Poesie und Texte
Poesie und Texte

Mechthild Seithe

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Ausschnitt aus der Erzählung

 

 

 

Liebe am Ende

 

 

Heute früh kam die Tochter von Frau Keller zu Besuch, eine große, blonde Frau um die 35, gepflegt und noch recht jung aussehend. Dennoch strahlte sie eine merkwürdige Erschöpfung aus.
Auch sie bemühte sich um die üblichen aufmunternden Worte. Sie hatte der Mutter deren Lieblingskekse mitgebracht und schaute enttäuscht drein, als Erika sagte, sie hätte überhaupt keinen Appetit.

„Ich bin extra den Umweg zu Bäcker Bröderling gefahren, um sie für dich mitzubringen“, klagte sie.

Die Mutter bedankte sich müde.

„War der Chefarzt schon da?“, erkundigte sich die Tochter nach einer kurzen Pause.

„Ja, heute früh.“

„Und?“

„Ach, nichts Neues, weißt du. Sie fangen wieder die Chemotherapie an. Ich bekomme auch neue Tabletten.

„Und hat er was gesagt, ich meine, wie lange du bleiben musst?“

„Ich habe nicht gefragt.“

„Du weißt ja, dass Martin und ich ab dem 15. mit den Kindern in Urlaub wollen. Es sind Herbstferien und wir haben den Urlaub schon so lange gebucht. Aber ich möchte nicht fahren, wenn du hier liegst.“

„Ach Kind, das spielt doch keine Rolle. Fahrt ihr nur! Hier sorgt man ja für mich.“

„Aber wenn etwas passiert, wenn wir weg sind, Mama!“

„Ach, ich glaube nicht Katrin. Ich falle euch schon noch ein paar Monate auf die Nerven.“ Erika versuchte zu lächeln. Ich konnte es hören.

„Ach Mama, du fällst uns doch nicht auf die Nerven! Wie kannst du nur so was sagen!“

Erika antwortete nicht.

„Kommt Papa heute noch?“

„Vielleicht. Er fühlt sich verpflichtet, weil ich wieder hier drin bin. Aber die letzten Wochen vorher war er nicht einen Abend bei mir zu Hause. Was soll das also? Kannst du ihm nicht beibiegen, dass er nicht laufend kommen soll? Er sitzt hier nur unglücklich rum und tut mir Leid.“

„Ach Mama, so ist Papa eben.“

Erika widersprach nicht. Ein paar Sekunden lang war es ganz still im Zimmer.

„Wie geht es Martin?“, fragte sie dann.

„Er hat viel Stress im Betrieb. Er konnte nicht mitkommen, du kennst das ja.“

„Das ist doch in Ordnung, Kind. Ihr müsst euch wegen mir nicht noch mehr Stress machen.“

„Jenny wollte unbedingt mitkommen. Ich habe ihr gesagt, vielleicht das nächste Mal. Ich glaube, sie würde hier keine Ruhe geben und sich nur langweilen.“

„Sag ihr, wenn sie Karten mitbringt, könnte ich mit ihr Mau Mau spielen.“

„Das ist doch viel zu anstrengend für dich, Mama!“

„Nein, wirklich nicht. Es würde mich ablenken. Oder hast du vielleicht Angst, dass Jenny die Atmosphäre hier schaden könnte?“

Die Tochter setzte gerade dazu an, sich mit liebevoller Empörung zu verteidigen, als die Tür aufging und der neue junge Stationsarzt hereinkam. Er entschuldigte sich überraschend höflich bei der Tochter, er habe nicht gewusst, dass Frau Keller Besuch habe. Ob es ihr etwas ausmachen würde, kurz draußen zu warten.

