Poesie und Texte
Poesie und Texte

Die Versuchsstation

Den ganzen Tag über war es schön gewesen, blauer Himmel, warmer Wind. Ich rastete an einem zum teils begrünten Hügel, ich nehme an, es war eine ehemalige Müllkippe, vor mir eine Zeile von abgeblätterten Hochhausfassaden, Dahinter ein Kran. Als ich hinaus sah um den Kran näher anzuschauen, sah ich sie. Da es so still war, konnte ich sie sogar hören:

 

„Also, wenn ihr mich fragt: Ich bin der Meinung, dein Experiment hat sich nun auch erledigt.“

Gott Vater stützte genüsslich seinen Arm auf den Wolkentisch und sah seinen Sohn triumphierend an.

„Nun warte doch mal!“, wandte der Sohn ein. „Es sah schon öfter so aus, als würden sie sich selbst erledigen. Und dann ging es doch weiter. Für mich ist da noch einiges drin. Und ihr müsst zugeben: So intelligent, wie die hier, war noch keine Spezies auf unserer Versuchsstation.“

„Und wohl auch keine so erbärmlich dumm!“, fiel der Vater ihm ins Wort. „Allein wenn man überlegt, was sie aus unserer Versuchsstation inzwischen gemacht haben!“

„Sie sägen wahrhaftig an dem Ast, auf dem sie sitzen“, krächzte der heilige Vogel. „Einfach dämlich!“ Er saß auf einer Stange und rauschte ab und zu mit den heiligen Flügeln. „Auch ich habe dein Experiment die ganze Zeit mit großem Interesse verfolgt“, wandte der Vogel sich nun an den Sohn. „Aber ich denke, der Alte hat Recht. Deine Leute sind intelligent genug, Maschinen zu erfinden, die ihnen die Arbeit abnehmen, aber zu dumm, um zu begreifen, dass sie nur am Leben bleiben werden, wenn sie zusammenhalten. Stattdessen vergiften sie die Meere und sprengen sich gegenseitig in die Luft.“

Der Sohn hing noch immer an seinem Versuch. „Was wollt ihr denn? Immerhin sind sie interessanter als die Typen bei deinem Versuchsdurchgang damals, oder etwa nicht?“ trumpfte er auf. Er saß etwas steif auf seiner Wolkenbank und spielte nervös mit der Dornenkrone, die er sich als Souvenir von seiner letzten Forschungsreise mitgebracht hatte. Er trug sie jetzt ständig bei sich.

„Ja, ja, da hast du schon Recht“ lenkte der Vogel ein. „Ich weiß noch genau, wie wir beide damals deinen neuen, komplizierten Versuch begrüßt haben, einfach weil deine Menschenspezies, die sich da entwickeln sollte, mehr Abwechslung und auch ein wenig mehr Würde versprach. Wir waren es gründlich Leid, dass Vaters Lieblinge“, er grinste ironisch, „sich stillvergnügt über die grüne Erde fraßen und sich dabei zu immer größeren Fleischbergen entwickelten, ohne dass über Jahrmillionen hinweg sonst noch was passierte.“

„Und du hast damals auch nicht gleich aufgegeben, Vater“, bemerkte der Sohn und warf dem Vogel einen dankbaren Blick zu. „Du hast ja schließlich auch erst noch den Tyranno ins Feld geschickt, um das Ganze etwas aufzumischen. Wisst ihr noch: Zunächst gab es dann ja auch eine kleine Aufregung in der Station, immerhin. Aber letztlich stellte sich wieder Gleichmaß ein: Nun ging es eben nicht nur ums Fressen, sondern auch noch ums möglichst Nicht-Gefressen werden. Und das war am Ende eigentlich genau so öd.“

„Schon gut, ich hab’s ja eingesehen, oder vielleicht nicht?!“, gab Gott Vater mit einem leicht beschämten Lächeln zu. „Deshalb haben wir ja damals den Metereoitendienst bestellt. Ihr wisst es so gut wie ich. Ist ja schließlich erst 250 Millionen Jahre her. Aber, wenn wir ehrlich sind: Die neuen Versuchspersonen von Filius machen ja auch nichts anderes, es geht wieder nur um Fressen und Gefressenwerden!“, überlegte der Vater weiter und beobachtete dabei aus dem Augenwinkel seinen Sohn.

