Poesie und Texte
Poesie und Texte

Zwei oder drei Sommer

 

Eine Vorschulkindheit im Nachkriegsruhrgebiet

Vorspann

 

Ich werde euch Ausschnitte aus einer Kindheitsbiographie vorlesen

und zwar immer ca. eine 20 Minuten lang, dann könnt ihr euch erholen und schwatzen, vielleicht ja über das, was euch beim Hören meiner Geschichte selbst eingefallen ist

und dann noch mal 20 Minuten…insgesamt 4 mal ca. 20 Minuten

 

Damit ihr das aushaltet, habe ich bewusst versucht, unterhaltende und auch solche Episoden auszuwählen, über die man schmunzeln und auch nachdenken kann….

 

Wir befinden uns zu Beginn der Episoden im Jahre 1954 in einer großen Stadt im Ruhrgebiet, in einem der etwas besseren Stadtteile in der Nähe eines typischen Ruhrgebiets Stadtparks.

Die Familie ist vor zwei Jahren hierhergezogen und besteht aus der Protagonistin Rike, ihrer drei Jahr älteren Schwester Claudia, einem Vater, der ganz in der Nähe des Wohnortes als Ingenieur in einem Eisenwerk arbeitet und einer Mutter, die zur Zeit Hausfrau ist, gelernte Kindergärtnerin, geträumte Schauspielerin…

 

Vor allem aus Zeitgründen werde ich die ersten Jahre der Biografie, also 1952 und 1953 überspringen und damit auch alle Familienangelegenheiten, Familienprobleme, frühkindlichen Katastrophen, aber auch den Familienalltag und die Familienunternehmungen mit unserer Protagonistin…

Auch die Schilderungen der Orte, an denen Rike in ihrer frühen Kindheit vornehmlich gelebt und gespielt hat, nämlich die elterliche Wohnung, müsst ihr euch jetzt einfach denken, denn unsere Lesung beginnt mit den neugierigen Blicken aus den Fenstern dieser Wohnung und beim Verlassen der Wohnung nach draußen. Wir werden sie mit Rike gemeinsam verlassen und die Welt erobern. Die Erzählung umfasst zeitlich gesehen das klassische Vorschulalter, Ende also vor Schuleintritt….

Ich springe also in die Zeit um 1954, wo Rike angefangen hat, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und das fing an mit einem wichtigen Ereignis, nämlich…aber das werdet ihr ja sehen….

 

 

 

 

Prolog aus dem Fenster

 

„Kannste was sehen?“ Rike drängte sich an ihre Schwester, um auch hinausblicken zu können. Aus einiger Entfernung hörten sie das laute Rufen und Lachen spielender Kinder. Das Küchenfenster im zweiten Stock des Eckhauses ging auf den Hof hinaus. Eigentlich war es verboten, sich aus dem geöffneten Fenster zu lehnen, denn danach waren jedes Mal ihre Ärmel voller schwarzer Dreckstreifen und ihre Mutter hasste es, den fettigen Ruß aus der Kleidung der Kinder waschen zu müssen, der hier im Ruhrgebiet auf allen Mauervorsprüngen und Fensterbänken klebte. Aber dafür hatten die beiden jetzt kein Ohr. Sie beugten sich weit hinaus, denn die Kinder, deren Rufen sie hören konnten, spielten weiter hinten, dort, wo sich der Hof zu einem großen Viereck weitete. Aber soweit konnten sie nicht sehen. Von ihrem Fenster aus schaute man direkt in die Äste einer Platane, die im Hof wuchs. Sie stand unmittelbar an der Ziegelmauer, die den schmalen Hofstreifen gegen das Außengelände einer Fleischerei abgrenzte. In den Hinterhof der Metzgerei konnten sie hineinsehen. Dort hingen oft Schweinehälften und halbe Kühe an dicken blanken Haken. Wenn der Meister in seiner gestreiften, blutbefleckten Arbeitskleidung aus der Hintertür trat, begrüßte ihn freudig wedelnd sein schwarzer Kettenhund.
Aber die spielenden Kinder, die sah man von hier aus nicht.

Mit ihren Eltern ging Rike fast täglich nach draußen: zum Einkaufen, zum Bäcker, in die Stadt, sonntags zur Kirche oder auch zum Arzt. Und zusammen mit Claudia war sie oft im Viertel und im nahen Park unterwegs. Alleine aber bekam sie die schwere Haustür nicht auf.

Es kam vor, dass Claudia es leid war, die kleine Schwester am Rockzipfel mit sich herum zu schleppen. Dann öffnete sie die Haustür, sprang schnell hinaus und ließ die Tür vor Rikes Nase einfach zuschlagen. Rike versuchte dann die Tür selbst zu öffnen, aber vergebens. Sie war schwer wie ein Sack Mehl. Rike stemmte sich voller Wut mit aller Kraft dagegen, aber die Haustür rührte sich nicht. Beim zweiten Versuch ging sie zwar einen winzigen Spalt auf, schnappte aber sofort wieder zu.             
Langsam trottete Rike dann die vier Treppenabsätze nach oben, klingelte und sagte nur: „Die Claudia ist mir weggelaufen“. Dann setzte sie sich enttäuscht aber in ihr Schicksal ergeben auf die Holzbank neben dem Küchenofen und sah ihrer Mutter beim Waschen zu.

 

 

 

Auf in die Freiheit

Schritte nach draußen

An dem Tag, an dem Rike, hochrot im Gesicht und vor Anstrengung nach Luft schnappend, die schwere Haustür zum ersten Mal alleine aufbekam, stand ihre Schwester draußen und staunte. Sie riss den Mund und die Augen auf und war einfach sprachlos. Rike aber grinste, steckte die Nase in die Luft, ließ Claudia stehen und ging ihrer Wege, einer neuen Freiheit entgegen.

Von diesem Tag an konnte sie also ganz alleine nach draußen. Schließlich kam sie inzwischen auch schon an den Klingelknopf. Ihre Mutter beschwor sie, nicht an Zäune zu packen und sich das Kleid nicht mit Ruß zu beschmieren, aber dann ließ sie sie gehen. Und obwohl Rike weiterhin oft und viel mit ihrer Schwester draußen spielte, erfüllte sie allein die Tatsache, dass sie nun nicht mehr auf Claudia angewiesen war, mit Triumphgefühlen und mit Stolz.     
Weit führten ihre Schritte freilich anfangs nicht. Die Straße, auf der Rike ihre Erkundungen machte, hieß Elfenstraße. Den Namen konnte sie sich gut merken, denn die Straße war sehr kurz: Auf jeder Seite standen vielleicht 15 Häuser. Vorgärten gab es nur auf einer Straßenseite, auf der anderen führten mehrere Einfahrten auf den schon erwähnten Hinterhof, der sich auf der Rückseite der gesamten Häuserzeile erstreckte.

Auf der ganzen Straße gab nur einen Laden. Im Haus, in dem Rike wohnte, kümmerte im Erdgeschoss ein winziges Hutgeschäft vor sich hin. Hinter verstaubten Schaufensterscheiben präsentierten sich hier monatelang immer dieselben grauen Filzhüte.

Bis auf das Eckhaus gegenüber, das im Krieg unversehrt geblieben war und einige wenige Neubauten, gab es noch immer Ruinen auf der Elfenstraße. Wenn Rike auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein paar Häuser weiterging, kam sie an ein ganz neu errichtetes und modern aussehendes Haus. Im Erdgeschoß befanden sich die Geschäftsräume einer Baufirma. Den Besitzern der Firma gehörte auch das ganze Haus. Der Name der Familie prangte in großen Buchstaben an der Hausfront. Der Sohn der Firmenbesitzer war ein paar Jahre älter als Claudia. Er hielt sich von den Straßenkindern fern.

Alle anderen Kinder, die in den umliegenden Häusern wohnten, spielten im Hof oder auf der Straße. Rike genoss es, ihnen endlich unmittelbar zuschauen zu können. Besonders faszinierten sie die großen Mädchen, die den ganzen Nachmittag mit ihren buntbemalten kleinen Gummibällen jonglierten. Sie standen mit vor Anstrengung und Konzentration roten Köpfen da und warfen ihre zwei oder sogar drei Bälle schnell und geschickt an die Hauswand, von der sie in die Hand der Spielerin zurücksprangen und sofort wieder auf den Weg geschickt wurden. Das musste schnell passieren und in einer genau festgelegten Reihenfolge, sonst hüpften die Bälle in alle Himmelrichtungen davon. Manchmal machte Rike sich nützlich und holte einen weit fort gerollten Ball zurück. Die Mädchen nahmen diese Dienstleistung wie selbstverständlich hin, achteten aber nicht weiter auf Rike. Wenn die Mütter sich aus den Fenstern lehnten und ihren Nachwuchs zum Abendessen herein riefen, wurde das Spiel unterbrochen und am nächsten Tag fortgesetzt.     
Rike übte das Bällchenwerfen für sich allein oben in der Wohnung. Aber noch fielen ihr meistens schon nach zwei, drei Würfen die Bälle auseinander und sprangen wild im Zimmer herum.

Auch bei den Hüpfspielen hätte Rike so gerne mitgemacht! Dafür malten die Kinder mit Kreide neben- und übereinanderliegende Felder auf den Bürgersteig. Diese Felder galten als Hüpfkästchen, in die man beim Spielen nacheinander auf einem Bein hüpfen musste, ohne mit dem anderen Fuß den Boden zu berühren. Auf dem gepflasterten Untergrund sauste der flache Stein, den man vorher in eines der Felder schleudern musste, leicht und glatt an sein Ziel. Rike liebte das Geräusch der rutschenden Steine. Sehnsüchtig stand sie am Rand des Spielfeldes und bewunderte die Geschicklichkeit der großen Kinder, freute sich diebisch, wenn jemand in der sogenannten Hölle landete und klatschte vor Begeisterung, wenn eins der Mädchen in einem Zug alle Stationen durchhüpfen konnte. Aber keiner nahm Notiz von ihr. Wenn ihre Schwester bei den Spielerinnen dabei war, wurde ihre Anwesenheit von den Großen zwar meist mit Gleichmut hingenommen. Aber an Mitspielen war für Rike auch dann nicht zu denken.

