Poesie und Texte
Poesie und Texte

Wir schaffen das

 

Wir schaffen das!
 

Alltags-Mitschnitt aus dem Jahre 25 nach Hartz IV

 

 

Frau Steinbürger wirft einen prüfenden Blick auf ihre Tochter. Marietta sitzt am Küchenfenster und macht Schularbeiten. Dort ist es um diese Tageszeit noch hell genug.

Dann sieht sie auf die Uhr über dem Küchentisch. Für den Bruchteil einer Sekunde ist sie überrascht. 15 Uhr? Das kann doch gar nicht sein. Dann fällt es ihr wieder ein: Die Küchenuhr ist vor zwei Tagen stehen geblieben. Sie müßte neue Batterien kaufen. Vielleicht übermorgen, da hat sie den Auftrag von Familie Griebert, die geben immer großzügig Trinkgeld. Bis dahin wird es sicher auch mal so gehen. Die alte Armbanduhr ihrer Mutter, die sie noch gefunden hat, tut ja noch ganz zuverlässig ihren Dienst, wenn man es schafft, sie rechtzeitig aufzuziehen.

Es ist gleich sechs. Die Männer werden sicher bald kommen.

Frau Steinbürger deckt den Abendbrottisch. Gut, dass sie bei Aldi noch einige Packungen von dem billigen Vollkornbrot ergattert hat! Das schmeckt wenigstens einigermaßen. Wie gerne würde sie ihrer Familie mal wieder ein richtig leckeres Brot mit Sonnenblumenkernen kaufen. Aber das ist einfach nicht mehr erschwinglich heutzutage. Das gibt es nur in einem richtigen Bäckerladen und kostet unglaubliche 5 Euro 50 das Pfund!

Martina Steinbürger stellt ihre Abendbrotkostbarkeiten auf den Tisch. Wirklich ein Glück, dass es die Discounter gibt und dort die Sonderangebote mit den gerade abgelaufenen Lebensmitteln. So kann sie heute Abend sogar Edamer und Schinkenspeck auftischen! Auch Butter hat sie heruntergesetzt bekommen. Gerne hätte sie noch fünf oder auch sechs Stück dazu genommen und sie eingefroren. Aber seit vor zwei Jahren die Tiefkühltruhe kaputtgegangen ist, geht so etwas leider nicht mehr. Eine neue ist nicht drin. Vielleicht können sie sich eine Reparatur leisten, wenn Swen im nächsten Jahr wirklich die Stelle von Werner Hofmann bekommt. Das wäre wunderbar, denn lange können sie alle allein von ihrer Arbeitslosenhilfe und ihren Trinkgeldern, die sie für ihre Wochenendeinkäufe bekommt, nicht leben.

Mutter hat es damals ja gleich gesagt, als sie zum zweiten Mal schwanger geworden war: Zwei Kinder kann man sich einfach heute nicht mehr leisten, wenn man keine richtige Arbeit hat. Dabei hatte sie ja schließlich damals noch richtige Arbeit als Bibliothekarin in der Stadtbücherei. Aber Swen studierte noch. Wahrscheinlich hatte Mutter auch damals schon Recht. Und inzwischen ist ja auch alles noch sehr viel schwieriger geworden.

Es wird tatsächlich schwer werden, auch noch Marietta groß zu kriegen und ihr eine vernünftige Ausbildung zukommen zu lassen. Eine gute Ausbildung ist doch immer noch eine echte Chance. Natürlich ist sie keine Garantie. Ihr Mann Swen hat schließlich nach seinem Architekturstudium vor sieben Jahren bis heute keine entsprechende Stelle gefunden. Und an ein eigenes Büro ist nicht zu denken. Die Ich-AG damals war ein Reinfall. Sie sind da gerade mit einem blauen Auge wieder herausgekommen. Gegen die großen Haie in diesem Berufszweig kommt keiner an. Aber er gibt nicht auf, ihr Mann. Frau Steinbürger muß lächeln. Sie ist stolz auf Swen. Und gerade jetzt sieht es auch wirklich ganz gut aus, jetzt, nachdem das Bauamt seinen Antrag positiv beschieden hat und er ein weiteres Jahr ehrenamtlich dort arbeiten darf. So was zählt eben. Das wird anerkannt. Jetzt hat man ihm sogar einen eigenen Schreibtisch gegeben. Er zeigt aber auch wirklich guten Willen! Bestimmt werden sie ihm im nächsten Jahr die Stelle von Werner geben! Das wäre dann endlich ein Anfang. Immerhin läuft die Stelle zwei volle Jahre!

