Poesie und Texte
Poesie und Texte

Der Löwe und die Katze

 

  1. Kapitel

Die Begegnungen mit der Katze

Eines Tages sah der Löwe von weitem die Katze im Gras an einer Wegkreuzung liegen und zerbrach sich den Kopf: Ob ihn die Katze sehen würde? Ob sie überhaupt wusste, wer er ist? Vielleicht hatte sie ja auch Angst vor ihm, immerhin war er fünfmal so groß wie sie. Ob sie ihn schön finden würde und stark? „Vielleicht übersieht sie mich auch einfach, wie die anderen alle. Vielleicht denkt sie auch, ich sei eine Maus“?

Der Löwe ging etwas zögernd den Weg weiter auf die Katze zu. Die hatte die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.

Als er auf ihre Höhe gekommen war, schaute er sie erwartungsvoll an, aber die Katze rührte sich nicht. Er hustete. Aber die Katze sagte nur: „Geh mir aus der Sonne“, ohne die Augen aufzumachen.
Der Löwe zog beleidigt und verletzt seines Weges.

Am nächsten Tag aber kam er wieder. Er wollte es einfach nicht glauben, dass es wieder so gehen würde wie schon mit den anderen Tieren. Dieses Mal ging er ohne zu Zögern den Weg weiter auf die Katze zu. Er war entschlossen, ihr dieses Mal klarzumachen, wer er war.
Die Katze hatte auch heute die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.
Als er auf ihre Höhe kam, sagt er: „Hallo, ich bin ein Löwe.“ Aber die Katze öffnete nur ein Auge und murmelte. „So? Schön für dich. Aber geh mir aus der Sonne.“
Der Löwe stand völlig hilflos da. Schließlich ging er weiter. Seine Schultern hingen schlaff herunter. Er verstand es nicht, warum die Katze so unbeeindruckt blieb. Er war wieder ein bisschen beleidigt und verletzt. Vor allem aber war er ratlos.

Am nächsten Tag wollte er es noch einmal versuchen. Und heute war der Löwe zum Kampf entschlossen. Heute würde er ihr endlich klar machen, wer er sei und was er könne. Dieses Mal rannte der Löwe die Katze zu. Die hatte die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.
Als er auf ihre Höhe gekommen war, rief er ihr mit tiefer Stimme zu: „Hey, mach gefälligst die Augen auf! Vor dir steht ein Löwe, dumme Katze!“ Die Katze musterte ihn kurz und sagte gelassen: „Ich kenne viel größere Löwen“, und schoss die Augen wieder.
Jetzt war der Löwe richtig böse. Er hätte brüllen können vor Wut. Er rannte davon, laut fluchend und zutiefst erregt. Aber je länger er darüber nachdachte, was ihm geschehen war, wurde er wieder mutlos. ‚Warum lässt sich diese blöde Katze überhaupt nicht beeindrucken?‘, überlegt er. Und dann fuhr durch ihn ein großer Schreck: Vielleicht war er doch nur eine Maus?

Aber er wusste es doch genau, dass er ein Löwe war! Er musste es noch einmal probieren.
Der Löwe ging beim nächsten Mal ganz langsam auf die Katze zu. Die hatte wie immer die Augen geschlossen und tat so, als nähme sie keine Notiz von ihm.
Als er auf ihre Höhe angekommen war, sagte er mit verletzter Stimme: „Warum schaust du mich nicht an? Bin ich etwa eine Maus und kein Löwe?“ Die Katze öffnete die Augen und betrachtete ihn kritisch von oben bis unten an. Dann sagte sie: „Woher soll ich das denn wissen. Ist ja wohl dein Problem!“ Und sie schloss wieder die Augen.
Der Löwe ging kleinlaut davon. Jetzt traute er sich nicht einmal mehr, den Weg zu gehen, an dem die Katze immer lag. Aber die Sache ließ ihm keine Ruhe.

 

Deshalb hielt er sich in den kommenden Tagen in der Nähe auf und beobachtete aus einem Versteck die Katze und den Weg und alle, die da vorbei kamen.

Als er den dritten Tag auf der Lauer lag, sah er, dass auf dem Weg ein anderer Löwe daher kam und munter auf die Katze zulief. Bei der Katze angelangt, blieb er stehen und rief aus: “Oh, eine Katze, ein wunderschönes Tier!“
Unser Löwe konnte aus seinem Versteck heraus sehen, wie die Katze die Augen öffnete und sich langsam aufrichtete.
„Oh, guten Tag, das hört man gerne! Wer bist du?“
„Ach ich bin auch eine Katze, ein bisschen größer vielleicht, man nennt mich Löwe. Aber ich finde euch kleinere Katzen eigentlich viel eleganter als uns Löwen!“ Die Katze plusterte sich mächtig auf und legte den Kopf ein wenig schief:
„Ach, das ist nett gesagt, Herr Löwe. Aber ich bitte sie, ein Löwe, das ist doch ein ganz anderes Tier als unser einer.“
„Aber sagen Sie das nicht, Frau Katze, wir sind schließlich doch verwandt, nicht wahr?“
„Ja schon“, meinte die Katze geschmeichelt, „aber wenn ich so groß wäre, dann wüsste ich was ich täte.“
„So, so, was täten Sie denn dann?“
„Ich ginge rüber zum Bauernhof und würde die beiden großen Hunde mal so richtig ärgern. Die jagen mich immer auf den Baum, wenn sie mich sehen, die gemeinen Jiffel.“
„Ach liebe Frau Katze, wenn ich Ihnen da behilflich sein kann. Wenn Sie wollen, gehen wir zusammen gleich mal hin.“

Die Katze sprang munter auf die Beine und rief erfreut: „Das ist ja wunderbar, einen Löwen als Freund zu haben. Das eröffnet einem ganz neue Welten!“

Der Löwe in seinem Versteck kam aus dem Staunen kaum noch heraus.

Die Katze und der andere Löwe aber liefen zusammen zum Dorf, wobei der Löwe ganz langsam ging, damit die Katze ihm folgen konnte. Als die beiden ganz nahe an seinem Versteck vorbeikamen, hörte er, wie die Katze vertraulich zu dem anderen Löwen sagte. „Wissen Sie was, Herr Löwe? Hier ist in der letzten Zeit schon mal ein anderer Löwe herumgegeistert. Aber glauben Sie, der hätte mir je seine Hilfe angeboten?“

Der Löwe blieb noch eine Weile verblüfft in seinem Versteck.
„Also hat mich die alte Katze doch gesehen und wusste ganz genau, dass ich ein Löwe bin!“ Ein bisschen beruhigte ihn diese Erkenntnis. Immerhin. Aber warum hatte sie es nicht zugegeben?

 

 

 

  1. Kapitel

Die anderen Tiere

Er verstand das alles nicht. Vielleicht waren Katzen einfach nur dumm? Oder sah er gar nicht aus wie ein richtiger Löwe? Vielleicht aber wissen die anderen Tiere gar nicht, was ein Löwe ist, versuchte er sich zu beruhigen.
Aber er wusste es ja: Andere Löwen wurden sofort von allen Tieren als Löwen erkannt, manchmal gefürchtet, oft bewundert, selten geliebt aber immer geachtet. „Schau mal, ein toller Löwe!“, sagte ein Pferd zu ihm und zeigte aber auf einen anderen Löwen. Unserem Löwen blieb die Luft weg.
Aber vielleicht war dieses Pferd einfach zu vernagelt. Am besten versuchte er es einmal bei seines gleichen.