Einsame Spaziergänge
 

Bei ihren einsamen Spaziergängen an den Vormittagen, wenn ihre Schwester in der Schule war, sang und summte Rike leise vor sich hin. Sie beobachtete lange die Spatzen, die sich Krümel von der Straße pickten und sie stellte überrascht fest, dass sie buntes Gefieder hatten und keiner genau wie der andere aussah. Sie bestaunte winzige Blüten an verstaubten Sträuchern und verfolgte nach dem Regen kleine Stöckchen, die wie Schiffchen im Rinnstein schwammen und dann im Gully verschwanden.
Bei einem dieser Ausflüge entdeckte sie auch die verschiedenen Grau- und Blautöne des Ruhrgebietshimmels und machte dabei eine, wie sie meinte, ungeheure Entdeckung: Sie konnte sehen, dass die Erde sich dreht! Am Abend davor hatte ihr Vater der großen Schwester genau das erklärt: Die Erde war eine Kugel, keine Scheibe, wie Claudia und auch Rike immer gedacht hatten. Und diese Kugel drehte sich. Und nun hatte sie, Rike, es selbst gesehen! Man musste nur ganz intensiv und lange auf den Schornstein dort vor den Wolken starren, dann konnte man erkennen, wie der Schornstein langsam an den Wolken vorbei zog!

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem im Krieg heilgebliebenen Eckhaus wuchsen einige knorrige Rhododendronbüsche im Vorgarten. Rike wusste, dass dort im Frühsommer die dicken Knospen platzen und ihre lilafarbenen Blütenbüschel entfalteten würden. Wie oft hatte sie diesen Strauch von oben aus dem Schlafzimmerfenster bestaunt! Jetzt, wo sie direkt vor den Büschen stand, fiel ihr das Warten auf dieses alljährliche Wunder schwer. Es war erst April, aber sie brach sich einige Rhododendronknospen ab und entblätterte sie mit ihrer kleinen Hand. Vorsichtig klaubte sie ein zerknittertes zartlila Blütenblatt nach dem anderen aus seinem Knospenversteck und freute sich diebisch über ihren Trick. Natürlich war das verboten. Doch Rike war der Meinung, dass die Blüten, die sie schon jetzt, im April, aus ihrem Gefängnis befreite, viel bedeutender waren, als jede andere ihrer tausend Schwestern es später sein würde. Dass sie diesen Vorzug dabei mit dem frühen Tod bezahlten, fand Rike nur gerecht.

Auch der Hof hinter den Häusern, nach dem Rike so lange von oben sehnsüchtig ausgeschaut hatte, stand ihr nun offen. Ging sie durch das Hoftor hinein und am Hühnerstall vorbei, stand sie nach wenigen Schritten vor der großen Platane, die die Mauer zum Fleischerhof mit ihren hohen Ästen überragte. Schon in der Zeit, als sie den Baum nur vom Küchenfenster aus beobachten konnte, war dieser Baum Rikes bester Freund. Denn er erzählte ihr zu allen Jahreszeiten neue Geschichten. Im Herbst warf ihr Baum gelbe und braune Blätter ab, die wie Hände aussahen mit ihren fünf Zacken. Und überall auf dem Boden konnte man frische Rindenstücke der Platane finden. Mit denen baute Rike kleine Schiffchen, die sie auf den Hofpfützen schwimmen ließ, bis sie umkippten und untergingen.
Der Hof erstreckte sich noch viel weiter und verlief hinter der gesamten Häuserzeile der Straße. Wäre Rike an den ihr fremden Häuserrückseiten vorbeigelaufen, so wäre sie dort gelandet, wo sie aus dem Küchenfenster die Kinder hatte spielen hören. Aber hierhin traute sie sich in der ersten Zeit ihrer neuen Freiheit noch nicht, denn hier war das Reich des Hofkönigs, Pittchen des Ersten.

Die Mutprobe

Obwohl Rike nun schon seit vielen Wochen alleine auf die Straße konnte, kümmerten sich die anderen Kinder nicht um sie. Im Gegenteil: Ihre einsamen Spaziergänge wurden belächelt und die Kinder fingen an, hinter ihrem Rücken über sie zu lästern. Wenn Claudia nicht dabei war, durfte sie nie mitspielen. Die Kinder ließen Rike einfach stehen. Sie nannten sie „Dicke“ und kicherten miteinander. Rike wandte sich dann ab, um ihre Tränen zu verbergen. Sie ging wieder alleine durch die Straßen und versuchte, auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Nein, sie wollte sich nicht unterkriegen lassen!  

Es war ein Frühsommernachmittag. Claudia war an diesem Tag allein mit ihrer Freundin unterwegs und Rike beschloss tapfer, ganz alleine auszugehen. Zu Weihnachten hatte Rike eine kleine Katze bekommen: ein Stofftier, in das man mit der Hand hineinfahren konnte wie in eine Kasperlepuppe. Sie roch noch so wunderbar neu und fühlte sich gänzlich ungezähmt an. Heute wollte Rike ihrem Liebling den Park zeigen.

Rike machte sich auf den Weg. Als sie den Park betrat, spürte sie plötzlich, dass sie schlecht Luft bekam. Erschrocken blieb sie stehen. Mit Claudia ging sie hier aus und ein, aber alleine war sie noch nie in den Parkanlagen gewesen. Sie fühlte sich mit einem Mal wie verloren, ihr Herz klopfte und ihre Beine zitterten. Aber sie wollte nicht aufgeben. Sie richtete sich auf und zwang sich dazu, - statt vor den Augen der Erwachsenen und der fremden Kinder geduckt in den Schutz der Büsche zu flüchten, was sie am liebsten getan hätte - ganz langsam zu gehen, so als fühle sie sich pudelwohl, und sich unterwegs alles gründlich anzusehen. Sie setzte sich schließlich auf eine schön gelegene Sonnenbank an einem Rasenrundell und bemühte sich, es sich und ihrer Katze hier gemütlich zu machen.
Aber ihre Aufregung ließ nicht nach. Sie flatterte innerlich und wünschte sich sehnlichst, dass die Sonne bald untergehen würde, damit sie ihre Mutprobe beenden könne. Wenn nämlich die die Straßenlaternen angingen, musste sie heim. So lange wollte sie auf jeden Fall noch aushalten.

Auf eine Bank ein paar Schritte neben Rike setzten sich zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, ungefähr so alt wie sie selbst. Rike kannte sie nicht und erschrak. Sie tat so, als sähe sie die fremden Kinder gar nicht oder als mache sie sich überhaupt nichts aus deren Anwesenheit. Denn es war ihr unmöglich, zu den beiden „Hallo zu sagen“ oder sie auch nur anzusehen. Auch die Kinder sagten nichts. Sie blickten nur zu ihr herüber und tuschelten mit einander. Rike wurde es heiß und kalt. Jetzt starrten die fremden Kinder unter Rikes Bank. Was wollten die bloß von ihr? Rike wurde noch nervöser und zwang sich mit aller Kraft, nicht auch dorthin zu sehen um nachzugucken, was die Aufmerksamkeit der Kinder erregt hatte. Sie fürchtete, dass die beiden dann sofort ein lautes „Ätsch, reingefallen, reingefallen!“ anstimmen würden. Aufrecht und stocksteif blieb sie sitzen und blickte scheinbar stolz in eine andere Richtung.            
Doch irgendwann hielt Rike es nicht länger aus. Sie packte alles hastig zusammen und ging eilig fort, ohne sich noch einmal umzusehen. Hinter der nächsten Wegbiegung fing sie an zu rennen. Fast schon an der Haustür merkte sie es endlich: ihre Katze war nicht mehr da. Die Blicke der Kinder unter ihre Bank fielen ihr ein. Entsetzt rannte sie zurück. Die Bänke waren leer. Mieze lag nicht mehr da. Rike weinte vor Wut und vor Scham.

Der Tröster

Außer ihrer Schwester Claudia hatte Rike keine Freunde in dieser ersten Zeit. Ihre Lieblinge und Tröster waren aus weichem Fell. Auf sie war Verlass und ihnen erzählte sie abends im Bett ihre Sorgen und Kümmernisse. Nachdem ihre Mutter vor einiger Zeit den alten braunen Gefährten ihrer frühen Kindheit entsorgt hatte, weil er dreckig und speckig geworden war, wünschte sie sich sehnlichst einen neuen Bärenfreund. Zu ihrem fünften Geburtstag sollte sie ihn endlich bekommen.

Ihre Mutter ging mit ihr in das altmodische Kaufhaus mitten in der Stadt. Erwartungsvoll stieg sie an ihrer Hand die breiten, gewundenen Steintreppen hinauf bis in die Spielwarenabteilung. Sie ließen in den unteren Etagen Ständer voller Kleider und dunkler Herrenanzüge, Plüschsessel, Teppiche und Lampen hinter sich. Rike schnupperte voller Genuss den unverwechselbaren Geruch von unverbrauchten, frisch ausgepackten, nach Fabrik und Sauberkeit duftenden Sachen.

In der Spielwarenabteilung saßen in den Regalen hinter dem Verkaufstisch buntgekleidete Puppen und auch Teddybären in allen Fellfarben. Die Verkäuferin holte verschiedene Teddys herunter und setzte sie vor Rike auf den Verkaufstisch. Mit fachmännischem Blick und tiefernst prüfte Rike die Farben, das Fell, den Blick, probierte aus, wie die verschiedenen Bären sich anfühlten, wenn sie in ihrem Arm lagen. Sie testete die Stimmen. Sie sah sie sich alle an und sprach mit ihnen. Einer von ihnen antwortete.

Er war silbrig grau, brummte mit tiefer Stimme, hatte dichtes weiches Fell auf einem festen, griffigen Körper. Seine Schnauze war besonders groß. Das eine Auge lachte und das andere Auge blickte ernst, fast traurig: Das war ein Teddy, dass ihr das Herz hüpfte! Auf dem Rücken hatte er eine krumme Naht, das sah ein bisschen aus wie ein Buckel. „Das macht mir nichts“, sagte sie bestimmt. „Den nehme ich“. Andere wollte sie nicht mehr ansehen.

Die Verkäuferin füllte den Kassenzettel aus, gab ihrer Mutter den Durchschlag, legte Rikes neuen Bären in ein Körbchen und ging voraus zur Kasse im ersten Stock. Als die Verkäuferin sie nicht mehr hören konnte, beugte sich die Mutter zu Rike herab und flüsterte mit verschwörerischer Mine: „Komm, erst gucken sie noch mal woanders.“

„Wieso denn, den will ich doch!“ Rike war fassungslos. „Der kostet 6.50 DM und hat auch noch eine krumme Naht auf dem Rücken“, argumentierte die Mutter. 6.50 DM war viel, das sah Rike auch, aber ihr neuer Teddy war das wert. „Aber er hat doch ein lachendes und ein weinendes Auge!“, sagte sie mit Nachdruck, bereit zu kämpfen, Tränen in den Augen.