 

Das Klingeln an der Haustür scheucht Frau Steinbürger in ihren Gedanken auf. Ihr Sohn kommt die Treppe herauf, er nimmt zwei Stufen auf einmal. „Ich hab‘ die Praktikumsstelle, Mama!“, ruft er ihr aus dem Treppenhaus entgegen.

Wie froh sie ist. Er hat es also geschafft. „Und wie viele sind in die dritte Praktikumsrunde reingekommen?“, fragt sie voller Spannung. „Nur zehn Leute. Zwei Stellen wird es dann am Ende des Praktikums geben, zwei richtige Lehrstellen. Zwei auf zehn Mann. Das ist doch eine echte Chance, nicht?! Frau Steinbürger schaut in das glückliche, angestrengte Gesicht ihres Sohnes.

Wie lange hat er schon versucht, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Nun könnte es tatsächlich bald soweit sein. Doch obwohl Frau Steinbürger sich freut, muss sie dennoch unwillkürlich seufzen. Der Sohn sieht seine Mutter an. „Du siehst aber gar nicht richtig glücklich aus, Mama“, beschwert er sich.

„Hoffentlich kriegt Papa wirklich die Stelle, Jens. Wenn wir dann zusätzlich deine Lehrstelle bezahlen müssen, wird es sonst ziemlich eng für uns.“

„Die Mutter von Jenny hat gesagt, dass früher Lehrlinge Lohn bekommen haben“, schaltet sich Marietta vom Küchenfenster aus ein.

„Erzähl keinen Quatsch!“, mault sie der große Bruder an. Er hat schon am Tisch Platz genommen und schmiert sich die erste Schnitte.

„Warte doch, bis Papa auch da ist, Jens!“ Frau Steinbürger sagt das ohne Nachdruck.

„Die Mutter von Jenny hat erzählt, dass früher sowieso alles besser war. Dass da die meisten Leute Arbeit hatten und Geld verdienten. Und die Lehrlinge bekamen eben auch Lohn, schon im ersten Lehrjahr“, fängt Marietta wieder an.

„Lass dir doch nicht so einen Bären aufbinden! Es ist doch ganz klar: Wenn der Betrieb uns ausbildet, muss er Zeit investieren und zahlt also drauf. Und wir bekommen doch schließlich was, wir bekommen eine Ausbildung. Warum sollten sie uns die schenken?“ Jens sieht seine Schwester verärgert an. „Ich kann froh sein, dass Kurtmüller überhaupt dieses Jahr bereit sind, zwei Lehrlinge zu nehmen.“

„Du bist echt doof, Jens! Du arbeitest doch für die. Die verdienen doch an dir!“, kommt es spitz von Marietta zurück. Auch sie greift jetzt nach der ersten Schnitte. Aber sie lässt nicht locker.

„Ich weiß nicht, Marietta, du solltest vielleicht nicht dauernd bei Jenny zu Hause herumhocken“, murmelt die Mutter beunruhigt.

„Das scheinen richtige Aufwiegler zu sein. Wir wissen doch alle sehr gut, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen. Das goldene 20. Jahrhundert ist nun mal schon lange vorbei“, kommentiert Jens den Einwand seiner Mutter.

„Jens hat Recht. Unsere einzige Chance ist doch, dass die Unternehmen florieren und zwar hier bei uns. Sonst produzieren sie im Ausland und wir gehen alle ganz leer aus“, ergänzt jetzt die Mutter.

