Poesie und Texte
Poesie und Texte

 

 

 

 

Der Abschied

 

Heike wirft einen sorgenden Blick auf den Mann, neben dem sie seit Tagen sitzt und dessen Hand sie die ganze Zeit hält. Sie spürt, wie Rührung in ihr aufsteigt beim Anblick des Gesichtes, das ihr so sehr vertraut ist. Sie kennt es wütend und zornig, sie hat es lustig erlebt, betrunken. Aber auch zärtlich hat sie dieses Gesicht gesehen, zerfließend und weich in der Lust. Jetzt ist es einfach nur ganz still und gefasst. Aber es ist nicht leer. Oh nein, leer ist es nicht.

Heike ist so froh, dass sie seinen Ärzten nicht geglaubt hat. Es ist sehr wohl wichtig für ihn, dass sie hier am Krankenbett bei ihm sitzt. Auch wenn er fast immer die Augen geschlossen hat. Auch wenn er nicht mehr spricht. Sie ist sich ganz sicher, dass Heinrich alles mitbekommt, was um ihn herum geschieht. Die Ärzte sprechen seit Tagen vom Wachkoma. Aber sie weiß es besser. Sie ist schließlich seine Frau. Seit 15 Jahren ist sie seine Frau, eine ziemlich lange Zeit immerhin! Wenn sie seine Stirn mit dem kühlen Tuch vorsichtig abtupft, spürt sie seine Dankbarkeit, sieht sie, wie seine Augenlieder zur Ruhe kommen wie besänftigte Kinder.

So intensiv wie jetzt waren sie in all den Jahren fast nie beieinander. Meist hat er sich gewehrt, wenn sie ihn mit Fürsorglichkeit bedrängte. Aber jetzt lässt er sie ganz nah an sich heran. Jetzt, wo es bald vorbei sein wird, jetzt ist sie ihm sie nah wie nie vorher. Er ist anders geworden, weicher. Er wird sich auch über Peter freuen. Sie ist froh, dass Peter so schnell gekommen ist.

Heike hatte Peter angerufen, als es mit Heinrich anfing, kritisch zu werden. Sie hat den Sohn ihres Mannes zwischen zwei Konferenzen erreicht. Aber er war auf der Stelle bereit, her zu kommen.

Sie war zunächst unsicher gewesen, ob sie ihn jetzt schon anrufen sollte. Sie erinnerte sich Ihr waren die heftigen Auseinandersetzungen eingefallen, die es jahrelang zwischen Vater und Sohn geben hat. Aber das war schließlich schon lange her.

Bestimmt wird Heinrich auch in seinem Zustand noch begreifen, dass sein Sohn da ist. Und er wird sich freuen.

 

Jetzt Peter ist zögernd in der Tür stehen geblieben. Sie erkennt ihn fast nicht mehr, so lange ist er nicht hier gewesen. Er steht wie ein fremder Mann da und schaut ins Zimmer. Zum ersten Mal, seit sie ihn kennt, wird ihr bewusst, dass er ein erwachsener Mann ist, nicht einmal viel jünger als sie selbst. Er sieht seinem Vater ähnlich, die dicken Brillengläser, die gleiche Statur, die gebräunte Haut. Diese rabenschwarzen Haare hat Heinrich wohl auch gehabt, früher, als er noch jünger war.

Sie versucht, in seinen Zügen zu lesen. Über seine Gestalt fällt ein Streifen Sonnenlicht, das durch die heruntergelassenen Jalousien fällt. Der Mann blinzelt. Die ins Dämmer hinein gestreute Helligkeit in diesem Krankenzimmer scheint ihn zu überraschen.

Aber Heike ist froh, dass der helle Tag bis in dieses Zimmer und bis an sein Bett dringt und ihn vielleicht noch einmal die Wärme der Sonne ahnen lässt. Es war den ganzen Tag düster und unfreundlich draußen. Seit ein paar Stunden aber hat es aufgehört zu regnen und nun steht der Himmel klar und blau über der Stadt. Nun laufen über die Wände des Zimmers helle Sonnenstreifen und überschütten die Gegenstände dieses dämmrigen Raumes mit flirrendem Licht.

