Poesie und Texte
Poesie und Texte

Neues aus der Wildnis

Neues aus der Wildnis

 

Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber...

 

Ein Wolf trottete durchs Land und kam an einem Kälberstall vorbei. Die Kälber darin blökten aufgeregt und der Wolf lugte neugierig durchs Fenster.

"Was ist bei euch denn los?", fragte er und überlegte, ob er es wagen könnte einzusteigen und ein kleines Kalb mit sich fortzureißen.

"Wir diskutieren. Morgen ist Wahl!", verkündigte ein Kalb stolz.

"Was für eine Wahl?", fragte der Wolf erstaunt.

"Schlächterwahl!", sagte das Kalb altklug. „Der Fuchs war hier und hat uns mitgeteilt, dass wir in diesem Jahr den besten Schlächter wählen dürfen. Und der, den wir auswählen, der darf uns dann schlachten."

"Der Bruder Fuchs ist ein Scherzbold", grinste der Wolf. Aber als er merkte, dass es die Kälber ernst meinten, fragte er: "Und was muss er können, euer Kandidat?"

"Stark muß er sein und schön", schwärmte das erste Kalb.

"Viele von uns sind auch dafür, dass es vor allem ein Schlächter mit Tradition sein sollte, einer, der schon unsere Eltern und Großeltern geschlachtet hat. Da weiß man doch, was man hat", ergänzte ein anderes Kalb.

Der Wolf entschloss sich spontan, zu kandidieren, weil er sich große Chancen ausrechnete.

Aber die Kälber entschieden sich für den Schlächter vom Schlachthof am Dorfanger. Denn dort waren ihre Eltern schon hingegangen, wenn es so weit war. Außerdem blinkte dort neben dem Eingang eine silberne Tafel in der Sonne, auf der stand: "Schlachthof Weißenhagen". Die gefiel den Kälbern ausnehmend gut. Sie erinnerte an die Zinnen eines Schlosses.

Der Wolf ärgerte sich und verfluchte den Fuchs, der diesen dummen Tieren so viel Entscheidungsfreiheit zugestanden hatte. Der Fuchs aber kannte einen Durchschlupf zum Schlachthof, und fraß er sich dort an den ausgeweideten Gedärmen nach Herzenslust satt.

 

 

Das hässliche junge Entlein

 

Drei Enten saßen in der späten Abendsonne am See und putzten sich.

Ein Schwan segelte in einiger Entfernung vorbei, ohne herzusehen. Er glänzte in der Sonne und schien über das Wasser zu schweben.

"Wie eingebildet er ist!", sagte die eine Ente empört.

"Seit dieser Anderson uns die Geschichte mit dem hässlichen jungen Entlein angedichtet hat, ist es noch schlimmer mit ihnen geworden", seufzte die andere.

"Stimmt! Ich hatte letztes Jahr schon wieder so ein daneben geratenes Kind", erzählte die dritte Ente aufgebracht.

"Ein Schwanenkind?", fragten die beiden ersten verblüfft.

"Nein, ein hässliches Entlein: Der Schnabel war krümmer als er sein sollte und außerdem schielte es.

"Eben, ein Schwanenkind, ich sag’s ja!“, grummelte die erste Ente und sah dem Schwan böse nach.

 

 

 

 

Die Freiheit der Mütter

 

Ein wilder Eber stand mit hängender Zunge am Zaun und guckte sich die Augen aus nach einer dicken rosa Sau, die hinter dem Zaun in einem Gehege mit ihren Kindern im Schlamm wühlte.

"Guten Morgen, Gnädige Frau!", sprach er sie errötend an. "Würde es Ihnen vielleicht gefallen, mit mir zu kommen und im freien Wald zu leben?"

"Warum sollte ich das tun?", fragte die Sau erstaunt. "Bleib im Lande und nähre dich redlich! Das ist mein Wahlspruch."

"Wenn Sie mit mir kommen, werden Sie ganz neue, aufregende Dinge kennen lernen, wunderbare Dinge, die eine so schöne Frau erleben sollte, Dinge, von denen Sie hier nur träumen können", raspelte der Eber sein Süßholz weiter.

"Ich weiß nicht recht", überlegte die Sau und kaute nachdenklich auf dem Stück Rübe herum, dass sie soeben gefunden hatte. "Ich lebe eigentlich gerne hier im Gehege."

"Ich ziehe die Freiheit vor, Gnädigste", grunzte der Eber mit tiefer Stimme.

