Poesie und Texte
Poesie und Texte

Grusche sucht eine Freundin

Die Bilder sind von mir gemal, die Tiere als Schablonen in die Landschaft gesetzt. Meine Sehnsucht ist immer gewesen, dass ein guter Grafiker ins Bild setzt, was Grusche erlebt.

 

Nicht allzu weit von der Stadt entfernt, in der du lebst, aber so weit, dass man dort kein Haus mehr sehen und kein Auto hören kann, gibt es im Wald eine helle, freundliche Lichtung. Ringsherum stehen hohe Tannenbäume, dicke Buchen und ein paar Erlen. Hier aber, auf die kleine Lichtung kann die Sonne ungehindert scheinen, hier gibt es Gras, ein paar Himbeersträucher am Waldrand und im Sommer Blumen zwischen den Grashalmen.

Unter einer besonders dicken Erle, die ein wenig in die Lichtung hineinragt, ist der Boden sandig.  Hier sieht man einen Hügel und ahnt nicht, dass hier, versteckt hinter Gestrüpp, der Eingang zu einer Höhle liegt. Hier wohnt Grusche mit ihrer Familie, der Bärenmutter, dem Bärenvater und ihrem Bärenbruder Peter. Vielleicht bist du sogar schon einmal über diese Lichtung gegangen? Aber von den Bären hast du keinen gesehen? Kein Wunder! Denn dann müsstest du schon so leise gehen können wie ein Tier.  Aber vor Menschen haben die Tiere im Wald Angst und verstecken sich, wenn sie unsere Schritte hören.

 

 

Und wenn du dich nun doch ganz leise wie auf weichen Pfoten herangeschlichen hättest?  Ja, vielleicht hättest du sie dann gesehen, wenn es schönes Wetter gewesen wäre und die Sonne den Sandhügel so richtig aufgeheizt hätte.

Dann nämlich liegt Grusche am liebsten auf dem Rücken vor dem Höhleneingang und lässt sich den Bärenbauch von der Sonne bescheinen.

 

 

Sie macht die Augen zu und schnuppert nach allen Düften, die in der warmen Luft über die Lichtung ziehen: Sie riecht die Butterblumen und das blühende Moos, die Walderdbeeren, den Mistkäfer, der an ihrer Nase vorbeikrabbelt und manchmal sogar einen Hauch von Honig aus dem Bienennest in der Tanne drüben am anderen Waldrand.

Aber du sollst nicht denken, Grusche sei etwa ein fauler kleiner Bär, der nur in der Sonne liegen und vor sich hindösen mag. Grusche ist flink auf den Beinen. Sie kann wie der Blitz rennen, wenn sie eine Maus jagt. Und wenn sie mit ihren großen Brüdern Schmetterlinge fängt, dann springt sie ausgelassen herum.

 

<Dies ist Grusches zweiter Sommer.

Sie kennt sich gut aus auf der Lichtung und unter den Waldbäumen rundherum. Der Sommer ist wunderschön, gerade so, wie sie ihn sich im Winterschlaf erträumt hat. Nur, diesen Sommer ist Grusche alleine. Ihr Bruder ist zur Bärenschule gekommen und hat keine Zeit mehr zum Rumtoben und zum Schmetterlinge Fangen. Und ihr Vater und ihre Mutter sind den ganzen Tag unterwegs, um etwas zum Fressen zu besorgen und um wichtige Neuigkeiten zu erfahren.

Wenn sie abends heimkommen, sind beide oft zu müde zum Spielen und es wird dann auch bald schon dämmrig und kühler. Drinnen in der Höhle kuschelt sich Grusche zwischen ihre Eltern und fühlt sich geborgen. Bald schlafen die Bären ein. Über der Lichtung steht der Mond und bescheint blass den hellen Sandhügel, unter dem die Bären hausen.

Der neue Tag war wieder einmal wunderbar!

Grusche sprang aus der dunklen Höhle in die helle Sonne  und kugelte sich einige Male vor Übermut den Sandhügel herab bis ins Gras. Ihre Eltern und Peter machten sich bald auf den Weg.
„Spiel schön!“, rief die Mutter noch.

Grusche spielte zuerst mit einem Kieselstein, dann schlug sie Purzelbäume, dann saß sie still und lauschte. Seltsam, heute hatte sie eigentlich gar keine Lust zum Toben. Sie saß da und hörte den Grillen zu, die im Gras zirpten. Bisher hatte sie die Grillen gerne ein bisschen geärgert, mit der Pfote nach ihnen gegrabscht und über ihre hohen und aufgeregten Sprünge gelacht. Heute aber hörte sie zum ersten Mal die Musik, die sie machten. Und es geschah etwas Seltsames: Sie wurde ein bisschen traurig, aber nicht sehr traurig. Und sie spürte, dass sie etwas haben wollte. Ganz, ganz dringend wollte sie das! Aber was war es nur? Grusche wusste es nicht.

„Was ist mit dir los?“, fragte die größte und älteste Grille. „Sonst ärgerst du uns immer, aber heute siehst du so traurig aus, kleine Grusche!“

„Ich höre auf deine Musik“, sagte Grusche.

„Gefällt sie dir nicht?“, fragte die Grille besorgt.

„Doch, sogar sehr!“ antwortete Grusche. „Aber wenn ich dir zuhöre, bekomme ich so ein komisches Gefühl im Bauch und hier oben unter dem Fell.“

 

„So, so. Weißt du Kleines, dass du Sehnsucht hast?“

„Was ist das, Sehnsucht?“ fragte Grusche erstaunt.

„Na, vielleicht fühlst du dich alleine? Vielleicht brauchst du einen Freund?“

„Kann sein“, murmelte Grusche. „Was ist denn das, ein Freund?“

„Ein Freund ist jemand, bei dem man sich wohl fühlt und der bei einem bleibt.“

„Ja, das könnte sein“, überlegte Grusche. „Ich möchte so jemanden haben. Hast du einen Freund, alte Grille?“

„Ich? Natürlich, ich habe viele Freunde“, kicherte die Grille. „All die Blumen hier sind meine Freunde.“

„Oh“, staunte Grusche und blickte über die Wiese. „Du hast es gut.“
Das fand die Grille auch und fing wieder an, Musik zu machen.