Er näherte sich einer kleinen Gruppe von Löwen, die in einer Ecke standen und debattierten. Er stellte sich einfach dazu, so als sei das ganz normal und wartete. Niemand beachtete ihn. Sie redeten sehr angeregt mit einander. Manchmal lachten sie, dann wieder schienen sie nicht einer Meinung zu sein. Warum sollte er nicht einfach mitreden?
„Ich bin übrigens auch ein Löwe“, sagte er laut mitten in den Redeschwall der anderen hinein. Niemand sah zu ihm hin. Niemand schien ihn gehört zu haben.
„Darf ich fragen, worüber die Herren sprechen?“, fragte er in seinem zweiten Versuch. Der eine Löwe sah kurz zu ihm hin und runzelte die Stirn. Er antwortete nicht. Er redete einfach sehr laut weiter und ignorierte unseren Löwen. Ja ihm war so, als würden sie sich noch dichter zusammenstellen, damit er keinen Platz mehr zwischen ihnen fände.
Jetzt ging es in dem Gespräch um die Frage, ob eine Kuh oder ein Schwein besser schmeckte. Man ereiferte sich sehr.
„Ich mag am liebsten Kälberfleisch“, platzte der Löwe mitten in die Diskussion hinein. Jetzt sahen alle vier auf und musterten ihn kurz und mit unfreundlichen Gesichtern.
„Hat Sie jemand um ihre Meinung gefragt?“, meine der eine Löwe und sah ihn abschätzende an. Dann wandte er sich wieder an die anderen: „Wo waren wir noch stehen geblieben?“
Und sie sprachen weiter, ohne sich im Geringsten um diesen fünften Löwen zu kümmern, der da neben ihnen stand. Als er schließlich leise davonschlich, merkte es keiner von ihnen.
Was sollte er tun? Er war verzweifelt. Er stand da und dachte bei sich: „Sie wollen einfach nicht sehen, dass ich ein Löwe bin. Genau wie meine Mutter. Sie gönnen es mir nicht. Sie wollen mich kränken. Sie haben einfach beschlossen, mich zu ignorieren“.

 

Der Löwe wurde sehr wütend, aber seine Wut machte alles nur schlimmer. Dann wurde er traurig und schließlich begann er sogar daran zu zweifeln, ob er überhaupt wirklich ein Löwe war. Er selbst wusste es natürlich. Aber warum sahen die es nicht?

Da fiel ihm wieder die Katze ein und er wurde sehr traurig.

So ging das Jahr dahin. Der Löwe aber wurde seinen Ärger nicht mehr los. Wenn er einen Vogel sah, dachte er wütend, „Kann ich das nicht auch?“ Und er hatte keinen Blick für die Eleganz, mit der die Vögel am Himmel kreisten. Wenn er eine Grille hörte, so dachte er traurig an seine einsamen Opernarien. Und er hörte dem Gesang der Grillen in den warmen Sommernächten nicht zu, sondern schimpfte, weil sie ihn am Schlafen hinderten. Wenn er andere Löwen brüllen hörte, verschlug es ihm vor Neid die Sprache. Er wusste zwar, das konnte er auch. Aber er fürchtete, dass es die anderen Löwen doch besser konnten und er wollte sich nicht blamieren. Wenn ein Hund daherkam und einen dicken Knüppel im Maul mit sich trug, dachte er grimmig, dass er sehr viel stärker sei. Aber er hatte keine Lust mehr, es zu zeigen. Und so glaubten die Hunde, die ihm begegneten, dass er nicht einmal dicke Äste tragen könne wie sie. Wenn er beobachtete, wie der Pelz des Luchses in der Morgensonne glänzte, strich er sich missmutig über sein eigenes wunderbares Fell.

Und da es bald Winter sein würde, zog er sich zum Nachdenken in eine Höhle zurück. Oft dachte er an die Katze.

 

 

  1. Kapitel

Ein Löwe gibt nicht auf

Als endlich der Frühling wieder ins Land kam, begann er zu begreifen, was damals passiert war und was ihn so aus seiner Löwenbahn geworfen hatte: Der andere Löwe hatte die Katze freundlich angesprochen, hatte ihr Komplimente gemacht, hatte sie beachtet. Und siehe da, unsere Katze machte die Augen auf und war voller Begeisterung und Dankbarkeit, dass ein Löwe mit ihr sprach!
Das also müsste das Geheimnis sein, dachte der Löwe grimmig und wunderte sich, dass es so einfach war. Das müsste er doch auch lernen können! Und machte sich gleich einen Plan: Er wollte üben, genauso mit den anderen Tieren umzugehen, wie dieser Löwe es getan hatte. Dann endlich würden sie auch ihn anerkennen und als Löwen wahrnehmen!

Aber, so dachte er sich, es würde am besten sein, nicht gleich bei der Katze zu beginnen. Er wollte die neue Kunst erst mal an einer leichteren Aufgabe versuchen.
 

Als erstes probierte der Löwe seinen neuen Trick an einer kleinen Blume aus, die vor ihm stand und auf die er beinahe getreten war.
„Oh, entschuldigen Sie vielmals, Frau Blume, da hätte ich sie beinahe getreten! Welche Ungeschicklichkeit von mir. Dabei sind Sie eine so schöne Blume. Ihre gelbe Blüte leuchtet in der grünen Wiese wie eine kleine Sonne!“ Die Blume sah erstaunt zu ihm auf. Dann lächelte sie ihm zu und sagte freundlich:
„Danke Herr Löwe, keine Ursache! Ich bin so was gewöhnt von Leuten wie Ihnen. Aber es ist sehr nett, was sie da sagen über mein Leuchten. Nur: ich bin doch blau. Ist das denn wahr, leuchte ich trotzdem?“
Der Löwe war etwas verwirrt, denn er hatte das einfach so vor sich hingesagt, ohne die Blume wirklich anzusehen. Jetzt sah er, sie war gar nicht gelb! Wie peinlich. Die Blume war tatsächlich blau. Es war ein helles, zartes Blau, das er glaubte, schon einmal gesehen zu haben.
„Natürlich leuchtet ihr Blau wie der Himmel. Das mit der Sonne war nur so ein ganz allgemeines Beispiel, wissen Sie“, stammelte er. Aber die Blume war nicht böse.
„Manchmal wäre ich lieber gelb“, flüsterte sie ihm zu „aber das ist mein Geheimnis. Es ist mir eine Ehre, dass sie sich das immerhin vorstellen können!“ Der Löwe sah die Blume mit dem gelben Geheimnis groß an. Eine Blume, die gelb sein wollte statt blau! dachte er verwirrt, so etwas gab es also auch.
„Ich kann für sie läuten. Ich bin eine Glockenblume“, bot sie ihm an.
„Danke, das wäre schön“, sagte der Löwe und musste unwillkürlich seufzen, weil er daran dachte, dass er selber eigentlich auch singen konnte. Beinahe wäre ihm das rausgerutscht. Er lauschte höflich.
„Entschuldigen Sie, ich höre aber nichts“, meinte er dann.
„Sie müssen mit ihren großen Ohren einmal ganz nah an mich herankommen, Herr Löwe. Mein Läuten ist ganz leise, man kann es nur hören, wenn man ganz still ist.“ Der Löwe staunte. ‚Ich dachte, Geräusche sind nur schön, wenn sie ordentlich laut sind‘, brummelte er vor sich hin. Aber er tat was die kleine Blume ihm gesagt hatte, beugte sich zu ihr hinunter und lauschte angestrengt. Und tatsächlich, da hörte er es. Ein ganz zarter, vorsichtiger Glockenklang war es, ein süßer Klang. Und er war nur für ihn.
„Das ist wunderschön, was sie da können, Frau Glockenblume!“ rief er aus. Die Blume macht eine kleine Verbeugung
„Bitte schön“, sagte sie ein wenig stolz.
„Und jetzt werde ich bestimmt besser darauf achten, dass ich keine Blumen zertrete“, bot der Löwe an. Die Blume lachte nur.
„Ach ihr Löwen, was ihr alles versprecht! Aber es war mir eine Ehre, Sie kennen gelernt zu haben.“

