Poesie und Texte
Poesie und Texte

Spießrutenlaufen

Er war nun schon zwei Minuten zu spät. Der Schulflur lag menschenleer da. Es war völlig still. Alles Leben hatte sich in die Klassenräume zurückgezogen, die rechts und links vom Flur abgingen.

Jürgen blickte über den langen Flur zurück bis zur Stirnwand, wo die große Uhr tickte. Der Fußboden war mit hellgrauen Steinfliesen ausgelegt, die Wände wirkten kahl. Er war schon drei Minuten über der Zeit. Er musste jetzt endlich diese Tür öffnen: Geographie in der 8a. Er hätte etwas darum gegeben, es nicht tun zu müssen. Er lauschte: Er konnte die Stimmen von Jens Burghold und Silvio Traveta hören. Das waren die Schlimmsten, jedenfalls die Lautesten dieser Hauptschulklasse. Jürgen konnte die Szene vor sich sehen: Die Jungen tobten über Tisch und Bänke. Die Mädchen gluckten in einer Ecke des Klassenzimmers. Ab und zu kreischte eines von ihnen laut auf.

Jürgen schluckte. Das Schlimme war, dass sie ganz einfach so weitermachen würden, wenn er gleich hereingekommen sein würde. Es sollte Kollegen geben, bei deren Betreten des Klassenraumes die Schüler sofort zu ihren Plätzen gingen und bei denen nach kurzer Zeit Ruhe eintrat. Eine Vorstellung wie im Paradies, dachte Jürgen. Auf ihn wartete die Hölle.

Jürgen hatte viele Unterlagen dabei für diese Stunde. Er hatte den ganzen gestrigen Abend Vorlagen am PC geschrieben und sie heute früh noch auf Folien kopiert. Einmal wollte er Schüler unterrichten, die wirklich etwas lernen wollten. Nur einmal! Hier schien ihm seit Jahren alle Mühe umsonst.

Er drückte mit Widerwillen die Klinke herunter und betrat den Raum. Es war alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er ging zum Pult, legte seine Bücher und Unterlagen ab. Dann sah er genervt auf die wirbelnde Klasse. Sie nahmen noch immer keine Notiz von ihm.

Er musste etwas tun. Er wollte mit lauter, fester Stimme den Lärm übertönen, um sich endlich bemerkbar zu machen. Aber er spürte, dass seine Stimme belegt war. Er räusperte sich.

„Guten Morgen! Bitte, geht zu euren Plätzen. Wir haben jetzt Unterricht“, brachte er dann einigermaßen laut heraus. Niemand reagierte.

„Bitte, Leute, setzt euch, ich möchte anfangen!“

Regina aus der ersten Reihe, die dort alleine saß und ungerührt in ihrem Mathematikheft schrieb, sah flüchtig zu ihm hoch: „Dann fangen Sie doch an!“

Jürgen spürte, wie bei ihm der Schweiß ausbrach.

„Holt bitte eure Geographiehefte heraus. Wer möchte seine Antworten vorlesen?“

Es war, als spräche er mit den Wänden dieses Klassenzimmers.

Plötzlich kam Wut in ihm hoch.

„Jetzt reicht’s! Hinsetzen! Holt die Hefte raus. Jens, du liest die Hausaufgaben vor!“ Er hatte angefangen zu brüllen.

Immerhin, die Schüler bewegten sich nun im Zeitlupentempo an ihre Plätze. Der Lärm beim Öffnen der Taschen und beim Rücken der Stühle war provozierend laut.

Jürgen spürte einen leisen Stich hinter der rechten Schläfe. So fing es immer an!

„Jens, also!“, sagte er noch mit fester Stimme.

„Was is?“ Jens sah ihn frech an.

„Die Hausaufgaben. Ich sage es euch jetzt schon zum dritten Mal!“

„Welche Hausaufgaben?“

„Werd nicht frech, Jens! Mir reicht’s jetzt wirklich!“

„Ach die Hausaufgaben!“, grinste Jens höhnisch. „Die hab ich nicht. Gestern hatte ich keine Zeit.“ Er lehnte sich selbstzufrieden zurück und sah Jürgen herausfordernd an.

Was sollte er bloß auf solche Frechheiten antworten? Er versuchte zu denken. Er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Die Schläfen pochten. Die ganze Schädeldecke fühlte sich an, als wolle sie gleich auseinanderspringen. Am liebsten wäre er aus dem Klassenzimmer gerannt. Gleich würde ihm übel werden.

