Poesie und Texte
Poesie und Texte

Liebe

Lied des Geliebten

beim Reinigen der Windschutzscheibe ihres Autos

 

Die Stunde der Abfahrt rückt näher.

Es sorgt sich mein Herz:

 

Weit über alle maigelben Wiesen

und über hundert sanfte Hügel

soll ungehindert gleiten ihr Blick 

Und ebenso klarsichtig soll sie erkennen 

die Kreuzungen und die gefährlichen Kurven

auf ihrem langen, beschwerlichen Weg!

 

Betankt und bereift, so stehst du bereit,

ihr treuer Begleiter und Diener.

Mein Freund, ich verlass mich auf dich

und deine mechanischen Künste.

Bring zurück sie gesund und vergnügt!

 

Ich beschwöre dich:

 

Gehorche dem Spiel ihrer Füße!

Versage ihr nie deinen Dienst!

Versprühe gewaltige Funken

und schlage den Takt deiner Kraft 

beharrlich und ohne zu husten

auf deinen vier wackeren Töpfen!

 

Halte sie fest auf dem Wege.

Und wenn Gefahren ihr drohen

durch Autos und irrendes Wild,

zügle den Lauf deiner Räder!

Und leite sie sicher zurück

durch die stille, lauernde Nacht!

 

Wenn ihr am Ende wieder zum Tore hereinfahrt,

hupe und blende mit vollem Gelichte!

Alle sollen es sehen und hören:

Hier kommt die Liebste des glücklichsten Mannes.

Sorgsam und gründlich hat er befreit von

Flecken und Schmutz deine Scheibe ---

damit sicher sie heimkehrt,

schnell wie der Wind,

beschützt und geborgen

in ihrem und meinem

Freund Clio!

 

Mai 2003

 

 

 

Goldwäscherei

 

Durch die weit geöffneten Fenster

dringt Stunde um Stunde

das silbergraue Rauschen des großen Regens.

Wenn ich die Augen öffne,

blicke ich in ein

wandgroßes Viereck

verhangenen Himmels.

Nichts als weiche, warme Wolkenballen

hinter Birkenschleiern.

 

Wir halten uns umschlungen

und lauschen den Berührungen

unserer Seelen und unserer Leiber,

tasten vorsichtig Grenzen ab,

staunen, wie Übergänge

vor unserem Blick in einander fließen und

sehen lächelnd zu, wo das Wasser

an Felskanten überläuft

auf neues Land.

 

Während um das Haus langsam

und still die Flut steigt,

lassen wir auf unserer Arche

die Träume wie ungewaschenen

Sand prüfend

durch die Finger gleiten.

Ich sammle meine Goldkörner

in der Kuhle

unter deinem Schlüsselbein.

 

 

10.8.02

 

 

 

 

 

Ich singe das Lied deines Jubels

 

Soll ich das Lied

singen,

das aus deinem Herzen dringt,

Liebster?

Soll ich dir singen

vom Sommerrausch

zwischen den tiefgrünen

Hecken, die mit

leuchtenden Blütenperlen

übersät sind,

von umwucherten

Rosenbänken,

vom sanft bunten, endlosen

Gleiten und Landen

der Schmetterlinge

auf den üppigen

Nektartränken duftender

Blütendolden?

Soll ich deinen Jubel

über unseren Liebesgarten

auf den blauen Abendhimmel

über uns schreiben

mit Kondensstreifen

aus Millionen weißer Blütenblätter?

Soll ich den weichen, hellen

Wind einfangen

und damit die Nachtluft

fortblasen,

bis die Sonne wieder

über unserem Garten den

Tag ausruft?

 

Wenn die Farben verblassen,

ist es auch in unserem Garten

grau.

Und höchstens der Mond

bescheint die geheimnisvolle

Bank, auf der wir uns noch lange

in den Armen halten und wärmen.

Aber ein leises, entzücktes Summen,

dein Jubel, liegt noch immer

über der Stille der Nacht.

Und singt auch in mir.

 

3.9.2002

 

 

 

 

 

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© Mechthild Seithe