"Warum sollte ich mit dir kommen? Mir geht es hier doch gut. Wir haben hier alles, was wir brauchen", flötete die Sau.

"Bis auf die Freiheit der Wälder, gnädige Frau", grunzte der Eber und verdrehte verführerisch seine Augen. "Ich könnte sie Ihnen bieten."

"Was bringt denn deine Freiheit", fragte sie skeptisch. "Kriegen eure Säue etwa keine Kinder?"

"Doch, natürlich. Aber", verkündete der Eber voller Stolz, "unsere Kinder sind gestreift."

 

 

 

Die Katze am Feuer

 

Vor dem Kamin rollte sich schnurrend ein kleines Kätzchen zusammen. Der Hund des Hauses kam und legte sich daneben. Nach einer Weile fragte er: "Warum liegt man hier? Es ist doch furchtbar heiß, findest du nicht!"

"Ich finde es wundervoll hier", surrte das Kätzchen und streckte wohlig seine Glieder.

Der Hund stand auf, schüttelte seinen Kopf und trottete davon.

Als er um die Ecke verschwunden war, sprang die Katze auf und leckte sich aufgeregt überall. "Das wäre beinah schiefgegangen, hab mir ja das Fell schon angesengt. Aber was tut man nicht alles, um einem dummen Hund zu zeigen, was wirklich gut ist im Leben."

 

 

 

Die Hornissen

 

Zwei Hornissen kreisten mit ruhigen Bewegungen um ein Wespennest und warteten darauf, dass eine Wespe herauskäme, die sie fressen könnten.

"Hilfe, eine Hornisse", rief ein Kind und rannte entsetzt zu seiner Mutter. "Schlag sie tot, schlag sie tot!"

Die Mutter eilte erschrocken herbei und hatte schon das Gift in der Sprühdose zur Hand. Abwesie hatte sich Hornissen viel größer vorgestellt. Außerdem flogen sie vor dem Wespenloch.

"Ach was, das sind doch nur Wespen, mein Schatz", beruhigte die Mutter den Sohn.

 

"Manchmal ist es sehr praktisch, wenn man unterschätzt wird", sagte die Hornisse zu ihrer Schwester.

 

 

 

Das Tiermeinungsinstitut

 

"Was, lieber Frosch, würdest du zu deinen größten Qualitäten zählen?", fragte die Libelle, die bei einem Tiermeinungsinstitut beschäftigt war.

"Manche sagen, der Geschmack meiner Schenkel. Manche sagen, mein Gequake. Andere sagen meine Fortpflanzungsfähigkeit."

"Und was sagst du selber, Frosch?", wollte die Libelle wissen und zückte ihren Bleistift.

"Dass die meisten Menschen mich eklig finden und meine Schenkel deshalb verschmähen."

 

"Wen würden Sie in diesem Jahr als Bundeskanzler wählen, liebes Wildschwein?", fragte die Libelle, die bei einem Tiermeinungsinstitut beschäftigt war.

"Wenn ich ehrlich sein soll: mich oder keinen", antwortete das Wildschwein.

 

"Können Sie mir sagen, welche Zahncreme Sie benutzen?", fragte die Libelle ein Pferd. Sie war bei einem Tiermeinungsinstitut beschäftigt.

"Was soll ich sagen?", lachte das Pferd. „Wozu denn Zahncreme? Meine Zähne sind doch auch so schön gelb.“

"Können Sie mir sagen, welche Zahncreme Sie benutzen?", fragte die Libelle als Nächstes einen Bernhardiner.

"Wenn ich sage, keine, kriegen Sie dann trotzdem Ihre Prämie?", fragte der Hund besorgt.

"Können Sie mir sagen, welche Zahncreme Sie benutzen", fragte die Libelle schließlich noch eine Kuh. „Ach, gehen Sie mir weg mit diesem neumodischen Zeug. Was sollen wir denn noch alles mit unseren Zähnen anstellen? Wir kauen doch schon den ganzen Tag wieder."

 

Da gab die Libelle entnervt die leeren Fragebögen an ihr Institut zurück und dachte sich ein schöneres Thema aus.

"Was bedeutet für Sie ‚Frühling’, fragte sie schwärmerisch die Kuh.

Die Kuh verdrehte die Augen und unterbrach ihr Kauen. „Na, Graflie."

„Wie bitte?“, fragte die Libelle irritiert.

"Na, Gras und Fliegen. Nichts ist vollkommen", sagte die Kuh und kaute weiter.

 

Januar 04

 

 

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© Mechthild Seithe