Denn auf einmal konnte sie es vor sich sehen: Ladenschlusszeit, ihr Teddy liegt noch immer an der Kasse, wartet vergebens, ist nicht abgeholt worden. „Er wartet doch schon auf mich“, flüsterte sie und schluckte an ihren Tränen. Ihre Stimme versagte vor Trauer und Ärger.

Ihre Mutter wagte nicht mehr, zu widersprechen. So trat Schnauzi in Rikes Leben.

Er schien ihrer Seele entlehnt: Er lachte mit ihr, weinte mit ihr, bekam die Röteln, wenn sie sie hatte und hört im Halbdunkel stundenlang ihren lautlosen Erzählungen zu, wenn ihre Schwester schon eingeschlafen war. Er versprach, sie zu rächen und böse Kinder zu beißen, er glaubte an seine Rike mit seinem tapferen, starken Bärenherzen, so sehr, wie sie es nie gewagt hätte, selbst an sich zu glauben. Er klagte nie, fügte sich immer in ihre Launen. Nur manchmal kam leise, vorsichtige, ganz liebevolle Kritik aus seinen klugen Augen und er hatte immer recht damit. Aber er lachte Rike nie aus. Vor allem verstand er sie. Es war sein Hauptjob, sie zu verstehen und er machte ihn fantastisch.

 

 

 

Suchbewegungen

 

Alleine gegen die Welt

An den Vormittagen, wenn die Schwester noch in der Schule war, ging Rike immer wieder mutig alleine runter auf die Straße, trotz allem in der Hoffnung, sie fände doch irgendein Kind, das mit ihr spielen würde.              
An diesem Tag war Rike böse auf alle, denn die Kinder auf der Straße hatten sie wieder einmal ausgelacht, als sie an ihnen vorbeigegangen war. „Hey, Dicke, mal wieder alleine unterwegs?“ Und sie lachten immer noch, als Rike schon ein ganzes Stück weiter gegangen war. Sie spürte die grinsenden Blicke im Rücken und hätte heulen können. Sie hatte keine Ahnung, was los war und warum sie ausgelacht wurde. Vielleicht guckte wieder ihr Schlüpfer unten aus dem Rock heraus wie neulich einmal oder sie hatte die Jacke falsch zugeknöpft?
Rike ging mit hoch erhobenem, knall rotem Kopf die Straße hinunter. Irgendwo setzte sie sich in die Sonne auf eine kleine Vorgartenmauer und holte ihr Taschenspiel hervor. Es war eins von den runden, handlich-flachen Spielen, bei denen drei winzige Kügelchen durch vorsichtiges Hin- und Her-Bewegen der Hand in ausgestanzte Löcher in der Pappvorlage befördert werden mussten. Manchmal ging es auch um zwei kleine silberne Mäuse, die in ihre Löcher zu huschen hatten. Bei einer anderen Variante musste ein Fußball in ein winziges Tor „geschossen“ werden. Hinten auf dem nicht mal handtellergroßen Spiel aber war stets ein Spiegel.        
Am liebsten spielte Rike mit den beiden Silbermäusen. Aber heute hatte sie keine rechte Lust. Noch immer gingen ihr die anderen Kinder nicht aus dem Kopf. Weit hinten auf der anderen Straßenseite konnte sie sie noch alle stehen sehen. Sie sann auf Rache und ihr Blick fiel auf den kleinen Spiegel an der Rückseite ihres Spiels.

Rike rückte auf ihrem Mäuerchen weiter zurück und war jetzt von Büschen verdeckt. Dann fing sie mit ihrem Spiegel die Sonne ein und lenkte sie auf die Kinder, die sie geärgert hatten. Sie sah, wie die Kinder kurz aufschrien und verwirrt mit einander sprachen. Sie sahen sich suchend um, aber Rike war gut versteckt und sie konnten nicht erkennen, woher der Sonnenblitz gekommen war. Im Busch aber saß Rike voller Schadenfreude und genoss das wunderbare Gefühl, auch einmal richtig böse zu sein.

 

Als sie fünf Jahre alt war fuhr Rike mit ihrer Mutter nach Dresden. Das war die Heimatstadt ihrer Mutter und lag in einem anderen Deutschland. Dort sagten viele Leute zu ihr, es ginge ihr und ihrer Mutter viel besser, weil sie aus Westdeutschland seien. Aber bei Rike zu Hause gab es keine Geranien auf den Balkonen und keine Sandkästen vor den Haustüren. Die riesigen Eisportionen, die man ihr hier spendierte, bekam sie nicht auf. Es duftete überall betörend nach Linden. Vor allem aber hatte sie ihre Mutter vorher noch nie so glücklich gesehen. Rike gefiel es in dieser Stadt.      
Aber der Fuchs gefiel ihr am besten.

Er war rostbraun und fühlte sich warm an. Sein buschiger Schwanz war gezackt. Ein geschnitzter Fuchs. Ein Kind hatte ihn achtlos am Sandkastenrand liegen lassen. Er war gerade so groß, dass sie ihn in der Hand verbergen konnte.

Wenn das Gefallen überläuft, schlägt es in Besitz um. Sie und der Fuchs, sie gehörten zusammen. Keiner sah ihn so wie Rike: leuchtend, wild, ungezähmt. Sie nahm ihn in ihre Hand, spielte verstohlen mit ihm. Keiner achtete darauf. Keiner vermisste ihn. Er lag in ihrer Hand so selbstverständlich, als hätte sie nur um seinetwillen die weite Reise gemacht. Rike schloss die Faust fest um ihn und erklärte dem Rest der Welt den Krieg. Irgendwo hatte sie eine Tasche, in die sie ihn heimlich versenken konnte. Gerettet.

Die Hand wurde wieder locker, löste sich aus dem Krampf. Rike spielte mit den anderen. Ihr Herz schlug schwer und wild.

Nach einem langen Vormittag sammelte jedes Kind seine Sachen zusammen. Es fehlte einem Kind ein kleiner Holzfuchs. Na, wo konnte denn der sein? Im Sand? Im Gras? Hat ihn aus Versehen jemand anderes eingesteckt? Sie suchten lange vergeblich.

Nun war sie war verstrickt. Sie entdeckte ihr Talent fürs Lügen, fürs Stehlen und für die Liebe.
Sie schmuggelte ihren Fuchs über die grüne Grenze.

Monate vergingen. Die Liebe zu ihrem Fuchs verlor an Geheimnis und Enge. Rike steckte ihren Alltagsfuchs in eine Schachtel mit Spielkram. Da wurde er an einem Sonntag von ihrer Mutter entdeckt. Angeklagt stand sie zwei Stunden in der Wohnzimmerecke und schwieg standhaft. Das zumindest war sie ihrer alten Liebe schuldig. Keiner brachte ein Wort aus ihr heraus.

 

Versuche zu fliegen

Nach dieser Reise änderten sich Rikes Träume. Die Hexen, Teufel und schrecklichen Gespenster ihrer frühen Kindheit zogen sich allmählich zurück. Und wenn sie doch auftauchten, konterte Rike jetzt mit eigenen Zauberkräften: Sie konnte im Traum fliegen und es gelang ihr sogar, unsichtbar zu werden. Letzteres klappte mitunter nicht vollständig und es kostete sie im Schlaf eine gewaltige Anstrengung, diesen Zustand aufrecht zu erhalten und nicht im unpassenden Moment auf einmal doch wieder sichtbar und verletzbar zu werden. Oft blieb ihr dann nichts anderes übrig, als mit den Gespenstern und Hexen mit Fäusten und Fußtritten zu kämpfen. Manchmal lag sie schweißnass im Bett, wenn sie aufwachte. Aber ihre kleinen und größeren Siege über gefährliche Unterweltkreaturen und böse, fremde Kinder wurden immer häufiger.       
Einmal träumte sie, sie sei der Riese Gulliver. Sie lebte bei den Liliputanern und genoss hohes Ansehen wegen ihrer unsagbaren Kraft und Macht. Als das Volk der Liliputaner von fremden Zwergstämmen angegriffen wurde, schenkte sie ihnen eine Flasche mit Liebesperlen, die diese als Kanonenkugeln einsetzen konnten. Und sie siegten haushoch. Rike musste im Geheimen über die dankbaren kleinen Leute schmunzeln, die sich nicht vorstellen konnten, dass diese so wirksamen Kanonenkugeln in Rikes Welt einfach nur Bonbonperlen waren, die Kinder gerne aßen. Der verheißungsvolle Traum wurde von Rikes Mutter unterbrochen, die gekommen war, um sie zu wecken, gerade als sich die kleinen Leute mit einem riesigen Denkmal abmühten, das sie für ihre Wohltäterin auf dem Marktplatz errichteten wollten. Das Denkmal war Rike nur bis zum Knie gegangen.

 

Wieder war ein Winter vorbei und die Fastnachtszeit kam näher. Für das geplante Karnevalsfest im Kindergarten las Tante Elke den Kindern eine Liste mit Verkleidungsideen vor. Die Kinder sollten sich eine der möglichen Verkleidungen auszusuchen. Sofort gerieten alle in Aufregung. Noch während Tante Elke die Liste vorlas, riefen die Kinder „hier“ und „ich“ und stritten sich eifrig um die begehrten Rollen. Prinzessinnen und Cowboys waren schon bald vergeben, auch die Hexe und der Sheriff, das Schulmädchen mit dem echten Schulranzen, der Löwe und das Kätzchen. Rike war bis hierher leer ausgegangen. Die Kinder schrien und brüllten durcheinander und meldeten sich so schnell, während Rike noch gar nicht begriffen hatte, worum es ging. „Ich habe noch eine Putzfrau, wer möchte Putzfrau sein?“, fragte Tante Elke. Es wurde still im Raum. Rike ahnte ihre letzte Chance und meldete sich. „Du, Rike?“, fragte Tante Elke etwas irritiert. Die nickte. Nun lachten die Kinder und Rike hielt die Luft an. Das kannte sie. „Na ihr werdet sehen, das ist ein ganz besonders tolles Kostüm“, half Tante Elke. Und so gestärkt blieb Rike dabei. 
Auch ihre Mutter schaute ein wenig verwirrt, als sie am Nachmittag von ihrer ergatterten Karnevalsrolle berichtete. Aber Rike blieb fest in ihrem Entschluss, auch dann noch, als am nächsten Tag eine Prinzessin frei wurde, weil das Kind wegen einer Mandeloperation ins Krankenhaus musste.