„Was meinst du, ob eine der Blumen hier meine Freundin werden könnte?“, fragte Grusche plötzlich ganz unhöflich mitten in das Konzert hinein.

Aber die alte Grille war nicht böse.

„Ja, natürlich“, sagte sie. „Welche gefällt dir denn am besten?“

Grusche reckte sich ganz hoch und sah sich alle Blumen genau an, die glänzenden Butterblumen, die stolzen Margeriten, die dicken pummeligen Löwenzahnblüten, die kleinen Gänseblümchen. Ganz hinten am Wiesenrand stand eine hohe Blume mit leuchtenden blauen Glöckchen. Die gefiel ihr am besten.

„Geh, und frag sie doch!“ schlug die Grille vor.

„Einfach so?“ fragte Grusche etwas unsicher.

„Natürlich einfach so! Es ist doch nichts Schlimmes und auch gar nichts Besonderes, einen Freund zu suchen. Jeder braucht doch Freunde! Geh schon!“

Grusche setzte sich vorsichtig neben die Glockenblume ins Gras.

„Guten Tag, ich bin Grusche, das Bärenmädchen, ich wohne dort unter dem Sandhügel“, sagte sie mutig.

„Guten Tag, ich kenne dich schon vom Sehen“, antwortete die Blume freundlich.

„Ich dachte, wir könnten vielleicht Freunde werden?“, fragte Grusche ängstlich.

„Freunde?“ wunderte sich die Blume. „Gut, wenn du willst“, sagte sie schließlich. „Wie geht das denn?“

 

„Ach, wir sitzen einfach bei einander, und wenn wir Lust haben, dann machen wir was zusammen“ erklärte Grusche.

Die Glockenblume gefiel ihr wirklich sehr. Sie hatte fünf blaue Glöckchen und stand so stolz und gerade im Gras.

„Ich könnte läuten“, schlug die Glockenblume vor. „Und du hilfst mir dabei“.

„Oh fein, das gefällt mir!“ freute sich Grusche. „Was muss ich tun?“

„Du musst ein bisschen pusten wie der Wind, dann läuten meine Blütenglöckchen“

Grusche pustete ganz vorsichtig. Und wahrhaftig, es klappte! Es war schön. Grusche blies und blies. Dann aber fragte sie:

„Und jetzt, was können wir jetzt machen?“

„Ich kann nur läuten“, sagte die Glockenblume etwas verschnupft.

Grusche sagte nichts. Sie saß neben der Glockenblume und dachte nach.

„Ich glaube, ich gehe jetzt mal“, sagte sie schließlich unschlüssig. „Es war ein schönes Spiel“, fügte sie hinzu, um die Glockenblume zu trösten. Aber die war gar nicht traurig.

„Der Wind pustet doch besser als du, Grusche“, meinte sie stolz. „Aber es war nett, dass du hier warst“, sagte sie noch.

 

Grusche suchte die alte Grille und erzählte ihr von der Glockenblume.

„Ich glaube, sie wollte gar keine Freundin“, seufzte sie. „Der Wind ist ihr lieber, hat sie gesagt. Und ich bin jetzt noch trauriger. Spiel mir was vor, Grille!“

Die Grille spielte und Grusche sah in die Tannenwipfel, die sich vor dem blauen Sommerhimmel ganz leise hin und her wiegten. Aber auch das machte sie nur noch trauriger.

 „Ich glaube“, sprach die alte Grille schließlich, „ich glaube, du brauchst eine Freundin, die ein bisschen mehr so ist wie du.  Sieh mal, die Glockenblume steht fest auf ihrer Stelle und kann nur läuten und duften. Du hast vier Beine, du kannst laufen und klettern. Vielleicht musst du dir lieber ein Tier suchen, das mit dir spielen und springen kann?“

Das war eine gute Idee!

„Dann können wir Verstecken und Fangen spielen und runter zum Bach laufen!“ rief Grusche begeistert.

Aber dann wurde sie nachdenklich. Sie kannte ja alle Tiere hier auf der Lichtung und unter den Bäumen. Da lebte zum Beispiel weiter im Unterholz ein Dachs. Aber der wollte bestimmt keine Freunde haben, der hatte ja nur schlechte Laune. Und dann gab es ein paar

Kaninchen, die hatten Angst vor Bären. Und sonst gab es doch nur Schmetterlinge und Ameisen, Vögel und Käfer! Aber ein Tier brauchte sie, das auch laufen und klettern kann, hatte die alte Grille gesagt. Da kamen alle diese kleinen Tierchen doch gar nicht infrage! Einmal war eine Wildschweinfamilie über die Lichtung gezogen. Die kleinen Frischlinge hatten Grusche gut gefallen. Sie waren lustig und quiekten. Aber wer weiß, wann wieder einmal so ein richtiges Tier auf unserer Lichtung vorbeikommt, überlegte Grusche.

„Da kann ich ja den ganzen Sommer warten!“, sagte sie unzufrieden zur alten Grille und ließ sich ins Gras fallen, legte die Schnauze auf die Vorderpfoten und blinzelte missmutig in die Sonne.

„Auf einen Freund, meine Grusche, kann man nicht warten, bis er einem von selbst vor die Nase läuft. Einen Freund musst du suchen“, sagte die alte Grille weise.

„Aber ich kenne doch alle Tiere hier.“

„Dann musst du eben ein bisschen fortgehen von der Lichtung. Der Wald ist groß. Du wirst schon eine Freundin finden.“

„Fort?“, fragte Grusche etwas erschrocken und gleichzeitig auch schon ein bisschen neugierig, denn sie wollte schon lange einmal mehr vom Wald sehen. „Noch weiter als bis zu dem  großen Weg an den Eichen“ fragte sie aufgeregt.

„Natürlich noch weiter“, nickte die Grille. „Angst brauchst du doch nicht zu haben, Grusche, der Wald ist doch dein zu Hause und du bist ein Bär.“

„Gut Grille, du hast Recht. Ich werde mir eine Freundin suchen!“ sagte Grusche entschlossen. „Aber wohin gehe ich denn am besten?“

„Das ist ganz egal, Freunde kann man überall finden“, sagte die Grille. „Denk drüber nach, Grusche. Ich muss jetzt noch ein bisschen spielen.“

Und sie fing wieder an, Musik zu machen.