„Ja, du hast schon Recht, es ist tatsächlich manchmal ermüdend“, seufzte der Sohn.

„Bist du es denn immer noch nicht leid, dir immer wieder was Neues anfallen lassen zu müssen, um sie davon abzuhalten, sich gegenseitig umzubringen. Seit der Vertreibung aus dem Paradies damals ging es los und du hast doch wirklich schon viel probiert: die Sintflut, später die Eiszeiten, dann die Pest, die Wissenschaft, die Kunst, die Kirche, das Fußballspiel, die Waldbrände, Hollywood - es hat sie nie etwas davon abgehalten, sich gegenseitig zu bedrohen und abzuschlachten. Sie können es einfach nicht lassen!“

„Es sind doch nicht alle so. Es gibt auch solche, die ungefähr so geworden sind, wie ich es mir vorgestellte hatte!

„Aber die kannst du doch mit der Lupe suchen, Sohn!“, wandte der Vater ein.

„Ich habe ihnen doch schließlich nicht nur Verstand, sondern auch Gefühle und das Bedürfnis nach Gerechtigkeit mitgegeben! Ein ziemlich kompliziertes Programm übrigens!“ Filius blickte Zustimmung heischend von einem zum anderen.

Doch ungerührt nahm Gott Vater das Thema erneut auf: „Immer wieder läuft es auf das Gleiche hinaus: Gewalt. Sofort gibt es welche, die glauben, sie seinen besser und wichtiger als die anderen und sie hätten deshalb das Recht, einfach über den Rest der Spezies zu bestimmen. Und was haben wir dann? Tote auf Schlachtfeldern und in Gaskammern, Sklaven, Lohnarbeiter, Vergewaltigungen, Leibeigene, Entwicklungsländer, Arme und andere Verlierer“

„Pfui Teufel, ich fass es einfach nicht!“, ließ sich der heilige Vogel vernehmen. „Hast du denn eine Ahnung, Filius, warum das Ding immer wieder aus dem Ruder läuft?“

Der Sohn war inzwischen unruhig aufgestanden und stapfte hin und her. „Ihr habt schon Recht, das diskreditiert meinen ganzen Forschungsansatz. Aber ihr macht es euch auch zu einfach. Da sind durchaus einige, die wollen diese Entwicklung nicht“, versicherte er eifrig, aber er sah unzufrieden aus.

„Ja, genau!“ Der heilige Vogel ignorierte die Hoffnungsäußerungen des derzeitigen Versuchsleiters und nahm die Rede des Vaters mit Begeisterung auf. „Manchmal machen sie es ja einfach ganz direkt. Der Stärkere schluckt den Schwachen, genau wie es damals bei deinen Dinos war, großer Vater. Aber noch öfter lassen sie sich für ihre gegenseitigen Schlachtereien und Unterdrückungen eine ganze Blase von Argumente einfallen: Heilige Kriege zum Beispiel, wenn ich so was schon höre! Oder die anderen superschlauen Entschuldigungen: Globalisierung, Terrorismus, Wirtschaftslage, Bankkonto, Atombomben, Eigentum, Rasse, Religion ... Dafür nämlich missbraucht er seinen Verstand, dein missratener homo sapiens“, meckerte der Vogel und knackte mit dem spitzen Schnabel einen Floh, der sich in sein Gefieder verkrochen hatte.

„Und dabei berufen sie sich dann auch noch auf uns, oder auf das, was sie sich von uns vorstellen“, meinte der Vater kopfschüttelnd und legte sein linkes Bein auf einen der herumstehenden Wolkentische.

„Du kannst wirklich mit deinem ganzen Menschengeschlecht zum Teufel gehen!“ Der heilige Vogel wippte mutwillig auf seinem heiligen Ast.

„Na, nun sei mal nicht unfair!“, wies der Vater den Vogel zurecht. Er hörte es nun einmal nicht gerne, dass jemand die Konkurrenz ins Spiel brachte. „Der Versuch von Sohnemann war schon interessanter und hoffnungsvoller als meine Dinowelt damals. Wir haben uns doch schließlich eine ganze Zeit damit gut unterhalten, stimmt’s? Und dann diese interaktive Idee neulich, als er sich eingemischt hat und runter gegangen ist, um denen mal zu zeigen, was Sache ist. Das war doch wirklich große Klasse, fand ich. Wie er da so am Kreuz hing, also echt, das ist mir richtig nahe gegangen.“ Jetzt war es an Gott Vater zu seufzen.