Und dann kam die Feier. Rike durfte einen bunten, langen Rock tragen, die Erzieherin band ihr ein Tuch um den Kopf und überreichte ihr eine Tasse voller Seifenlauge. Mit einem Strohhalm konnte sie während der ganzen Feier Seifenblasen pusten. Die Cowboys durften nicht mit ihren Spielpistolen ballern, die Prinzessinnen mussten nur schön artig sein und still sitzen und der Löwe wurde mehrfach verwarnt, doch bitte mit seinem Gebrüll aufzuhören. I
Immer mehr Kinder boten Rike an, mit ihnen das Kostüm zu tauschen. Die aber lächelte weise und blies stolz ihre Seifenblasen durch den ganzen Raum.

 

Ihr Roller war aus Holz, ein ganz einfacher Roller, nicht gefedert und ein Roller mit kleinen, unbereiften Rädern. Ein richtiger Kleinkinder-Roller. Vorne war ein Teddykopf aufgemalt.

Ihre große Schwester fuhr zur gleichen Zeit ein bestauntes und allgemein beneidetes Tret-Roller-Exemplar, bei dem sie beim Fahren die Erde nicht mit den Füßen berührte.

Rike aber liebte ihren Roller. Er war ihr gewachsen und sie ihm. Er hatte einen Richtungsanzeiger aus Blech. Diesen Anzeiger bediente sie verkehrsgerecht bei jeder Abbiegung. Kein Auto und kein Fahrrad sollte später für sie ähnlich wertvoll werden. Mit diesem Roller war Rike unabhängig. Die Welt lag ihr zu Füßen. Und er machte sie unangreifbar: Wer pöbelt schon ein kleines Mädchen an, wenn es prustend auf seinem Roller an einem vorbeiflitzt? Und wenn es doch mal einer tat, war sie schneller weg, als das böse Lachen hinter ihr her konnte.

Sie war es jetzt, die bestimmte, wohin sie fahren und wo sie anhalten wollte. Sie fühlte wie sich stark wie in ihren neuen Träumen:  inkognito, unerkannt, unsichtbar.

Vor dem Gasthaus in der Nähe der Schule, in die Rike wenig später eingeschult werden würde, stand eine große Trauerweide. In den ersten warmen Tagen im Frühjahr hielt sie dort an und lehnte ihren Roller an den gekerbten Stamm. Sie konnte schon an die Zweige heranreichen. Rike riss einige saftige Gerten ab, entfernte die kleinen knospenden Blätter und probierte ihre Beute aus. Die Peitschen zischten kräftig.

Das beste Exemplar legte sie vorsichtig auf das Trittbrett und fuhr davon.

 

 

 

 

Mittendrin

 

Sprung ins Wasser

 

Die Hofclique trieb ihr Unwesen meist im hinteren Teil des Hofes. Hier erlebte Rike ihr erstes „Räuber und Gendarm Spiel“, das bei den Kindern im Viertel „Räuber und Standitz“ genannt wurde. Irgendwie war es ihr gelungen, mitspielen zu dürfen. Sie hatte an der Mauer gestanden und mit großen Augen das Spiel der Kinder verfolgt, als einer der älteren Jungen meinte: „Na, Dicke, willste mitmachen?“ Sie hatte sofort heftig mit dem Kopf genickt und war im Hand umdrehen von dem Jungen in die wichtigsten Regeln des Spiels eingeweiht worden. Aber sie machte sich nicht beliebt. Sie hatte sich zwar getreu den Anweisungen auf den Boden fallen lassen, als sie -  begleitet vom Schlachtruf „Hansup, Hansup“ - vom Sherriff erschossen worden war. Aber es gefiel ihr nicht, während des weiteren Spiels dort liegen bleiben zu müssen und so war sie einfach wieder aufgestanden. Das war natürlich gegen jede Regel und sie wurde von Pittchen, dem Anführer der Clique, persönlich dafür unwirsch ausgeschimpft.

Pittchen galt als ungekrönter König des Hofes. Er wohnte in derselben Häuserzeile wie Claudia und Rike, war so alt wie Rikes Schwester und ging mit ihr in eine Klasse. Rike aber sah ihn nach diesem peinlichen Vorfall nur noch von ferne und wagte es nicht in seine Nähe zu kommen.         
An einem Vormittag, als alle großen Kinder in der Schule waren und sie ganz alleine auf dem Hof spielte, stand Pittchen plötzlich neben ihr. Warum er nicht in der Schule war, wusste sie nicht. Vielleicht war er krank und musste zu Hause bleiben, denn er schien ihr irgendwie verändert, sehr freundlich und fast väterlich. Sie war gerade dabei gewesen, mit einem Stock die Linien für ein kompliziertes Hüpf-und Felderspiel in den erdigen Boden einzuritzen, das sie sich selbst ausgedacht hatte.

Pittchen sah ihr eine Weile mit kritischer Mine zu. Dann meinte er gönnerhaft: „Ach, das kenn sie. Das ist ja ganz einfach. Da weiß ich wie es geht.“ Rike sah ihn nachdenklich an. Wie könnte er das kennen? Schließlich hatte sie sich dieses Spiel eben erst ausgedacht. ‚So ein Angeber‘, dachte sie bei sich und fühlte sich auf einmal richtig stark. „Dann sag‘s doch mal!“, forderte sie ihn in einem Anfall von Mut und Siegessicherheit auf, der sie selbst überraschte. Er hatte natürlich keine Ahnung. „Falsch“, sagte sie stolz, „soll ich es dir erklären?“ Und der König lächelte freundlich und hörte ihr interessiert zu, hüpfte dann sogar probeweise ein paar Minuten mit ihr in ihrem selbsterfundenen Spiel herum, brummte etwas, sagte mit einem anerkennen Unterton in der Stimme „tschüß“ und verschwand.

Sie hüpfte alleine weiter, lächelte versonnen und stolz und fühlte sie gründlich rehabilitiert.

Das nächste Mal, als sie sich auf dem Hof wiedersahen, zuckte ein kaum merkbares Grinsen um seinen Mund. Er erkannte sie und begriff vielleicht erst in diesem Moment, dass es die „Dicke“ gewesen war, mit der er gehüpft hatte.

Dann kam der Tag, an dem die ganze Clique und auch alle anderen Kinder vom Hof zusammenstanden. Es sollte mal wieder eine Gruppe zusammengestellt werden für das geliebte aber durchaus gefährliche „Bienenspiel“. Es ging darum, mit einem Marmeladenglas, in dessen Deckel man Löcher hineingebohrt hatte, möglichst viele Bienen oder Wespen einzufangen.             
Der König wählte die Leute für diese Mannschaft, wie er es nannte, persönlich aus. Claudia kam immerhin als vierte an die Reihe. Am Ende blieben noch fünf kleinere Kinder übrig. Rike natürlich auch.          
Einen Mann brauchen wir noch“, stellte der König fest und besah Stirn runzelnd die kümmerliche Schar der übrig gebliebenen Kinder, die sich alle so sehr danach sehnten, von ihm für diese Aufgabe ausgewählt zu werden. „Nimm die „Dicke“!, hörte Rike da ihre große Schwester sagen. „Die kann ganz gut rennen“. Pittchen sah Rike an, überlegte einen Moment und dann nickte er. Sie stellte sie ohne zu zögern zu den anderen. Ab diesem Tag gehörte sie dazu.

In der Gang

 

Im Wespen- und Bienenfangen wurde Rike bald Profi. Sie zog mit den anderen Auserwählten mit samt ihrem Marmeladenglas los zum nahen Grünweg. Die Blechdeckel waren durchbohrt mit vielen Löchern, die aber so klein waren, dass keine Wespe oder Biene entschlüpfen konnte, nur Luft sollten sie bekommen. Auch ein paar Blätter und Zweige wurden in die Gläser gesteckt, damit die Insekten sich möglichst heimisch fühlten.

Es gab bestimmte Büsche auf dem Grünweg, die, wenn sie in der Blüte ihrer weißen Sternchen oder ihrer winzigen rosa Kelche standen, von Wespen und Bienen nur so belagert wurden. Links das Glas, rechts den Deckel streifte man die Buschzweige ab und ernteten mit einem Streich manchmal drei, vier Brummer auf einmal. Im Glas wimmelte es bald von kleinen Tieren, die alle aufgeregt summend den Ausgang suchten und an den Glaswänden unermüdlich im Kreis rannten. Gestochen wurde Rike dabei nie.      
Zurück auf dem Hof zählte der König die gefangenen Insekten und der Sieger oder die Siegerin wurde ermittelt. Abends dann ließen die Kinder ihre Gefangenen wieder frei und freuten sich am Anblick der verwirrten und nervösen Schar, die plötzlich die Freiheit wiedererlangte und nach einem winzigen Moment des Innehaltens in die Abenddämmerung abdüste.

Die Hofgang, der Rike nun angehörte, spielte mit Vorliebe Streiche, wie den allgemein bekannten und beliebten Streich mit dem Portemonnaie. Die Kinder banden eine leere Geldbörse an einem durchsichtigen Faden fest und legten sie auf den Bürgersteig an der Hofeinfahrt neben dem Metzgerladen. Die Wachmannschaft kletterte an der Hofseite der Mauer so weit hoch, dass sie hinüber sehen und die Passanten beobachten konnten, die vom Metzger kommend an am Eckhaus vorbei in Richtung auf die große Kreuzung liefen. Auch Rike wurde bei diesem Streich meistens als Wächter eingeteilt und machte ihre Sache gut, obwohl ihr das Hinaufklettern noch große Mühe bereitete. Einmal oben aber war sie eine verlässliche Wächterin und konnte sogar ein bisschen schneller als die anderen Wächter erkennen, ob der ankommende Fußgänger sich für die Geldbörse interessieren würde.
Hinter dem geschlossenen Hoftor hockten die anderen Kinder. Eines von ihnen hielt das Ende der durchsichtigen Schnur in der Hand. Wenn dann von den Wächtern hinter der Mauer das vereinbarte Zeichen kam, riss dieses Kind ruckartig an der Schnur und zog das Portemonnaie unter dem Tor blitzschnell hindurch und zu sich heran. Der Passant, der sich – mit welchen Motiven auch immer - gerade zu dem dort verwaist liegenden Portemonnaie hinunter gebückt hatte, sah das Objekt seines Interesses davon fliegen oder ihm unerwartet aus der Hand springen, mit der er gerade  hatte zupacken wollen. Die Kinder verhielten sich mucksmäuschen still in diesem spannenden Augenblick, auch wenn sie am Lachen beinah erstickten. Schließlich wollten sie nicht erwischt werden. Einige der Gefoppen warfen empörte Blicke auf das Tor, hinter dem sie zu Recht die Missetäter vermuteten und schimpften laut. Dann gaben die Wächter ein Alarmzeichen und es hieß, so schnell, wie es ging, Reißaus zu nehmen. War aber diese Gefahr vorbei, sprangen die Wächter von ihrem Ausguck herunter. Von ihnen wurde nämlich jetzt ein genauer und möglichst farbiger Bericht über die Szene erwartet, die sich eben vor dem Tor abgespielt hatte. Manche der Passanten waren wie ertappt davongeschlichen, andere schauten nur verwirrt drein. Die Kinder badeten sich in Schadenfreude und Vergnügen.

