Poesie und Texte
Poesie und Texte

Das Riesenrad

Er solle schon vorausgegangen. Sie müsse noch ihren Eyeliner nachziehen, hatte sie gesagt.

Als er die Tür des Hotelzimmers hinter sich geschlossen hatte, atmete sie auf. Endlich war sie mal ein paar Minuten allein! Es kam ihr so vor, als sei sie eben aus einer erdrückenden Wassertiefe für kurze Zeit aufgetaucht, um Atem zu holen. Die Heftigkeit des Befreiungsgefühls überraschte sie.

Sie hatte gerade im Bad gestanden, als er hinausging. Die Spiegel im schneeweißgekachelten Raum zeigten ein blasses, fragendes Gesicht, das wohl ihres sein musste. Sie schaltete die Badezimmerlampe aus. 

Im Hotelzimmer waren die Betten noch nicht gemacht. Auf dem Nachttisch neben ihrem Kopfende lag der Brief ihrer Tochter, wegen dem sie sich vor dem Einschlafen gestritten hatten. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Richtig gestritten hatten sie sich natürlich nicht. Eigentlich hatten sie sich noch nie gestritten. Keiner von ihnen wollte das. Sie hatten beide genug gekämpft in ihrem Leben mit anderen und mit sich selber.

Es war nichts weiter geschehen. Er hatte sich nur ein ganz kleines Bisschen über ihre Sorgen lustig gemacht. Er fand sie überflüssig. Natürlich waren sie überflüssig, ihre Sorgen. Und dennoch hatten sie sie auf einmal überfallen, als sie den Brief las. Und sie konnte ihre Sorgen den ganzen Tag hatte nicht loswerden können. Der Gedanke an das verletzte, kindlich hilflose Gesicht von Jana war ihr wie ein Steinbrocken mitten ins Herz gefallen und ließ sie nicht mehr los. Ihre Urlaubslaune hatte einen hässlichen Knick bekommen. Wieso verstand er das nicht? Trotzdem wurde kein richtiger Streit daraus. Sie küsste ihn flüchtig, als sie ihm Gute Nacht wünschte. Aber es blieb eine kühle Enttäuschung zurück. Grübelnd und fröstelnd war sie eingeschlafen.

 

Sie warf einen Blick aus dem kleinen Fenster hinunter in die schmale Straße vor dem Hotel. Auto reihte sich an Auto rechts und links der Fahrbahn, auf der nur mit großer Vorsicht zwei Wagen an einander vorbeifahren konnten. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite kamen Menschen aus dem türkischen Gemüseladen. Zwei Häuser weiter stellten Straßenarbeiter Sperrschilder auf. Irgendwo noch weiter hinten, eng eingekeilt, musste auch ihr Wagen stehen. Wie froh waren sie vor vier Tagen gewesen, als sie diesen Stellplatz gefunden und es dann auch noch geschafft hatten, das Auto hineinzuparken! Lachend hatten sie sich in den Armen gelegen. Jetzt also konnten sie sorglos mit ihrem Wienurlaub beginnen. Damals war ihre Freude noch ungetrübt.

Wie lange schien das her zu sein! Was war inzwischen passiert? War es wirklich dieser dumme Streit? Oder war da ein Eis gebrochen, dass unbemerkt ganz dünn geworden war und bei der ersten Belastung nachgab und den Weg in den Abgrund öffnete?

 

Der Himmel über den Dächern und den schon bräunlich verfärbten, mit ihrer stacheligen Last behangenen Kastanien war blass blau, von dünnen Federwolken überzogen. Es sah nach Regen aus. Das Wetter hatte also umgeschlagen. Es war schon gestern Nachmittag kalt geworden. Sie hatte ziemlich gefroren in ihrer Sommerjacke.

Sie sollte heute unbedingt ihren Schal umlegen, wenn sie zum Prater fahren werden. Sicher wird wieder dieser kühle Wind wehen, sobald man die Innenstadt mit ihren schützenden großen Bürgerhäusern verlassen hat.

Die nächste U-Bahnstation war nicht weit. Sie lag vorne beim Westbahnhof. Von dort aus würden sie nachher wieder aufbrechen. Sie konnte den Bahnhof von hier oben sogar sehen, wenn sie sich ein wenig vorbeugte.