„Und nur wenn es der Wirtschaft gut geht, kann unsere Gesellschaft sich weiterentwickeln. Wir brauchen eben Wachstum. Nur so und können wir alle hier überleben“, ereifert sich Jens weiter.

„Es gab mal Gesellschaften, da konntest du einen Arbeiter von einem Professor äußerlich gar nicht unterscheiden, weil beide das Gleiche verdienten, sagt Jennys Vater“, lässt sich Marietta wieder vernehmen.

„Das sind doch alles nur verschrobene Träume, Marietta. Es kann nicht allen Menschen gleich gut gehen. Wer würde sich denn da noch anstrengen? Aber du kannst sicher sein: Irgendwann wird es auch für uns wieder besser. Und bis dahin gilt es, zu akzeptieren, dass es eben auch in unserer Gesellschaft Arme und Reiche gibt, so wie übrigens überall auf der Welt. Es gibt keinen anderen Weg“, belehrt Jens seine Schwester.

„Das sagst du!“, blafft Marietta zurück.

„Kinder, bitte, vertragt euch doch“, schreitet jetzt Frau Steinbürger ein. Sie wirft erneut einen beunruhigten Blick auf ihre Tochter. „Ich glaube, wir fangen doch schon ohne Papa an. Wahrscheinlich muss er wieder Überstunden machen. Er sagte gestern so was von einem Bauantrag der Firma Weissenkeller, wißt ihr die mit der Nudelfabrik, die die Tankstellenkette gekauft haben und denen jetzt auch das Schwimmbad gehört? Und da müsste es eben ein bisschen schneller gehen mit der Bearbeitung, hat er gesagt.“

„Ich finde es toll, dass Papa an so einem wichtigen Projekt mitarbeiten darf. Ich bin allmählich sicher, dass sie ihm die Stelle im nächsten Jahr geben werden, Mama.“ Jens sieht aus wie ein stolzer Sohn.

„Aber Papa arbeitet die ganze Zeit da und kriegt überhaupt nichts dafür!“, wendet Marietta ein.

„Ach, du hast ja keine Ahnung, Marietta, wie schwer die Zeiten sind.“ Die Mutter sieht ein wenig erschöpft aus, als sie das sagt. „Das ist nicht so einfach. Arbeit bekommt nicht jeder. Man braucht viel Glück und natürlich auch eine gute Ausbildung.“

Für einen Moment scheint der Streit zu ruhen.

Frau Steinbürger setzt sich zu ihren Kindern an den Abendbrottisch. „Seht mal, ich habe Schinken bei Aldi ganz billig bekommen“, sagt sie stolz. „Aber wollen wir nicht erstmal das Dankgebet sprechen?“

„Wozu? Für diesen Aldi-Fraß?“, fragt Marietta böse.

„Du bist ungerecht, Marietta“, seufzt die Mutter traurig. „Willst du es sprechen, Jens?“

„Natürlich“, sagt Jens. Er faltet die Hände.

Frau Steinbürger muss plötzlich daran denken, wie sie früher gebetet haben: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast“. Das ist lange her. Viel ist inzwischen passiert. Viel ist auch passiert, seit sie ihre Anstellung in der Stadtbücherei verloren hat, damals, als alle öffentlichen Bibliotheken schließen mussten. Für Kultur hatte der Staat kein Geld mehr.