Pittchen fielen immer wieder neue Streiche ein.

In einem der Häuser wohnte eine Familie namens Rot. Rike kannte die Leute nicht und kannte auch kein Kind aus dieser Familie. König Pittchen organisierte eines Tages eine Abordnung Kinder, die auf der Straße vor dem Haus Aufstellung nahm. Einer von ihnen klingelte bei Rots Sturm und als sich oben im zweiten Stock das Fenster öffnete und ein Mann verärgert hinunter sah, schrien sie im eingeübten Chor: „Wir wählen Rot! Wir wählen Rot!“ Warum der Mann nun noch viel wütender wurde und sie alle schleunigst in die rettenden Hauseingänge zu ihren Wohnungen liefen, konnte Rike sich nicht erklären. Aber auch sie rannte so schnell sie konnte.

 

Wenn die Hofclique unter der Führung von Pittchen dem Ersten nicht gerade Streiche und Bienen-Sammeltouren plante, wurde hinterm Haus gespielt. Es gab Spiele, die sich nämlich dort ganz besonders gut spielen ließen, weil der Hof ungepflastert und auch nicht asphaltiert war.

Beim sogenannten „Länderklauen“ verteilten sich die Kinder. Dann wurde mit einem kräftigen Stock um jedes Kind ein großer Kreis in den Boden geritzt, der die Landesgrenze seines Reiches darstellen sollte. Jeder besaß ein anderes Land. Beim Spiel ging es darum, durch geschicktes Werfen mit dem Ball, den anderen ihr Land wegzunehmen. Und bei jeder Grenzveränderung, die je nach dem, wie gut man mit dem Ball umgehen konnte, zu einer Vergrößerung oder auch Verkleinerung des eigenen Landes führte, mussten diese Grenzen neu gezogen werden. Die Territorialverhältnisse Europas wurden im Verlauf dieses Spiels rasanten Veränderungen und Verschiebungen unterworfen. Und wenn man als kleiner Unglückswurm zum Schluss auf einem winzigen Fleckchen Frankreich, Russland oder auch Deutschland stand, das so zusammengeschrumpft war, dass man schließlich nur noch auf einem Bein darin stehen konnte, musste man kapitulieren.    
Woher dieses Spiel kam, wer es mitgebracht hatte, wusste keiner. Als Claudia einmal beim Abendessen davon erzählten, sahen sich die Eltern peinlich berührt an, sagten aber nichts dazu.

 

Ganz besonders gut eignete sich der Hof für das „Knickerspiel“. Überall gab es die bunten kleinen Tonkugeln zu kaufen. Wie jedes Kind besaß bald auch Rike eine Kiste voll davon, die sie immer dabei hatte. Manche Kinder horteten einen regelrechten Schatz in Kästen, die so groß waren, dass sie ihnen als Hocker dienen konnten, wenn sie gerade nicht am Zug waren.

Für dieses Spiel brauchte man außer Knickern nicht viel, nur einen unversiegelten Untergrund und einen Schuhabsatz, auf dem man sich schnell drehen und damit die Ferse in den Boden bohren konnte. Und schon hatte man in null komma nichts ein passendes Zielloch, das Knickerloch in den Boden gekratzt, wo immer und wann immer man wollte. Die Mutter von Claudia und Rike wunderte sich immer wieder, warum die Absätze an Claudias Schuhen ständig so schnell abgetragen waren. Eines Tages entdeckte sie zu ihrem Staunen das gleiche Phänomen an Rikes Schuhen, die inzwischen auch ganz souverän über die notwenigen Techniken des Knickerloch Machens verfügte.

Die Anzahl der Knicker, die man besaß, konnte sich durch jedes Spiel, erheblich erhöhen oder reduzieren. Man war arm und kurz darauf reich, oder umgekehrt. Neue, noch nicht vom häufigen Gebrauch stumpfe, abgenutzte, sondern frisch in bunten Farben leuchtende Knicker waren der Stolz ihres Besitzer. Die durchsichtigen, größeren Glasknicker mit ihren Farbeinschlüssen, Marmorierungen und bizarren Mustern darin aber galten als besonders wertvoll und es entwickelte sich unter den Hofkindern ein lebhaftes Tauschgeschäft um diese klickernden und klackernden Schätze. „Was sagst du Di> 

Im hinteren, breiteren Teil des Hofes standen die flachen, einstöckigen Lagerschuppen, in denen lange Bretter und kistenweise Waren der Firma Maggi gelagert waren, die Pittchens Vater gehörten. Hier durften die engeren Mitglieder der Hinterhofbande im ersten Stock auf dem Bretterboden des offenen Schuppens sitzen, die Beine herunter baumeln lassen und genüsslich an einem der kleinen zwei-Pfennig teuren Maggiwürfel schlecken, die Pittchen hinter dem Rücken seines Vaters auf die Seite gebracht und seinen Leuten großzügig spendiert hatte. Rike durfte zum gegen Ende dieses Sommers zum ersten Mal dabei sein. Sie saß zwischen den anderen Kindern und ließ sich nicht anmerken, dass sie jedes Mal einen ziemlichen Schreck bekam, wenn sie in die Tiefe hinunter schaute. Die Maggiwürfel aber schmeckten köstlich. „Ach“, meinte Pittchen, so ganz nebenbei: „Sag mal Dicke, wie heißt du eigentlich?“ „Rike“, parierte sie wie aus der Pistole geschossen und schaute ihm direkt ins Gesicht. „Ist ja gar nicht so ein schwerer Name, kann man sich merken“, brummte der König wohlgefällig und gab ihr einen neuen Maggi-Würfel. Seit dem Tag wagte es niemand mehr, sie „Dicke“ zu nennen.

 

Nachkriegskinder

 

An der Stelle, an der die Elfenstraße an ihrem Ende auf eine mit Bäumen bestandene Querstraße stieß, lag eine zurückgesetzte kompakte Wohnungsanlage, deren Häuserzeile um eine halbrunde Rasenfläche herum angeordnet war. Auf die Kinder wirkte dieses langgestreckte Gebäude wie ein Gut oder ein Schloss, es beeindruckte sie. Allerdings hatte eine Bombe den rechten Teil der Häuserrunde weggerissen. An der Hauswand, die stehen geblieben war, klebten in allen drei Etagen Reste der weggebombten Wohnungen: Blümchentapeten, Toilettenbecken, ein paar Quadratzentimeter Fußboden eines Zimmers, das es nicht mehr gab, Reste von Wandlampen und zwei Treppenstufen, die ins Nichts führten. Rike blieb hier manchmal stehen, erfüllt von Grauen. Das hier war für Rike der Krieg. Sie konnte sich die Leute, die dort eben noch gewohnt haben mussten, genau vorstellen, wie sie durch die Zimmer gingen, aufs Klo wollten, wie sie die Lampe anmachten. Und dann, bum, war alles weg. Rike schauderte jedes Mal zusammen, wenn sie hier vorbeikam und an der Hauswand hochsah. 
Aber eigentlich fürchteten sich die Kinder nicht vor den Ruinen in ihrer Straße. Rikes Eltern hatten den Mädchen zwar viel von den Bombennächten und den Ängsten der Menschen im Krieg erzählt, aber ihr schien die Welt friedlich. Ruinen waren aufregende Spielplätze, in denen Claudia und Rike wie alle Kinder hier jeden freien Tag herumkletterten und verbotene Abenteuer erlebten. An die immer wieder auftretenden Bombenfunde, die im Viertel gemacht wurden und die alles Leben für ein paar Stunden lahmlegten, bis sie gehoben und entschärft worden waren, hatten sie sich gewöhnt. Der Krieg, das war für sie früher, vor hundert Jahren, in einer anderen Welt, lange vor ihrer Zeit.

Geschäftsbeziehungen

In den Ruinen suchten die Kinder zwischen Kuckucksnelken und unter Eisenträgern und Schutt nach alten, bunten Kachelstücken. Manche trugen Ornamente oder man konnte noch erahnen, dass sie mit prächtigen Pfauenfedern bemalt gewesen waren. Oder sie ernteten Eisenstangen und Bleche für den Klüngelskerl.         

Rike liebte über alles die kurze aber durchdringende Melodie der Klüngelskerle, die mit offenen Pferdewagen durch die Straßen des Viertels fuhren, um Alteisen und Lumpen zu kaufen. Die Töne kamen ihr vor wie eine wehmütige aber sofort wieder abgebrochene Klage, die ständig wiederholt wurde. Die Klüngelskerle bliesen sie auf einer kleinen Metallflöte und obwohl es sicherlich verschiedene Menschen waren, die im Viertel als Klüngelskerle ihre Arbeit verrichteten, klang diese Melodie immer gleich.
Wie die meisten Kinder des Viertels sammelten auch Claudia und Rike Alt-Eisen in den Trümmern. Und Alteisen gab es dort genug. Der Klüngelskerl kaufte es ihnen zum Kilopreis ab. Es gab keine festen Zeiten oder Wochentage, an denen der Klüngelskerl in die Elfenstraße kam. Vielleicht gab es sie doch und die Erwachsenen wussten davon. Den Kindern jedenfalls reichte die Melodie. Sobald sie zu ihnen drang, egal wo sie gerade spielten und waren, ließen sie alles stehen und liegen und eilten der Melodie nach, um ihr lang herbeigesehntes Geschäft zu tätigen.  
Rike kannte das Gesicht des Fischhändlers und des Kartoffelmanns, aber dem Klüngelskerl sah sie nie ins Gesicht. Deshalb wusste sie auch nicht, ob es immer derselbe Mann war, an den sie verkauften, oder ob die Klüngelskerle von Monat zu Monat, von Sommer zu Sommer wechselten. Die Kinder trauten sich nicht, sie anzusehen, weil sie wussten, dass es Menschen waren, die man nicht kennen sollte. Für Rikes Mutter waren Klüngelskerle Menschen auf der untersten Sprosse der Sozialleiter. Aber die Kinder sahen in ihnen wichtige Geschäftspartner, von deren Waage und deren Gutmütigkeit oder Willkür es abhing, ob sich ihre Mühe im Alteisensammeln in barer Münze auszahlen würde. Sie reichten ihre Beute hoch zu dem zerlumpten Mann auf dem offenen Pferdewagen. Und der Klüngelskerl wog sie, begutachtete sie und schätzte den Wert. Die Kinder warteten jedes Mal ängstlich gespannt und demütig auf das Ergebnis der Untersuchung. Und wenn der Klüngelskerl dann mit seiner schwieligen, groben Hand in seiner zerschlissenen Ledertasche wühlte, die an seinem Gürtel hing, und einen Groschen, in seltenen Fällen auch zwei Groschen daraus hervorkramte, ging ein Aufatmen durch sie hindurch. Sie fühlten sich dann glücklich und überaus erfolgreich. Mehr als zwei Groschen bekamen sie aber nie.