 

Peter steht noch immer an der Tür und zögert. Er wirkt angespannt, fast ängstlich. Ob er zu Hause Stress hat mit seiner Freundin? Oder an der Arbeit? Wie auch immer. Er sofort hergekommen. Das rechnet sie ihm hoch an.

Die Tür hat er leise hinter sich geschlossen. Er steht noch immer stumm da. Wie ist das, seinen sterbenden Vater zu besuchen? Sie weiß es nicht. Ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war.

Peter sieht sie endlich an und sie nickt ihm zu. Sie sagt nichts. Er sieht ja, wie es steht. Sie nickt und mit einer leichten Drehung ihres Kopfes lädt sie ihn ein, näher zu kommen, ans Bett zu treten. Er schaut sie noch immer fragend an. Was er wohl über sie denkt?

Sie weiß, Peter hat sie nie gemocht. Welcher Sohn mag schon die Frau, die sein Vater nach seiner Mutter heiratet? Da hat Heike sich nie Illusionen gemacht. Peter hat seine Mutter wohl sehr geliebt. Irgendjemand hat ihr mal erzählt, sie sei so früh gestorben, weil sie Heinrichs verrückte Ideen und Experimente nicht ausgehalten habe. Das kann sie sich gut vorstellen. Es ist wirklich nicht leicht, mit Heinrich zusammen zu leben. Wenn sie es sich genau überlegt, weiß sie nicht, ob sie auch seine Frau hätte sein wollen, als er noch jung war und die Kraft noch hatte, sich mit seiner ganzen Gott verdammten Sturheit durchs Leben zu boxen.
Einige seiner absurden Projekte hat sie schließlich auch selbst noch erdulden müssen. Bis heute stehen die schwarzen Kisten hinter der Treppe, die von seiner geplanten Championzucht im häuslichen Keller übriggeblieben sind. Und genau erinnert sie sich noch an ihren Schreck, als er ihr eines Tages eröffnete, er wolle das Haus vermieten und mit ihr hinten ins Gartenhäuschen umziehen, weil ihm jemand eine horrende Miete für sein Haus geboten hatte.

Heute kann sie darüber lächeln. Er hat ja nun inzwischen gemerkt, dass seine Kraft nicht mehr reicht für solchen Unsinn.

 

Peter ist jetzt an Heinrichs Bett getreten. Er steht hilflos da, die Schultern hängen herab. ‚Er sieht verloren aus‘, denkt Heike: ‚Wie ein Kind, das seinen Vater verliert‘.

Es ist ganz still im Raum. Nur draußen auf der Straße hupt ein Wagen kurz. Schritte entfernen sich. Von irgendwoher klingelt ein Telefon. Dann ist es wieder völlig still, so, als sei die Zeit bereits stehen geblieben.  

Peter steht immer noch da und sieht unbewegt auf seinen Vater hinunter. Heinrich liegt in den Kissen, genauso, wie er schon vor einer Stunde lag. Man könnte glauben, er schlafe. Aber so ruhig schläft niemand. Es sieht eher so aus, als lausche er.

„Er liegt im Wachkoma. Aber ich glaube, er bekommt alles mit“, sagt sie nun in die Stille hinein, damit endlich irgend etwas geschieht.

Peter sieht kurz zu Heike hin und nickt. Er zieht sich einen der Stühle an das Bett, die um den kleinen Besuchertisch herumstehen und setzt sich, steht noch einmal auf, zieht seinen Mantel aus und legt ihn sorgfältig über die Stuhllehne. Dann setzt er sich wieder.

Nun hocken sie einander gegenüber, die Frau und der Sohn. Dazwischen steht das Bett, in dem ihr Mann, in dem sein Vater liegt. Einen Augenblick überlegt sie, ob sie nun lieber hinausgehen soll. Aber sie ist schließlich seine Frau.