„Soll ich Jens an die Tafel schreiben wegen Strafarbeit?“, fragte Hartmut Baumeister mit Unschuldsmiene. Die Klasse jauchzte vor Vergnügen auf. „Nein, ich will ihn anschreiben, bitte, Herr Krampken!“ „Ich möchte das machen!“ Sie schrieen durcheinander.

Jürgen schüttelte den Kopf. Er musste sich setzen.

„Gibt es einen Freiwilligen, der seine Hausarbeiten vorlesen möchte“, fragte er dann mit leiser, müder Stimme. Keiner meldete sich. Die Klasse lauerte. Jürgen fragte sich, wie lange dies alles noch dauern würde.

Da stand Sascha Fröhlich auf. “Würde ich ja gerne machen, Herr Krampken, ehrlich. Ich habe die Hausaufgaben nur zu Hause liegen gelassen.“

Die Klasse tobte.

Jürgen schloss die Augen. Das Pochen in seinem Kopf war so schmerzhaft, dass er die Verletzung durch die Schüler schon fast nicht mehr wahrnahm. Sollten sie doch machen, was sie wollten!

Aber irgendetwas musste er tun. Die Stunde hatte ja gerade erst angefangen.

„Schlagen Sie das Arbeitsheft auf, Seite 75. Wir befassen uns heute mit den Strömungen der Weltmeere.“ Er sagte es mechanisch, ohne Hoffnung. Keiner reagierte. Jürgen saß einfach da und wartete.

Nach einiger Zeit holten dann doch ein paar Mädchen und auch zwei, drei Jungens ihre Arbeitshefte heraus. Sie blätterten ziellos darin herum. Dann amüsierten sie sich heftig über eine Abbildung, auf die sie gestoßen waren.

„Lest bitte ab dem ersten Absatz auf Seite 75 bis Seite 77 oben. Notiert dann auf einem Zettel, was ihr verstanden habt: Wie entstehen diese Strömungen, was haben sie für eine Bedeutung, welche Beispiele kennt ihr?“

Was da im Buch geschrieben stand, das hatte Jürgen der Klasse eigentlich erzählen wollen. Er hatte das so gut vorbereitet, hatte Materialien dabei, farbige Folien. Aber er hatte jetzt keine Kraft mehr dazu. Sie würden ihn machen lassen. Da war es besser, wenn sie lasen und er nichts weiter tun musste, als das Ganze einfach nur auszuhalten.

Als er hochsah, merkte er, dass einige sogar damit angefangen hatten, seinen Auftrag auszuführen. Der Rest der Schüler und Schülerinnen machte etwas Anderes. Einige waren wieder aufgestanden. Jetzt liefen sie in der Klasse herum. Silvio hatte Jens ein Radiergummi weggenommen und feuerte es durch die Klasse. Die getroffenen Schüler heulten auf.

„Am kommenden Freitag schreiben wir eine Leistungskontrolle. Dies Thema wird dabei sein“, sagte Jürgen irgendwann mit kaum gehobener Stimme. Er hasste sich dafür, dass er jetzt anfing, Druck auszuüben.  Aber es gab sonst nichts mehr, was er noch hätte tun können.

„Warum sagen Sie das nicht gleich?“, rief jetzt Jens empört, als hätte Jürgen ihn mit böser Absicht übers Ohr gehauen. Jürgen schwieg.

Die meisten fingen nun doch an, ihr Arbeitsheft herauszukramen und den Text zu lesen.

Jürgen schloss die Augen. Seine Schmerzen hatten etwas nachgelassen. Dennoch waren sie kaum zu ertragen. Wie von weit her, hörte er die Schüler sich unterhalten:

„Welche Seite?“

„Hat er doch schon tausendmal gesagt, 75!“

„Jetzt haltet endlich die Klappe, sonst kann ich nicht lesen!“

„So’n Scheißtext! Das versteh ich nicht!“

„Wo steh’n denn die richtigen Antworten? Irgendwo hinten im Buch müssen doch die richtigen Antworten stehen.“

„Mensch jetzt halt mal die Schnauze, das steht doch alles da.“

„Ach Scheiß drauf! Also ehrlich, das können Sie selbst machen. Ich hab keine Lust dazu, ehrlich!“

„Dann sei still und stör uns nicht dauernd!“

„Willst wohl wieder ne Eins, was?“

„Na und? Ich brauch den Hauptschulabschluss. Du willst ja Müllfahrer werden, stimmt’s?“

„Komm, immer noch besser als Lehrer, was Herr Krampken? Dass muss ja ein ganz beschissener Job sein. Und so gefährlich dazu. Wer weiß, ob hier nicht ne Knarre unter der Bank auf sie wartet? Na, was meinen Sie, Herr Krampken!“

Jürgen schreckte hoch, als er aus dem Stimmengewirr heraus plötzlich seinen Namen hörte.