Für Rike und ihre Schwester stellte sich dabei jedes Mal die spannende Frage, ob das Geld, das sie für ihre Buddellei und Schlepperei bekommen würden, auch tatsächlich für eine ganze Stange echten Lakritz reichte. Dafür brauchten sie nämlich mindestens einen vollen Groschen. War es aber, wie so oft, nur einer, so konnten sie sich nicht jede eine Stange vom Büdchen holen. Dann galt es, die eine Stange exakt in der Mitte zu teilen. Die Stangen waren hart und man konnte sie nicht durchbeißen. Claudia sägte sie mit ihrem Taschenmesser vorsichtig durch.         
Die Schwestern lutschten die Stangen mit Inbrunst und drehten sie sanft zwischen den gespitzten Lippen hin- und her, so dass sie nach einiger Zeit wie angespitzte Bleistifte aussahen. Die dickflüssige obere Schicht saugten sie genüsslich und ganz vorsichtig ab. Die Stange musste schließlich einen ganzen Vormittag halten, denn es galt, möglichst lange etwas davon zu haben. Die Tage, an denen sie sich diese Köstlichkeit leisten konnten – auch die Tage, an denen es nur eine halbe Stange für jede gab – waren für sie Feiertage.

 

Im Viertel unterwegs

 

Jeden Tag fuhren Händler mit ihren Pferdefuhrwerken durch die Straßen: der Fischhändler, der Gemüsemann, der Kartoffelmann. Die Frauen kamen mit ihren Taschen und Körben aus den Häusern und kauften vor der Haustür ein. Der Kartoffelmann mochte Kinder, sie duzten ihn und er nahm immer wieder Kinder ein paar Straßenzüge weit mit auf seinem Wagen.
Einmal gelang es Rike an der beschützenden Seite ihrer Schwester einen solchen Platz auf dem Pferdefuhrwerk zu ergattern. Sie saßen eingekeilt zwischen den Kartoffelsäcken, auf dem staubigen Boden des Fuhrwerks und fühlten sich wie große Herren, die durch die Stadt kutschiert wurden.    
Aber es gab in der Nähe auch Geschäfte, in die man hineingehen konnte, um etwas zu kaufen. Am liebsten war Rike beim „Schäfermeier“, in einem kleinen engen Laden um die Ecke. Sie kam oft mit ihrer Mutter hierher oder mit Claudia. Hier beim „Schäfermeier“ kannte man Rike. Deshalb traute sie sich bald auch alleine in diesen Laden, wenn die Mutter etwas vergessen hatte oder irgendeine Kleinigkeit im Haushalt fehlte.    
Der Ladenbesitzer, Herr Schäfermeier, war ein großer, kantiger Mann in einem weißen Kittel. Rike war fasziniert von seinem eckigen Schädel und den rotblonden Haaren. Eines Tages erfuhr sie, dass er seine blonde, junge Verkäuferin geheiratet hatte und wunderte sich sehr. Ihr war Herr Schäfermeier immer uralt vorgekommen.       
In diesem kleinen Laden gab es im Winter zu jedem Ramawürfel, den man kaufte, die elfenbeinfarbenen Krippenfiguren aus Plastik dazu. Die Schwestern sammelten die flachen, gestanzten Krippenteile leidenschaftlich und versuchten gemeinsam, bis Weihnachten alle dazugehörigen Figuren zusammenzubekommen. Das war nicht leicht: Den Stall, die Krippe mit dem Christkind, Maria, Josef, den Esel und den Ochsen brauchte man zwar nur einmal, dafür war es aber auch viel schwieriger, diese Figuren zu erwischen. Da es sehr oft Schafe gab, geriet die Herde der Plastikkrippe von Claudia und Rike besonders üppig. Auch Hirten brauchte man mehrere. Jedes Mal, wenn ein Einkauf getätigt war, hielt Herr Schäfermeier den Kindern die geöffnete Hand hin, in der ein paar Figuren zur Auswahl lagen. Welches Glück, wenn da nun genau die Figur dabei war, die man noch so dringend brauchte!

Hier lauschte Rike immer wieder begierig den interessanten Gesprächen zwischen den großen Leuten. Sie schnappte so manche Weisheit auf und bewahrte sie in ihrem Gedächtnis, wie zum Beispiel die beeindruckende Geschichte von der Frau, die tot umgefallen war, nachdem sie fünf Flaschen von dem neuen Getränk Coca Cola ausgetrunken hatte. Für Kinder war dieses Getränk ohnehin strengstens verboten.

Ein paar Meter weiter die Hauptstraße hinunter an der Kreuzung gab es einen anderen Laden, in den ihre Mutter lieber ging als zu Schäfermeier. Dieser Laden war größer und übersichtlicher und wie die Mutter betonte, auch etwas billiger. Aber Rike mochte den Laden nicht. Denn wenn sie alleine an der hohen Theke dieses Geschäftes anstehen musste, um bedient zu werden, dann wurde sie regelmäßig von den Verkäuferinnen übersehen. Sie konnte nicht über die Theke hinwegschauen und stand eingeklemmt zwischen den Frauen, die sie mit ihren dicken Hintern und Taschen zur Seite drängten. Oft stand sie dann da und wusste nicht, wie sie gegen ihre Verzweiflungstränen ankämpfen sollte.      
Allerdings sprach eines für diesen Laden: Es gab es hier eine ganz bestimmte Sorte von Creme-Waffeln. Man konnte sie in einem gläsernen Kasten unter der Theke sehen. Sie wurden mit einer silbernen Schaufel in Papiertüten abgefüllt und abgewogen. Einmal kaufte Rikes Mutter eine ganze Tüte voll. An diesem Tag sollten nämlich die Geschwister den Tag über alleine bleiben und die Creme-Waffeln waren als Trost gedacht. Kaum alleine gelassen, kratzten und schabten Claudia und Rike die Creme sorgfältig von den Waffelscheibchen und sammelten sie in einer Tasse. Die Crememasse kosteten sie dann in winzigen Häppchen mit einer Gabel. Dieser Hochgenuss zog sich über Stunden hin.

 

Sommerparadies

 

Der Frühling war schon vorbei. Der Sommer nahte. „Mutti, die Nanni geht schon in Söckchen! Wann machen wir die Sommerkiste auf?“             
Die Sommerkiste – in der warmen Hälfte des Jahres „Winterkiste“ genannt – stand im Schlafzimmer. Sie war länglich, eine einfache, glatte Holzkiste, dunkelgrün angestrichen. Hier schlummerten alle Anziehsachen der Kindern, gewaschen und gebügelt, die in der gerade durchlebten Jahreszeit nicht gebraucht wurden und Platz im einzigen Schrank der Familie machen mussten.          
Pünktlich mit der Frühlingssonne entbrannte bei Rike und Claudia die Sehnsucht nach Söckchen und Sandalen, nach kurzen Hosen und bunten Baumwollkleidern, nach hellen Farben und all den Sachen, in denen sie im Vorjahr den Sommer genossen hatten. Und immer hatten die anderen Kinder eher Söckchen an als sie.            
Die Sommerkiste steckte voller Versprechungen und Vorfreuden. Sie erzählte vom warmen Sommerwind, von hellen Abenden und von lauter kleinen Alltagsabenteuern im Park: auf den Steinen sitzen dürfen, in der Sonne wippen, hüpfen, knickern, im Sand hocken, Marienkäfer sammeln, die Bötchen auf dem Parkweiher fahren sehen, mit nackten Füßen über die Wiesen rennen. Die Gebote und Verbote und Ermahnungen der Erwachsenen verloren im Sommer ihr Gewicht. Das Leben war nicht mehr so gefährlich und beschwerlich, es war einfach eine Lust und fast alles, was wirklich zählte, spielte sich nun draußen ab.    
Wenn es so weit war, krochen Rike und Claudia abends in ihre Familienhöhle wie kleine Tiere. Still, erschöpft und schon eingeschlafen, wenn die Mutter ihnen noch gute Nacht sagen kam.             
Morgens, sobald die Sonne schien, ging das Leben weiter. Das Leben war wichtig und es war schön. Im Sommer hatte Rike Flügel.

Es war gar nicht weit bis zu ihrem Sommerparadies!           
Die Elfenstraße mündete auf der einen Seite in eine ruhige, von hohen Platanen und Blutbuchen beschattete Wohnstraße, die nach wenigen Schritten zum nahen Park führte.

Die Schwestern kannten unendlich viele Spielmöglichkeiten im Park und in den Feldern, die sich an den Park anschlossen. Da gab es den alten und den neuen Park, und die mit dichten Büschen bestandene Randzone des Parks, wo man geheime Verstecke bauen konnte. Dahinter fingen die Felder an und die weiten Wiesen von Bauer Heckmann, die sich bis zum Bauchlauf neben den Eisenbahnschienen hinzogen.

Der alte Park war von zu Hause aus am schnellsten zu erreichen und mit seinem riesigen Spielplatz und seinem Gondelweiher besuchten sie ihn fast jeden Tag. Der Rasen vor dem Weiher schien mit Gänseblumensternchen besprenkelt. Der kleine See mit seinen Ruderbooten roch im Sommer ein wenig modrich und die kleine Halbinsel, auf der man im Frühling noch so gut Vater- Mutter-Kind hatte spielen können, wuchs immer dichter mit Schilf und Schlingpflanzen zu.