„Bleib da, bitte“, sagt Peter ohne aufzusehen. Sie zuckt überrascht zusammen. Woher weiß er...? „Danke“, sagt sie dann erleichtert. Sie fühlt, wie sich eine Welle der Entspannung in ihr ausbreitet. ‚Es ist alles gut. Dies hier ist gut‘, denkt sie.

Verrückt eigentlich! Es klingt fast, als wäre sie froh, dass er sterben wird. Das ist sie nicht! Es wäre schön gewesen, wenn es noch länger gedauert hätte, gerade jetzt, wo er sich so verändert hat. Aber Heinrich wird sterben. Jeder muss sterben. Aber nicht jeder kann von sich sagen, er gehe im Einvernehmen mit denen, für die er wichtig ist. Heinrich ist ihr nah. Heinrich war ihr nie näher. Sie ist froh darüber, dass sie so Abschied nehmen kann von ihm.

 

Peter hat die Hand seines Vaters ergriffen. Er sitzt einfach so da und hält die alte, müde Hand. Und sonst passiert nichts. Sie beobachtet Peter über die weißen Laken hinweg. Er wirkt nicht mehr so verstört und unsicher wie eben, als er hereinkam. Jetzt ist er hier und schaut voller Besorgnis und fast mit einwenig Erstaunen nach dem Mann, der sein Vater ist und im Sterben liegt. Was geht in ihm vor?

Heinrich war der bewunderte Held seiner Kindheit. Peter erinnert sich an das Hochgefühl, als sie mit ihrem ersten PKW zusammen über Land fuhren wie zwei Kumpel.

Aber er war auch der Mann, der ihm, seinen Schwestern und seiner Mutter mit seinen obskuren Ideen das Leben schwer gemacht und der fast immer seine fixen Ideen auch rücksichtslos durchgesetzt hat. Das war schon in der Zeit, als sie mit Heinrich verheiratet war. Irgendwann war dem Sohn der Geduldsfaden gerissen. Es folgten Jahre, wo Sohn und Vater so taten, als würden sie sich nicht kennen. Auf gewisse Weise kann Heike Peters Haltung damals durchaus verstehen. Schließlich hatte auch sie unter seiner Verbohrtheit zu leiden. Aber sie war seine Frau und sie hat immer zu ihm gehalten. Aber wahrhaftig, es war manchmal schwer.

Wie viele Jahre Vater und Sohn wohl zerstritten gewesen sind und nicht mehr miteinander sprachen? Sie weiß es nicht genau. Im letzten Sommer, zu Heinrichs 75. Geburtstag, haben sie sich endlich wieder versöhnt. Peters langes, freundliches Jubiläumsgedicht für seinen Vater ist ihr noch gut in Erinnerung, auch die glücklichen, fast kindlichen Augen von Heinrich, als er den Strophen von Peters Gedicht lauschte.

Damals hatte Heinrich schon lange angefangen, seine sinnlosen Kämpfe aufgegeben, hatte akzeptiert, dass er nicht einfach mit dem Kopf durch die Wand konnte. Heute weiß sie, dass er begonnen hatte, Abschied zu nehmen.

Eines Tages hatte er angefangen, vorsichtiger, weicher, stiller zu werden. Er wusste wohl selber nicht genau, was ihm geschah. Einmal hat sie ihn dabei beobachtet, wie er weinte. Er weiß bis heute nicht, dass sie ihn damals gesehen hat und sie hat sich gehütet, es ihm zu sagen.

 

Sie schrickt plötzlich auf aus ihren Gedanken. Irgendetwas ist geschehen. Sie weiß nicht, was. Irgendetwas hat sie aus ihren Gedanken herausgerissen.

Aber es scheint nichts passiert zu sein. Heinrich liegt noch genau so still da wie eben und wie die ganzen letzten Stunden. Und Peter hält noch immer seine Hand in der seinen. Auch er hat sich nicht gerührt. Dennoch ist irgendetwas geschehen in diesen letzten Sekunden, da ist Heike sich sicher.