Der Löwe verabschiedete sich freundlich und ging nachdenklich seiner Wege. Nach einer Zeit legte er sich ins Gras und sah in den blauen Himmel über sich. Er dachte an den Klang dieses Blumenglöckchens. „Was für ein hübsches Geschenk!“ dachte er entzückt. „Und sie hat keine Sekunde daran gezweifelt, dass ich ein großer, wenn auch ziemlich trampeliger Löwe bin. Aber da hat sie wohl Recht“. Er musste lachen. 

Für seinen zweiten Versuch wählte der Löwe einen Maulwurf aus, der aus seinem frisch aufgeworfenen Erdhügel herausguckte.
„Einen schönen Guten Tag, Herr Maulwurf, sie sind ja ein fleißiger Gesell! So viele Hügel haben Sie schon aufgeworfen! Die Wiese hier sieht ja aus wie eine kleine Berglandschaft!“, rief er aus.
Der Maulwurf blinzelte ihn irritiert an. War das nicht ein Löwe? Es wäre wohl besser, wenn er so schnell wie möglich wieder untertauchte.
„Entschuldigen Sie Herr Löwe, aber ich muss nach unten, meine Frau ruft mich zum Essen.“

„Schade“, sagte der Löwe schnell, „ich hätte mich gerne noch ein wenig mit Ihnen unterhalten!“
Der Maulwurf zögerte. „Worum geht es denn?“, fragte er misstrauisch.
„Ich frage mich, ob das nicht furchtbar anstrengend ist, was sie da den ganzen Tag treiben, werden sie denn nicht müde davon?“
„Ach“, meinte der Maulwurf mit einem schiefen Lächeln um sein Maul, „wir Maulwürfe machen das ebenso. So wie sie, Herr Löwe, eben brüllen oder wie sie stundenlang durch die Steppe traben können. Das ist einfach so. Meinen Sie nicht auch?“ Und er verschwand blitzartig in seinem Loch.

Der Löwe blieb noch ein paar Sekunden stehen. Erstaunlich, dass dieses Tier, das doch den ganzen Tag nur in seiner dunklen Höhle lebte, so viel über Löwen wusste. Und er trollte sich zufrieden davon. Und er überlegte, wen er als dritten ansprechen sollte.

Er traf einen kleinen Hund, der eifrig am Feldrain schnüffelte und ihn erst sah, als er schon direkt vor ihm stand.
„Tu mir nichts!“, rief der Hund erschrocken aus.
„Aber nein, ich will dir nichts tun. Aber sag mir, wer du bist! Bist du nicht ein Hund?“ Der kleine Hund nickte und sein Schwanz, den er zunächst zwischen die Beine geklemmt hatte, kam langsam wieder zum Vorschein.
„Du kannst bellen, stimmts?“, sagte der Löwe freundlich.
„Ja, kann ich schon, aber unser Leo auf dem Hof, der bellt viel lauter als ich. Das ist ein Schäferhund, weißt du“, antwortete der Hund bescheiden.
„Bell doch mal!“, forderte ihn der Löwe auf und der kleine Hund bellte tapfer ein paar Mal. Es klang ein wenig wie eine quietschende Kinderrassel.
„Gar nicht schlecht, du musst nur noch ein wenig üben“, ermunterte er den Kleinen.
„Meinst du wirklich?“, freute sich der Hund.
„Alle nennen mich Angsthase, weißt du? Dabei bin ich ein richtiger Hund. Du hast es ja auch gesagt.“
„Natürlich bist du ein Hund, das ist doch klar, das sieht doch jeder!“, beteuerte der Löwe.
„Weißt du was, Löwe“, sagte der kleine Hund, denn ihm war da gerade ein ganz und gar mutiger Gedanke gekommen: „Kannst du mal für mich ein bisschen brüllen? Mal sehen ob ich es schaffe, nicht vor Angst zu zittern. Das wäre toll.“
„Gerne, mach ich“, grinste der Löwe freundlich und brüllte erst nur ein kleines Bisschen. Der Hund sah ihn an, stand ganz still und wedelte mit dem Schwanz.
„Toll, ich hatte kein bisschen Angst“, strahlte er.
„Gut, dann brülle ich jetzt lauter“, warnte der Löwe. Dieses Mal sah er, wie der Schwanz des kleinen Hundes zu zittern begann und wieder ein wenig hinabsank.
„Nur Mut“, sagte er begütigend.
„Und was ist, wenn du mich doch beißen willst?“, zitterte der kleine Hund.
„Löwen die brüllen, die beißen nicht!“, scherzte der Löwe, um den kleinen Hund aufzumuntern. Der kleine Hund schaute den Löwen verdutzt an und lachte dann aus vollem Halse los:
„Toll, Herr Löwe, das ist ein guter Spruch. Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Und er stimmt sicher. Los, brüll noch lauter Löwe!“
Nun brüllt der Löwe so, wie ein Löwe wirklich brüllt. Aber der kleine Hund stand da und wedelte begeistert mit dem Schwanz. „Ich habe keine Angst vor dir, ich habe keine Angst vor dir! Löwen die brüllen, die beißen nicht!“, jubelte er und sprang munter herum. „Ich muss schnell zurück auf den Hof und das alles dem Leo erzählen. Dann wird er mich nicht länger auslachen. Danke, Herr Löwe, Sie haben mir sehr geholfen“.
Und weg war er.