Im alten Park aber ging man auch sonntags mit den Eltern spazieren. Für die Kinder war deshalb erst der hintere, nach dem Krieg neu angelegte Teil des Parkes ihr eigentliches Revier. Um dorthin zu gelangen, folgte man dem Weg durch das Schmetterlingsparadies. Hier gaukelten hunderte von großen, bunten Faltern um die mächtigen Sommerflieder- Büsche und ließen sich auf den länglichen Blütendolden nieder. Keiner wusste, warum: Aber hier zu verweilen, war verboten. Die Kinder gingen jedes Mal staunend aber möglichst schnell durch dieses exotische Reich.
Dann kam man durch einen breiten Hohlweg. Rechts und links wuchsen hohe dichte Hecken, die den Park gegen die umliegende Kleingartenzone abgrenzten. Aus dem Kleingartengelände waberten im Sommer betäubende Düfte herüber und üppig blühende Kletterpflanzengeflechte krönten die hohen Hecken wie bunte Verzierungen. Am Ende des Hohlwegs öffnete sich der Park wieder und man schaute auf ein großes Rasenrundell mit vielen Bänken. Dort saßen immer alte Leute und bewunderten die Rosenrabatten in der Mitte.

Man überquerte danach auf einer alten Holzbrücke ein kleines, immer leicht stinkendes Rinnsal, das in einem hässlichen Betonbett durch die Wiesen floss. Die Leute nannten diesen ehemaligen kleinen Bach „Köttelfletsche“. Den Kindern gefiel der Name sehr. Auf den steilen Böschungen hinunter zum Betonbett des Baches wucherten wilde Kräuter und Unkräuter und es blühten dort seltsame Blumen, die es sonst im ganzen Park nicht gab. Auf dem hölzernen Brückengeländer balancierten die Mutigsten von ihnen. Hinter der Brücke aber begann der neue Park.

Der neue Park bestand aus einer riesigen Rasenfläche, die von einem Netz kleiner Spazierwege durchzogen war und am Rand von einer dichten Buschzone umrahmt wurden. Hier und da standen einzelne alte Bäume im Gras. Die Rasenflächen durfte man nicht betreten, aber es gab Stellen am Rande, wo der Rasen in Wiese überging und wo die Kinder spielen konnten. Eines der beliebtesten Parkspiele war das Sammeln vierblättriger Kleeblätter. Ganze Rasenflächen waren hier mit Klee überwuchert. Claudia und Rike sammelten die Glücksbringer Sträuße weise. Man musste sich nur bücken und den konzentrierten Blick auf die Wiese richten. Sie wuchsen einem geradezu entgegen. Es gab auch fünf- und sechsblättrige Exemplare. Die Ruhrgebietsluft schien sie zu großer Vielfalt anzuregen. Jedenfalls waren sie meistens auch eher ziemlich dunkelgrün. „Was habt ihr denn gemacht, fragte abends die Mutter nach solchen Sammel-Exzessen. „Ihr habt ja ganz schwarze Hände!“ Abends im Bett, wenn Rike die Augen schloss, sah sie noch immer nichts vor ihren geschlossenen Augen als Klee und Gras.

Am Ende des neuen Parkes schlossen sich die Felder von Bauer Heckmann an. Hier waren im Juli die Kornfelder schon gelb. Auf den Gemüsefeldern standen dicht an dicht dicke Steckrüben. Weiter hinten, am Wiesenbach blühten im Frühjahr ganze Flecken von Sumpfdotterblumen mit ihren goldglänzenden Blüten. Im Sommer übernahm der Klee die Regie und leuchtete weiß und zart violett zwischen den herb duftenden Weißdornbüschen hindurch. Hier führte der Weg an einer Bahnstrecke entlang. Oft saßen die Schwestern im Klee am Bahndamm, winken den vorbei fahrenden Zugführern und zählten die Waggons der endlos langen Güterzüge. Oder sie spielten ein Spiel, das sie „Zechen gucken“ getauft hatten. Man schloss die Augen, drehte sich um sich selbst und wenn man stehenblieb und die Augen öffnete, musste man irgendwo am Horizont eine Zeche sehen, sonst hatte man verloren. Selten kam es vor, dass man stehen blieb, die Augen öffnete und keine Zechensilouette sich am Horizont abzeichnete. Zechen gab es hier so viele wie es dort, wo Rike mit ihren Eltern einmal Urlaub gemacht hatte, Burgen und Schlösser gegeben hatte.

Den kleinen Tümpel irgendwo auf Bauer Heckmanns Wiesen entdeckten die drei an einem blauen Ferientag. Ringsherum gab es keine Häuser und Straßen, nur weit hinten am Horizont sah man die Dächer von ein paar Siedlungshäuschen. Um den Tümpel herum wuchs Sauerampfer und giftig grünes Gras. Dahinter schlossen sich schmale Streifen von Sumpfwiesen an und dann kamen Felder mit Rüben und Gerste, Kartoffeln und noch mal Kartoffeln. Der Tümpel lag etwas tiefer als die Landschaft ringsum und war von kleinen Sanddünen umgeben, die man hinunter klettern musste, um ans Ufer zu gelangen. Im Sand fanden die Kinder Schneckenhäuser in allen Größen und Farben. Der Tümpel selber war kreisrund, vielleicht ein alter Bombentrichter. Jetzt lag er friedlich da und war mit einer dicken Schicht Entengrütze überzogen, so dass man nur an wenigen Stellen dunkles Wasser in der Sonne aufblitzen sah.            
Auf dem Heimweg durchstreiften die beiden ein verlassenes Gartengrundstück. In dem verwilderten Garten ernteten sie Stachelbeeren und nahmen feierlich auf den schon halb zerborstenen Bänken des alten Gartenhäuschens Platz. Sie träumten, sie würden hier für immer leben, in einem wunderschönen Garten mit alten Bäumen, zwischen blühenden Büschen und duftenden Blumen und mit weißem Kies auf den Wegen. Hier wähnten sie sich in ihrer ganz und gar eigenen Welt, deren Existenz weder den Eltern noch den Kindern bekannt war, mit denen sie sonst spielten.

 

Die neue Zeit

 

Selbstbedienung

Nach und nach verschwanden die Ruinen aus dem Straßenbild. Überall wurde gebaut. Eine neue Zeit hatte begonnen, so sagte Rikes Vater.

Ein paar Straßen weiter gab es ein ganz neues Einkauferlebnis, das auch Rikes Mutter zum Staunen brachte: Wenn man die Hauptstraße ein Stück weiter lief und dann in die Florastraße einbog, war ein neues Geschäft eröffnet worden, wo man gar nicht bedient wurde. Es gab dort überhaupt keine Theke und erfreulicherweise auch keine Verkäuferinnen, die kleine Mädchen übersehen konnten. Hier nahm man sich ein eckiges Drahtkörbchen und konnte dann aus den Regalen ringsum einfach alles hineinstellen, was man nur wollte. Selbstbedienungsgeschäft nannte man dieses neue Einkaufswunder. Rike kam das unglaublich, ja geradezu unsittlich vor, gerade so, als würde man dort stehlen wollen. Die Mutter von Claudias Freundin aber hatte den Laden als erste ausprobiert und klärte Rikes Mutter kurz und bündig über die eigentliche Gefahr dieses Ladens auf: „Da siehst du überall interessante Sachen in den Regalen. Dann legst du die in dein Körbchen und an der Kasse musst du auf einmal ne Masse Geld bezahlen für Sachen, die du gar nicht kaufen wolltest.“ In Rikes Familie wurde lange darüber gegrübelt, wer sich diesen gemeinen Trick ausgedacht hatte. „Das kommt doch sicher von den Amis“, vermutete ihr Vater. 

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Claudia und Rike waren in der Stadt unterwegs, irgendwo in einem für Rike noch nicht so bekannten Viertel. Über ihnen der Julihimmel war weit und hellblau, so blau, wie er im Ruhrgebiet damals überhaupt nur sein konnte.
In der letzten Zeit flogen öfter Düsenjäger über die Häuser. Die großen Leute zogen den Kopf ein und murmelten etwas von Krieg. Die Kinder sahen staunend nach oben. Aber heute geschah etwas ganz anderes. Das Flugzeug schien etwas zu verlieren, hinter ihm entstand ein Strich am Himmel wie aus weißem Rauch, der langsam immer breiter wurde. Die Leute blieben stehen und starrten nach oben. Eine Flugzeugpanne?

Claudia und Rike starrten gebannt nach oben. Sie merkten sehr wohl, dass nicht nur sie beunruhigt waren über dieses ungewöhnliche Verhalten des Flugzeuges, sondern auch die erwachsenen Leute um sie herum. Rike griff nach Claudias Hand. „Was ist das?“, fragte sie mit tonloser Stimme. Ihre Schwester hielt ihre Hand und flüsterte zurück: „Du musst keine Angst haben. Das Flugzeug das übt nur, glaube ich. Oder es macht solche Flugkunststücke, wie Vati es im Krieg immer gemacht hat, weißt du noch. Das hat er doch immer erzählt. Aber das ist nur Spaß, bestimmt ist das ganz harmlos.“ Dennoch spürte Rike am Händedruck ihrer großen Schwester, dass auch die beunruhigt war. Sie standen und schauten mit offenen Mündern gebannt nach oben. Der Flieger drehte und kurvte über den Himmel, und immer wieder stieß das Flugzeug kurze oder längere weiße Rauchsäulen aus, die am Himmel zurückblieben, langsam dicker und größer wurden und -  ja, jetzt sah man es auf einmal, die Linien bildeten,nein, richtige Buchstaben: ein P, dann ein E, ein R, jetzt ein S! Alle starrten gebannt in den Himmel. Das konnte doch gar nicht wahr sein! Und doch: Jetzt folgte ein I, oder war das nur ein Strich? Nein es war ein I. Denn jetzt, nein wirklich, jetzt kam noch ein L. „Persil“, riefen die Leute entzückt und erleichtert, „Da oben steht ‚PERSIL‘! Das Flugzeug hat es an den Himmel geschrieben!“
Und während alle noch ungläubig aber lachend zum Himmel hinauf sahen, von dem kein Engel herabstiegt und wo niemand den jüngsten Tag ankündigte, sondern einfach nur das Wort „PERSIL“ geschrieben stand, kehrte das Flugzeug vom Horizont, hinter dem es verschwunden war, wieder zurück und nahm seine geheimnisvolle Arbeit erneut auf: B.L.E.I.B:T entzifferte Claudia nach und nach und Rike  hing gespannt an ihren Lippen. „Persil bleibt Persil“, jubelten die Leute. Und tatsächlich, in einem letzten Anflug auf den spätnachmittäglichen Junihimmel über der Stadt schrieb das Flugzeug noch einmal mit dicken, weißen Strichen „Persil“. Und nun stand da, von Horizont zu Horizont, die überaus wichtige Botschaft des großen Waschmittelherstellers. Jeder, aber auch jeder in der Stadt musste sie lesen.