‚Morgen gehe ich los‘, dachte Grusche bei sich, „morgen, wenn schönes Wetter ist‘.

Sie legte sich mit dem Rücken in den warmen Sand und träumte. Sie würde morgen bestimmt eine viel nettere Freundin finden als die Glockenblume. 

 

Als die Schatten schon länger wurden und der Sand nicht mehr wärmte, kamen Peter und die Eltern zurück.

„Hast du schön gespielt?“ fragte der Vater.

„Ich gehe morgen im Wald spazieren und suche mir eine Freundin“, verkündete Grusche stolz.

Die Eltern sahen sich überrascht an und schmunzelten.

„Ja, tu das, Grusche, du bist groß genug!“

‚Ich suche mir eine Freundin, die bei mir ist und bei der ich mich wohl fühle. Und dann geh ich mit ihr auf Schmetterlingsjagd‘, dachte Grusche noch, bevor sie, an Mamas Bauch gekuschelt, einschlief.

 

 

 

Es war wieder so ein warmer, blauer Tag und Grusche war gespannt und voller Zuversicht. Sie würde den ganzen Wald kennen lernen und vielleicht heute schon eine Freundin finden! ‚Das ist dann meine Freundin‘, dachte sie glücklich.

Sie überquerte die Lichtung, nickte kurz zur Glockenblume hinüber, als sie an ihr vorbeikam. Aber die hatte gerade keine Zeit. Der Morgenwind läutete ihre Glocken.

Im Wald war es noch kühl und frisch. Auf den Moospolstern und in den Spinnennetzen glitzerten die Tautropfen. Der breite Sandweg, der auf der anderen Seite der Lichtung den Wald begrenzte, lag in der hellen Sonne. Grusche erblickte eine kleine Maus, die in ihr Loch flitzte, als sie das Bärenmädchen kommen sah.

‚Auf der anderen Seite vom Weg geht die große Welt los‘, dachte Grusche. ‚Also auf geht’s!‘

Sie kletterte eine Böschung hoch und lief zwischen den riesigen Baumstämmen weiter. Ein bisschen klopfte jetzt ihr Herz vor Aufregung und neugierig schnüffelte sie an allem, was ihr begegnete.

Aber eigentlich sah es hier genauso aus, wie auf der anderen Seite des Weges. Dann aber hörte der Wald auf und Grusche stand auf einmal vor einer großen Wiese, viel größer als die an ihrer Bärenhöhle. Die Wiese senkte sich ins Tal hinunter.

Ganz unten, fast am Horizont standen wieder große Bäume. Grusche staunte. Das helle Sonnenlicht blendete sie.

 

 

Und als sie etwas verwirrt noch ein paar Schritte weiter lief, hörte sie dicht neben sich eine Stimme unfreundlich brummen:

„Hey, du, mach nicht so einen Krach! Du vertreibst mir die ganzen Mäuse.“

Grusche musste zweimal hinsehen, bis sie erkannt, woher die Stimme kam.

Neben ihr, tief ins Gras geduckt kauerte eine große, graue Wildkatze mit dickem Schwanz, der ärgerlich hin und her zuckte.

 

Entschuldige“, sagte Grusche. „Ich wollte dich nicht stören. Ich suche nur was.“

„Mäuse?“, fragte die Katze interessiert.

„Nein, ich glaube nicht“, sagte Grusche. „Ich glaube, die sind mir zu klein“.

„So? Aber mir schmecken sie gut“, wunderte sich die Katze.

„Ich esse am liebsten Honig“, bemerkte Grusche. „Ich muss jetzt weiter. Ich suche meine Freundin“.

„Ach so, aber dann geh leise“!, hauchte die Katze und legte sich wieder auf die Lauer.

Grusche lief, so leise sie konnte, am Wiesenrand entlang und dann wieder in den Wald.

Einmal drehte sie sich noch um. Ganz oben am Rand der Wiese lag unbeweglich die große Katze.

 

Grusche trottete den ganzen Vormittag durch den Wald. Sie plantschte in einem Bach, fand Walderdbeeren und beobachtete aus sicherer Entfernung ein Ameisenvolk. Aber sie traf kein Tier, das ihr gefiel.

Gegen Mittag ruhte sie sich etwas aus und träumte ein wenig. Wie lustig würde das Leben im Wald, wenn sie nur erst mal ihre Freundin gefunden hätte! Grusche dachte sich schon allerlei neue Spiele aus und die versteckte Stelle mit den Walderdbeeren würde sie ihr natürlich auch verraten. Grusche seufzte. Nur musste sie die Freundin eben erst einmal finden! Sie machte sich wieder auf den Weg.

 

Grusche war eine ganze Zeit durch den Wald getrabt, als sie an einen breiten Bach kam. ‚Am besten gehe ich einfach den Bach entlang, da treffe ich am ehesten andere Tiere‘, dacht sie bei sich. Und tatsächlich! Bald hörte sie neue Geräusche, Plantschen und lautes Nagen. Vorsichtig schaute Grusche durch die Büsche, die am Wasser standen.

Was sie dort am Bach hinter der Biegung sah, gefiel ihr außerordentlich. Dort tummelten sich einige große Pelztiere mit ganz dicken Schwänzen. Einige wateten durch den Bach, andere standen an Bäumen und nagten die Stämme von jungen Kiefern durch. Die meisten dieser Tiere waren schon groß, aber es waren auch drei Fellkinder darunter. Grusche blieb im Gebüsch und beobachtete die fremden Tiere eine ganze Weile. Fleißig waren sie uns sehr geschickt! Sie rollten die abgenagten Stämme ins Wasser und stapelten sie aufeinander. Sie bauten einen richtigen Staudamm.

‚So klug und fleißig sollte meine Freundin schon sein‘, überlegte Grusche.

Endlich kletterte sie aus dem Gebüsch und lief auf die Tiere zu. Die aber ließen sich nicht stören und sahen nur flüchtig auf.

