Poesie und Texte
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Die kalten Hände

Nun wurde es also doch noch rechtzeitig Winter! Ein eisiger Wind fegte durch die Straßen. Peter fühlte ihn wie Bisse im Gesicht. Er zog sich den Schal enger um die Schultern. Er hätte sich wärmer anziehen sollen! Gut, dass er gleich da war!


Weiße Weihnachten würden es dieses Mal wohl trotzdem nicht werden, dachte er. Schade für die Kinder! Der Schlitten fiel ihm ein, den er letztes Jahr seinem Jüngsten geschenkt hatte. Wie hatte Chris sich gefreut! Damals war Weihnachten noch so wie immer gewesen. Alles war noch in Ordnung. Zumindest schien es so.

Peter bog in die Hauptstraße ein. Wie oft war er wohl in den letzten zehn, zwölf Jahren diesen Weg gegangen? Sie hatten hier zusammen gewohnt seit sein Jüngster geboren war. An der ersten Kreuzung neben dem kleinen Bäckerladen konnte man bereits das Haus sehen. Im ersten Stock brannte schon Licht. Ja, sie waren da. Er wurde erwartet. Schließlich hatte er sich angemeldet. Schließlich war heute Weihnachten.

Peter hatte seine Jungen seit seinem Auszug immer nur kurz gesehen. Und meistens waren diese Begegnungen begleitet worden von den heftigen, unerfreulichen Auseinandersetzungen mit seiner Ex, die er so hasste. Die Kinder hatten ihm leidgetan. Aber heute kam er zu Besuch. Heute kam er, um seine Kinder zu besuchen. Mit Irene gab es nichts mehr zu klären. Das war vorbei. Er freute sich auf seine Jungen. Er war gespannt, wie sie sich entwickelt hatten. Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit im Leben eines Kindes. Die Geschenke trug er in einer Tasche bei sich. Es hatte ihn einige Mühe gekostet, dieses Mal das Richtige zu finden. Er war sich unsicher gewesen, was die Kinder zurzeit gerne spielten oder was sie interessierte. Aber jetzt hatte er doch ein gutes Gefühl. Sie würden Augen machen!

 

Allmählich leerte sich die Straße. Es begegneten ihm nur noch wenige Fußgänger, die meisten trugen Pakete oder Päckchen und hatten es eilig. Sie verschwanden hastig in Hauseingängen und Seitenstraßen.

Nun stand Peter vor dem Haus, das bis vor einem halben Jahr auch sein zu Hause gewesen war. Im ersten Stock brannten noch immer alle Lichter. Er zögerte, bevor er auf den Klingelknopf drückte. Für einen Moment hatte seine Hand in der Manteltasche nach dem Haustürschlüssel gesucht. Den gab es nicht mehr. Er hatte jetzt einen anderen Schlüssel, ein anderes zu Hause, eine andere Familie.

Irene fiel ihm ein. Er spürte einen plötzlichen Druck im Magen, als ihm klar wurde, dass er ihr gleich gegenüberstehen würde. Er fürchte ihre Vorwürfe, die lauten ebenso wie die stumm vorgetragenen. Aber vielleicht hatte sie sich nach all den Monaten nun doch mit seiner Entscheidung abgefunden? Vielleicht hörte sie doch allmählich damit auf, seine Söhne gegen ihren Vater aufzuhetzen? Immerhin war Weihnachten. Das würde sie ihren Kindern nicht vergiften wollen?

 

Der Türöffner summte prompt, so als hätte oben jemand auf sein Klingen gewartet. Im Hausflur war es schon dämmrig. Aus irgendeinem Grund scheute Peter sich, das Flurlicht anzuschalten. Er stieg ohne Zögern die ihm vertraute Treppe hoch. Im ersten Stock stand die Tür weit auf. Das helle, leere Viereck gähnte ihn an. Niemand empfing ihn.