Die Tochter sprang auf, als sei sie von etwas erlöst worden. Ich sah, wie sich ihr ganzer Körper straffte, wie die Erschöpfung aus ihr zu weichen schien. Sie antwortete dem Arzt mit einem Lächeln, das ihre Müdigkeit von eben wegwischte und sie mit einem Schlag fünf Jahre jünger machte. Als sie ging, wiegte sie sich in den Hüften. Ich hatte mich instinktiv ein wenig aufgerichtet, um diese Verwandlung besser sehen zu können. Es war nicht zu fassen, aber auch Dr. Paul schaute ihr hinterher und konnte es sich nicht verkneifen zu bemerken: „Eine attraktive Tochter haben Sie da, Frau Keller“.

‚Was für ein merkwürdiges Kompliment an eine kranke Frau,’ dachte ich traurig.

„Hätten Sie mir das nicht zugetraut Herr Doktor?“ Erikas Stimme klang trotzig, so dass ich sie überrascht ansehen musste.

„Ich finde, Sie halten sich ganz tapfer, Frau Keller. Nicht jeder geht so gefasst wie sie mit dieser Krankheit um.“

Ja das sind die Komplimente, die für uns übriggeblieben sind: Tapferkeitsmedaillen.

Als Jenny wieder hereinkam, grüßte sie den Arzt wie einen alten Bekannten.

„Ist der letzten Sommer auch schon hier gewesen, Mama?“, fragte sie ihre Mutter, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte. Ihr Gesicht war von einer leichten Röte überzogen.

„Gefällt er dir?“ spottete Erika. „Er ist übrigens verheiratet, Jenny. Nur zu deiner Information!“

„Ich bin auch verheiratet, Mama“, kam es beleidigt zurück. „Man wird doch noch mal einen Mann attraktiv dürfen!“

Recht hat sie. Als Jenny gegangen war, bin ich aufgestanden, um aus dem Fenster schauen zu können. Von hier aus kann man den Eingang sehen und alle Leute, die das Krankenhaus betreten und wieder verlassen. Als sie herauskam, hatte sie noch immer einen beschwingten Schritt. Ich sah ihr nach, bis sie um die Ecke zum Parkplatz einbog. Plötzlich spürte ich wieder diese stechende Sehnsucht: jetzt fortgehen können, mit so einem Lächeln und mit diesem stolzen, lebenshungrigen Gang, mit der Erfahrung im Bauch, eben für einen netten Mann begehrenswert gewesen zu sein! Das lange Haar keck nach hinten werfen zu können, die zärtliche, noch warme Herbstluft auf den bloßen Armen zu spüren, sich schön und attraktiv zu fühlen!

Mir wurde plötzlich übel und das ganze Zimmer geriet ins Schwanken. Ich musste mich am Kopfende meines Bettes festhalten, konnte mich dann gerade noch auf mein Bett retten. Ohne, dass ich etwas dagegen hätte tun können, liefen mir Tränen übers Gesicht.

„Meine Tochter hat es auch nicht leicht“, hörte ich Erika sagen.

Mir versagte die Stimme.

 

 

"Schreiben ist mein Leben", so habe ich vor nicht wenigen Jahren noch großspurig behauptet. 

Das Leben hat es anders gewollt: Arbeit, Kinder... für das Schreiben blieben immer nur Zwischenzeiten und kurze Abende.

Inzwischen bin ich in Rente und habe angeblich viel Zeit. 

Immerhin schreibe ich jetzt mehr und längere Werke. 

 

Verlage haben sich für mich eher nicht interessiert. Vielleicht habe ich nicht mehr das profitbringende Alter? Oder ich vermeide es erfolgreich, auf Mainstream und  Modetrends abzufahren? 

Wie auch immer. Ich schreibe, einfach weil es mir großen Spaß macht, und ich es liebe,  Geschichten zu erzählen und erfundene Figuren zum Leben zu erwecken. 

Die Hoffnung, vielleicht auch politisch auf diesem Wege dem einen oder anderen die Augen zu öffnen, habe ich auch noch nicht ganz aufgegeben. 

 

Mein Leben ist es und war es nicht, das Schreiben. Aber ohne das Schreiben wäre es auch nicht mein Leben gewesen. 

 

 

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