 

„Ich bin die Grusche. Ich bin ein Bär“, redete sie eines der kleinen Tierkinder an. „Was seid ihr denn für Tiere?“

„Biber“, sagte das Bibermädchen und schleppte einen großen Ast die Böschung hinab.

„Ah“, meinte Grusche. „Ihr seid sehr fleißig, nicht?“

„Kann schon sein“, antwortete das Bibermädchen ohne aufzusehen.

Grusche hätte sie gerne gefragt, ob sie ein bisschen zusammenspielen könnten. Aber jetzt hatten die Biber wohl keine Zeit.

„Soll ich euch ein bisschen helfen?“ fragte Grusche, die nicht länger einfach nur zusehen wollte.

„Wenn du willst. Hier trag dann mal den Ast runter!“, gab das Bibermädchen zurück.

Grusche packte ordentlich mit an. Das ging so eine ganze Zeit. Allmählich taten Grusche schon der Rücken und die Vorderbeine weh. Und wie gerne wäre sie jetzt einfach ein bisschen herumgetollt!

 

Endlich – es war schon später Nachmittag – hörten die Biber auf, zu arbeiten.

„Spielst du jetzt ein bissen mit mir?“ fragte Grusche das Bibermädchen.

„Ich hab keine Zeit. Ich spiele jetzt bei uns im Bau mit meinen Geschwistern“, antwortete die gleichgültig.

„Oh, ich dachte, wir könnten ein bisschen Freunde werden“, sagte Grusche schüchtern. „Weißt du, ich suche nämlich eine Freundin.“

„Was du nichts sagst. Du bist doch ein Bär.  Meine Freunde sind alle Biber“, gab ihr das Bibermädchen spöttisch zurück.

Grusche stand verwirrt da.

„Aber ich habe euch doch so lange geholfen und so lange gewartet! Und jetzt willst du gar nichts von mir wissen?“, fragte sie enttäuscht.

„Bist selber schuld, wenn du so dumm bist!“, spottete das Bibermädchen und rannte zu den anderen.

Die Biber steckten die Köpfe zusammen, sahen nach Grusche hin und lachten. „So ein dummer Bär“, hörte Grusche sie sagen.

Grusche drehte sich um und lief weg. ‚So eine Gemeinheit‘, dachte sie wütend.

Aber schließlich fiel ihr ein, dass sie so eine Freundin auch gar nicht haben wollte. Wie sollte man denn mit der rumtoben und Schmetterlinge fangen?  ‚Nein, da suche ich lieber weiter!‘ beschloss Grusche.  Sie legte sich ins Moss und ruhte sich aus von der langen Schlepperei.

 

Als die Sonne ihre Kraft schon verloren hatte und der Wald stiller wurde, machte Grusche sich wieder auf den Heimweg. Sie war noch immer ein wenig enttäuscht. Aber natürlich, sie müsste mehr Geduld haben, hatte die alte Grille gesagt. Und warum sollte sie schließlich schon am ersten Tag so ein Glück haben?

Als sie zur großen Wiese kam, sah sie oben die Wildkatze an ihrer Stelle im Gras. Grusche lief den Wiesenhang hinauf und blieb einen Moment bei der Katze stehen.

 

„Da bist du ja noch“, sagte sie.

„Natürlich! Dies hier ist meine Wiese, hier oben sitze ich meistens“, gab die Katze zur Antwort. Es schien Grusche so, als sei sie jetzt ein bisschen freundlicher als am Morgen.

„Hast du denn deine Freundin gefunden?“

„Nein, noch nicht“, murmelte Grusche ein wenig verlegen.

„Weißt du denn nicht, wo sie wohnt?“

„Nein, nicht genau. Morgen suche ich weiter“, erzählte Grusche.

„Dann sehen wir uns sicher wieder“, meinte die Katze. „Wie heißt du eigentlich?“

„Ich heiße Grusche“, sagte Grusche.

„Ich bin die Mauz“, schnurrte die Katze.

„Also, ich geh dann jetzt nach Hause. Ich bin nämlich sehr müde“, antwortete Grusche. Sie lief schnell in den Wald, über den breiten Sandweg auf ihre heimatliche  Lichtung zu.

„Gute Nacht!“ hörte sie die Wildkatze noch rufen.

 

An diesem Abend lag Grusche schon schlafend in der Höhle, als die Eltern nach Hause kamen. So müde war sie gewesen!

 

Sie träumte von den Bibern, die nicht hatten mit ihr spielen wollen und von der Wildkatze Mauz.

 

 

 

 

Am nächsten Morgen stand Grusche wieder voller Eifer auf und lief los, sobald es warm wurde.

Oben am Hang, an der großen Wiese, sah sie sich nach Mauz um. Mauz schlicht ein paar Sprünge weiter  gerade durch das Gras. Sie war wohl schon wieder auf Mäusejagd.

Aber als sie Grusche sah, kam sie herübergesprungen.

„Guten Morgen“, grüßte Grusche.

„Guten Morgen, sagte Mauz, „suchst du heute wieder?“

„Ja, heute finde ich sie bestimmt!“ erklärte Grusche eifrig.

„Na dann viel Glück! Sagte die Katze. „Oder hast du noch ein bisschen Zeit? Ich wollte gerade runter zum Bach, Fische fangen.“

„Oh“, sagte Grusche. „Schade, aber ich  habe wirklich keine Zeit. Ich muss doch heute meine Freundin finden“.

„Ja, das ist schade“, maunzte die Katze. „Also bis heute Abend dann!“, sagte sie und sprang zum Bach hinunter.

Grusche sah ihr noch ein Weilchen nach und lief dann die Wiese hinunter zum Wald. Sie hatte einen langen Tag vor sich.

Um den Bibern nicht wieder zu begegnen, lief Grusche heute in die entgegengesetzte Richtung.

Gegen Mittag hörte sie Schafe blöken. Kurz darauf stand sie vor einer riesigen Wiese, auf der eine große Schafherde graste. Grusche staunte. So viele Tiere hatte sie noch nie auf einmal gesehen.

Sie hatten alle ganz dickes Fell und sahen richtig kuschelig aus. Besonders die kleinen davon gefielen Grusche.