Er trat in den Flur und hing seinen Mantel an die Garderobe, so wie er es immer getan hatte. Die Türen zur Küche und zum Wohnzimmer waren nur angelehnt. Durch die Türspalte drang Licht. Zu hören war nichts. Peter stand er da und sah sich um. Sein Blick verfing sich an einem gerahmten Foto, das über dem Schränkchen hing. Es zeigte eine Landschaft, die er noch nie gesehen hatte.

Es roch ein wenig nach Tannengrün und Plätzchen. Und es roch wie es immer gerochen hatte in seiner Wohnung. Wonach eigentlich? Es war immer noch still.

Er ging zurück zur Wohnungstür und schloss sie noch einmal geräuschvoll. Jetzt kam sie aus der Küche. Sie sah ihn nur flüchtig an, so wie man den Paketboten ansieht oder das Kindermädchen, auf das man schon gewartet hatte. Sie trug eine Schürze über dem Kleid. Offenbar war sie gerade in der Küche beschäftigt gewesen.
„Die Jungen‘s sind im Wohnzimmer“, sagte sie beiläufig. „Ich bringe euch ein paar Plätzchen. Willst du einen Kaffee?“
Sie schien nicht die Absicht zu haben, seinem Besuch beizuwohnen. Peter sagte: „Ja“ und er merkte, dass seine Stimme belegt klang.

Im Wohnzimmer saßen die Drei am Tisch. Als er hereinkam, sahen sie auf und begrüßen ihn ohne zu Lächeln. Sie blieben sitzen und auch bei Peter blieb der Impuls, auf sie zu zugehen und sie in den Arm zu nehmen auf halbem Weg zwischen Herz und Armen stecken. Stefan, sein Ältester gab ihm die Hand. Wie einem Fremden, dachte Peter.

Er setzte sich zu ihnen. Es war sein alter Platz. Dennoch war alles anders. Peter versuchte zu scherzen. Matthias grinste verlegen. Die beiden anderen sahen ihn an ohne das Gesicht zu verziehen. Peter fragte die Kinder nach der Schule, nach dem Judoverein, nach den erhofften Weihnachtsgeschenken. Die Antworten kamen kurz und ohne Elan.
Er sah seine Kinder an: Waren das wirklich seine Jungen, denen er die Windeln gewechselt, mit denen er Mensch ärgere dich nicht gespielt, denen er das Fahrrad fahren beigebracht hatte?
Stefan war gewachsen und sah für seine 14 Jahre schon ziemlich gereift aus. Eigentlich eher steif als gereift, dachte Peter. Matthias dagegen wirkte scheu und unsicher. Er grinste noch immer verlegen, wenn er antwortete. Und Chris, der jüngste, vermied es jetzt ganz, ihn anzusehen. Er blickte zur Tür, die die Mutter halb offengelassen hatte und zappelte unruhig mit den Beinen und Armen. War es wirklich möglich, dass sie einander Fremde geworden waren, oder war es noch schlimmer?

Peter kämpfte noch immer tapfer gegen die lähmende Stimmung am Wohnzimmertisch an. „Ich habe für euch Geschenke mitgebracht“, sagte er schließlich. Als er ihre Gesichter sah, fügte er noch hinzu: „Ich bin gespannt, ob sie euch gefallen.“ Seine Worte klangen lahm, wie zusammengebrochen. Die Jungen nahmen ihre Geschenke freundlich, ja fast höflich entgegen und bedankten sich artig.

Jetzt kam Irene herein, warf einen prüfenden, ein klein wenig abschätzenden Blick auf seine Geschenke, die wie Fremdkörper auf dem Tisch herumlagen und stellte ohne ein Wort zu sprechen vor Peter eine Tasse Kaffee hin. „Danke!“, hörte er sich im gleichen Tonfall sagen, wie die Kinder ihm eben gedankt hatten.
Sie ging zurück in die Küche. Die Schürze hatte sie nicht abgelegt. Peter trank seinen Kaffee. Die Kinder sahen ihm sprachlos zu. In die Stille hinein hörte man die Mutter in der Küche hantieren.