Die Jugendlichen blickten ihn erbarmungslos an.

„Warum sind Sie eigentlich Lehrer geworden, Herr Krampken?“, nahm Heike das Thema wieder auf. 

„Gute Frage!“, kam es prompt aus der hinteren Reihe.

„Was soll das denn jetzt?“, stotterte Jürgen. Er merkte, dass er rot geworden war.

Von draußen hörte man auf dem Schulhof mit einem Mal die donnernde Stimme des Rektors, der einen Schüler zusammen pfiff. Dann war es still.

„Man wird ja wohl mal fragen dürfen“, meinte Heike eingeschnappt.

„Sie fragen ja auch dauernd“, ließ sich Silvio vernehmen.

Jürgen stand noch immer wie erstarrt. Da saßen sie, seine Schüler, die ihn verachteten und quälten. In ein paar Jahren drohte ihnen die Arbeitslosigkeit. Die Gesellschaft wollte sie nicht haben. Er war eigentlich auf ihrer Seite. Aber das war ihnen egal. Sie waren nicht auf seiner Seite.

„Habt ihr den Text gelesen?“, Jürgen versuchte, wieder Fuß zu fassen.

„Hey, was ist? Kriegen wir nun noch eine Antwort?“, hakte Jens wieder nach.

Jürgen musste sich setzen. Der Schmerz schlug wieder heftig gegen die Stirnhöhle. Seine Hände zitterten. Am liebsten wäre er in Tränen ausgebrochen. Er sah hoch.

„Ihr werdet es nicht glauben. Ich wollte jungen Leuten wie euch gerne etwas beibringen, sagte er mit tonloser Stimme. Jetzt war es still. Nur das Pochen in seinem Kopf hörte nicht auf.

„Toll, Herr Krampken“, ließ sich Janina vernehmen. „Und warum bringen Sie uns dann nichts bei?“

Die Klasse raste. Jürgen war zusammengezuckt wie unter einem Nackenschlag. Er schloss die Augen. Wenn wenigstens dieser Schmerz nicht wäre! Ab jetzt würde er einfach nur noch hier sitzen und warten, er würde sich nicht mehr rühren, bis die Glocke zur großen Pause läutete. Es ging ihn nichts mehr an, was in der Klasse passierte. Er war ganz allein mit seinen Schmerzen, allein mit seinem Verhängnis, Lehrer zu sein. Er wünschte sich weit fort, irgendwohin, wo ihn niemand mehr verletzten konnte, wo sein Schmerz aufhörte, wo er endlich Ruhe haben würde. Niemand konnte ihn zwingen, immer so weiter zu machen. Niemand konnte ihn zwingen, das auszuhalten, immer wieder und wieder.

Dann klingelte es zur Pause.

Als ein paar Mädchen zum Pult kamen und dort ihre Zettel hinlegten, auf denen sie die Antworten zur gestellten Aufgabe notiert hatten, zuckte er zusammen. Die Mädchen lachten irritiert. Sie beeilten sich, aus der Klasse zu kommen. Jürgen blieb noch ein paar Sekunden bewegungslos sitzen, nahm dann die Bücher, sein unbenutztes Arbeitsmaterial, die drei bearbeiteten Zettel und verließ mit schleppendem Schritt den Klassenraum.

Als er ins Lehrerzimmer trat, wurde es still. Auf seinem Platz lag ein Zettel. „Bitte noch heute zum Schulleiter kommen!“ Jürgen erkannt die Schrift der Schulsekretärin. Er sah auf. Die Kollegen blickten weg.

Jürgen setzte sich an den Tisch, schlug seine Hände vor das Gesicht und legte den Kopf auf den Tisch. Er zitterte. Wer genau hinsah, konnte die Tränen sehen, die aus seinen leicht geöffneten Fingern tropften.

Aber es sah niemand genau hin.

 

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© Mechthild Seithe