„Nun sehen sie mich also doch“, stellte der Löwe befriedigt fest. Aber interessiert waren sie alle eigentlich nur an sich selbst. Aber schließlich ging es ihm ja auch nicht anders. Der Löwe schmunzelte. So einfach ließ sich diese Welt also betören! Wenn ihm das nur schon jemand früher gesagt hätte! So ein simpler Trick! Wenn er jetzt die Katze wieder treffen würde…

Aber es war noch mehr passiert. Irgendetwas hatte sich etwas geändert im Leben des Löwen. Er merkte es aber erst nach und nach.
Wenn er in diesen Tagen im Gras lag und eine Lerche singen hörte, lauschte er einfach ihrem Gesang. Das hatte er noch nie getan. Und es gefiel ihm. Wie schön das war, dieser hohe Himmel und dort der kleine, kaum sichtbare Vogel der für alle auf der Erde unten den Frühling verkündete. „Warum habe ich das bloß früher nicht gesehen?“, grübelte er. Und da fielen ihm seine eigener „Löwengesang“ ein, seine dummen Versuche, selbst singen zu lernen und er musste plötzlich lachen, denn er stellte sich vor, wie das wäre, wenn er da oben rumschwirren und trällern sollte. Er würde – plumps - ganz einfach runterfallen und statt zu singen würde er alles zusammenbrüllen vor Schmerzen. Also, das konnte die Lerche wahrhaftig besser als er, besser als es jeder Löwe es je können würde!

Als er auf einer hellen Waldlichtung Rast machte, schaute er erst, ob er sich nicht aus Versehen auf irgendwelche Blumen legte. Und dann sah er sie alle, wie sie ihm dankbar zulächelten, die blaue Glocke, das goldgelbe Köpfchen, die rosa Blütenschnur, die stachelige, violette Kugeldistel. Wie schön sie waren und er hatte sie noch nie so nah gesehen. Er grüßte in der Runde und freute sich über ihren Anblick. Sie verneigten sich und wehten ihm einen süßen Duft zu, der schon nach Sommer roch.

Da musste er wieder einmal an die Katze denken und er fragte sich zum ersten Mal, warum sie da eigentlich gelegen hatte. Wartete sie auf jemanden? Wollte sie die Sonne in ihrem Fell spüren? Wollte sie einfach nur schlafen? Er wurde plötzlich richtig neugierig. Er wollte unbedingt wissen, was diese Katze den ganzen Tag dort an der Wegkreuzung trieb.

Und so lief er zu der Stelle, wo die Katze immer gelegen hatte.

 

  1. Kapitel

Und wieder die Katze

Der Löwe sah sie schon von weitem an ihrem Platz.

Als er näherkam, ging er vorsichtig auf sie zu, um sie nicht zu erschrecken. „Entschuldigung, Frau Katze, ich habe da mal eine Frage!“, sagte er höflich.
„Lass mich in Ruhe!“, fauchte die Katze böse und blinzelte ihn ärgerlich an.
Aber der Löwe gab nicht auf und probierte alles aus, was er inzwischen gelernt hatte.

„Verzeihung, dass ich sie störe, aber ihr wunderbares Fell glänzte so schön in der Sonne, da konnte ich einfach nicht wiederstehen und musste kommen, um sie näher zu betrachte“, sagte er tapfer.
„Lass den Schmarren! Mein Fell glänzt nicht mehr, seit ich neulich in Bauer Petterchen‘s Jauche gefallen bin und ich kriege das Zeug einfach nicht runter. Also erzähl keinen Mist! Was willst du wirklich? Spuck‘s aus und dann verschwinde!“

„Sie müssen auch keine Angst haben vor mir“, versuchte es der Löwe mit einer anderen Technik. „Löwen die brüllen, die beißen nicht!“.
„Dass ich nicht lache“, grinste die Katze verächtlich. Ich habe keine Angst vor dir. Was kümmern mich die Löwen! Ich bin schneller auf dem Baum, aus du nur gucken kannst mit deinem dicken Schädel. Also lass diese Scherze, o.k.?!“
„Aber das muss ja sehr anstrengend sein, das Klettern“, fing der Löwe wieder an. „Wird man davon nicht furchtbar müde!“
„Du bist ein Dummkopf, Löwe. So ein blöder Unsinn! Das macht doch erst richtig Spaß, das Raufklettern! Du hast ja keine Ahnung!“
Nun sah der Löwe schließlich doch enttäuscht aus. All seine neuen Tricks verfingen nicht bei dieser Katze! Sie durchschaute einfach seine Absichten, diese miese kleine Verwandte! Und damit war er wieder völlig machtlos. Warum war er überhaupt hergekommen? Er wusste doch noch gut genug, wie sie ihn hatte früher abblitzen lassen.
Aber da fiel ihm auf einmal ein, dass er sie ja eigentlich etwas fragen wollte.
„Sag mal, du sitzt hier immer an der Wegkreuzung den ganzen Tag. Ich frage mich, warum du das tust?“ Er sah sie interessiert an. Die Katze hatte keine grünen Augen wie andere Katzen, sondern bernsteinfarbene, stellt der Löwe überrascht fest.
„Das möchtest du wohl gerne wissen, Dicker, was?“, grinste die Katze. „Na drei Mal darfst du raten: Ich liege auf Lauer und fange Mäuse.“
„Oh“, sagte der Löwe, der bei dem Wort Maus zusammengezuckt war.
„Was guckst du so blöd? Wir Katzen haben es eben nicht so leicht wie ihr Löwen. Wir müssen um unser Fressen noch kämpfen. Ihr braucht ja nur das Maul aufzureißen und zu brüllen und dann fallen alle Tiere in Ohnmacht und ihr könnt euch einfach bedienen.“
„Oho, Frau Katze, so einfach ist das bei uns auch wieder nicht. Da überschätzen sie uns aber gewaltig. Aber ehrlich, es interessiert mich sehr, wie sie das machen, das Mäusefangen.“
„Ach ja? Wirklich?“, fragte die Katze misstrauisch. „Na gut. Dann legen Sie sich mal da vorne hin und schauen sie zu. Aber bitte keinen Mucks, klar?“