Die Kinder hatten kein Geschenk für ihren Vater. Sie saßen da und schienen zu warteten. Niemand fragte ihn, wie es ihm ginge. Niemand fragte, ob er sie vermißte. Tat er das? Und vermissten sie ihn nicht? Es hatte keinen Sinn, länger zu bleiben. Er stand endlich auf, um zu gehen. Sofort war ihm wohler.
„Tschüß dann“, sagte er in die Runde, „bis bald mal.“ Jetzt gaben sie ihm alle drei die Hand. Der Älteste erhob sich dabei und setzte sich gleich darauf wieder hin. Matthias feixte da. Chris sah wieder zur Seite. Seine kleine Hand war kalt und kaum hatte er ihn berührt, entzog er sie seinem Vater wieder.

 

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, heute hier aufzutauchen? Peter drehte sich entschlossen um und ging hinaus. Seine Enttäuschung sollten sie nicht sehen. Im Flur überlegte er einen Moment, ob er an die Küchentür klopfen und sich von Irene verabschieden sollte. Dann nahm er doch wortlos seinen Mantel und öffnete die Wohnungstür.

Er schaltete auch dieses Mal das Flurlicht nicht ein.
Während er die Steinstufen wieder hinabstieg, spürte er plötzlich ein Gefühl der Leere in sich hochkommen. Mit jedem Schritt entfernte er sich jetzt von etwas, was noch vor kurzem sein Leben gewesen war. Es kam ihm für einen Augenblick so vor, als die Trennung erst heute Wirklichkeit geworden. Er musste tief durchatmen. Er blieb stehen und spürte dem Schreck nach. Dann ging er weiter. Es war gut so, dass er gehen konnte und nicht gezwungen war, in diesem Vakuum auszuharren. Er würde jetzt dieses Haus verlassen und um die nächste Ecke gehen, in die nächste Straße einbiegen und dieses alles hinter sich lassen. Denn sein Leben lag vor ihm. Er hatte es genau so gewollt.

 

Peter war schon einige Stufen hinuntergegangen, als er oben die Wohnungstür aufgehen und gleich darauf die hastigen Schritte kleiner Füße hörte. Chris holte ihn ein. In den Händen trug er einen Gegenstand. Er hielt ihn Peter hin und sah ihn dabei erwartungsvoll an. „Das hab‘ ich für dich gebastelt“, sagte er leise. Es war inzwischen richtig dunkel im Treppenhaus. Das Gesicht von Chris war kaum zu erkennen. Aber Peter meinte, Tränen in den Augen seines Kindes blitzen zu sehen. Er nahm das kleine Geschenk in seine Hände. Ihm war, als würde es sich in seine Handflächen einbrennen. Er fühlte einen ziehenden Schmerz, der vom Herzen durch die Arme floss. Tränen schossen in seine Augen.
Ehe Peter seinen kleinen Sohn in den Arm nehmen konnte, war der schon wieder die Treppe hinaufgelaufen und blitzschnell in der Wohnung verschwunden. Das Klacken des Türschlosses hallte kurz durch den dunklen Flur. Danach war es ganz still.
Peter blieb ein paar Sekunden regungslos stehen und wartete, bis der pressende Druck von seiner Brust wich und er wieder atmen konnte. Das Schlucken schmerzte ihn.

Draußen war inzwischen Nacht. Hier und da leuchtete ein weihnachtlich geschmücktes Schaufenster vor sich hin. Der kalte Wind hatte sich gelegt. Als Peter um die Ecke bog, warf er einen Blick zurück zu den hellen Fenstern. Ihm war, als stünde jemand hinter der Gardine und sehe ihm nach.
‚Er hat geweint‘, dachte er. ‚Er weint und ich bin nicht bei ihm. Heute nicht und morgen erst recht nicht. Nie mehr.‘ Er spürte, wie sich erneut seine Kehle zuschnürte. Langsam ging er weiter, seinem neuen Leben entgegen.

 

 

 

 

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© Mechthild Seithe