, vier Uhr vielleicht.

Solche Geräusche in der Nacht habe ich hier schon oft erlebt. Die nächsten Verwandten werden benachrichtigt und kommen, aus dem Schlaf gerissen, herbeigeeilt. Alles läuft gedämpft ab, ohne Schmerzensschrei, ohne Verzweiflungsausbrüche. Es ist hier der Gang der Dinge, sagen die Schwestern.

Tom ist wieder auf die A 2 verlegt worden. Ich habe ihn kurz besucht. Der Todeskampf und der Tod von Erika haben ihn ziemlich geschwächt. Er liegt still im Bett und wirkt erschöpft. Er spricht nur sehr leise. Wenn er an sie denkt, fängt er an zu weinen.

Aber er möchte wieder gesund werden, sagt er. Dann will er all das nachholen, was sie beide nicht mehr zusammen haben erleben können, was sie nur im Spiel gemeinsam hatten.

Bei mir hat die Chemietherapie endlich angeschlagen. Meine Werte sind jetzt gut. Sie wollen mich in zwei Wochen nach Hause schicken, in ambulante Behandlung.
Ich fange ganz zaghaft an, Pläne zu machen, kleine Pläne. Zum Beispiel möchte ich mir einen gemütlichen Platz am Fenster einräumen, wo ich auf die Bäume im Hof hinaussehen kann.
Heute früh habe ich Maria im Büro angerufen und sie für Sonntag ins Krankenhaus eingeladen. Vielleicht hat sie sogar Lust, mit mir zur Kur zu fahren.

  

Ende

2008

überarbeitet 2018

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Mechthild Seithe