Der Löwe legte sich einige Meter entfernt ins Gras und schaute der Katze zu. Die lag wieder mit geschlossenen Augen da, als schliefe sie. Nichts passierte. Der Löwe wollte schon laut gähnen, da fiel ihm ein, dass die Katze ihm verboten hatte, irgendein Geräusch zu machen. Und plötzlich sah er sie. Eine kleine Feldmaus kam über den Weg getrippelt, blieb stehen und sah sich witternd um. Dem Löwen brach der Schweiß aus, er glaubte sich selbst zu sehen, so wie er früher als kleiner Löwe im Mauskostüm herumgelaufen war. Die Maus schnupperte in alle Himmelrichtungen und bemerkte die Katze. Sie starrte sie gebannt an. Um zu ihrem Mauseloch im Acker zu kommen, war es der nächste Weg, wenn sie an der Katze vorbei huschen würde. Da die Katze sich aber nicht rührte und mit geschlossenen Augen dalag, wurde die Maus schließlich mutiger und trippelte vorsichtig ein wenig auf sie zu. Sie würde es wagen!
Am liebsten hätte der Löwe laut gerufen, um die Maus zu warnen, denn irgendwie fühlte er sich doch mit ihr verbunden. Aber er schwieg und schon im nächsten Augenblick sah er voller Schreck, wie die Maus beinah mitten in das plötzlich aufgerissene Maul der Katze hineinlief. Sie wurde blitzartig von den Krallen gepackt und in kürzester Zeit hatte die Katze die Maus ganz und gar verschlungen. Die leckte sich das Maul, gähnte genüsslich und fragte dann den Löwen:
„Oder hätte ich dir was übriglassen sollen?“
„Oh, danke nein, Frau Katze. Ich habe schon gegessen. Aber ich bin beeindruckt von ihrer Jagdkunst.“
Zum ersten Mal sah die Katze dem Löwen ins Gesicht. Ihre bernsteinfarbenen Augen funkelten.
„Siehst du Löwe, eure kleinen Verwandten, die Katzen sind auch nicht von gestern, stimmts?“
„Nein, gewiss nicht, ich muss schon sagen, das war wirklich beeindruckend“, beeilte sich der Löwe zu sagen und dieses Mal war es ihm richtig ernst damit. Eigentlich war es wirklich eine nette Katze, sie gefiel ihm immer besser.
„Ach übrigens, wenn sie mal wieder einen Löwen brauchen, um die Hunde dort auf dem Hof in ihre Schranken zu weisen, dann können sie auch gerne auf mich zurückkommen“, fiel ihm plötzlich ein.
„Woher wissen Sie denn das?“, fragte die Katze verblüfft. „Hat der andere Löwe das also doch rumerzählt! Verdammt! Aber ihr Löwen haltet doch alle zusammen, ich wusste es ja.“
Der Löwe wartete nicht ab, bis die Katze sich von ihrem Erstaunen erholt hatte. Er hatte erreicht, was er wollte.
„Habe die Ehre, Frau Katze, ich muss los. Ich werde mich ab und an mal melden und fragen, ob sie mich brauchen.“ Er winkte mit der Pfote und ging seines Weges.
Die Katze sah ihm hinterher. Aber noch bevor er um die nächste Wegbiegung aus ihren Augen verschwand, rief sie: „Ja gerne, kommen Sie nur vorbei. Leute, die meine Jagdkunst zu schätzen wissen, sind mir immer willkommen!“

Jetzt habe ich es wirklich raus, lächelte der Löwe zufrieden in sich hinein.

Die Welt gefiel ihm wieder sehr viel besser.

 

  1. Kapitel

Zurück unter die Tiere

Er ging zurück zu den Tieren, von denen er vor einem Jahr so verzweifelt fortgegangen war.
Als erstes begegnete er dem Pferd. Er grüßte es höflich und fragte, ob das Gras schon wieder richtig frisch schmeckte in dieser frühen Jahreszeit. Das Pferd sah ihn verwundert an.
„Danke!“, kaute es und hob dann seinen großen Kopf. „Wir kennen uns doch, oder?“, fragte es interessiert. „Und jetzt sehe ich es, du bist ja auch ein Löwe. Na so was, war mir vorher gar nicht aufgefallen.“
„Macht doch nichts! Wir sind doch alle nur Tiere, nicht wahr?“, lächelte der Löwe großmütig.

Und dann kam der Moment, wo er an eine Gruppe von drei Löwen herantrat, die miteinander ins Gespräch vertieft waren. Er stellte sich wieder dazu und versuchte, an dem Gespräch teilzunehmen und in die kleine Gruppe aufgenommen zu werden. Es war zunächst alles genau wie im Vorjahr. Niemand bemerkte ihn, ja es war auch heute so, als rückten sie noch dichter zusammen, um ihn zu vertreiben. Aber dieses Mal würde er nicht klein beigeben!
Sie sprachen vom letzten Sommer und wie lange sie noch hatten jagen können, bevor der Wintereinbruch gekommen war. Ein anderer erzählte darauf hin, dass er mit seiner Frau im letzten Winter eine fantastische Höhle zum Überwintern gefunden hätte, in die er im nächsten Jahr unbedingt wieder einziehen wollte.
Und so ging es immer weiter. Niemand nahm von ihm Notiz. Der Löwe überlegte schon, ob er sich nicht doch einfach unbemerkt zurückziehen sollte. Da hörte er den einen Löwen erzählen, dass es jetzt im nahegelegenen Zoo freie Plätze für obdachlose Löwen im Winterhalbjahr gäbe und er sich das neulich einmal unverbindlich angeschaut hätte. „Gar nicht so übel“, bemerkte er. „Das Futter kommt garantiert und warm ist es auch“.
„Aber die Freiheit, mein lieber, wo bleibt da die Freiheit?“, fiel sofort ein anderer Löwe alarmiert ein.
Da kam ihm eine Idee.
 „Ihre Freiheit ist ihnen also am wichtigsten, Kollege? Das finde ich äußerst interessant!“, wandte er sich an den Löwen, der es vorzog, seine Winter in einer zugigen kalten Höhle zuzubringen.
„Allerdings!“, betonte der sofort und blickte irritiert auf, weil er erst jetzt merkte, von wem diese Worte gekommen waren. „Sie ist mir über alles wichtig. Schließlich bin ich ein Löwe“, fügte er hinzu und sah den unseren Löwen mit großem Nachdruck an. „Sie als Löwe müssten das doch genauso empfinden.“
„Sicherlich, natürlich“, sagte unser Löwe besänftigend. „Aber es gibt da offenbar ganz verschiedene Auffassungen von der Freiheit. Ich traf neulich einen Bären, der liebte ein kleines Mädchen und wollte nichts sein als ihr Teddybär. Also ließ er es sich gefallen, dass er nachts in ihrem Bett schlafen und den ganzen Tag auf einer Kommode im Kinderzimmer sitzen sollte.“
„Hört, hört! Und das fand er gut?“, fragte der andere Löwe ungläubig, aber interessiert.
„Ja, er war ganz entzückt von seinem neuen Leben und pries es als die neue Freiheit, von der er bisher noch nichts gewusst hatte.“
„Wie erstaunlich!“, meinte der dritte Löwe. „Aber schließlich war es ein Bär. Das ist kein Löwe“.
„Sehr richtig Herr Kollege, sehr richtig. Ich würde eine solche Definition von Freiheit für mich als Löwen strikt ablehnen“, bemerkte der erste.
„Aber wenn er doch glücklicher war als zu vor?“, gab der zweite der Löwen zu bedenken und wandte sich jetzt wieder an den neuen Löwen.
„Was meinen denn sie, Herr Kollege, sie scheinen ja in der Tierwelt herumgekommen zu sein. Wie sehen sie das? Wären auch Sie bereit, ihre Freiheit für die Liebe eines kleinen Menschenmädchens aufzugeben?“
„Vielleicht“, sagte unser Löwe und wiegte seinen Kopf nachdenklich hin und her „Ich kenne da eine Katze, um es genauer zu sagen, wir sind befreundet…“
„Ach, kommen sie doch Herr Kollege, lassen sie uns dort hinübergehen, da sitzt man gemütlicher und ich spendiere eine Runde Kaffee. Und erzählen sie, was ist das für eine Katze, keine gewöhnliche Katze, oder?“
Nun gingen sie alle vier hinüber zum Tisch.
„Es ist eine Katze mit bernsteinfarbenen Augen“, nahm der neue Löwe den Faden wieder auf. Und sie fing Mäuse.“
„Interessant! Was sie nicht sagen. Aber tun sie das nicht alle?“
„Und dann?“ Sie hingen jetzt alle drei an seinen Lippen.
„Haben Sie mal beobachtet, wie Katzen das machen? Sehr elegant! Wirklich sehr effektiv auch. Einfach bewundernswert. Ich muss sagen, diese Katze hat mich beeindruckt.“
„Ja gut, das mag ja für eine Katze gelten. Aber Mäuse, Kollege, wer mag schon Mäuse?“, fragte einer der drei Löwen.
„Vielleicht war ich selbst mal eine kleine Maus?“, scherzte unser Löwe galant.
„Sie, aber um Himmelswillen, das wäre doch das Letzte was man so denkt, wenn man sie sieht mit ihrem prächtigen Fell und diesem Löwenkopf! Ein guter Witz, Kollege. Selten so gelacht!“
Sie schlugen sich auf die Schenkel und brüllten lauthals los. Als sie aufgehört hatten zu lachen sagte der neue Löwe:
„Im Grunde sind sie sehr niedlich und flink, die Mäuse. Aber ich gönne sie den Katzen“.
„Sehr großzügig von Ihnen, Herr Kollege, wirklich sehr großzügig! Das ist wirklich ein guter Witz!“