 

 ‚Das müssen Schafe sein‘, dachte Grusche. Ihre Mutter hatte ihr von Schafen erzählt. Die Menschen schneiden ihnen die Haare ab und machen sich Kleider daraus.  Aber die hier auf der Weide hatten noch alle ganz dicke Wolle.

‚Ob ich mal eins von den Schäfchen einfach anspreche?‘,  überlegte Grusche. Bald kam eins der Lämmchen dicht an die Stelle, wo Grusche im Gras lag. Als es Grusche sah, blieb es erstaunt stehen.

„Guten Tag. Ich bin Grusche. Ich bin auf der Suche nach einer Freundin. Hättest du vielleicht Lust, meine Freundin zu werden?“ sprach Grusche das kleine Schaf freundlich an.

„Ja“, sagte das kleine Schaf und fraß ruhig weiter.

„Oh wie schön“, freute sich Grusche und machte einen Luftsprung.

„Dann spielen wir auch zusammen?“ fragte sie voller Erwartung.

„Spielen?“ wunderte sich das Schäfchen. „Wie geht denn das?“

Grusche wusste nicht so recht, was sie darauf sagen sollte. Wieso wusste denn das kleine Schaf nichts vom Spielen?

„Spielen? Ja das ist Rumrennen, Mäuse jagen, Schmetterlinge fangen, den Berg runterkullern, Verstecken spielen, na eben Spielen…“ erklärte sie und sah das kleine Schaf erwartungsvoll an.

„Kenn ich nicht“, sagte das Schaf ungerührt. „Ich hab auch keine Zeit. Ich muss immerzu Gras fressen und darf ja auch nicht weg von den anderen Schafen“.

„Aber warum willst du denn dann meine Freundin sein?“ fragte Grusche irritiert.

„Ach, nur so. Du hast mich doch darum gebeten“, antwortete das Schäfchen mit unschuldigen Kulleraugen.

„Ach du meine Güte!“,  stöhnte Grusche. „Aber wenn du doch gar nicht mit mir spielen willst!“

„Wir könnten zusammen Gras fressen“, schlug das Lämmchen vor, weil es merkte, wie enttäuscht der kleine Bär war.

„Gras mag ich nicht“, meinte Grusche und sagte dann: „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt mit meiner Freundin: lustig und aufregend…“

Aber das kleine Schaf hörte ihr gar nicht zu.

„Warum magst du kein Gras? Was kann man denn sonst essen?“, fragte es erstaunt.

Grusche seufzte. Sie sagte nichts mehr. Sie blieb noch eine Weile sitzen und sah den Schafen zu. Das Schafkind ging beim Fressen immer weiter weg.

„Mach‘s gut!“ sagte Grusche schließlich.

„Ja du auch, und probier mal Gras. Es schmeckt wirklich gut“, murmelte das Schaf ohne aufzusehen.

Grusche ging langsam zurück. Wieder war es nichts geworden! So schwer hatte sie es sich doch nicht vorgestellt, eine Freundin zu finden!

 

Traurig schlich Grusche gegen Abend die Katzenwiese hinauf. Mauz saß da uns sah ihr entgegen.

„Wieder nichts?“, fragte sie vorsichtig. Grusche schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, es ist sehr schwer, eine Freundin zu finden“, seufzte sie.

„Wie sieht deine Freundin denn aus?“, wollte die Katze wissen.

„Ach einfach nett, weißt du. Sie hat ein weiches Fell und vier Beine und ist lustig. Manchmal ist sie auch traurig. Aber dann tröste ich sie.  Und sie fängt gerne Schmetterlinge“, erzählte Grusche träumerisch und schämte sich ein wenig, weil sie die Katze anlog. „Eine nette Freundin“, meinte Mauz. „Mag sie auch Mäuse?“

„Ja, könnte auch sein“, Grusche blickt versonnen vor sich hin.

„Morgen findest du sie bestimmt!“ sagte Mauz. „Wenn sie Mäuse mag, würde ich sie auch gerne kennenlernen.“

„Bis morgen“, seufzte Grusche und trottete heim.

‚Ich glaube, die Katze denkt, dass ich meine Freundin schon kenne‘, dachte sie ein wenig beschämt. ‚Dabei weiß ich ja selbst nicht einmal, ob sie ein Bär, ein Fuchs, eine Hase oder vielleicht auch ein Reh ist. Und vielleicht finde ich auch gar keine Freundin‘.

Grusche kam heute ganz betrübt nach Hause.

 

 

 

 

Kopf hoch, Grusche, du wirst doch nicht nach zwei Tagen schon aufgeben!“ Die alte Grille schüttelte besorgt den Kopf, als Grusche ihr am nächsten Morgen von ihrem Pech erzählte. „So schnell geht das eben nicht! Und manchmal, weißt du, da findet man einen Freund, wenn man eigentlich gar keinen sucht.“

„Da redest du aber Unsinn, alte Grille!“ beklagte sich Grusche.

 „Geh nur und such weiter, du ungeduldiges Bärenkind!“, lachte die alte Grille.

Mauz saß auf ihrem Lieblingsplatz.

„Von hier oben kann ich die ganze Wiese überblicken“, sagte sie. „Sieh mal, da vorne ist ein Mauseloch und das dahinten sind meine Lieblingsblumen.“

Grusche sah sich die vielen lila Blüten an, die wie eine kleine Wolke über den Grashalmen schaukelten.

„Schön ist es bei dir!“, sagte sie voller Anerkennung.

 

Dann erblickte sie einen bunten Schmetterling, der sich mitten in den lila Blüten niederließ.

„Ein Schmetterling da vorne, kommst du mit?“ rief Grusche entzückt und rannte schon los.

„Eigentlich fange ich Mäuse“, maunzte die Katze.  Aber dann lief sie doch hinter Grusche her die Wiese hinab. Das war ein wildes Jagen und Springen. Der Schmetterling flog auf und taumelte gerade vor den Nasen von Grusche und Mauz hin und her! Dann schließlich flog er hoch und verschwand in der Ferne.

 

„Ei, das hat Spaß gemacht“, lachte Grusche.

Mauz schnurrte zufrieden und reckt sich. Sie ruhten sich ein wenig in der Sonne aus. Die lila Blüten dufteten.