„Keine Sentimentalitäten, Leute“, pfiff der Vogel. „Es war doch abgemacht, dass keiner von uns die objektive Haltung aufgibt. Es geht schließlich um ein ernstes wissenschaftliches Experiment.“

„Was soll das schon heißen?“, lächelte Gott Vater müde. „Du weißt so gut wie ich, dass sie uns schon seit Milliarden Jahren den Etat zusammengestrichen haben im Sonnensystem. Wir sind eben Randzone, da ist nichts zu machen. Aber mit einem gekürzten Haushalt kann man eben auch nur gekürzte Forschungsansätze fahren. Wenn wir ehrlich sind, ist es nicht viel mehr als ein Spiel, damit wir uns nicht ständig darüber ärgern, dass wir ausgebootet wurden, seit das All von Oberplattnuss übernommen wurde. Aber zurück zu deinem interaktiven Versuch, Sohn: Was ich nie verstanden habe, Filius, warum bist du eigentlich so schnell wieder hoch gekommen? Als Auferstandener hättest du sicher noch allerhand anstellen können!“

„Ehrlich gesagt, ich war geschockt von dieser verrückten Versuchsstation. Ich war froh, als die Jünger auf die praktische Idee mit der Kirche kamen, da konnte ich mich wieder verziehen.“

„Inzwischen hast du ja wohl mitgekriegt, dass deine Kirche auch nicht gerade die Glanzleistung ist“, bemerkte Gott Vater spitz. „Die haben doch immer mitgemacht beim großen Fressen! Wenn du den Bock zum Gärtner machst, lieber Sohn, darfst du dich nicht wundern, wenn er deinen Garten verwüstet.“

„Willst du damit andeuten, ich hätte unten bleiben sollen?“, knurrte der Sohn verärgert.

Der Vater lächelte nur.

„Habt ihr gestern den Oberhäuptling aus dem großen Land gehört, in dem du damals die Indianer hast leben lassen?“, mischte sich jetzt wieder der heilige Vogel ein, „wie der getönt hat vom Sieg für den wahren Gottesglauben? Oder verwechsle ich den jetzt mit dem kleinen Schnauzbart aus dem Land, für das du so viele Dichter verschwendet hast, Filius? Oder war es Alexander der Dolle oder hieß er gleich Attila? Egal.“

„Ja, es ist unglaublich, wie sie sich aufblasen“, stimmte Gott Vater zu. „Sie sind die Stärksten und alle, die ihre Stärke und Macht nicht einfach hinzunehmen bereit sind, von denen fühlen sie sich bedroht. Deshalb gehen sie lieber gleich hin, und schlagen zu. Das halten sie einfach für ihr Recht und meinen, es diene dem Siege der Vernunft oder der Menschlichkeit, oder wer weiß was. Und wenn die anderen sich dann wehren, ist es einfach Terrorismus.“

„Eine Unverschämtheit! Immer die alte Leier. Wir sollten langsam einschreiten!“, schimpfte der Vogel und fing wieder an, seine Flügel zu spreizen.

„Also wirklich, er hätte sich wenigstens mal was Neues einfallen lassen sollen! Das gab’s doch nun schon wirklich so oft“, schüttelte der Vater ungehalten sein Haupt.“

„Stimmt schon. Aber es gibt auch andere, auch in diesem Land“, versicherte der Sohn inbrünstig.

„Und die meisten glauben solchen Oberhäuptlingen doch, das kannst du nicht leugnen, Sohn, also bleib sachlich! Und beantworte mir lieber einmal die Frage: Wie können deine Menschen eigentlich so dumm sein, die, die ihm glauben und die, die ihn reden lassen! Dafür hast du denen doch nicht den Verstand überlassen! Also wirklich, ich finde es reicht langsam!“ Gott Vater rutschte jetzt ungehalten auf seinem Wolkensessel hin und her. Auf seiner Stirn erschien ein ganzes Faltengebirge, so zornig war er. Fast hätte es gedonnert.