Und die Löwen lachten weiter und fanden, dieser neue Kollege sei doch wirklich ein wunderbarer Unterhalter.

 

 

  1. Kapitel

Ein Löwe ist ein Löwe, und ein Fuchs ist ein Fuchs

Dem Löwen ging es immer besser. Allmählich vergaß er seine ständige Angst, die Leute könnten in ihm keinen Löwen sehen. Warum auch? Schließlich war er ja einer und damit war alles klar. Wenn er zu andern Tieren kam, achtete er nicht mehr darauf, wie die anderen mit ihm umgingen. Er dachte auch nicht mehr darüber nach, was sie wohl über ihn dachten und er überlegte mehr nicht ständig, ob sie ihn bemerkten und ob sie ihn bewunderten. Dazu hatte er jetzt weder die Zeit noch Lust. Endlich konnte er in Ruhe die Welt und all die die anderen Tiere betrachten, ihnen zuhören und mit ihnen schwatzen.

Er lernte viele neue Tiere kennen und unterhielt sich mit ihnen. Bald kannte er auch alle ihre Sorgen, ihre Wünsche und geheimen Freuden. Früher hatte ihm nie jemand seine Geschichte erzählt.
Da war ein zotteliger, schwarzer Hund, der seinem Herrchen weggelaufen war, weil der ihm verboten hatte, aufs Sofa zu springen. Er war der Meinung, das sei sein gutes Recht, denn in der Familie, zu der er früher gehört hatte, durfte er das auch. Nun lebte er auf der Straße und hatte kaum etwas Vernünftiges zu beißen, niemand bürstete sein Fell und er musste sich Tag und Nacht mit anderen Hunden um das bisschen Fressen streiten. Er sehnte sich heimlich nach seiner Hundedecke in der Wohnzimmerecke, aber er wollte es nicht zugeben. Der Löwe hatte ihm lange zugehört und fragte dann: „War denn die Hundedecke nicht auch ein bisschen weich?“ Der Hund knurrte verächtlich: „Nicht so weich wie das Sofa.“ „Aber du bist traurig, dass du nicht mehr bei deinen Menschen sein kannst, das sehe ich dir doch an“, murmelte der Löwe. „Ich vermisse Tom, weißt du. Das ist der Junge in der Familie. Wir hatten so einen Spaß!“, seufzte der Hund. Der Löwe überlegte.
„Was ist dir wichtiger, Tom oder das Sofa“, fragte der Löwe schließlich und sah den Hund aufmerksam an. Der Hund machte vor lauter Nachdenken sein Maul ganz weit auf, dann wedelte er plötzlich mit seinem Schwanz, drehte sich um und verschwand hinter der Wegbiegung.

Einmal traf der Löwe eine Wildsau mit ihren Jungen. Er sah zum ersten Mal, dass die kleinen Wildschweine Streifen haben. Da musste er laut lachen. Die Sau sah ihn misstrauisch an. „Frisst du etwa kleine Schweine?“, fragte sie beunruhigt. Aber der Löwe erklärte ihr, dass er ihre Kinder nur niedlich fände, sie aber natürlich nicht essen wollte. Er sei ein gutmütiger Löwe und keiner müsse Angst vor ihm haben. Und er erzählte der Sau die Geschichte von dem verängstigten Maulwurf und sie lachten beide sehr. Seit dem kam die Sau mit ihren Jungen ganz zutraulich zu ihm, wenn sie sich sahen und sie schwatzten jedes Mal ein über die Kinder der Sau und das Wetter. 

Auch das Pferd lernte er näher kennen und stellte fest, dass es gar nicht so dumm war, wie er immer gedacht hatte. „Weißt du“, vertraute es ihm an, als sie sich schon mehrfach draußen auf der Weide miteinander unterhalten hatten, „natürlich habe ich von Anfang an gesehen, dass du ein Löwe bist.“
„Und warum hast du so getan, als wäre ich keiner?“, fragte der Löwe interessiert.
„Du bist mir jetzt aber nicht böse, wenn ich das so sage: Ihr Raubtiere seid immer so arrogant. Jedenfalls dachte ich bei mir: ‚Dem will ich es mal zeigen!‘ Ich wollte dich nur ein bisschen ärgern.“
„Aber da bist du wirklich an den Falschen geraten“, schüttelte der Löwe sein Haupt. „Du weißt gar nicht, wie sehr mich das damals getroffen hat. Und er erzählte dem Pferd seine ganze traurige Geschichte. Und ich bin nicht wütend geworden, sondern war ganz verzweifelt, weil ich selbst gar nicht geglaubt habe, dass ich ein Löwe bin.“
„Tut mir Leid“, hustete das Pferd. „Das konnte ich ja wirklich nicht ahnen.“
Der Löwe schwieg, aber er wunderte sich in seinem Innersten doch sehr, dass er sich von diesem Pferd hatte so sehr verunsichern lassen. Ganz schön frech, dieser vierbeinige Polstersessel, dachte er grimmig. Und plötzlich kam ihm eine Idee:
„Was ist das denn, Pferd, du hast ja fünf Beine!“ rief er plötzlich aus, als sei er furchtbar erschrocken. Das Pferd starrte ihn verwundert an.
„Tatsächlich?“, fragte es ungläubig. Es sah an sich herunter und fragte leise: „Ist das schlimm?“ Das Pferd wieherte traurig: „Vielleicht mag mich die Stute vom Nachbarhof deswegen nicht.“
„Rein gelegt, reingelegt“, der Löwe lachte schallend. „Jetzt sind wir quitt!“, rief er vergnügt aus. Dann aber sah er, was er angerichtet hatte und entschuldigte sich.
Das Pferd wiegte seinen großen Kopf hin und her und meinte: „Also stimmt es gar nicht? Da bin ich aber froh. Fünf Beine für ein Pferd, ich glaube, das wäre nicht so gut. Aber weißt du, ich kann sowieso nicht zählen.“ Und es grinste den Löwen freundlich an. Und sie blieben Freunde.