 

 „Jetzt muss ich aber los“, meinte Grusche schließlich. „Du weißt, ich muss sie finden.“

„Ja, und dann viel Glück!“, rief die Katze hinter ihr her.

 

Grusche ging wieder einen anderen Weg.

Lange traf sie kein Tier, das ihr gefiel. Sie wollte schon fast umkehren, als sie vor sich im Gras zwischen den Bäumen  einen jungen Hasen sitzen sah.

Hasen kannte Grusche von daheim. Sie wusste, dass sie Angst vor ihr hatten. Grusche rührte sich nicht.  Lautlos blieb sie hinter einem Baum stehen und beobachtete das Häschen.

Es bewegte die langen Ohren und sprang recht vergnügt zwischen den Grasbüscheln herum. Es schlug Purzelbäume und stellte sich auf die Hinterbeine, als wollte es tanzen.

 

‚Das ist aber ein lustiges Tier‘, dachte Grusche. „Es gefällt mir. Vielleicht gefalle ich ihm auch? Wenn es nur keine Angst vor mir bekommt‘.

Endlich entschloss sich Grusche, auf das Häschen zu zu gehen.

Als das den kleinen Bären erblickte, blieb es erstarrt stehen und stellte sich tot.

 

„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben! Ich bin Grusche, das Bärenmädchen. Ich tu dir nichts. Ich suche nur jemanden zum Spielen. Ich bin bestimmt ganz lieb zu dir“, brummte Grusche so sanft und freundlich sie konnte.

Das Häschen zitterte mit seinen Schnurbarthaaren und sah Grusche ängstlich an.

„Hab doch keine Angst“, sagte Grusche noch einmal. „Ich bin auf der Suche nach einer netten Freundin. Und du gefällst mir so gut. Du kannst so schön tanzen und springen!“

„Ich bin doch nur ein Hasenkind“, flüsterte das Häschen jetzt vorsichtig. „Und du bist ein richtiger Bär! Ich habe Angst vor dir“, fügte es zitternd hinzu.

„Ach, so ein Unsinn“, lachte Grusche. „Ich bin doch auch noch klein und ich bin bestimmt besonders vorsichtig, wenn wir zusammen toben“,  versprach sie eifrig.

„Und wenn du mich tritts mit deinen Tatzen? Und wenn du mich beisst?“, fragte das Häschen ängstlich zurück.

„Aber das mach ich doch nicht im Ernst, das ist doch nur Spiel.“, versicherte Grusche dem Hasenkind.

„Aber es tut dann weh, bestimmt tut es weh“, klagte das Häschen.

„Willst du es nicht wenigstens mal mit mir versuchen?“, bat Grusche und ging ein paar Schritte auf das Hasenkind zu.

Aber das Häschen konnte nicht mehr antworten. Denn beide hörten sie plötzlich lautes Geschimpfe. Grusche sah eine große Häsin aufgeregt zwischen den Bäumen hin und herspringen.

„Lauf weg, lauf sofort weg!“ Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen, Kind! Wie kannst du dich mit einem Bären einlassen? Er wird dich fressen! Hast du denn vergessen, wer du bist? Komm sofort hierher zu mir!“ , schimpfte die Hasenmutter. Das kleine Häschen flitzte wie der Blitz auf seine Mutter zu.

„Aber der Bär war doch ganz lieb! Der sucht doch nur eine Freundin“, erzählte es atemlos seiner Mutter.

„Papperlapapp!“, schimpfte die Mutter weiter. „Es gibt keine lieben Bären. Merk dir das!“. Und sie stupste ihr Kind vor sich her und beide rannten im Zickzack durchs Unterholz, bis Grusche sie nicht mehr sehen konnte.

Missmutig machte sich Grusche auf den Heimweg. Wieder war es nichts geworden.

‚Die Biber haben keine Zeit und lachen mich aus, das Schäfchen war ganz nett aber viel zu dumm und zu langweilig und das Häschen will nicht mit mir spielen, weil es Angst vor mir hat‘, grübelte sie. ‚Wie lange soll ich noch suchen?  Ich glaube, ich finde gar kein Tier, das zu mir passt!‘

 

Grusche war müde und enttäuscht und vor lauter Nachdenken und Missmut achtete sie nicht auf den Weg. 
Auf einmal spürte sie einen heftigen Schmerz in der Vorderpfote.

.

Sie hatte sich in einer Brombeerranke verfangen. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich zu befreien. Aber in ihrer Pfote saß ein Stachel und schmerzte nun bei jedem Schritt.  Oh je, Grusche kamen die Tränen vor Enttäuschung und Ärger. So ein Pech aber auch!

Sie humpelte auf drei Beinen langsam weiter nach Hause. Müde und kleinlaut war sie, als Mauz sie oben am Waldrand ansprach.

„Hallo Grusche, du kommst aber spät!“

Grusche schämte sich vor der Wildkatze, weil sie auch heute wieder nichts erreicht und so viel Pech gehabt hatte.

„Ja, ich muss schnell nach Hause“, murmelte sie und wollte so schnell es ging weiterhumpeln.

„Was ist denn mit deiner Pfote?“ fragte Mauz.

„Ich hab einen Splitter drin“, sagte Grusche und wollte weitergehen.

„Zeig doch mal“. Mauz hatte Grusche eingeholt. „Die Pfote da tut weh?“

Grusche nickte. Ihr standen jetzt die Tränen in den Augen. 

„Komm, ich kann den Stachel mit meinen Zähnen rausziehen, soll ich?“, fragte Mauz, nachdem sie Grusches Pfote genau untersucht hatte.

 

„Wenn du das kannst“, Grusche sah Mauz ängstlich an.

„Pass auf, es geht ganz schnell und tut nicht weh“, beruhigte die Katze das Bärenkind.

Tatsächlich, es klappte. Grusche bedankte sich freudig:

„Das war richtig nett von dir, Mauz.

„Ist doch klar, keine Ursache“, grinste Mauz, „und nun geh schnell heim und leck die Pfote noch ein bisschen!“

Grusche trottete los. Ein wenig war nun auch ihre Traurigkeit verschwunden.
‚Morgen versuche ich es noch einmal‘, nahm sie sich vor, als sie schon zusammengerollt bei ihrer Mutter einschlief.