 

Den Prater hatte sie schon immer einmal besuchen wolle, im Frühling am Besten oder vielleicht auch im Herbst. Der Prater, der war ihr als Erstes eingefallen, als er vor ein paar Monaten vorschlug, mit ihr nach Wien zu fahren, der Prater und das Riesenrad. ‚Wir werden im Riesenrad sitzen, auf die Stadt hinunterschauen und uns küssen. ‚Stadt der Liebenden’, dachte sie damals.

Langsam drehte sie sich vom Fenster weg. Sie musste endlich hinuntergehen. Keine Ahnung, wie lange sie nun schon hier oben gestanden und hinuntergesehen hatte. Er würde beunruhigt sein, wenn sie nicht bald käme.

 

Auf dem kahlen, langen Hotelflur begegnete ihr kein Mensch. Im spiegelnden Fahrstuhl fuhr mit ihr ein junges Pärchen ins Erdgeschoß, das kichernd mit sich selber beschäftigt war und von ihrer Anwesenheit keinerlei Notiz nahm. Unten im Foyer lümmelte sich eine japanische Reisegruppe auf ihren großen Koffern und wartete auf irgendetwas. Im Frühstückssaal herrschte noch immer Hochbetrieb.

Sie blickte sich suchend um. Fast alle Plätze waren belegt. Ein kleiner Tisch am Fenster fiel ihr ins Auge, an dem noch niemand saß. Am liebsten wäre sie dort hingegangen und hätte von da weiter aus dem Fenster gesehen. Sie riss sich zusammen. Kurt wartete auf sie. Jetzt sah sie ihn, weiter hinten im Raum. Er winkte sie mit einer seiner großen Gesten zu sich heran. Sie bahnte sie sich zwischen den essenden Menschen und der Schlage am Büffet hindurch den Weg zu ihm.

Er war nicht alleine. Er lächelte ihr entgegen, stand auf und rückte ihr den noch freien Stuhl zurecht.

 „Du hast lange gebraucht, mein Schatz“, stellte er fest. In seiner Stimme klang kein Vorwurf mit, nur ein kleines Erstaunen.

Sie murmelte etwas von verwischter Wimperntusche und goss sich einen Kaffee ein.

Wieso verhält er sich so unbefangen, ganz so, als sei nichts gewesen gestern Abend, dachte sie. War es möglich, dass er den kleinen Vorfall völlig vergessen hatte? Wenn sie ehrlich war, hielt sie es sogar für möglich, dass er ihn nicht einmal bemerkt hatte.

Sie stand auf und ging mit ihrem Teller zum Büffet. Sie war froh, noch einmal fort gehen zu können.

 

„Heute geht es also zum Prater“, plauderte Kurt munter drauflos, kaum dass sie sich wieder gesetzt hatte.

„Da waren wir gestern auch“, bemerkte der Tischnachbar und lachte seine Partnerin an. Die lächelte und legte dann liebevoll ihre Hand auf seinen Oberarm.

Wie von ungefähr flog ein kleines, trauriges Neidgefühl durch ihr Herz, als sie das andere Paar betrachtete. Die beiden mochten etwa in ihrem Alter sein. Aber bestimmt waren auch sie ein frisches Liebespaar. So sah man sich nicht mehr an nach 20 Jahren Ehe.

Und wie wirkten sie als Paar? Konnte man ihnen auch noch ansehen, dass sie ein Liebespaar waren?

Sie musste unwillkürlich den Mann betrachten, mit dem sie nun seit gut einem Jahr zusammen war. Sie sah ihn neben sich sitzen und lachen. Sie schaute in sein Gesicht und wartete auf das gewohnte Gefühl der Rührung, das sie immer ankam beim Anblick seines schmalen aber doch weichen Mundes, seiner starken, leicht nach links gebogenen Nase. Das Gefühl blieb heute aus. Außer der Tatsache, dass sein Dreitagebart jetzt doch endlich rasiert werden sollte, fiel ihr nichts bei diesem Anblick ein.

Wann war das passiert, überlegte sie. Erst gestern Abend? Oder vielleicht doch schon eher? Sie schluckte.

„Geht es dir nicht gut?“ Er hatte ihren Blick bemerkt.

„Doch, doch“, versicherte sie und versuchte zu lächeln.

„Du siehst so traurig aus.“

„Tatsächlich? Warum sollte ich denn traurig sein?“

„Sollen wir besser heute nicht zum Prater fahren?“

„Doch, doch. Es ist schon o. k. Lass uns hinfahren!“

Immerhin waren sie in Wien und das Riesenrad auf dem Prater, das durfte man sich einfach nicht entgehen lassen. Trotz allem.