Einmal kam der Löwe dazu, als eine Gruppe Gänse auf einer fetten Wiese herumschnatterten. Als sie den Löwen kommen sahen, erhoben sie sich in die Luft und flogen mit lautem Gekreische fort. „Ich wollte euch doch nur kennen lernen“, rief er ihnen verärgert nach. Aber sie hörten ihn nicht. „Dumme Gänse!“ schimpfte er vor sich hin. Zu gerne hätte er sich auch einmal mit diesen interessanten Tieren unterhalten.
„Die sind überhaupt nicht dumm!“, hörte er hinter sich eine Stimme. Er drehte sich um. Hinter ihm stand ein Fuchs, der sich die Lefzen leckte. „Ich liege hier schon den halben Tag auf der Lauer. Bisher hatten sie mich nicht bemerkt. Aber dich haben sie natürlich sofort gesehen. Und da sie klug sind, sind sie auf der Stelle abgehauen! So ein Mist, jetzt habe ich nichts zu Abend zu essen“, schimpfte der Fuchs.
„Du frisst Gänse?“, staunte der Löwe.
„Du etwa nicht?“, konterte der Fuchs. „Du bist doch auch ein Raubtier und wir essen nun mal keine Butterblumen, Kollege.“
Der Löwe dachte an die blaue Glockenblume, die so gerne gelb sein wollte und erzählte dem Fuchs diese Geschichte. Der staunte. Vor allem aber staunte er wohl über den Löwen, der sich für blaue und gelbe Blumen interessierte. Aber dann meinte er, „Nichts für ungut. Ihr Löwen könnt vielleicht tagelang mit leerem Bauch herumlaufen, ich muss sehen, dass ich wenigstens noch ein paar Mäuse kriege.“

 

 

  1. Kapitel.

Die Katze mit den bernsteinfarbenen Augen

Immer öfter besuchte er jetzt die Katze mit den bernsteinfarbenen Augen. Sie empfing ihn immer ziemlich gnädig. Er sorgte dafür, dass die Dorfhunde ein bisschen mehr Respekt vor seiner Katze hatten und legte sich manchmal neben sie ins Gras und schaute ihr zu, wie sie Mäuse fing. Er lag dann auf dem Rücken und blickte in die Wolken und genoss es, einfach nur hier zu liegen und in die Luft zu gucken. Die Katze machte sich darüber lustig, denn sie war immerzu beschäftigt, obwohl man es ihr gar nicht ansah. Sie lag einfach da und schien zu schlafen, aber in Wirklichkeit lauerte sie mit großer Geduld den Mäusen in dieser Gegend auf.
„Ich kenne einen Fuchs, der frisst nur Mäuse, wenn er nichts anderes bekommt“, erzählte ihr der Löwe heute.
„Füchse sind widerliche Stinker. Ich möchte nicht mit ihnen verglichen werden. Ich bin eine Katze“, erwiderte die Katze stolz.
„Ja ich weiß,“ beteuerte der Löwe, „und eine sehr schöne Katze.“
Die Katze schloss die Augen und fing an zu schnurren. Der Löwe musste lächeln.
„Weißt du was? Ich habe neulich mit dir angegeben.“
„Wieso?“
„Ich habe gesagt, ich sei mit einer Katze befreundet, mit einer Katze mit bernsteinfarbenen Augen.
„So hast du das?“ Es klang misstrauisch „Und das stimmt, ich meine, das mit den bernsteinfarbenen Augen?“
Der Löwe bejahte heftig. Die Katze sah ihn lange an.
„Ich habe noch nie von einer Katze gehört, die einen Freund hatte. Wir sind Einzelgänger, weißt du.“
„Aber ich bin gerne hier bei dir. Ich wäre gerne dein Freund.“
„So, so“, sagte die Katze ein wenig spitz, legte ihren Kopf auf die Pfoten und schloss die Augen.

Es sah aus, als wollte sie einschlafen. Aber der Löwe blieb.
Nach einer kleinen Pause öffnete sie die Augen wieder, blinzelte den Löwen an und maunzte: „Gut, versuche es einfach mal. Kann ja nichts schaden.“ Und sie schloss die Augen wieder.

Der Löwe blieb ratlos sitzen. Was sollte er tun? Er war sich nicht sicher, ob sie ihn verstanden hatte. Vielleicht hatte sie wirklich kein Interesse an Freunden.
Schließlich ging er zögernd fort. Da sah er am Wegrand eine Maus sitzen. Mäuse würde er nie fangen, da wusste er Besseres. Aber diese hier war für seine Freundin. Er legte einfach seine mächtige Tatze auf die Maus, nahm sie auf, ging zurück und legte sie der Katze vor das Maul.

Als die Katze sah, was er ihr mitgebracht hatte, strich sie dem Löwen schmeichelnd um die Beine und meinte: „So ist das also, Freunde zu haben? Das lass ich mir gefallen Löwe.“

 

  1. Kapitel.

Nicht jeder Löwe ist auch ein netter Löwe

Auf der großen Wiese, auf der sich die Tiere alle trafen, hatten sich die Löwen eine Ecke abgeteilt, die für Löwen reserviert war. Dort trafen sie sich oft, unterhielten sich gelehrt und sehr laut. Andere Tiere wagten sich meist gar nicht erst in ihre Nähe.

Eines Tages, als unser Löwe bei den Löwen in der Löwenecke saß und mit ihnen Erfahrungen austauschte, näherte sich das Pferd der Wiesenecke. Es hatte seinen Löwenfreund von ferne dort gesehen und wollte ihn begrüßen.

Als es näherkam, bemerkte der Nachbar des Löwen, „Hey, guckt euch mal das Pferd an. Was will das hier. Ganz schön frech, das Tier!“
„Hallo Löwe“, rief das Pferd gut gelaunt, „Wie geht es dir? Ich habe dich von weitem gesehen und wollte dir nur guten Tag sagen!“
Die Löwen sahen sich befremdet an. Dass dieses Pferd es wagte, einen Löwen einfach so anzusprechen! „Wen meint es eigentlich?“ wollte der Löwe wissen, der das Pferd als erster gesehen hatte.
„Ich glaube, es meint mich!“, antwortete der Löwe schlicht, erhob sich und ging dem Pferd ein wenig entgegen.
„Hey, lange nicht gesehen!“, freute sich der Löwe. „Komm doch ein bisschen rüber zu uns!“, schlug er vor.
Das Pferd schüttelte seinen Kopf, dass die Mähne hin und her flog. „Lieber nicht Löwe, ich glaube, deine Kumpel wollen keine Pferde in ihrer Löwenecke haben. Ich sage dir nur schnell „Guten Tag!“ und verschwinde wieder“, flüsterte das Pferd.
„Ach was für ein Unsinn!“, lachte der Löwe. „Du bist doch auch ein Tier wie wir und auch ein ganz schön großes dazu!“
Aber das Pferd schüttelte besorgt seinen Kopf, verabschiedete sich und galoppierte wieder davon.
Unser Löwe trottete nachdenklich zu den anderen Löwen zurück.
Als er dort angekommen war, schwiegen die Löwen und sahen ihn herausfordernd an.
„Du bist mit dem befreundet?“, fragte schließlich einer der Löwen ungläubig.
„Warum denn nicht?“, meinte der Löwe unbefangen. „Es ist ein nettes Pferd. Wir hatten mal einen Streit, aber wir haben uns wieder vertragen. Ich wollte eigentlich, dass es mal herein kommt zu uns, ich hätte es euch gerne vorgestellt.“
„Was fällt dir denn ein, ein primitives Pferd hier in unserer Residenz!“, schimpfte jetzt einer der Löwen. Und auch andere Löwen brüllen empört auf.
„Habt ihr was gegen Pferde?“, fragte unser Löwe irritiert und erhob sich in ganzer Gestalt.
„Komm, Alter, reg dich nicht auf!“, beruhigte ihn ein anderer Löwe. „Der Norbert ist immer so empfindlich, wenn es um seinen Stolz geht.“