 

 

 

 

Die Pfote tat nur noch ein ganz klein bisschen weh. ‚Aber wenn ich vorsichtig bin, wird es schon gehen‘, sagte sich Grusche.

Mauz war heute nicht an ihrem Platz. Grusche wunderte sich und sah sich nach ihr um.

„Wo bist du, Mauz?“, rief sie. Es kam keine Antwort.

‚Sowas‘, dachte Grusche, ‚sie war doch immer hier‘! „Mauz“, rief sie lauter.

„Psst, mach doch nicht so einen Lärm!“ murrte Mauzens Stimme von nächsten Baum herab, ich jage heute Vögel“.

 

„Entschuldige, ich wollte dir doch nur guten Morgen sagen“, flüsterte Grusche ein bisschen erschrocken.

„Guten Morgen“, sagte die Katze ein wenig abweisend und schwieg.

„Was tust du heute?“, fragte Grusche.

Nichts. Ich habe keine Zeit und du hast keine Zeit. Ich muss was fangen und du musst deine Freundin suchen. Also geh auch!“ Mauzes Stimme klang ein bisschen bitter.

Grusche lief verwirrt die Wiese hinunter. ‚Was habe ich ihr denn getan? Gestern Abend war sie noch so nett zu mir.“ Grusche wunderte sich.

Aber als sie  eine Weile gelaufen war, hatte sie Mauz vergessen.

Also, heute würde sie bestimmt Glück haben! Heute musste sie einfach eine Freundin finden!

Grusche lief eine ganze lange Zeit durch den Wald, ohne jemanden zu treffen. Sie wurde müde und schläfrig und legte sich an einem Weg in das sonnenbeschienene Moos. Es war ganz still im Wald. Man hörte nur das Summen der Bienen und ab und zu einen Eichelhäher.

Aber auf einmal erschrak Grusche. Direkt neben ihr bellte eine tiefe, laute Stimme. Grusche sprang sofort auf die Beine und brummte den Beller böse an. Da stand direkt vor ihrer Nase ein Tier mit Hängeohren und einem richtigen Zottelfell. Der lange Schwanz wedelte heftig. ‚Der will mich beißen‘, ging es Grusche durch den Kopf und sie brummte noch böser.

Aber das fremde Tier hörte auf zu bellen und fragte erstaunt:
„Sag bloß du bist ein richtiger Bär?“

Grusche war platt und jetzt fast ein wenig beleidigt.

„Natürlich bin ich ein Bär, das sieht man doch! Und was bist du für ein Tier, das nicht einmal weiß, wie ein Bär aussieht?“ gab sie patzig zurück.

„Ich bin ein Hund. Ich beiß aber nicht. Lauf nicht weg. Ich bin froh, hier mal jemanden zu treffen!“ sagte der Hund freundlich.

„Ein Hund?“, staunte Grusche. „Aber Hunde leben doch bei den Menschen.“

 

„Stimmt genau“, sagte der Hund, „aber ich spiele am liebsten mit anderen Tieren. Menschen sind auf die Dauer doch sehr langweilig“, gab der Hund zurück.

„Du suchst jemanden zum Spielen?“, fragte Grusche ungläubig. „Ich nämlich auch“, fügte sie vorsichtig hinzu.

„Prima“, freute sich der Hund. „Na so ein Glück! Ich heiße übrigens Janko. Und du?“

„Ich heiße Grusche. Was spielst du denn gerne?“

„Wie wär’s mit Fangen?“ schlug Janko vor.

Das war Grusche gerade recht. Los ging‘s quer über die Wiese, durch den Wald und zurück. Janko war schnell, aber Grusche ließ sich nicht fangen. Sie kletterte schnell auf einen Baum. Und nun stand Janko auf den Hinterpfoten am Baumstamm, aber er konnte nicht hoch.

„Komm runter, ich kann doch nicht klettern!“, bellte Janko.

 

Grusche lachte und sprang ins Gras. Sie kugelten sich ein bisschen im Gras herum und taten so, als wollten sie sich beißen.  Es war ein herrlicher Spaß. Als sie beide etwas atemlos im Gras lagen, fiel Grusche ein, warum sie seit Tagen im Wald herumlief. ‚Janko, das wäre ein prima Freund‘ , überlegte sie sich.

„Hast du schon einen Freund, Janko?“, fragte sie

„Ja, natürlich, mein Herrchen ist mein Freund“.

„Das ist doch nur ein Mensch. Hast du ein anderes Tier als Freund?“, fragte sie weiter.

„Ja, da ist Moses, der Hund vom Nachbarhaus. Aber sonst, ich glaube, nein.“

‚Ich frage ihn einfach‘, dachte Grusche.

Da ertönte auf einmal ein lauter Pfiff. Janko sprang auf.

„Hörst du, mein Herrchen ruft, ich muss weiter!“ sagte er zu Grusche.

Da ertönte der Pfiffe in zweites Mal.

„Wo wohnst du denn?“ erkundigte sich Grusche noch schnell.

„Ach, weit weg in der Stadt“, sagte Janko.

„Dann kommst du nicht oft her?“, wollte Grusche wissen.

„Nein“, sagte Janko. „Auf  Wiedersehen Grusche, es war richtig schön, mit dir zu spielen!“

Nun ertönte der Pfiff ein drittes Mal und eine Menschenstimme rief verärgert: „Janko, wo bleibst du denn?“

Janko rannte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Und Grusche blieb alleine zurück.

Es dauerte eine Zeit, bis sie ganz begriffen hatte. Sie wurde wieder sehr traurig. Jetzt hatte sie endlich ein nettes Tier gefunden und das wohnte gar nicht in ihrem Wald! Es war einfach zum verrückt werden!

Langsam stand Grusche auf und trottete den Heimweg zurück. Traurige Gedanken hatte Grusche. Sie war müde und enttäuscht. Ja, dieser lustige, flinke Hund, der hatte ihr gut gefallen! Sie hatten so schön getobt und gespielt! Aber dann war alles wieder aus. Sie würde Janko nie wieder sehen.

