Poesie und Texte
Poesie und Texte

Babubele     oder                                          Ich, der kleine, weiße Sohn der Götter

 

 

Geschafft! Auch den Dritten! Wie dumm diese Menschen doch sind! Und wie eitel!

Ich habe noch nie begriffen, warum Gott ausgerechnet diese dämlichen Zweibeiner zu den Herrschern über unsere Erde bestimmt hat. Wir Ziegen, wir hätten das alles viel schlauer angefasst.  Aber schon der Herrgott hat uns unterschätzt – obwohl er es ja eigentlich hätte besser wissen müssen.

Hinterlistig und stur seien wir, so sagen sie alle. So eine grobe Gemeinheit!

Nein, mich plagt kein schlechtes Gewissen: Sie haben es verdient.

 

Der erste, den ich mit dem Segen des misstrauischen Vaters vom Hof gejagt habe, das war einfach ein Ekel! Faul und grob - besonders zu uns Tieren! Wenn wir uns begegneten, konnte er es sich nie verkneifen, mich in die Seite zu treten oder mich am Bart zu ziehen. Ein brutaler Nichtsnutz!

Wenn er dran war, mich zu hüten, dann hatte ich wahrhaftig nichts zu lachen – und meistens auch wenig zu fressen. Er zog mit mir durch viel zu karge Wiesen, riss mich an der Leine fort, wenn ich einmal stehen blieb, um ein interessantes Hälmchen zu verspeisen. Oder er tackerte mich fest und ließ mich den ganzen Tag auf demselben Fleck stehen, den ich schon lange vor Mittag kahlgefressen hatte.

Und als dann der Vater mich nach solche einem Ausflug fragte, ob ich auch satt geworden sei, sah ich meine Chance kommen! „Wovon sollt ich denn satte sein? Ich fraß kein einzig Blättelein, ….“ Meine Klage wurde durch die Gebrüder Grimm ja hinreichend bekannt gemacht. Ein ziemlich alberner Satz, ich gebe es zu. Aber Menschen erwarten von uns solche Sachen.

Dass dann der alte Bauer mir und nicht seinem Sohn glaubte, schien den jungen Mann sehr zu überraschen. Ich konnte mir ein schadenfrohes Meckern nicht verkneifen.

Er ging fort und verfluchte mich. Ich sah ihm vergnügt nach. Er wusste nicht, dass Ziegen gegen menschliche Flüche immun sind.

 

Dann der Zweite. Der gab sich ja große Mühe. Ich hatte herrliche Tage mit ihm: satte Weiden, Kleefelder, was ich nur wollte… Aber er tat das nicht mir zu liebe. Das wurde mir sofort klar. Er strengte sich nur an, um das Erbe des Vaters für sich allein an Land zu ziehen. So sehr ich das leckere Futter genoss – er sagte mir den ganzen Tag über kein gutes Wort, er strich mir nie über meine hohe Stirn, er sah mich kaum an. Ich war für ihn nur Mittel zum Zweck.

Und da hatte er nicht mit mir gerechnet! Faulheit und Grobheit des älteren Bruders waren mir zuwider, aber Habgier und Verlogenheit? Das war noch viel schlimmer. Nein, sie haben mich alle unterschätzt. Mit sowas kommt man bei mir nicht durch.

Auch er musste also gehen. Kann ich was dafür, dass der Vater auch dieses Mal mir glaubte und nicht seinem Kind?

„Undankbare, dumme Ziege!“, schrie der zweite Sohn, als er den Hof verließ  und schlug das Tor hinter sich zu.

„Ziege, dumme Ziege!“. Nicht einmal einen Namen haben sie für mich. „Ziege komm!“, „Ziege geh aus dem Weg!“ , Ziege hau ab!“ , „Ziege, los lauf!“

Meine Mutter nannte mich „Babubele“, was in der Sprache der Menschen so viel heißt, wie: „Kleiner, weißer Sohn der Götter“.

Diese Menschen sind einfach grob und dumm und furchtbar eingebildet. Sie halten sich für 100 mal, nein 1000 mal schlauer als unsereins. Aber da haben sie sich nun mal getäuscht.

Ich dachte damals noch, wenigstens der Jüngste hätte was gelernt aus dem Schicksal seiner Brüder. Aber nein. Zwar gab er sich die größte Mühe, meine Zufriedenheit herauszufordern. Und beinahe hätte ich ihm auch eine Chance gegeben. Aber am 4. Tag tackerte er mich fest und ging fort in Richtung der Heuhaufen am Rande unserer Weide. Er ging fort mit einem Mädchen, der Biggi, die Schafe hütet, drüben auf der anderen Seite der alten Dorfstraße. Sie verschwanden zusammen, sie kicherten und ich merkte gleich, ich war vergessen. Ich stand in der glühenden Sonne, meine Zunge hing nach einiger Zeit weit heraus. Mein Durst war unerträglich. Aber als er am Abend zurückkam, sah er meine Lage nicht einmal. Er entschuldigte sich nicht bei mir. Er pfiff fröhlich vor sich hin, als wäre ich gar nicht da. Ich trottete missmutig und rachsüchtig hinter ihm her ins Dorf und beschloss, auch ihn vom Hof jagen zu lassen. Und es klappte. Und auch er hatte es verdient!

 

Der alte Bauer tat mir anfangs sogar leid, weil ihm nun klar wurde, dass er alle seine Söhne fortgeschickt hatte.

Aber statt dass er sich nun einmal mir liebevoll zugewandt hätte, sich mit mir befasst, mir mehr Zeit zum Fressen gegeben hätte, mich getätschelt und gestreichelt hätte – er stellte mich in einen anderen Stall zu den Schafen. Die hatten nichts Besseres zu tun, als mich tag ein und die Nacht hindurch voll zu labern und mir vorzuwerfen, ich hätte unseren Bauern unglücklich gemacht.

Mein schöner Stall aber wurde abgerissen. Der Bauer ließ an derselben Stelle einen neuen, prachtvollen Pferdestall errichten und hatte kein Ohr für mein trauriges Schicksal unter den Schafen, so sehr ich auch meckerte.

 

Eines Tages, wenn er mich wieder einmal fragt: „Ziege bist du auch satt…“ – so wahr ich Babubele, der kleine weiße Sohn der Götter bin, ich werde auch ihm zeigen, dass die Welt gerechterweise eigentlich uns Ziegen gehören müsste. 

 

 

 

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© Mechthild Seithe