Aber damals hatte sie ein verdammtes Glück im Unglück gehabt: Sie bekam nach einem Jahr Arbeitslosenhilfe II und hatte schon befürchtet, in den Gartenanlagen der Stadt arbeiten zu müssen – und das bei ihrem Rücken! – Aber sie bekam einen Ein-Euro-Job im neuen Reading-Center, wie sich die frühere Stadtbücherei jetzt nannte. Ihr Chef, Herr Hübner hatte sie aufgekauft. Eigentlich war er Besitzer der Spielsalons dieser Stadt und hatte keine Ahnung von Büchern. Da war er natürlich sehr froh, dass gerade sie bei ihm mitarbeitete. Das traf sich wirklich gut für ihn. Schließlich war sie ja ausgebildete Bibliothekarin mit vielen Jahren Berufserfahrung. Aber auch sie kann wirklich von Glück reden. So muss sie nicht einmal fachfremde Arbeit leisten. Außerdem, dieser Herr Hübner ist wirklich ein angenehmer und sehr sozial eingestellter Mensch. Er verleiht Bücher zum sagenhaften Preis von zwei Euro das Stück pro Tag. So ist es möglich, dass auch ärmere Leute ab und an in ein gutes Buch hineinschauen können. Natürlich kann er von diesen Preisen keine Angestellten bezahlen. Aber er ist gerne bereit, Leuten Arbeit zugeben, wenn die vom Arbeitsamt bezahlt werden. Er hat sogar fünf Ein-Euro-Jobs geschaffen in seinem Reading-Center. Anderen ist das zu viel Aufwand. Aber Herr Hübner ist ein verantwortungsvoller Unternehmer, das muss man ihm lassen.

Richtig Geld verdient er übrigens mit seinen Vernissagen und Lesungen, zu denen er berühmte Künstler in sein Reading-Center einlädt. Da kostet eine Karte nicht unter 150 Euro. Frau Steinbürger kennt eine Reihe der Leute, die regelmäßig dieses Kulturangebot wahrnehmen, denn sie muss immer die Einladungen ausdrucken. Und viele von denen gehören heute zu ihrer Kundschaft, für die sie die Großeinkäufe mit ihrem alten Clio macht. Tja, man richtet sich eben ein.

Ja, es ist wirklich viel passiert in den letzten Jahren. Schwer ist es geworden, das Leben. Aber es hätte auch noch schlimmer kommen können. Noch haben sie schließlich zu essen und ein Dach über dem Kopf und auch noch Geld für das Allernötigste. Selbst mit den zwei Kindern werden sie es irgendwie schaffen.

Anderen Leuten geht es viel schlechter. Das Bild tritt vor ihre Augen, wie letzte Woche Frau Henrich mit ihren zwei Kindern aus der Nachbarwohnung ausziehen musste, weil sie seit Monaten die Stromrechnung nicht bezahlt hatte und das Jugendamt nicht mehr duldete, dass die Kinder ohne Heizung und elektrisches Licht leben mussten. Jetzt sind sie in eine Obdachlosenwohnung eingewiesen worden. Den Blick von Frau Henrich beim Abschied hat sie tagelang nicht vergessen können. Sie kannten sich gut. Schließlich waren sie seit Jahren Nachbarn. Frau Heinrich war früher technische Zeichnerin. Dann machte ihre Firma pleite und sie wurde arbeitslos. Niemand wollte eine allein stehende Mutter mit zwei Kindern beschäftigen. Sie durfte daheimbleiben, nicht einmal bewerben sollte sie sich mehr. Und als die Kinder in der Schule waren, sagte man ihr im Jobcenter, sie sei zu alt und außerdem zu lange aus ihrem Beruf heraus.

Die Frau kann einem wirklich leidtun! Nein, ihrer eigenen Familie geht es noch gut. Letztlich müssen sie wirklich dankbar sein!

Frau Steinbürger lächelt unmerklich, ein wenig aus Wehmut, ein wenig aus Rührung. Sie hat die Augen geschlossen und lauscht dem Gebet, das ihr Sohn spricht:

„Wir danken euch mutigen Unternehmern und konsequenten Politikern dafür, dass ihr alles dafür tut, damit es unserer Wirtschaft gut geht. Und so auch uns. Wie auch wir unser Teil dazu beitragen, indem wir bescheiden bleiben und Geduld haben. Wir glauben daran, dass es uns eines Tages auch wieder bessergehen wird, wenn es nur der Wirtschaft gut geht. Wir bitten euch, von uns nicht noch mehr Opfer zu verlangen. Aber euer Wille geschehe.

Denn nur gute Profite unserer Wirtschaft sichern für unser Volk die Zukunft und den Wohlstand.“

„Amen“, sagt die Mutter, sieht wieder auf die stehengebliebene Küchenuhr und seufzt.

 

 

 

Oranienburg 16.9.2016

Mechthild Seithe

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