Und was soll man mit einem Freund, den man nie besuchen kann? Grusche seufzte tief. Nun war sie schon vier Tage unterwegs, aber sie hatte keine Freundin und keinen Freund gefunden. Die alte Grille hatte gut reden!

Missmutig kletterte Grusche die Katzenwiese hoch. Die Sonne stand schon tief und schien durch die Tannenstämme. Die Wiese lag schon im Schatten. Keine Bienen und keine Schmetterlinge spielten mehr über den lila Blüten.

‚Mauz ist ja auch böse auf mich‘, fiel ihr da ein. ‚Am besten wäre es, ich liefe schnell in meine Höhle zu Mama und Papa‘!

Aber die Katze stand heute wieder an ihrer Stelle. Sie sah Grusche ein wenig verlegen an.

„Nun?“, fragte sie.

„Was geht dich das an?“, brummte Grusche verärgert, denn sie erinnerte sich noch genau, wie böse Mauz am Morgen zu ihr gewesen war.

Mauz schwieg. Und Grusche zögerte. Aber sie schwieg auch.

„Ich war heute Morgen nicht nett zu dir“, sagte Mauz schließlich leise.

„Das kannst du wohl sagen“, maulte Grusche beleidigt.

„Ich weiß auch nicht wieso“, sagte die Katze.

Wieder schwiegen beide. Schließlich sagte Grusche etwas versöhnlicher: „Gute Nacht Mauz, ich muss jetzt gehen.“

„Hast du denn morgen ein bisschen Zeit zum Spielen oder musst du gleich wieder los?“ fragte jetzt Mauz.

„Ich weiß noch nicht“, brummte Grusche. Sie schämte sich vor Mauz, weil sie doch noch immer keine Freundin gefunden hatte. Was ging das eigentlich diese Katze an?

Auf der Lichtung vor der Höhle schien noch ein bisschen die Sonne. Die alte Grille saß in der Wiese neben einer wunderschönen Butterblume und spielte. Die Blume lauschte entzückt.

 

„Du hast es gut“, sagte Grusche zur alten Grille, als sie vorbei ging. „Du hast so viele Freunde!“

Die alte Grille hörte auf zu spielen.

„Hallo Grusche!“ zirpte sie. Und als sie Grusches Gesicht sah, fügte sie hinzu: „Soll ich ein bisschen für dich spielen?“

„Oh ja!“, sagte Grusche und setzte sich zu der Grille ins Gras.

Die alte Grille spielte wunderschön.

„Oh, das tut gut!“ seufzte Grusche nach einer Weile und auf einmal musste sie weinen.

„Erzähl mir mal, was du erlebt hast“, sagte da die Grille freundlich.

Grusche erzählte der Grille alles genau so wie es gewesen war, wie sie Tag für Tag losgegangen war, bei Mauz, der Wildkatze vorbei in den Wald hinein. Sie erzählte von dem Biberkind, vom kleinen Schaf, vom Häschen und von Janko. Sie erzählte von dem Stachel in ihrer Pfote, von den Mäusen, die Mauz  jagt und von ihrer Traurigkeit.

„Du dummes, kleines Bärenkind!“ sagte die alte Grille freundlich, als Grusche schließlich fertig war. „Du hast doch schon lange eine Freundin gefunden! Hast du es denn nicht gemerkt?“

Grusche staunte die alte Grille an.

 

 

„Wieso denn? Wen denn?“, stotterte sie. „Janko seh ich doch nie wieder und das Biberkind lacht mich doch nur aus. Und das Häschen läuft weg und das Schäfchen ist doch wirklich zu langweilig!“ rief sie voller Verzweiflung.

„Schlaf drüber“, lächelte die alte Grille verschmitzt. „Schlaf schön heute Nacht und morgen gehst du wieder los.“

„Ich mag aber nicht mehr suchen!“, murrte Grusche.

„Geh nur noch einmal los. Das erste Tier, dem du begegnen wirst, das kannst du fragen, ob es deine Freundin werden will. Ich glaube, morgen hast du wirklich Glück“ sagte die alte Grille geheimnisvoll.

Grusche schüttelte den Kopf. Sie würde sicher zuerst der Maus auf dem Sandweg begegnen und die liefe sowieso gleich weg.

Nachdenklich schlich Grusche nach Hause. ‚Gut, einmal würde sie es noch versuchen.“

Der Mond stand jetzt schon hell über der Waldlichtung. Längst schliefen auch die Grillen. In der Bärenhöhle träumte Grusche, sie würde mit Mauz wieder nach Schmetterlingen jagen. Dann träumte sie von Janko und dann vom Biberkind.

 

 

Als Grusche aufstand, war ihr komisch zu mute. Ihr fielen die Worte der alten Grille wieder ein. Nur einmal noch sollte sie suchen. Na gut!

Die alte Grille war nicht zu sehen. Am hinteren Ende der Lichtung stand die Glockenblume und läutete.

„Hallo Grusche“, rief sie fröhlich herüber.

Grusche lief langsam und nachdenklich. Was sie heute wohl erleben würde.

 

 

Als sie an die große Wiese kam, sprang ihr Mauz entgegen.

„Noch böse?“, fragte sie besorgt.

„Nein“, meinte Grusche.

„Spielen wir?“, fragte Mauz.

„Gut, spielen wir“, freute sich Grusche. „Hast du heute Lust mit zum Bach zu kommen und Fische zu fangen?“, bat Mauz.

„Ja, hab ich!“, rief Grusche und lief voraus, die Wiese zum Bach hinunter.

Mauz rannte hinterher und knuffte ihr im Vorbeirennen lustig ins Fell.

„Hey, du, das gibt’s aber nicht!“, schrie Grusche und prustete vor Lachen.

 

Und dann fiel es ihr auf einmal ein:

‚Das erste Tier, dem du begegnen wirst, das sollst du fragen…‘
Das erste Tier? Mauz natürlich!

Und Grusche wurde mit einem Mal ganz übermütig vor Glück. ‚Gleich unten am Bach‘, dachte sie, ‚gleich unten am Bach will ich sie fragen‘!

 

 

 

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© Mechthild Seithe