„Was wollt ihr denn? Ist doch sehr vernünftig, das alles. Einige deiner Versuchspersonen verdienen sich so eine goldene Nase an den Reden des Oberhäuptlings!“, grinste der Vogel und knackte erneut einen Floh in seinem Gefieder.

„Das ist nicht die Art Vernunft, um die es mir ging“, stellte der Sohn kleinlaut fest.

Alle drei versanken für einige Sekunden in Nachdenken.

 

„Also, meine Lieben“, nahm schließlich Gott Vater den Faden wieder auf: „Fassen wir zusammen: Ihre Dummheit ist unerträglich, besonders angesichts ihrer Intelligenz, und ihre Vernunft reicht nicht weiter als bis zum nächsten Klodeckel. Es wird langsam wirklich peinlich, finde ich. Also, was ist? Gibst du endlich zu, dass auch dein Experiment gescheitert ist? Der Metereoitendienst hat dieses Jahrhundert noch einige Termine frei, hab ich mir sagen lassen.“

Der Sohn seufzte. „Ich hab wirklich einiges versucht, das müsst ihr zugeben!“

„Sicher, aber du siehst es doch selbst: Die verstehen so was nicht!“

„Also gut, Leute, gebt doch endlich auf! Es kommt doch nichts Neues. Außerdem wisst ihr ja überhaupt nicht, was passieren wird, wenn ich erst mal dran bin“, säuselte der heilige Vogel und krächzte geheimnisvoll vor sich hin.

Die beiden anderen sahen ihn überrascht an.

„Rück schon raus mit deinen Plänen, komm!“, mahnte Gott Vater.

Der Vogel reckte sich. „Ich sage nur Regenwürmer. Diese Spezies dürfte den Einschlag überleben und mit ihnen habe ich viel vor. Sie sind nützlich und still und friedlich dazu. Und sehr vernünftig.“

„Was hast du vor?“ Der Sohn sah ihn zweifelnd an.

„Wart’s nur ab. Am Ende wird es euch besser gefallen.“ Er unterbrach sich und fügte nüchtern hinzu: „Erst muss aber geklärt sein, ob wir alle drei den laufenden Versuch als gescheitert betrachten.“

„Ehrlich gesagt: Ich würde gerne abwarten, ob sie wenigstens noch begreifen, dass sie den so genannten Terrorismus selbst produzieren“, gab der Sohn unsicher zu bedenken.

„Das werden sie nie begreifen, glaub mir! Zumindest werden sie es nie zugeben.“

Der heilige Vogel zupfte sich ärgerlich eine Feder aus.

„Möglich“, seufzte der Sohn.

„Also nein, ich glaube, es reicht!“ Gott Vater hatte sich erhoben und dehnte genüsslich seinen Rücken. „Also gut, Abstimmung! Wie ihr wisst: Wir brauchen die Einstimmigkeit, ihr kennt das ja schon. Ein Patt kann es bei uns ja, Gott sei Dank, nicht geben. Hebt also die rechte Hand, wenn ihr dem Ganzen ein Ende setzen wollt!“

Der Vogel druckste auf seinem Ast herum.

„Ja, natürlich. Du hebst den rechten Flügel. Ist doch klar“, sagte der Vater leicht ungeduldig. „Bitte, nicht wieder diese Diskussion!“

Gott Vater erhob seine Rechte, der Vogel flatterte mit dem rechten Flügel und versuchte dabei sein Gleichgewicht zu halten.

Der Sohn rührte sich nicht.

„Also du gibst noch immer nicht auf?“, fragte der Alte leicht genervt.

 

 

In diesem Moment schob sich eine Gewitterwolke vor die Szene und ein Donnergrollen übertönte die Stimmen, so dass nicht mehr zu erfahren war, wie der Sohn sich letztlich entschied.

Die Pläne des heiligen Vogels jedenfalls scheinen uns noch ziemlich vage. Natürlich, Regenwürmer sind äußerst nützlich. Aber wem sollen sie dann eigentlich noch nützen? Na, vielleicht erleben wir es ja noch!

 

 

 

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© Mechthild Seithe