 

Am Himmel zogen inzwischen dunkel gefärbte Wolken über das blasse Blau. Die Windböen, die durch die breite, menschenleere Allee fegten, warfen ein paar kalte Tropfen in ihr Gesicht. Große braune und gelb verfärbte Blätter klebten am Boden. Eine ganze Zeit lang waren sie schon nebeneinander hergelaufen, ohne sich zu berühren. Sie hatte demonstrativ ihre Hände tief in die Jackentasche gesteckt. So sehr sie es sich wünschte, sie brachte es nicht fertig, ihn zu berühren. Sie konnte es nicht. Sie spürte, wie ihr die Tränen kamen vor Enttäuschung über ihren eigenen Widerwillen. Am liebsten wäre sie irgendwo hineingekrochen, in irgendein Mauseloch, wo sie geborgen und für sich allein dem kalten Tag hätte trotzen können.

Er lief neben ihr her und sah sie ab und zu von der Seite an, sagte aber nichts.

„Du hast ja ganz kalte Hände“, bemerkte er, als er beim Einbiegen von der Straße in die Parkanlage zum Pratereingang ihre Hand genommen hatte.

„Ich finde es heute ziemlich eisig“, bemerkte sie und fühlte sich ertappt.

Sie ließ ihm ihre Hand, zog sie nicht zurück. Aber sie spürte kaum Wärme zu sich herüber fließen.

„Wir sind ja gleich da“, versuchte er sie zu trösten. „Komm, wir gehen etwas schneller, dann wird dir sicher warm!“

Sie nickte stumm. Ihre kalte Hand lag in seiner wie ein toter Gegenstand, der nicht zu ihr gehörte.

‚Was ist los mit mir?’, dachte sie mit einem Anflug von Panik. Es kam ihr so vor, als hätte jemand während eines Wolkenbruches den Regenschirm über ihr zusammengeklappt. Am liebsten wäre sie umgedreht und mit einem Taxi ins Hotel zurückgefahren.

 

Nur vereinzelte Menschen wagten sich an diesem windigen, kalten Spätherbsttag in den Prater. Nur wenige Schaubuden hatten geöffnet. Hinter der Theke der Schießbude langweilte sich fröstelnd eine junge Frau. Der kleine Platz um das berühmte Riesenrad war beinahe leer. Das Rad drehte sich nicht. Die aufgedonnerte, vollbusige Dame im Kassenhäuschen wartete mit müdem Gesicht vergebens auf Besucher. Die Gondeln hingen traurig, wie gefangen in der feuchten Luft. Es verspürte offenbar niemand Lust, dort oben in der grauen Regenluft herumzukreisen und einen Blick auf das ungemütliche, graue Bild zu werfen, welches die Stadt heute bot. Es fror sie beim Anblick der in der Luft leise schaukelnden Kabinen. Nein, wahrhaftig, heute wollten sie nicht Riesenrad fahren.

 

Ganz in ihrer Nähe ertönte ein dünnes, aber schrilles Bimmeln, das die Besucher zu einer Rundfahrt in die Praterbahn einladen wollte. Die buntbemalten Wagen erinnerten an Kindertage. Es könnte lustig sein, damit über das Pratergelände zu fahren. Auf jeden Fall war das besser, als eine luftige Fahrt im traurigen Riesenrad.

Beim näheren Hinsehen, zeigte der Lack auf den Waggons schon die untrüglichen Spuren der zu Ende gehenden Saison. Auch innen die Polster waren abgenutzt und schmuddelig. Dennoch stiegen sie in einen der engen Wagenabteile. Sie setzten sich einander gegenüber, nicht nebeneinander, so wie sie es sonst immer taten. Mit unterdrückter Ungeduld warteten sie auf die Abfahrt. Außer ihnen saß ein paar Abteile weiter noch eine junge Frau, die einen kleinen Jungen auf ihrem Schoß festhielt. Die meisten anderen Waggons blieben leer. Es dauerte lange fünf Minuten, bis die Bahn endlich anruckte und dann los fuhr, wie eine lange, üppig gedeckte und mit bunten Papiergirlanden geschmückte Geburtstagstafel, an der nur ganz wenige Gratulanten Platz genommen hatten.

Langsam, im Schleichtempo, fuhren sie kreuz und quer über den Prater. Nasse Windböen jagten zwischen den Buden hindurch und fegten ungehindert durch das ungeschützte Abteil des Bähnchens. Die Metallwände der Wagen strahlten Kälte ab. Sie zog ihre Jacke enger um sich.

