Poesie und Texte
Poesie und Texte

Der Zahn

 

Sie hielt ihm das Tuch hin. Sie hatte es in die Schüssel mit kaltem Wasser getaucht und dann vorsichtig ausgedrückt.

Bela stöhnt kaum hörbar, als er es an seine Lippe drückte.

Es war still im Raum. Endlich war es still. Der Spuk war vorbei. Morgen würde er weiter gehen. Ein Ende war nicht wirklich absehbar. Aber für heute war es vorbei.

Sie hatten kein Licht gemacht. Man hörte nur das Ticken der Küchenuhr. Auch im Dorf war es still. Als hielten alle die Luft an, als sammelten sie alle Kraft für die Vorstellung, die sie morgen würden geben müssen, wenn diese Journalisten ins Dorf kämen.

Es hatte keinen Sinn, sich zu wehren. Bela hatte Recht. Sicher, ihr Chico hatte sich gewehrt. Maria seufzte, als sie an ihren Sohn dachte. Vielleicht würde er es nicht überleben. Aber sie war stolz auf Chico. Auch, wenn sie ihn vielleicht verlieren würde. Einer von ihnen musste sich wehren. Einer wenigstens musste sich und ihnen allen beweisen, dass es auch für die Menschen dieses Dorfes so etwas wie Würde gab, dass sie mehr waren als Vieh, das man herum kommandieren konnte, mehr als Sklaven, die man mit ein paar Broten kaufen konnte oder mit einer neuen Wasserleitung oder auch mit der schlichten Aussicht darauf, dass diese Schläge ins Gesicht endlich aufhören würden. Oder auch damit, dass die Kinder bleiben durften und nicht verschleppt werden würden......

Auch ihr Bela hatte sich gewehrt. Nur kurz. Er hatte dem freundlichen, gut angezogenen Regierungsbeamten ins Gesicht gespuckt, als der ihm sagte, was er von ihm verlangte - dafür, dass die Kinder im Dorf würden bleiben dürfen. Von Chico hatte er gar nicht erst gesprochen. Chico war wohl nicht mehr zu retten. Aber die Kinder....

Maria war froh, dass es nur mit ein paar Faustschlägen abgegangen war, mit ein paar verlorenen Zähnen, einer dicken Lippe.

Sie liebte Bela dafür, dass er sich gewehrt hatte. Aber noch mehr liebte sie ihn dafür, dass er nachgegeben und sie und das Dorf damit gerettet hatte. Dieser schlaue Regierungsbeamte hatte völlig recht: Bela war der intelligenteste von ihnen allen. Er würde die Journalisten überzeugen mit seinen Lügen und er würde die schreckliche Komödie durchhalten.

Sie sprachen nicht. Sie hatten überhaupt noch kein Wort gewechselt, seit der Regierungsbeamte ihre Hütte verlassen hatte.

“Also, wir verstehen uns, Bela!”, hatte er mit seiner leisen, freundlichen Stimme gesagt und Bela leicht auf die Schulter geschlagen. Die Gorillas waren schon lange gegangen.

Bela hatte genickt. Er konnte nicht sprechen, weil sich sein Mund immer wieder mit Blut gefüllt hatte, sooft er es hinunter schluckte. Er hatte genickt und ihr dabei einen beschwörenden Blick zugeworfen. Ausgerechnet ihr!

Was hätte dann sie tun können? Natürlich wäre sie am liebsten diesen aalglatten Typen wie eine Tigerin angesprungen und hätte ihm das Genick durchgebissen! Aber ihr Körper war müde und schwach. Sie war schon lange keine Kämpferin mehr. Nur Chico kämpfte noch. Und Bela. Aber es war gut, dass Bela nachgegeben hatte.

Als das Auto endlich abgefahren war und sie das Geräusch des Motors nicht mehr hören konnten, war Bela an den Spülstein getreten und hatte ausgespuckt. Es klirrte leise. “Er spuckt Zähne aus”, hatte sie erschreckt gedacht. Bela spülte sich den Mund aus. Immer wieder. Allmählich ließ das Bluten nach.

Da hatte Maria Wasser in eine Schüssel laufen lassen und ein sauberes Tuch hineingetunkt und es ihm hingehalten.

So saßen sie lange da.

“Du wirst machen, was sie verlangen, nicht wahr?” sagte Maria plötzlich. Sie waren beide erschrocken, als unvermutet eine menschliche Stimme das Schweigen in dem dunkeln Raum durchschnitt.

“Sie haben Chico”, antwortete Bela nur.

Und wieder schwiegen sie.

Irgendwann zündete sie doch eine Lampe an. Sie sah jetzt sein geschwollenes Gesicht und die Zahnlücke. Es fehlten ihm drei Schneidezähne am Oberkiefer. Sie musste schlucken, es tat ihr selber weh.

“Hast du große Schmerzen?”, fragte sie traurig.

“Ja. Aber das macht nichts. Schlimmer wäre es, keine Schmerzen zu haben. So bin ich wenigstens der Gewalt gewichen, habe nicht nur aus Angst nachgegeben.”

“Du bist kein Feigling, Bela”, sagte Maria zärtlich. “Du wirst uns alle retten. Die Kinder werden weiter hier leben können, Bela.”

“Ja”, sagte er trocken. “Aber wofür?”

“So darfst du nicht denken, Bela! Alle werden froh sein, dass sie leben dürfen. Dass sie weiter die Sonne sehen dürfen ..”

“Ja”, sagte er wieder. “Aber zu welchem Preis?”

Sie antwortete nicht.

“Wollen wir versuchen, etwas zu schlafen? Du wirst morgen alle Kräfte brauchen, wenn die Journalisten kommen und du diese Show abziehen musst.”

Bela erhob sich. Er ging zum Spülstein und ließ noch einmal das Wasser über das Becken laufen. Es war kein Blut mehr zu sehen. Die Zähne klaubte er aus dem Spülstein und legte sie vorsichtig auf den Beckenrand.

“Tu sie weg!”, sagte sie. Ich will sie nicht sehen. Sie machen mich wütend. Und wir dürfen nicht wütend sein.”

“Wirf du sie weg! Ich kann es nicht”, sagte er und ging nach nebenan. Sie hörte, wie er sich auszog und dann aufs Bett legte.

Maria schüttete das Wasser fort und hängte das Tuch zum Trocknen auf. Dann fielen ihr die Zähne ein. Sie würde sie nicht wegwerfen! Sie würde sie aufheben als Erinnerung und als Beweise für diesen schrecklichen Tag, als ihr Bela das Dorf rettete und dafür seine Würde hergab.

Sie wandte sich dem Spülbecken zu und nahm die Zähne vom Rand. Es waren nur noch zwei.

 

 

 

 

 

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© Mechthild Seithe