Sie schaut die beiden Männer an. Jetzt sieht sie es: Da ist ein Lächeln in Heinrichs Gesicht, kaum wahrnehmbar aber je länger sie hinschaut, desto mehr sieht sie, wie seine Züge leuchten. Ganz von ferne, ganz still, ganz und gar glücklich lächelt er, glücklich, als sei ihm etwas Wunderbares geschehen in diesem Moment. Und sein Sohn lächelt auch. Er lächelt genau so. Die Ähnlichkeit des Lächelns trifft sie wie ein Schock.

Jetzt wünscht sie sich doch, sie hätte eine Zeit das Zimmer verlassen und die beiden miteinander allein gelassen. Aber sie ist gleichzeitig froh, da geblieben zu sein. Sonst hätte sie dieses Lächeln auf Heinrichs Gesicht nicht zu sehen bekommen. Es gilt seinem Sohn. Aber das ist gut so.

 

Als Peter fort ist, wischt sie Heinrich wieder die Stirn mit dem kühlen Tuch. Sie sieht, wie froh er ist, wie dankbar. Aber dieses Lächeln von vorhin, das kommt nicht wieder.

Heike bleibt bei ihm die ganze Nacht.

 

Auf der Beerdigung eine Woche später steht Peter unter den Trauergästen. Er nickt ihr zu. In seinem Blick liegt jetzt etwas Neues, etwas wie Vertrauen. Auch sie ist froh, ihn wieder zu sehen. Sie stellt sich neben ihn. Das hätte sie früher nie getan.

Die Feier am Grab ist friedlich. Alles läuft so, wie Heinrich es sich gewünscht hat.

“Wer hat denn diese Musik ausgesucht?“, flüstert Peter ihr zu.

„Das ist „Jetzt ruhe und schlafe“ von Händel. Das hat er sich selber ausgesucht.“

Sie erhascht Peters verwunderten Blick.

Sie lauschen beide. Es ist still, all die Menschen hier halten den Atem an und rühren sich nicht. Es kommt Heike so vor, als spräche Heinrich noch einmal mit ihr. Es ist eine Musik vom Abschied nehmen, sie spürt es.

 

Als die Musik verklungen ist, bleibt es still. Sie kann die Bäume rauschen hören. Es ist Wind aufgekommen. Die Zweige der Trauerbirken werfen ihre Schattenstreifen hin und her über das offene Grab.

Nichts bleibt wie es eben noch war. ‚Heinrich hat Abschied genommen, er hat seinen Teil getan’, denkt sie. Nun bleiben nur noch die Überlebenden. Es wird nicht leicht sein ohne ihn. Trotz allem.

Als die Trauergemeinde langsam zum Friedhofsausgang strömt, schüttelt Peter den Kopf: „Jetzt ruhe und schlafe“, wer hätte das gedacht?“

„Du wunderst dich über seinen Musikwunsch?“, fragt sie.  Sie stehen noch immer alleine am Grab, zögernd, als gäbe es noch etwas zu besprechen unter vier Augen. Es ist ihr noch etwas eingefallen. Sie möchte es ihm sagen. Es ist für ihn bestimmt.

„Weißt du, was er damals zu mir gesagt hat, als er sich diesen Musikwunsch überlegt hatte? ‚Das wird Peter bestimmt gefallen, hat er gesagt, wenn sein Alter mal endlich Ruhe gibt.’ Dabei hat er gegrinst, so wie er immer grinste, wenn er jemandem einen kleinen Streich gespielt hat. Du kennst ihn ja.“

Peter sieht erstaun auf. „Wann war das?“

„Es war am Abend seines letzten Geburtstages im Sommer, damals, als du das lange Gedicht über sein bewegtes Leben vorgetragen hast. Du weißt doch!“

Sie sieht die Tränen in Peters Augen.

Jetzt muss sie wohl doch gehen, denkt sie, und die beiden miteinander alleine lassen. 

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© Mechthild Seithe