Er wechselte sofort auf ihre Seite und sie zu wärmen. Sie lehnte sich bereitwillig und zitternd an ihn und fror dennoch weiter.

Das kleine Gefährt bummelte auf seiner festgelegten Route vorbei an überdimensionierten, grell bunten Losbuden. Vor den mit rosafarbenen und neongrünen Riesenteddybären prall gefüllten Regalen traten Losverkäufer frierend von einem Bein auf das andere. Sie kamen an Verkaufswagen vorbei, die über und über mit Lebkuchenherzen behängt waren, auf denen in verschnörkelter, weißer Schrift zuckersüße Liebesschwüre um die Wette schrieen.

Das dünne, scharfe Klingeln der kleinen Bahn scheuchte die wenigen Besucher zur Seite, die zwischen den Schaubuden und Karussellen herumirrten. Das Gefährt patschte durch große Pfützen und fuhr mitten durch Berge zusammengewehter Papierfetzen.

Schließlich bog die Bahn in die zugige Allee ein, von der sie vorhin zu Fuß gekommen waren. Jetzt fuhr sie eine Zeit lang schnurgerade weiter, zwischen den alten Bäumen mit ihren noch belaubten, brauen Kronen hindurch. Die Blätter, die schon am Boden lagen, trieb der Wind vor sich her, schüttete sie hier und da launisch zu Blätterbergen auf, die gleich darauf wieder aufwirbelten und weitergetrieben wurden. Vor dem inzwischen gleichmäßig grauen Himmel sahen die Silhouetten der Bäume aus, als hätte sie jemand aus braunem Packpapier ausgeschnitten und auf graue Pappe aufgeklebt.

Die Fahrt schien endlos. Sie fror immer noch. Der Mann neben ihr versuchte trotzdem, seine gute Laune zu behalten.

Als die Bahn endlich wieder am Riesenrad angekommen war, hatte sie das Gefühl, zu Eis erstarrt zu sein. Es tat gut, die Füße wieder bewegen zu können.

„Wir sollten was Warmes trinken“, sagte er. „Oder meinst du, wir können doch noch aufs Riesenrad?“

Sie sah hoch. Inzwischen hatte das Riesenrad eine langsame Fahrt aufgenommen. Ganz oben, wo die höchste Gondel in den Himmel ragte, riß gerade die Wolkendecke ein klein wenig auf und gab einen schmalen Streifen Oktoberblau preis. Vielleicht wäre es da oben jetzt sogar angenehmer als hier mitten auf dem zugigen Platz?

Auf einem großen Holzschild, das neben dem Kassenhaus angebracht war, entdeckte sie eine Aufschrift, die sie fesselte, ein paar in schwungvollen Buchstaben gemalte Zeilen, ein Gedicht. Sie ging näher hin. Es war eine Ode an das Riesenrad, ein Stück mondsüchtiger Poesie, ein schwebendes Zauber- und Liebesgedicht. „Ingeborg Bachmann“ stand darunter und ein Datum. Diese Frau hatte einen kleinen trunkenen Lichtgedanken hier zurückgelassen -für alle späteren Besucher und Besucherinnen des Praters. Berauscht vom Anblick des Riesenrades vor dem Sternenhimmel der Stadt.

Sie stand und las. Lange. Immer wieder.

Ja, so in Etwa hatte sie es sich vorgestellt, dieses Wien, genauso, wie diese Frau Bachmann es hier prophezeit hatte: Ein Liebestraum und mitten darin sie beide, eingetaucht in die Nähe und Wärme des anderen, schwebend auf einer trudelnden, schimmernden Wolke, ergriffen von der Tiefe und Klarheit des Gefühls für einander.

Aber es war nicht so gekommen, Frau Bachmann! Ganz anders war es gekommen:

Statt dieses Traumes fand sie sich wieder in einer grauen, nassen Stadt, bei unfreundlichen Herbstwinden und mit kalten Händen und kaltem Herzen.

„Was ist nun, wollen wir? Hast du jetzt Lust bekommen?“ Seine Stimme hatte etwas Ungeduldiges.

„Nein“, sagte sie. „Mir ist zu kalt. Lass uns gehen.“

„Du hast doch was! Was ist los mit dir?“

Er sah sie an. Besorgt, irritiert. Ahnungsvoll.

„Ich glaube, ich habe etwas verloren“, sagte sie langsam und sah an ihm vorbei.

Der Regen war stärker geworden.

 

 

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© Mechthild Seithe