Aber unser Löwe konnte nicht verstehen, was in die brüllenden Löwen gefahren war.
„Ich habe so viele nette Tiere kennen gelernt, seit ich ein richtiger Löwe bin“, konterte er. „Wir können uns als Löwen doch hier nicht aufspielen, als wären wir die Könige der Tiere!“
„Hör mal gut zu, mein Lieber: Wir sind die Könige der Tiere!“, belehrte ihn Norbert mit erhobener Stimme.
„Ach, das ist doch nur so eine alte Sage“ , meinte ein junger Löwe, einer von denen, die nicht gebrüllt hatten und sich jetzt neben unseren Löwen stellten, als wollten sie ihn beschützen.
„Von wegen, Sage! Das gilt heute so wie schon immer. Was seid ihr doch für verweichlichtes Pack!“, brüllte Norbert jetzt empört.
Die Löwen stritten. Bald stellten sich noch andere Löwen auf Norberts Seite, einige wiederum unterstützten unseren Löwen. Es entstand ein ziemliches Gebrüll auf der Wiese, das man bis zum Dorf hören konnte. Die anderen Tiere verkrochen sich vor Schreck in die hintersten Winkel.
Aber schließlich waren auch die Löwen das Brüllen und Streiten leid und einer nach dem anderen ging seiner Wege.
Bevor er ging, trat Norbert noch einmal an unseren Löwen heran, hob seine Pranke und drohte:
„Was bist du eigentlich für einer? Kommt daher, macht hier den Schlauen und dann fängt er an, ganz neue Sitten einzuführen. Wer hier nicht König sein will, der ist auch kein Löwe, verstanden!“
Der Löwe lächelte. Das konnte ihm keiner mehr erzählen! Er schaute Norbert nachdenklich hinterher und schüttelte seinen Kopf. Eigentlich hatte er gedacht, alle Löwen seinen edle Tiere. Aber so einfach war die Welt wohl doch nicht. „Wie kann ein Löwe so dumm und gemein sein“, stellte er ernüchtert fest.
„Aber nicht alle denken so“, flüsterte der junge Löwe, der die ganze Zeit an seiner Seite gestanden hatte. Es gibt eben solche und solche Löwen. Aber du bist nicht alleine.“
„Danke,“ erwiderte der Löwe freundlich

Dann trennten sie sich für diesen Tag. Der Löwe wollte alleine sein und über sein Erlebnis nachdenken. Warum meinten die Löwen, sie seinen was Besseres? Er hatte immer ein Löwe sein wollen, aber einfach nur deshalb, weil er im Spiegel sehen konnte, dass er einer war. Und nun kam auf einmal dieser Norbert daher, der meinte, er sei überhaupt kein Löwe, weil er nicht König der Tiere sein wollte! Wie merkwürdig!


 

  1. Kapitel

Freunde können klein sein und auch groß. Hauptsache es sind Freunde

Der Löwe hatte Sehnsucht nach seiner Katze.

„Hast du wieder eine Maus für mich“, empfing sie ihn.
„Nein, heute nicht, aber ich möchte dir etwas erzählen!“
„Na gut, dann erzähl mal. Ich höre“, schmunzelte die Katze, legte sich bequem hin und schloss die Augen.
Und er erzählte der Katze die ganze Geschichte mit dem Pferd und Norbert von vorne bis hinten.
Einmal unterbrach die Katze seine Rede und rief: „So eine Gemeinheit! Das Pferd ist doch auch ein respektables Tier“, und der Löwe nickte zufrieden.

Aber als er fertig war, öffnete die Katze nach einer kleinen Weile ihre bernsteinfarbenen Augen und fragte:
„Sind die anderen auch deine Freunde?“
„Wen meinst du denn?“, fragt der Löwe etwas verwirrt. „Meinst du etwa Norbert? Der wird sicher niemals mein Freund werden,“ versicherte er dann.
„Den meine ich doch nicht. Ich meine das Pferd und den jungen Löwen, der zu dir gehalten hat.“
Der Löwe dachte eine Weile nach. Dann sagte er bedächtig:
„Ich denke schon.“
„Ich dachte, ich wäre deine Freundin“, murrte die Katze.
„Aber das bist du ja auch, Katze mit den Bernsteinaugen, du bist meine allerliebste und beste Freundin“, strahlte der Löwe die Katze an. Und als er sah, dass die Katze enttäuscht war, fügte er hinzu: „Man kann doch mit mehreren Tieren befreundet sein, weißt du das nicht?“  Die Katze sah ihn überrascht an.
„Wirklich?“ jubelte sie dann und sprang auf die Beine. „Super, super, das ist ja toll! Weißt du, ich habe mir schon seit Tagen den Kopf zerbrochen, wie ich es dir beibringen soll: Stell dir vor, ich habe mich vor ein paar Tagen mit dem Welpen von unserem Hofhund befreundet. Sein Alter ist natürlich stink sauer, aber mein Freund entwischt immer wieder und wir treffen uns dann in einem Versteck hinter dem Stall und spielen dort fangen. Er ist so ein lustiger Kerl. Und er hat überhaupt nichts gegen Katzen.“

Der Löwe schwieg.

„Siehst du, jetzt bist du doch traurig“, seufzte die Katze.
„Ja, ein kleines bisschen“, gab der Löwe zu. „Aber nur ein bisschen. Kannst du mir auch mal das Versteck zeigen?“ fragte er dann.
„Gerne lieber Löwe, aber ich fürchte, der Eingang ist so klein, da passt nicht einmal dein Kopf durch“ gab die Katze zu bedenken.

Der Löwe dachte eine Zeit lang nach.
„Na, gut, dann lass ich euch beiden mal euer Versteck und wir beide, wir treffen uns eben immer hier. Oder hättest du vielleicht auch Lust, mit mir spazieren zu gehen? Ich kenne da eine Ecke, dort hinter dem Wald, da wohnen massenhaft Mäuse.“

Und die beiden zogen los.

 

2016

 

 

 

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© Mechthild Seithe