 

Motorisierung

So schön die Fahrten auf dem holprigen Pferdewagen des Kartoffelmanns auch waren, noch interessanter fanden die Kinder die neuen technischen Entwicklungen im Straßenbild. Als erster im Viertel tauschte ausgerechnet der Kartoffelmann sein Pferdefuhrwerk gegen ein kleines, viel bestauntes Lastauto ein, das auf drei Rädern stolz durch die Straßen surrte und ohne Hafer und Peitschenknallen auskam. Allmählich kamen andere Lastautos dazu. Dennoch bestimmten weiterhin die Pferdefuhrwerke das Straßenbild. Und die Leute fuhren Fahrrad. Nur wenige hatten eins der neuen Autos in ihrem Besitz. Auf der Elfenstraße stand kein einziger PKW am Bürgersteigrand. Wer so etwas besaß, fuhr es vorsichtig in den Hof und deckte es liebevoll zu.             
Als bei Claudia und Rike das „Strickliesel-Fieber“ ausgebrochen war, strickten sie eine Woll-Wurst, die so lang war, dass sie sie von ihrer Haustür über die ganze Elfenstraße spannen konnten. Dann hielten sie mit ihrer Sperre die Autos an, die in die Straße einbiegen wollten. Wenn sie Glück hatten, „fingen“ sie pro Stunde drei oder vier Autos. Mehr war nicht los. Irgendwann gab es Ärger, und sie mussten diese Fangversuche einstellen.

Manchmal lagen die beiden Schwestern an Sommerabenden heimlich im geöffneten Schlafzimmerfenster - ihre Eltern wähnten sie derweil schlafend - und zählten wie schon tagsüber rote Autos. Jede hatte eine kleine Pappe in der Hand, die sie den ganzen Tag mit sich herumführte und auf die sie mit einem Bleistiftstummel Striche für jedes gesehene rote Auto machten. Vom Schlafzimmerfenster aus konnten sie die Elfenstraße einsehen, hatten aber auch einen guten Ausblick auf die Hauptstraße, in die die Elfenstraße mündete. Trotzdem war das Zählen der roten Autos ein mühsames Unterfangen. Um den erstrebten Hunderter an roten Autos voll zu bekommen, waren sie in den Sommerferien mindestens eine Woche lang beschäftigt. Als einmal Rike ihr Kärtchen in kürzerer Zeit mit den erforderlichen 100 Strichen gefüllt hatte als Claudia, war sie überglücklich und stolz, endlich auch mal ihre Schwester besiegt zu haben. 

Die Kreuzung in der Nähe von Rikes Schule galt als häufig befahren und daher als gefährlich. Es kam der Tag, an dem es notwendig wurde, dass bei Claudia in der Schule der Verkehrskasperle auftauchte und den Kindern Verkehrsunterricht gab. Ein besonderes Thema war dabei die neue Ampel an der nahen Kreuzung, die vor kurzem installiert worden war. Sie wurde in der Mitte der Kreuzung an zwei sich diagonal kreuzenden Drahtseilen aufgehängt, ein großer Würfel mit abgeplatteten Ecken, so justiert, dass aus jeder der vier Richtungen ein anderes Würfelfeld sichtbar war, in dem sich ein Zeiger langsam aus einem roten in ein grünes Feld bewegte.
Als die Ampel aufgehängt wurde, standen die Anwohner in Trauben auf den vier Bürgersteigen und schauten zu. Und alle, auch Rike und ihre Schwester gingen danach in dem Bewusstsein nach Hause, soeben dem Einzug der technischen Revolution beigewohnt zu haben.
Es dauerte keine 14 Tage, als erneut ein noch größerer Menschenhaufen an der Kreuzung zusammenlief. Es hatte einen Unfall gegeben, zwei Autos waren zusammengestoßen. Sie standen zerbeult und aus der Fahrtrichtung gedrängt mitten auf der Kreuzung und sahen erbärmlich aus. Auf dem Pflaster lag auf einer Decke ein Mann, um den sich mehrere Menschen bemühten. Die Kinder waren von der Elfenstraße in Windeseile um die Ecke gerannt, als sie das Knallen hörten. Jetzt standen sie betreten am Straßenrand. Rike beobachtete mit Sorge, wie der Mann auf der Decke stöhnte und von einem Mann beruhigt wurde. Endlich hörte sie das Martinshorn und wusste, dass jetzt wohl ein Krankenwagen kam.
Die schaulustige Menge wurde von der Polizei zurückgedrängt. Die Leute diskutierten heftig. Wie konnte das passieren, wo sie nun doch eine Ampel hatten? Zeugen erhitzen sich. Von Zeugen, die aus verschiedenen Blickwinkeln den Unfall beobachtet hatten, gab es die hartnäckig wiederholte Behauptung, der jeweilige Fahrer sei bei Grün losgefahren. Kopfschüttelnd standen alle da, noch lange, nach dem die Autos weggeschleppt worden waren und ein Krankenwagen den Verletzten mitgenommen hatte.
Die Ampel wurde ausgeschaltet und hing nun einige Tage wie ein totes Tier in der Luft. Nichts bewegte sich mehr an ihr. Die Zeiger standen alle vier still und unbewegt irgendwo zwischen Rot und Grün. Rike tat es um die Versager-Ampel leid. Sie hatte gerne am Straßenrand zugesehen, wie die Zeiger wanderten.

Einige Zeit später wurde die Ampel abmontiert. Das Modell hatte sich als ungeeignet erwiesen. Tatsächlich, so erzählte Rikes Vater beim Abendbrot, hatte es bei dieser Ampel  eine ganz kurze Zeitspanne gegeben, in der man an allen vier Seiten mit Fug und Recht der Meinung hätte sein können, noch „Grün“ oder schon „Grün“ zu haben.

Monate später kamen Straßenarbeiter und errichteten Rohre an allen rechten Seiten der Straßenmündungen, an denen die anmontierten Ampellichter nun im Wechsel rot, gelb oder grün aufleuchteten.
Rikes Eltern waren sehr erleichtert über die neue Lösung, denn diese Kreuzung lag auf dem Schulweg, den demnächst ja auch Rike jeden Tag gehen würde. Rike aber trauerte dem bunten schönen Würfel ein wenig hinterher, denn er hatte ihr viel besser gefallen. Aber das behielt sie für sich. Ihr wäre auf dem Schulweg bestimmt auch mit der alten Ampel nichts passiert, denn sie wusste sehr gut, dass sie trotz dieser neumodischen Ampeln immer erst nach links und dann nach rechts schauen sollte. Schließlich war sie ja fast schon ein Schulkind.

 

Epilog

 

Im letzten Jahr vor ihrem Schulanfang war Rike zu Anfang des Sommers krank geworden, sie hatte wochenlang im Bett gelegen. Jetzt ging es ihr wieder besser. Sie sollte möglichst viel frische Luft bekommen, hatte der Arzt gesagt. Ein Windzug bewegte die leichte Übergardine. Das Schlafzimmerfenster stand weit offen. Die Luft roch wie immer nach Koks und Abstichgasen, sie roch aber auch nach blühendem Gras.

Rike lag da und lauschte voller Sehnsucht den Geräuschen des Sommers vor ihrem Haus: Die Schritte der Menschen auf der Straße unten klangen unbekümmert. Die Leute blieben stehen und unterhielten sich, Kinder riefen und kreischten beim Spielen, langsam ratterte das Fuhrwerk des Küngelskerls über das Kopfsteinpflaster. Seine Flötenmelodie kam näher, jetzt bog er um die Ecke in ihre Straße ein. Und da brach die Melodie plötzlich ab, es folgte das „Brrrr“, das Fuhrwerk hielt. Jetzt saß der Klüngelskerl auf seiner Holzbank, die Zügel lässig in der Hand, er wartete. Das Pferd scharrte mit den Hufen. Rike hörte Schritte näherkommen. Leute sprachen etwas. Sie stellte sich vor, wie die Leute dem Klüngelskerl alte Eisengegenstände heraufreichten. Etwas klapperte, ein kurzes Verkaufsgespräch „80 Pfennig?“ „Mehr nicht?“ „Es sind nur 2 Kilo.“ „Na, dann gut“, folgte. Blech landete scheppernd auf dem Schrotthaufen hinten auf dem Wagen. Ein schweres Eisenteil polterte hinterher. Dann herrschte wieder Stille. Das Pferd schnaubte, der Küngelskerl wartete noch ein wenig, dann ein leises „Hüh“ und das Fuhrwerk zog an. Die bereiften Räder knirschen, das Flötenspiel setzte zögernd wieder ein. Die Hufe klackerten auf dem Pflaster und hallten an den Hauswänden wider. Die Flötenmelodie erklang jetzt hinter der nächsten Straßenecke und ertönte noch drei oder vier Mal, immer leiser, bis Rike sie nur noch ahnen konnte.

„Jetzt wird er zum Park einbiegen“, dachte Rike. Ihre Gedanken eilten hinterher. Dort öffnete sich der breite Eingangsweg zum Stadtpark, links am Eingang mahnte das bemalte Holzschild, das in Sütterlinschrift zur Sauberkeit im Park aufforderte und dem Spaziergänger befahl, Hunde an die Leine zu nehmen und vom Rad abzusteigen.

Wo Claudia und die andern Kinder jetzt wohl waren? „Sie werden die Sandalen und die Söckchen ausziehen und barfuß gehen“, dachte Rike. „Sie werden im Gras sitzen und den vorbeifahrenden Lokomotivführern zuwinken und die Eisenbahnwaggons zählen. Wenn die Luft vor Hitze steht und brüllt, werden sie sagen, „Es ist Mittag, wir müssen nach Hause gehen“. Danach aber rennen sie sicher ganz schnell wieder hinaus. Vielleicht besuchen sie heute das Eisenbahnversteck? Ob die wilden Stachelbeeren schon reif sind?“ Rike seufzte und lauschte wieder den Geräuschen der Straße.
Abends, als sie heimkam, fragte Rike ihre Schwester. „Wie war`s?“ „Schön“, antwortete Claudia schlicht, ihr Gesicht glänzte vor Sonne und Schweiß. Rike bohrte weiter: „Und was habt ihr so gemacht“? „Na, so wie immer“, antwortete die Schwester und schob sich ein riesiges Butterbrot mit dicken Tomatenscheiben in den Mund.
„Morgen“, sagte die Mutter zu Rike, „morgen darfst du vielleicht wieder aufstehen und aus dem Fenster sehen. Und nächste Woche bist du bestimmt wieder richtig gesund.“
Rike hoffte, dass der Sommer auf sie warteten würde.

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© Mechthild Seithe